Efeu - Die Kulturrundschau
Latte-Macchiato-Bourgeoisie
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17.12.2024. Die FAZ jubelt: Mit seinem Beethoven-Stück "Tiefer Graben 8" findet Christoph Marthaler am Theater Basel wieder zu alter Größe zurück. In der SZ verrät der iranische, vor dem Regime geflohene, Regisseur Mohammad Rasoulof, wie man heimlich einen Film dreht. Rainald Goetz ist wieder online! So freut sich der Tagesspiegel über die heimlichen Instagram-Aktivitäten des Schriftstellers. Backstage Classical bittet um Mithilfe: die unabhängige, kritische Berichterstattung gefällt nicht allen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
17.12.2024
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Bühne

Zu alter Größe findet Christoph Marthaler mit seiner Inszenierung von "Tiefer Graben 8" am Theater Basel, jubelt Jan Brachmann in der FAZ. "'Tiefer Graben 8' war zwischen 1815 und 1817 Beethovens Adresse in Wien", erklärt der Rezensent - eine von vielen, denn Beethoven soll allein in seinen Wiener Jahren etwa 66 Mal die Wohnung gewechselt haben. Aus seiner Musik und Texten von Heimito von Doderer, hat Marthaler "einen tiefkomischen, sautraurigen Reigen innerweltlicher Sinnlosigkeit" kreiert, der dem Kritiker ein "Lachen des Wahns" entlockt: "All die alten halb vertrottelten, dysfunktionalen Typen, die Marthaler hier wieder theatralisch unter Artenschutz stellt, sind von der digitalen Boheme unberührte Dinosaurier der analogen Welt, geformt durch Echtmenschenbegegnungen und Echtmenschenentbehrungen. So eine rechtschaffen zermürbte Figur im Schürzenkleid mit Streublümchenmuster wie Nikola Weisse als Frau Ida ist doch heutzutage von der Latte-macchiato-Bourgeoisie aus der urbanen Welt längst weggehübscht worden. Hier schlurft sie in flachen, senkellosen Schuhen durch die Flure, steckt sich eine Zigarette an und singt Beethovens Lied 'Ich liebe dich', das plötzlich als Verschüttgut aus einem Leben auftaucht, zu dem die Welt nicht gut war."
Kein "neues Stück Musiktheater über Beethoven", sieht SZ-Kritiker Egbert Tholl hier, dem der Abend ebenfalls gefällt, "sondern etwas Größeres, Freieres". "Die Menschen hier drin suchen nach Begegnungen, verharren aber meist in semidepressiver Einsamkeit, die Unbehaustheit ist ins Gemüt hineingekrochen. Nur nicht bei Kerstin Avamo, schon gar nicht, wenn sie singt, auch mal ein schwedisches Lied. Abhilfe schafft außerdem der Chor, gekleidet vage wie zu der Beethovenzeit, auch mal frisch als Polonaise herumstolpernd oder Unsinn machend."
Dem Gefängnistheater AufBruch werden circa siebzig Prozent der Finanzierung gestrichen, berichtet Sabine Seifert in der taz. Die Regisseure Sybille Arndt und Peter Atanassow sind geschockt: "Erst 2018 hatte aufBruch, das seit mehr als 20 Jahren mit Gefangenen Stücke erarbeitet, einen festen Haushaltstitel im Etat der Senatsjustizverwaltung der damals rot-rot-grünen Landesregierung bekommen. Seit April 2023 führt Felor Badenberg (CDU) das Justizressort - und scheint andere Schwerpunkte setzen zu wollen. In einem Bericht ihrer Verwaltung an den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses vom 6. Dezember heißt es, es gehe um 'eine deutliche Schwerpunktsetzung zugunsten des Opferschutzes'. Die Resozialisierung sei 'Aufgabe des Justizvollzugs und der Sozialen Dienste der Justiz'." Eine Produktion pro Jahr solle aber noch möglich sein, hieß es weiter: "Wie soll das gehen?, fragen Atanassow und Arndt. 'Vielleicht reicht der Justiz ein Projekt im Jahr', sagt Regisseur Atanassow: 'Aber die gesellschaftliche Wirksamkeit ginge verloren.'"
