Efeu - Die Kulturrundschau

Hör auf, sie stirbt!

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.12.2024. Monopol gibt sich im Museum Küppersmühle Miquel Barcelós rauschhaften Genüssen hin. In der Welt erzählt die iranische Schauspielerin und Frauenrechtlerin Mahsa Rostami von ihrer schmerzhaften Begegnung mit der iranischen Polizei. Die FAZ besucht in Nordostnorwegen das erste samische Theater von Snøhetta. Die GEMA verklagt OpenAI wegen Urheberrechtsbedenken, die SZ berichtet. Alle Jahre wieder lauschen Medium und Tagesspiegel Bachs Weihnachtsoratorium mit dem Rundfunk Sinfonieorchester Berlin.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2024 finden Sie hier

Kunst

Miquel Barceló: Neuf demi tomates, 2010. Bild: Galerie Bruno Bischofsberger.


Gegen Anflüge von Winterdepression empfiehlt Alexandra Wach für Monopol den Besuch von "Miquel Barceló: Vida y Muerte" im Museum Küppersmühle in Duisburg. Zwischen Darstellungen von Speis und Trank geht es dekadent zu, es "tauchen verrottende Früchte inmitten des rauschhaften Genusses auf, jede Menge Schädel, menschlich und tierisch, die Lust am Essen ist offenbar nicht ohne den Drang zu töten zu haben. (…) vielleicht sollte man sich nach den Aufbrüchen von Transavanguardia, Figuration Libre und den Neuen Wilden einfach noch einmal von der erdigen Materialität dieser Malerei verführen lassen, der Reverenz an Licht und die sich ständig ändernden Farben des Meeres. Entwaffnend sinnlich sind auch die unkonventionellen Materialien wie Vulkanasche, Algen, Sedimente und hausgemachte Pigmente. So lässt sich die winterliche Trübsal des Nordens ertragen."

Weiteres: Der Kunstwissenschaftler Matthias Bruhn macht sich im Spiegel online-Interview über digitale Bilder in Zeiten von KI Gedanken.

Besprochen wird: Wie sich wohnen künstlerisch gestalten lässt, von "Poverty Porn" bis Herrenhaus, erkundet die Taz in der Ausstellung "Our House" in der Frankfurter Villa Giersch (Taz), "Robert Longo" in der Wiener Albertina (FR), "Böse Blumen. Baudelaires 'Fleurs du Mal' und die Kunst" in der Sammlung Scharf-Gerstenberg (Tagesspiegel) und die SZ begibt sich nach Weimar, um in Erfahrung zu bringen, wie das eigentlich war, mit Goethe und Caspar David Friedrich in der Ausstellung "Caspar David Friedrich. Goethe und die Romantik in Weimar" im Schiller-Museum Weimar.
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Literatur

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In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" legt Simon Strauß dem CDU-Kanzlerkandidaten Friedrich Merz Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman "Der Leopard" ans Herz, den laut Gerüchten im Berliner Politikbetrieb Wolfgang Schäuble Merz bereits 2022 geschenkt haben, dieser aber zurückgegeben haben soll, weil er mit Romanen nichts anfangen könne. Ja, "was soll einer wie er mit dem 'Leoparden' anfangen? Mit einem Buch, das vom Wandel der traditionellen sizilianischen Gesellschaftsordnung handelt und sich am Beispiel einer alteingesessenen Adelsfamilie die Frage stellt, was durch politischen Umbruch gewonnen wird und was verloren geht. ... Es geht aber auch um die Frage, wie Neuerung und Tradition miteinander in einen Ausgleich gebracht werden können, darum, welche entgegengesetzten Kräfte das Bewusstsein einer Gemeinschaft prägen und wie darauf klug reagiert werden kann."

