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19.12.2024. Großes Aufatmen in der Kunstwelt: Mit der Entscheidung für Naomi Beckwith als Leiterin der Documenta 16 setzt die Kommission nicht mehr auf "Experimente aus dem globalen Süden". Derweil bangen die Filmkritiker angesichts der Diskussion, die heute im Bundestag über die Reform der Filmförderung geführt wird: In der FAZ fleht Volker Schlöndorff: Sichert das Überleben des Films in unserem Land. taz und FAZ blicken in Berlin mit Baudelaire in die Abgründe von Covid-Zellen und Kabuler Schönheitssalons. Und der Perlentaucher feiert mit Payal Kapadias "All We Imagine as Light" die neonlichtfunkelnde Schönheit Mumbais.
Anonym: Planteur d'homme, um 1790. Der Menschenpflanzer. Bibliothèque nationale de France, Paris. Foto: Bnf, Paris
Dass sich die in der Ausstellung "Böse Blumen" in der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg gezeigten Werke auf Charles Baudelaires "Blumen des Bösen" beziehen, vergisst Andreas Kilb (FAZ) mitunter, so variantenreich wird die Blumenmetaphorik hier in Werken von Odilon Redon über Rene Magritte bis Gundula Schulze-Eldowy umgesetzt: "Der Explosionspilz vom Abwurf der Atombombe auf Nagasaki hat hier ebenso seinen Platz wie der Feuerball, der am 11. September aus dem Südturm des World Trade Center schießt, oder die bizarre Anmut der KI-generierten Ansicht einer Covid-19-Viruszelle. Das aktuellste Schreckensbild hat Wahkil Kohsar vor einem Schönheitssalon in Kabul aufgenommen: Das Frauengesicht auf dem Eingang ist mit Schwarzstift übermalt, ein Sicherheitsschloss verdeckt die Nase. Das Laster ist hier verboten, die Sprache der Engel auch." In der tazstaunt auch Hilka Dirks, wieviel Abgründiges, Krankes, Verfallendes hier zusammengetragen wurde, etwa eine "berührende Installation von Fatoş İrwen aus vertrockneten Pflanzen und den Haaren ihrer Mitgefangenen, die die kurdische İrwen bei einem ihrer Gefängnisaufenthalte in der repressiven Türkei sammelte."
Naomi Beckwith, stellvertretende Direktorin und Chefkuratorin des New Yorker Guggenheim Museums, wird die Leiterin der Documenta 16. "Wiederkehrendes Thema ihrer Ausstellungen und Lehrtätigkeit ist die Wirkung Schwarzer Kultur in der zeitgenössischen Kunst", lässt uns Nicola Kuhn im Tagesspiegel wissen - und atmet auf: "Mit Beckwith ist eine allseits abgesicherte Kuratorin gewählt: kein unberechenbares Team wie zuletzt Ruangrupa, das Kollektiv aus Indonesien, sondern eine klare Verantwortungsträgerin, verankert im westlichen Establishment, die mit institutionellen Strukturen umzugehen weiß und als Frau wie Person of Color unausgesprochene Proporz-Erwartungen erfüllt. ... Die Documenta geht auf Nummer sicher: bloß keine Experimente mehr aus dem Globalen Süden. 'Wie kann man Krisen überleben und weitermachen?', fasste Beckwith ihr zehnseitiges Konzept zusammen, mit dem sie sich gegen vier weitere Kandidaten durchsetzte, die zur finalen Vorstellung in den letzten drei Tagen nach Kassel angereist waren. 'Kunstschaffende sind Meister der Improvisation. (…) Sie entwickeln Möglichkeiten der Imagination', lautet ihr Rezept."