Besprochen werden Kamilé Gudmonaités Adaption von Kafkas "Die Verwandlung" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Joanna Lewickas Adaption von Robert Menasses Text "Das Paradies der Ungeliebten" am Landestheater Schleswig Holstein (nachtkritik) und Yael Ronens Inszenierung ihres Stücks "Replay" an der Schaubühne Berlin (FAZ).
Film

Im SZ-Gespräch mit David Steinitz erzählt der iranische, vor dem islamistischen Regime nach Berlin geflohene Regisseur Mohammad Rasoulof unter anderem, wie man in seiner Heimat heimlich einen Film dreht. Seinen aktuellen Film "Die Saat des heiligen Feigenbaums", der von deutscher Seite für die Oscars eingereicht wurde, hat er ohne Genehmigung am Regime vorbei fertiggestellt. "Natürlich versuchten wir, alles heimlich zu machen. Aber am Ende ist es eben doch eine Gruppe, man hat Kontakte, man hat Kollegen, man spricht darüber, und deshalb kann man nicht alles geheim halten. ... Mir war bewusst, dass wir nicht überall in der Stadt oder im ganzen Land drehen konnten. Und es war mir bewusst, dass ich nicht viel technisches Equipment würde verwenden können. ... Ich achte darauf, was ich habe, was ich machen kann. Erst als wir fertig waren, konnte ich Menschen kontaktieren, von denen ich wusste, dass sie interessiert sind an dem Film. ... Eine unserer Sicherheitsmaßnahmen war, dass ich nie direkt am Set anwesend war. Die Entfernung war mal größer, mal weniger groß, aber ich war nie direkt da, sondern nur in der Nähe. Bei Außendrehs dachten manche Passanten, dass meine Hauptdarstellerinnen in ihren Hidschabs vom nationalen Fernsehen seien, und haben uns sogar wüst beschimpft. Das war eine gute Tarnung."
"Das Budget ist eine Herausforderung", sagt die neue Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle im Welt-Gespräch mit Hanns-Georg Rodek über die kulturpolitisch bedingte, finanziell angespannte Lage (nicht nur) ihres Festivals. "Wir müssen realistisch bleiben: Es wird hart werden in den kommenden Jahren." Noch vor kurzem etwa klaffte ein riesiges Loch in der Finanzierung des kommenden Festivals, das bislang auch nur zum Teil gestopft ist. "Ja, es gab einmal eine alarmierende Lücke, aber das sind stets Momentaufnahmen. Der Austausch mit dem Bund darüber und die Suche nach Sponsoren ist unser täglich Brot. Unsere Finanzabteilung muss jeden Monat das Budget revidieren, Einnahmen wie Ausgaben, nach unten, nach oben."
Weiteres: Brett Storys und Stephen Maings Dokumentarfilm "Union" über den gewerkschaftlichen Kampf gegen die harten Arbeitsbedingungen bei Amazon findet in den USA keinen Verleih, berichtet Nina Rehfeld in der FAZ: "Weil auch in Hollywood ganze Industriezweige von Amazon abhängen, will man sich wohl die Finger nicht verbrennen." Maria Wiesner spricht für die FAZ mit Denis Villeneuve über dessen "Dune"-Saga. Josef Schnelle schreibt im Filmdienst zum Tod von Wolfgang Becker (weitere Nachrufe hier).
Besprochen werden Bert Schmidts Buch "Sohrab Shahid Saless - Film im Kopf" (taz), Ellen Kuras' "Die Fotografin" mit Kate Winslet (Intellectures) und die britische Netflix-Thrillerserie "Black Doves" mit Keira Knightley (FAZ, online für die SZ vom TA).