Weiteres: Christine Knödler spricht für die SZ mit der Kinderbuchautorin Sybille Hein darüber, wie man mit Kindern über die Krisen und Herausforderungen der Gegenwart redet. Besprochen werden unter anderem Margaret Atwoods "Hier kommen wir nicht lebend raus" (NZZ), der Briefwechsel zwischen Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer (FR), Isabelle Marogers Comic "Lebensborn" (FAZ.net), der zweite Band aus Luz' Comic-Adaption von Virgine Despentes' "Vernon Subutex"-Romanzyklus (Intellectures) und Erika Dycks "Rausch" über die Kulturgeschichte der Psychedelika (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Architektur

Innenansicht Čoarvemátta. Bild: Snøhetta.


Snøhetta, zu deutsch Schneekuppe, heißt das Architekturbüro, das nicht nur die Osloer Oper, sondern nun auch die erste Heimstatt für samisches Theater in Kautokeino in Nordostnorwegen entworfen hat, Ulf Meyer berichtet für die FAZ: "Der Neubau trägt den Namen 'Čoarvemátta' (Horn-Wurzel), womit der Wuchsansatz des Rentiergeweihs bezeichnet wird. Hintergrund dieser zunächst ungewöhnlich anmutenden Namenswahl ist der Umstand, dass in dem Theaterbau auch ein Gymnasium beheimatet ist, das sich auf die Ausbildung von Rentierhirten spezialisiert hat. (…) Das geschwungene Holzgebäude hat im Grundriss die Form eines Rentiergeweihs: Ein Foyer mit sichtbar belassener tragender Holzkonstruktion trennt und verbindet die Schule auf der einen mit dem Theater auf der anderen Seite." Dabei war Improvisationsgeist gefragt: "Die postmoderne Idee, dass es keinen International Style geben dürfe, sondern der genius loci den Ansatz der Architekten beim Entwurf bilden soll, wird im Werk einer neuen Architektengeneration transformiert: Die indigene Kultur der Sámi wird in dem Neubau architektonisch weitgehend abstrakt porträtiert, weil sie keine vernakuläre Baukunst hervorgebracht hat."

Weiteres: Annegret Erhard besichtigt für die NZZ den von Phifer and Partners entworfenen Neubau des Warschauer Museums für Gegenwartskunst, ein "ultramoderner Vorzeigebau."
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Bühne

"Die Krume Brot." Bild: Ingo Höhn.

Paradigmatisch für die aufregende Entwicklung des Theaters Basel ist für Welt-Kritiker Jakob Hayner Lukas Bärfuss' Stück "Die Krume Brot", inszeniert von Antú Romero Nunes, das ohne reguläres Bühnenbild auskommt. Die Geschichte von Adelina, einer armen italienischen Einwanderin, wird von den Schauspielern statt mit Requisiten mit vollem Körpereinsatz erzählt, der Hayner an das Berliner Ensemble unter Brecht denken lässt:  "Antú Romero Nunes lässt alles auf der leeren Bühne spielen und versucht gar nicht erst, die ärmlichen Lebensverhältnisse mit üppigen Theatereffekten auszustatten. Sein rasantes Erzähltheater sagt: Man kann's sich vorstellen. Und das begeisterte Publikum stimmt zu. (…) Es braucht nicht viel, um alles zu spielen. Vor lauter Video-Einsatz und Bühnenmaterialschlachten wird diese Essenz des Theaters gelegentlich vergessen. Am Ende geht es um den Körper des Schauspielers und die Fantasie des Publikums."

Besprochen werden außerdem Gaetano Donizettis "La Fille du régiment" an der Bayerischen Staatsoper in der Inszenierung Damiano Michielettos (FAZ) und Jacques Offenbachs "Robinson Crusoé" in Felix Seilers halbszenischer Inszenierung an der Komischen Oper Berlin (Tagesspiegel).
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Film