In der FAZ ist auch Stefan Trinks zufrieden: "Beckwith erscheint als Chefkuratorin eines der drei großen New Yorker Museen pragmatisch-verlässlich, was positiv gemeint ist, da es in ihrem Fall eine gepflegte Diskussionskultur sowie einen weiten Blick auf Black Culture umfasst, betrachtet in westlichen ästhetischen Kategorien der Kunstgeschichte, die es, wie sie mehrfach betonte, für die Documenta hochzuhalten gilt - und gerade nicht ein durchgängig politisierter, postkolonialer, alles Tradierte einreißender und einseitig parteiischer Blick aus dem 'globalen Süden', wie es zuletzt Ruangrupa als Documenta-Kurator tat. Zwar wolle sie ebenfalls die globale Mehrheit einbinden und dem Süden eine Stimme geben, so Beckwith. Das höchst kontroverse Kollektiv bekam dennoch einen Seitenhieb ab, als sie betonte, dass sie, um jeglichen Rassismus und Antisemitismus auszuschließen, nach intensiven Vorfeldgesprächen mit den ihr gut bekannten Künstlern deren in Kassel präsentierte Arbeiten allesamt kennen werde." "Eher ein 'Zurück zu alter Stärke' als ein völliger Neustart", kommentiert Saskia Trebing im Monopol Magazin. In der SZ begrüßt Jörg Häntzschel, in der Welt Marcus Woeller und in der taz Sophie Jung die Entscheidung.
Weitere Artikel: Nach knapp dreißig Jahren haben sich die Erben des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer geeinigt, meldet Adrienne Braun im Tagesspiegel. Anna Schneider, die bisher am San Francisco Art Institute und am Haus der Kunst München Ausstellungen kuratierte, wird neue Leiterin des Potsdamer Minsk, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung.
Besprochen werden eine Ausstellung der Otto-Mauer-Preisträgerin Cäcilia Brown im Wiener Jesuitenfoyer (Standard) und die Ausstellung "Schwerelos" des argentinischen Künstlers Leandro Erlich im Kunstmuseum Wolfsburg (Tsp).
Boualem Sansal scheint ernstlich krank zu sein und wurde erneut verlegt. Das hatten laut einem AFP-Ticker (hier in Le Monde) Sansals Verleger Antoine Gallimard und sein französischer Anwalt François Zimeray "bei der Solidaritätsveranstaltung für Sansal am Montagabend mitgeteilt. 'Wir haben erst vor kurzem erfahren, dass er auf seinen Wunsch hin heute erneut in einer Krankenstation des Strafvollzugs untergebracht wurde', sagte der Direktor des Verlagshauses Gallimard. Diese Einheit befinde sich in einem Krankenhaus in Algier, erklärte er. 'Es ist das zweite Mal und auf seine Bitte hin. Daraus kann man immerhin ableiten, dass die Verantwortlichen verstanden haben, wie schwach seine Gesundheit ist und dass sein Ableben auch für sie sehr ernst wäre', fuhr er fort."
Weitere Artikel: Thomas Combrink befasst sich in der taz mit den Radio-Hörspielen der 2021 verstorbenen SchriftstellerinFriederikeMayröcker, an die wiederum anlässlich ihres 100. Geburtstags Iris Radisch in der Zeit erinnert. Stefan Michalzik resümiert in der FR einen Abend mit MaxGoldt in Frankfurt. Arno Widmann erinnert in der FR an ErichMühsam.
Besprochen werden unter anderem neue Westerncomics (taz), UnaMannions "Sag mir, was ich bin" (FAZ), ColsonWhiteheads "Die Intuitionistin" (Zeit) und TomHillenbrands "Lieferdienst" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Viel Aufregung in der Filmwelt heute. Der Bundestag diskutiert heute über die Reform der Filmförderung und ob etwa die Incentive-Initiative oder eine Abgabe für Streamer beschlossen wird. Mögen sie doch all dies trotz Ampel-Aus beschließen, fleht Volker Schlöndorff in der FAZ die Parlamentarier an, denn es geht "schlichtweg um das Überleben des Films in unserem Land, des Films als Wirtschaft, des Films als Kulturgut und des Films als Unterhaltung. ... Die Programmkinos darben, die Multiplexe schließen oder kämpfen ums Überleben, die Produktionsfirmen wie die technischen Betriebe melden Insolvenz an, auf internationalen Festivals ist kein deutscher Film vertreten, und die Studios stehen leer. Babelsberg, das größte von ihnen, mit privaten Investitionen aus Frankreich und Hilfen aus Brüssel für 500 Millionen Euro tipptopp saniert, steht seit zwei Jahren ohne Kunden da. Warum? Weil der Standort nicht mehr wettbewerbsfähig ist."