Musik
Mit seiner kritischen Berichterstattung über den Klassikbetrieb auf BackstageClassical füllt Axel Brüggemann auf eigene Faust eine Lücke, die die klassischen Feuilletons eher häufiger als selten klaffen lassen. Anders als diese hat Brüggemann jedoch keinen Verlag und keine Rechtsabteilung im Rücken, die bei juristischen Scharmützeln die dafür nötigen finanziellen und fachlichen Kompetenzen stellen. Nun hat Brüggemann vom Anwalt des Intendanten der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser, zwei empfindliche Abmahnungen erhalten - und bittet sein Lesepublikum um Spenden: "Ich habe auf Grund einzelner Punkte den Eindruck, dass es in diesem Fall auch darum gehen könnte, mir die Berichterstattung zu erschweren. ... Am Anfang der Intendanz von Markus Hinterhäuser war ich begeistert von seiner Aufbruchstimmung, habe mich öfter mit ihm getroffen und ausgetauscht. Es ist für mich unverständlich, wie dünnhäutig Hinterhäuser inzwischen auf Kritik an seiner Arbeit regiert. Ich habe das als Kulturjournalist in dieser Form noch von keinem Intendanten erlebt. ... Freie Journalistinnen und Journalisten oder junge Seiten wie BackstageClassical stehen mit derartigen Angriffen oft allein da und erwägen schon aus Kostengründen, auf eine Verteidigung zu verzichten. Das aber würde jede Form des kritischen Journalismus demontieren. Gerade die Kultur mit ihren oft hohen moralischen Ansprüchen muss eine freie und gerechte Diskussionskultur aufrecht erhalten." Brüggemann stellt übrigens mit Überraschung fest, dass Hinterhäuser den gleichen Anwalt hat wie Teodor Currentzis.
Hannah Schmidt spricht für VAN mit Olivier Latry, einem der Organisten in Notre-Dame, über die Wiedereröffnung der Pariser Kathedrale und den Klang seines Instruments: "Der Raum hat sich verändert", sagt er. "Vorher hat der Klang viel diffuser von den Wänden und Säulen abgestrahlt, jetzt bewegt er sich in viel größeren Wellen bis vorne zum Altar. Ein bisschen wie ein LKW, der sich durch das Kirchenschiff schiebt. ... Gott sei Dank haben wir jetzt dieses System, mit dem wir die Orgel aufnehmen und unten in der Kathedrale hören können. Das hilft, zu wissen, wo wir atmen müssen, wo wir eventuell auch mal warten und wie wir artikulieren müssen."
Weitere Artikel: Für die Presse porträtiert Teresa Schaur-Wünsch die Pianistin Clara Sophie Murnig. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Jazzmusiker und Filmkomponisten Martial Solal.
Besprochen werden die von Guy Moses zusammengestellte Compilation "P'takim" mit Reaktionen israelischer Musiker auf den 7. Oktober (Jungle World), John Eliot Gardiners Comeback in der Hamburger Elbphilharmonie (NZZ), ein Haas-Konzert des Klangforums Wien unter Ingo Metzmacher (Standard), ein Konzert mit dem offenbar geade sehr derangierten Haftbefehl (SZ), die Wiederveröffentlichung des Debütalbums der Avantgarde-Folkmusikerin Dorothy Carter aus dem Jahr 1976 (Jungle World) und Jeff Parkers vom Hiphop inspiriertes Jazzalbum "The Way out of Easy" ("In den vier langen Songsuiten stecken so viel cooles Wissen, verschärfte Groovepsychedelik und spielerische Brillanz, dass man zu jedem Track eigene Nachforschungen anstellen könnte", staunt tazler Julian Weber). Wir hören rein:
Hannah Schmidt spricht für VAN mit Olivier Latry, einem der Organisten in Notre-Dame, über die Wiedereröffnung der Pariser Kathedrale und den Klang seines Instruments: "Der Raum hat sich verändert", sagt er. "Vorher hat der Klang viel diffuser von den Wänden und Säulen abgestrahlt, jetzt bewegt er sich in viel größeren Wellen bis vorne zum Altar. Ein bisschen wie ein LKW, der sich durch das Kirchenschiff schiebt. ... Gott sei Dank haben wir jetzt dieses System, mit dem wir die Orgel aufnehmen und unten in der Kathedrale hören können. Das hilft, zu wissen, wo wir atmen müssen, wo wir eventuell auch mal warten und wie wir artikulieren müssen."