"Die Saat des Heiligen Feigenbaums" von Mohammad Rasoulof


Seit gestern läuft Mohammad Rasoulofs "Die Saat des heiligen Feigenbaums", der schon in den letzten Tagen die Filmberichterstattung in den Feuilletons prägte (unsere Resümees), in den deutschen Kinos. Dieses Familiendrama ist ein "Spiegel der politischen Situation" in Iran, schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Im letzten Drittel schwingt sich der Film gar zum Horrorfilm auf, staunt der Kritiker: "Gut möglich, dass sich Rasoulof mit dem letzten Drittel seines bis dahin beeindruckenden Films" in Cannes "um die Goldene Palme gebracht hat. Für den Oscar aber ist es vielleicht genau richtig. Andererseits bleibt es eine filmhistorische Leistung: Unter nicht wenigen derzeit heimlich und unter großen Risiken gedrehten iranischen Underground-Filmen ist dies wohl der Spektakulärste." Martin Gobbin von critic.de "fällt eine Radikalisierung auf, die die spätere Flucht Rasoulofs vielleicht schon andeutet: Hatten sich seine letzten Werke trotz aller politischen Kritik meist an die Bekleidungsvorschriften der iranischen Filmzensur gehalten, so sehen wir diesmal Frauen, die ... in der eigenen Wohnung kein Kopftuch tragen. Das mag selbstverständlich und naturalistisch erscheinen, doch in den allermeisten iranischen Filmen ist das nicht möglich, weil die persische Theokratie verbietet, Schauspielerinnen ohne Kopfbedeckung zu zeigen."

Amira Aslani spricht für die Welt mit den beiden Hauptdarstellerinnen Setareh Maleki und Mahsa Rostami, die über klandestine Wege an ihre Rollen gekommen sind - der Regisseur gab sich erst kurz vor Drehbeginn zu erkennen. Mahsa Rostami kommt aus dem Underground-Theater und gibt sich beeindruckend kämpferisch: "Ich werde nie für etwas arbeiten, was dem Staat in die Hand spielt, was den Mullahs gefällt und von ihnen abgesegnet ist." Auch an den Frauen-Protesten gegen das Regime hat sie teilgenommen und dort finstere Erfahrungen gemacht: "Ich wurde plötzlich von Gummigeschossen getroffen, unter der Brust, an der Seite, am Rücken... und gleichzeitig schlägt jemand von hinten heftig mit einem Schlagstock auf mich ein. Ich fiel, rappelte mich auf, bekam wieder ein Geschoss ab, stürzte wieder... Es spielte sich alles in Sekunden ab. Meine Freunde stürmen auf den Schläger ein, der nicht von mir abließ. Ich erinnere mich an ihre Schreie: 'Hör auf, sie stirbt!' Er lachte nur, und schlug wieder zu. Bis meine Freunde mich ihm entrissen und retten konnten. Sie brachten mich zu Bekannten in der Nähe. Ich war so schlimm dran, dass ich zwei Wochen nicht aus dem Bett aufstehen konnte." Gespräche mit dem Regisseur führen Mariam Schaghaghi (FAZ), Valerie Dirk (Standard) und Michael Ranze (Filmdienst).

Weitere Artikel: In seiner Kinokolumne für Artechock trauert Rüdiger Suchsland um Wolfgang Becker und staunt über die mal wieder sagenhafte Kinojahresbilanz in Frankreich, von der man in Deutschland - mit einem Drittel mehr Einwohner - nur kühn träumen kann. Lukas Foerster empfiehlt in der Presse dem Wiener Publikum die Retrospektive Lana Gogoberidze im Österreichischen Filmmuseum.

Besprochen werden Luca Guadagninos Burroughs-Verfilmung "Queer" mit Daniel Craig in der Hauptrolle (Welt), Scott Becks und Bryan Woods' Horrorfilm "The Heretic" mit Hugh Grant als Bösewicht (critic.de, FD, taz, FR, Standard), die zweite Staffel des südkoreanischen Netflix-Serien-Übererfolgs "Squid Game" (NZZ, FAZ, SZ via TA), die Netflix-Serienadaption von Gabriel García Márquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" (für die SZ vom TA online nachgereicht) und der von Jan Böhmermann geschriebene und produzierte ZDF-Film "Hallo Spencer" (FAZ).
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Musik