David Steinitz gießt in der SZ hingegen Wasser in den Wein: Mehr als "ein paar kosmetische Verbesserungen" verspricht er sich von der Reform nicht. Ein viel triftigeres Problem sieht er darin, dass Filmförderung Wirtschafts- und Kulturförderung zugleich sein soll. Und das führt zu Selbstzerfleischungen: "Je mehr Förderung egal welcher Art es gibt, desto mehr Filme werden hergestellt und desto mehr Filme bekommen Mittel für mindestens eine kleine Kinoauswertung." Doch "aktuell spielen sehr wenige Filme sehr viel Geld ein, und sehr viele Filme sehr wenig - bis nahezu gar nichts. Wären es insgesamt weniger Filme, gäbe es vielleicht einen solideren Mittelbau von Arthouse-Filmen, die sich nicht alle gegenseitig kannibalisieren." Die Herausforderung ist also: "Wie kann man die staatlichen Subventionen so verteilen, dass insgesamt weniger Filmen geholfen wird - diesen aber besser?" Außerdem sorgt sich Ole Kaiser in der FAZ um den Fortbestand der DeutschenFilmbewertungsstelle in Wiesbaden.
Stets etwas zu entdecken: "All We Imagine as Light" Filme laufen diese Woche auch noch an. Zum Beispiel PayalKapadias in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichneter "All We Imagine as Light", der von der Freundschaft dreier Frauen in Mumbai erzählt. "Die Stadt ist überall", schreibt Tilman Schumacher im Perlentaucher. In diesem Film "steckt viel von der alten Idee eines realistischenKinos, das freilich nicht einfach die Kamera aufstellt und drauflosfilmt, aber doch möglichst viel von dem 'aufschnappen' möchte, was es auch ohne Kamera und Mikrofon im Leben tatsächlicher Menschen des Hier und Jetzt zu sehen und hören gäbe. ... Trotz des Hässlichen, das Mumbai uns preisgibt, ist der Film von sinnlicherSchönheit erfüllt. Schön sind seine neonlichtfunkelnd bläulichen Bilder, die sich ähnlich wie im Kino des philippinischen Großstadtmelodramatikers LinoBrocka nicht mit dem 'Lebensnahen' begnügen, sondern jedem einzelnen Bild eine solche Sorgfalt zukommen lassen, dass aus ihm ein Kinobild wird. Markante Farbakzente, spannende Raumstaffellungen; man soll in diesen Bildern stets etwas entdecken können." Weitere Kritken schreiben Daniel Kothenschulte (FR), Maria Wiesner (FAZ) und Philipp Stadelmaier (SZ). Thomas Abeltshauser hat für den Freitag mit der Regisseurin gesprochen.
Es herrscht Katerstimmung im Prestige-TV, stellt die SchriftstellerinNelePollatschek in der Zeit fest. Dabei war das Fernsehen ihrer Kindheit in den Neunzigern, bevor mit "Sopranos" und "The Wire" Serien als "neuer Roman" ausgerufen wurden, doch mal richtig schön und unterhaltsam. Auch waren diese "procedurals nicht so dumm. Man muss genau eine Folge 'BostonLegal' schauen, um das zu begreifen. ... Wer Woche für Woche eigentlich die gleiche Geschichte erzählt ('Anwälte verhandeln einen Fall'), muss sich ständig überlegen, welche Komplexität man noch ausleuchten kann, muss die Story ständig anreichern mit Gedanken, denn die sind nicht nur frei, sondern kosten vor allem auch nichts. Das Ergebnis ist eine Serie, in der selbst die schwächeren Folgen ihre Themen komplexer durchleuchten als Polit-Talkshows oder der ein oder andere Zeitungsartikel."