Weitere Artikel: Für die Presse porträtiert Teresa Schaur-Wünsch die Pianistin Clara Sophie Murnig. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Jazzmusiker und Filmkomponisten Martial Solal.
Besprochen werden die von Guy Moses zusammengestellte Compilation "P'takim" mit Reaktionen israelischer Musiker auf den 7. Oktober (Jungle World), John Eliot Gardiners Comeback in der Hamburger Elbphilharmonie (NZZ), ein Haas-Konzert des Klangforums Wien unter Ingo Metzmacher (Standard), ein Konzert mit dem offenbar geade sehr derangierten Haftbefehl (SZ), die Wiederveröffentlichung des Debütalbums der Avantgarde-Folkmusikerin Dorothy Carter aus dem Jahr 1976 (Jungle World) und Jeff Parkers vom Hiphop inspiriertes Jazzalbum "The Way out of Easy" ("In den vier langen Songsuiten stecken so viel cooles Wissen, verschärfte Groovepsychedelik und spielerische Brillanz, dass man zu jedem Track eigene Nachforschungen anstellen könnte", staunt tazler Julian Weber). Wir hören rein:
Architektur

Eine Zeitreise unternimmt taz-Kritikerin Katrin-Bettina Müller mit den Architekturfotografien von Robert Conrad, die in der Galerie Parterre in Berlin zu sehen sind. "Menschenleer" sind die Bilder, und "zeigen dennoch immer die Auswirkungen von menschlichem Handeln und Entscheidungen, das Ergebnis von bürokratischen Strategien, die oft aus ideologischen Gründen auf einem Auge blind sind." Es geht "noch einmal zu den Geisterbahnhöfen der S-Bahnen, die aus Westberlin kommend unter der Hauptstadt der DDR ohne Halt durchfuhren. Kurz nach der Maueröffnung war Conrad mit Freunden durch Lüftungsschächte hinabgestiegen: Am Potsdamer Platz liegt der herabgerieselte Schutt vor einem grün gekachelten Block. Auf dem sind Reste eines Plakates von 1950 zu erkennen, das für das unter Walter Ulbricht neu eröffnete Stadion der Jugend warb. Man sieht noch einmal das Berliner Ahornblatt, eine Gasstätte in Berlin Mitte, von Betoningenieur Ulrich Müther entworfen, die mit ihren geschwungenen Dachelementen zu den elegantesten Bauwerken der DDR gehörte. Im August 2000 versinkt sie langsam zwischen den Schuttbergen ihres Abrisses."
Kunst
Im Tagesspiegel-Interview erzählt die Berliner Künstlerin Chiharu Shiota, deren Webarbeiten gerade in Paris und Prag zu sehen sind, von ihrem Studium bei Marina Abramović, dass sie eigentlich Malerin werden wollte ("Weben ist für mich wie Malen in der Luft") und was sie über die aktuellen politischen Debatten in der Kunstwelt denkt: "Es hat Auswirkungen auf mein Leben, aber keinen direkten Einfluss auf meine Arbeit. Meine Kunst ist nicht politisch, sondern beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen von Leben und Tod. Meine Arbeit beginnt mit einer persönlichen Erfahrung oder Emotion, aber ich möchte sie zu etwas Universellem ausweiten, mit dem sich Menschen identifizieren können. Ich möchte den Fokus von mir auf ein kollektives Wir verlagern."
Während die Berliner Kulturwelt vor den neuen Sparmaßnahmen erzittert, geht es dem Metropolitan Museum of Art in New York prächtig, freut sich Hannes Stein in der Welt. Direktor Max Hollein kann in einer Pressekonferenz nicht nur große Erfolge vorweisen, sondern stellt auch wichtige Zukunftsprojekte vor, wie einen größeren Umbau des Gebäudes: "Keinen Zweifel lässt der Direktor daran, dass das Metropolitan Museum unter seiner Leitung gar nicht daran denkt, sich unpolitisch aus dem Streit der Welt zu stehlen. 'Wir stehen in Opposition zum Nationalismus', sagt Hollein. 'Wir feiern Kulturen, die zusammenkommen.' Man kann seine Ankündigungen wie folgt zusammenfassen: Das Metropolitan Museum baut in großem Stil um, und es geht in den Widerstand."
