Im Kino
Hochbahntrassen, Lichtermeer, Slumsiedlungen
Die Filmkolumne. Von Tilman Schumacher
17.12.2024. Die Stadt Mumbai ist überall in "All We Imagine as Light", dem ersten Spielfilm der Dokumentarfilmerin Payal Kapadia. Der Film folgt drei Frauen auf ihrem oft beschwerlichen Weg durch die Metropole - und wird dabei glücklicherweise nicht zur bloßen Parabel, sondern sucht nach Zärtlichkeit und Schönheit im urbanen Chaos.
Im Prolog von "All We Imagine as Light" fährt die Kamera von einem Auto aus minutenlang Straßenzüge, Marktplätze und ärmliche Behausungen ab. Es sind dokumentarisch raue, wacklige, augenscheinlich nicht für den Film arrangierte Alltagsszenen. Obwohl es stockfinster ist, herrscht lebhaftes Treiben. Die angeleuchteten Waren am Straßenrand erstrahlen in sattem Gelb und Rot. Motorenlärm, Wortfetzen und Trommelwirbel sind von Nah und Fern zu hören. Zunächst registriert der Film das alles aus wie beiläufiger Distanz, dann rückt eine Handkamera näher ans Geschehen heran, schlängelt sich durch Passant:innen hindurch; manchmal lächeln sie uns sogar an. Auf der Tonspur: Interviewausschnitte, die von der Entscheidung einzelner handeln, ihre Heimatdörfer in Richtung Stadt zu verlassen. "Aus jeder Familie des Dorfes ist mindestens einer in Mumbai. In Mumbai gibt's Arbeit und Geld. Da will keiner zurück." Massen schieben sich die Treppe einer U-Bahnstation hinauf. In Mumbai fällt es schwer, nicht auf Menschen zu treffen - eigene Wege zu gehen.
Die kurz darauf einsetzende Spielfilmhandlung erzählt eben davon. Drei Frauen - Prabha, Anu und Parvaty - sind auf der Suche nach ein bisschen Privatheit, nach einem Rückzugsort, der nur ihnen gehört. Aber wo soll man ihn hier finden? Die Hauptfigur Prahba, eine Frau in den Dreißigern mit ernsten, traurigen Gesichtszügen, kommt beim Pendeln zwischen ihrem Krankenhausjob und in der Wohngemeinschaft mit der jüngeren Kollegin Anu jedenfalls kaum zur Ruhe. Anu wiederum streift mit ihrem muslimischen Partner Shiaz durch die Straßen, nicht wissend, wo sie ihre Liebe abseits der Anonymität der Massen ausleben könnten.
Wäre die Gegenwart nicht schon fordernd genug, holt Prahba noch die Vergangenheit ein. Als sie einen Reiskocher Made in Germany von ihrem verloren geglaubten Ehemann geschickt bekommt, der nach der Zwangsheirat nach Deutschland auswanderte, ihr zunächst täglich schrieb, bis er damit schließlich ganz aufhörte, trifft sie dies bis ins Mark. Ihr Krankenschwesterpragmatismus weicht Gefühlsausbrüchen. Ständig von Menschen umgeben, fühlt sie sich allein wie lange nicht mehr. In einer der intensivsten Szenen des Films ringt sie sich in der Dunkelheit ihrer Wohnung dazu durch, zum Handy zu greifen und ihren Gatten anzurufen; "diese Rufnummer ist nicht vergeben", heißt es auf Deutsch.

Immer, wenn man einmal in sich gehen müsste, kommen einem die Stadt und ihre Bewohner:innen in die Quere. Die erste Hälfte von "All We Imagine as Light" taucht ganz in Mumbai ein. Kaum ein Bild, das den Blick nicht auf das große Ganze der Stadt freigibt, selbst dann, wenn sich im Vordergrund private Dramen abspielen. Hochbahntrassen, Lichtermeer, Slumsiedlungen vor der obszönen Kulisse hoch aufragender Business Tower.
Die Stadt ist überall. Das Leben Prahdas und ihrer Freundinnen ist nur eines von Millionen, von dem sich hier erzählen ließe. In "All We Imagine as Light" steckt viel von der alten Idee eines realistischen Kinos, das freilich nicht einfach die Kamera aufstellt und drauflosfilmt, aber doch möglichst viel von dem "aufschnappen" möchte, was es auch ohne Kamera und Mikrofon im Leben tatsächlicher Menschen des Hier und Jetzt zu sehen und hören gäbe. So, wie der Prolog endlos hätte weiterlaufen können.
Die Mumbaierin Payal Kapadia, die nach einigen Dokumentarfilmen in den 2010er Jahren nun ihr sogleich in Cannes prämiertes Spielfilmdebüt vorlegt, verpflanzt die Fiktion um Prahba in ein "dokumentarisches" Stück Gegenwart. Sie möchte nicht nur die drehbuchgeschriebene Geschichte einer Frau erzählen, sondern auch die der sie umgebenen Stadt - zugleich die Geschichte eines Landes, in dem es Menschen vom Land in die Metropole treibt, in dem so viele Sprachen gesprochen werden, dass man sich allerorts fremd fühlen kann. Kapadia erzählt von den erbarmungslosen Widersprüchen einer Megacity, von Schlägertrupps, die im Auftrag eines Bauherrn die Köchin Parvaty aus der Wohnung vertreiben, von jungen Frauen an der Krankenhausrezeption, denen Anu Wege aufzeigt, wie sie auch ohne Einverständnis ihrer Ehemänner verhüten können. Zur Parabel wird "All We Imagine as Light" dennoch nicht.
Kapadias Interesse an den kleinen Dramen und flüchtigen Begegnungen im Leben der Großstädter:innen ist größer als das Bedürfnis nach einem moralischen Überbau. Ihr Blick auf die Figuren ist zärtlich, nie wertend - egal was sie tun. Trotz des Hässlichen, das Mumbai uns preisgibt, ist der Film von sinnlicher Schönheit erfüllt. Schön sind seine neonlichtfunkelnd bläulichen Bilder, die sich ähnlich wie im Kino des philippinischen Großstadtmelodramatikers Lino Brocka nicht mit dem "Lebensnahen" begnügen, sondern jedem einzelnen Bild eine solche Sorgfalt zukommen lassen, dass aus ihm ein Kinobild wird. Markante Farbakzente, spannende Raumstaffellungen; man soll in diesen Bildern stets etwas entdecken können. Schön finde ich auch den Score, der zwar für den einen oder die andere am Kitsch kratzen dürfte, dessen kindliche Melodien den Sehnsüchten der Figuren aber doch auf träumerische Weise entsprechen.
Apropos traumähnlich: In der zweiten Filmhälfte wird der Realismus vielleicht gar noch ein magischer. Denn Prabha bekommt eben nicht nur unverhofft ein Lebenszeichen ihres verloren geglaubten Gatten, sondern trifft ihn später im ländlichen Ratnagiri in Gestalt eines Anderen wieder. Schleicht sich hier noch eine andere Realität in den Film ein? Werden Wirklichkeits- zu Wunschbildern?
Tilman Schumacher
All We Imagine as Light - Indien 2024 - Regie: Payal Kapadia - Darsteller: Kani Kusruti, Divya Prabha, Chhaya Kadam, Hridhu Haroon, Azees Nedumangad - Laufzeit: 118 Minuten.
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