Besprochen werden BarryJenkins' "König der Löwen"-Prequel "Mufasa" (Perlentaucher, Standard), GáborReisz' "Eine Erklärung für alles" (taz), MatthewBrowns "Freud - Jenseits des Glaubens" mit AnthonyHopkins als Sigmund Freud (FR, online nachgereicht von der FAZ), FriedrichMosers Dokumentarfilm "How to Build a Truth Engine" (Presse), die DVD-Ausgabe von NikhilNageshBhats indischem Actionsplatter-Film "Kill" ("Kein Knochen bleibt in diesem Film ungebrochen", verspricht Ekkehard Knörer in der taz), der ARD-Weihnachtsfilm "Bach - Ein Weihnachtswunder" mit Devid Striesow (FAZ) und SönkeWortmanns "Der Spitzname" (SZ).
Das dürfte Berlins Kulturinstitutionen erst recht die Tränen in die Augen schießen lassen: Gerade erst hat mit der Neuen Staatsoper, kurz NEST, ein Haus mit 250 Plätzen für die jüngere Generation und Experimentelles, in Wien eröffnet, zudem ist ein neues Musicaltheater am Prater geplant, weiß Jacob Hayner in der Welt. Zudem "rühmt sich die Stadt, dass der Doppelhaushalt 2024/25 für die Kultur 23 Prozent mehr an Ausgaben vorsieht, darunter allein 137 Millionen Euro für die Theater. (…) Eine Kulturmetropole mit Strahlkraft zieht Investoren und Mäzene an. So ist der Bau der NEST, die zur Wiener Staatsoper gehört, weitgehend von der Familienstiftung Haselsteiner finanziert worden. Und das neue Theater am Prater soll privat geführt werden, in 'strategischer Partnerschaft' mit der Stadt. Könnte es sein, dass eine starke öffentliche Förderung auch Privatförderern als Anreiz dient? Es wirkt jedenfalls deutlich Erfolg versprechender als das Berliner Rezept, den an den Rand der Geschäftsfähigkeit gebrachten Kultureinrichtungen nun von oben 'Eigenverantwortung' zu dekretieren."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel spricht der Schauspieler Stephan Hellweg, der mit der Performancegruppe Showcase Beat Le Mot mit dem Stück "Raven mit Long Covid" auf der Bühne des Berliner HAU Hebbel am Ufer steht, über das Leben mit Long Covid. Nachtkritikerin Sabine Leucht blickt auf die Kulturkürzungen in München.
Besprochen werden Kat Válasturs Soloperformance "Dive into you" im HAU 2 (taz, Tsp), Jossi Wielers Inszenierung von Sophokles' Tragödie "Die Frauen von Trachis" am Zürcher Schauspielhaus (FAZ), Lucia Wunschs Inszenierung von Hannah Zufalls "Der Lügenprinz" nach Henrik Ibsens "Peer Gynt" am Berliner Ensemble (nachtkritik) und Thomas Köcks Inszenierung "Proteus 2481" an den Münchner Kammerspielen und Luise Voigts Inszenierung von Björn SC Deigners Fortsetzung zu Bertolt Brechts "Die Gewehre der Frau Carrar" am Münchner Residenztheater (Welt).
ChristianBeuke wird neuer Orchesterdirektor des DeutschenSymphonie-OrchestersBerlin, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. In der FAZgratuliert Anja-Rosa Thöming dem Dirigenten WilliamChristie zum 80. Geburtstag. Oliver Hochkeppel schreibt in der SZ einen Nachruf auf den indischen Musiker ZakirHussain. Standard-Musikgrantler Karl Fluch ziehtGregLakes"I Believe In Father Christmas"Whams"Last Christmas" jederzeit vor. Christian Schachinger blickt für den Standard zurück auf 40 Jahre GoldeneZitronen, die vom Funpunk über Polit-Agitprop in der experimentellen Pop-Avantgarde gelandet sind. Mit "Das Bisschen Totschlag" reagierten sie Anfang der Neunziger auf die rechtsradikalen Mordanschläge der damaligen Zeit.
Besprochen werden neue ECM-Veröffentlichungen der Duos TrygveSeim/FrodeHaltli und LouisSclavis/BenjaminMoussay (FR) sowie ein Liederabend in Frankfurt mit den Sopranistinnen ClaraKim, NombuleloYende und CláudiaRibas (FR).
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