Am 23. Dezember hat Vladimir Jurowski mit dem Rundfunk Sinfonieorchester Berlin alle Teile von Bachs Weihnachtsoratorium aufgeführt (hier beim Dlf Kultur zum Nachhören). "Es war ein faszinierender musikalischer Kraftakt", staunt Berthold Seliger in einem Longread auf seinem Medium-Blog. "Fast drei Stunden intensivster Musik. Wenn das kein Statement war! Ein Statement auch gegen die so häufig anzutreffende, förmlich gewollte Unterforderung des Publikums." Für den Tagesspiegel saß Udo Badelt im Saal.

Jakob Biazza und Andrian Kreye sprechen für die SZ mit den GEMA-Vorständen Tobias Holzmüller und Ralph Kink, die OpenAI verklagen, da sie vermuten, dass diese KI urheberrechtlich prekär geschult wurde. "Wir haben vorsorglich explizit ausgeschlossen, dass die Werke für Data-Mining benutzt werden", sagt Holzmüller. "Ob sich die KI-Firmen daran halten, ist eine andere Frage. Wir gehen außerdem davon aus, dass einige der Modelle am Markt während eines Zeitraums trainiert wurden, in dem die europäischen Regeln zum Data-Mining noch nicht galten. ... Wenn ich eine KI dazu bringe, mir den Text von 'Atemlos' eins zu eins auszuspucken, weiß ich sicher, dass der Text dort auch in die Trainingsdaten eingeflossen sein muss. Bei Musik ist das schwieriger."

Joachim Hentschel steigt derweil für die SZ in den verkarsteten Dschungel des Voice-Clonings hinab, bei dem also Stimmen populärer Künstler per KI nachgebaut und für eigene Songs eingesetzt werden können. Dass hier juristisch alle möglichen Alarmglocken schellen - vom Urheber- bis zum Persönlichkeitsrecht - ist verständlich. Anwälte sitzen schon jetzt an diversen Verfahren, während Start-Ups bereits Künstler umwerben, dass sie deren Stimmen KI-tauglich machen könnten. Doch "sollte die Zeit kommen, in der alle jederzeit eigene Songs mit den großen Stimmen machen können, in der also auch die letzte Suggestion von Einzigartigkeit wegfällt - wird es dann noch irgendwen interessieren?"

Max Dax ist in der FR äußerst beeindruckt von der neuen (sechs CDs oder acht LPs umfassenden) Lieferung aus der "Bootleg Series" mit bislang unveröffentlichten Live-Aufnahmen des Miles Davis Quintets. Diesmal geht es um die Konzerte in Frankreich in den frühen Sechzigern - zu erleben sind die letzten Monate im Quintet des Saxofonisten George Coleman und Wayne Shorters erste Auftritte in der Gruppe als dessen Nachfolger. Bei Coleman "entsteht eine lyrische Dichte, die den forschenden Elementen in der Band Raum lässt, sich zu entfalten. Coleman spielt mit vollendeter Routine, aber er schreckt davor zurück, sich als zweite dominante Stimme neben Miles Davis zu positionieren."



Weitere Artikel: Standard-Kolumnistin Margarete Affenzeller fände weniger Gehuste im Konzertsaal sehr schön. In der FAZ gratuliert Edo Reents dem Rockmusiker Mick Jones zum 80. Geburtstag. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Hannes Hintermeier dem Mundart-Musiker Haindling, der ebenfalls 80 Jahre alt wird. Sein vielleicht bekanntester Hit ist dieser Nonsense-Song:



Besprochen werden eine Neu-Einspielung von Laibachs 80er-Klassiker "Opus Dei", die laut tazler Uwe Schütte dazu einlädt, die für ihr provokatives Spiel mit den Insignien totalitärer Ideologien bekannte Band "endlich als Humoristen zu entdecken" und zwei Jazzalben von Tomin Perea-Chamblee (taz)
Archiv: Musik