Besprochen werden die Ausstellung "Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig" in der Staatsgalerie Stuttgart (Welt), die Ausstellung "Gert und Uwe Tobias - Das Blaue vom Himmel" in der Kunsthalle Tübingen (FAZ), eine Werkschau von Miriam Cahn, die in Abwesenheit der Kaiserring der Stadt Goslar 2024 erhalten hat, im Mönchehaus Goslar (taz) und die Ausstellung "The More It Hurts, the Less It Shows" mit Werken von Kiriakos Tompolidis in der Galerie Judin in Berlin (FR).
Während die Berliner Kulturwelt vor den neuen Sparmaßnahmen erzittert, geht es dem Metropolitan Museum of Art in New York prächtig, freut sich Hannes Stein in der Welt. Direktor Max Hollein kann in einer Pressekonferenz nicht nur große Erfolge vorweisen, sondern stellt auch wichtige Zukunftsprojekte vor, wie einen größeren Umbau des Gebäudes: "Keinen Zweifel lässt der Direktor daran, dass das Metropolitan Museum unter seiner Leitung gar nicht daran denkt, sich unpolitisch aus dem Streit der Welt zu stehlen. 'Wir stehen in Opposition zum Nationalismus', sagt Hollein. 'Wir feiern Kulturen, die zusammenkommen.' Man kann seine Ankündigungen wie folgt zusammenfassen: Das Metropolitan Museum baut in großem Stil um, und es geht in den Widerstand."
Besprochen werden die Ausstellung "Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig" in der Staatsgalerie Stuttgart (Welt), die Ausstellung "Gert und Uwe Tobias - Das Blaue vom Himmel" in der Kunsthalle Tübingen (FAZ), eine Werkschau von Miriam Cahn, die in Abwesenheit der Kaiserring der Stadt Goslar 2024 erhalten hat, im Mönchehaus Goslar (taz) und die Ausstellung "The More It Hurts, the Less It Shows" mit Werken von Kiriakos Tompolidis in der Galerie Judin in Berlin (FR).
Literatur
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"Rainald Goetz ist zurück", jubelt Gerrit Bartels im Tagesspiegel, nachdem ihm der Algorithmus das aktuell am besten gehütete Geheimnis des Literaturbetriebs preisgegeben hat: Der Schriftsteller, der um 2000 herum mit seinen Internet-Tagebüchern für Aufsehen gesorgt hatte, bloggt seit ein paar Wochen wieder - und zwar still und heimlich auf Instagram. "Das erinnert sehr an Goetz' frühes Internet-Tagebuch 'Abfall für alle', aus dem später der 'Roman eines Jahres' wurde, an die vielen Ordnungssysteme seines Werkes und überhaupt an den Umgang von Goetz mit Fotos. Diese waren für ihn schon immer ein wichtiger erzählerischer Zugang zur Welt und zu sich selbst, mit oder ohne Text, man denke nur an den vierten 'Schlucht'-Band 'Elfter September 2010. Bilder eines Jahrzehnts'. Instagram erscheint da urplötzlich wie das Idealmedium für Goetz. Warum erst jetzt?"
Außerdem: Bernhard Heckler unterzieht für die SZ Sebastian "El Hotzo" Hotz' gerade für sehr viel Aufsehen sorgendes Bekenntnis, in Beziehungsfragen wohl eher ein Aas als ein Vorbild zu sein, einer literaturkritischen Betrachtung und schließt: "Treffender hat die komplette Gegenwartsliteratur die Dilemmata der Liebe in den Generationen der Millennials und der Generation Z noch nie beschrieben."
Besprochen werden unter anderem Han Kangs "Unmöglicher Abschied" (Welt), Samantha Harveys mit dem Booker-Prize ausgezeichneter Astronautenroman "Umlaufbahnen" (FR), Navid Kermanis Reisereportage "In die andere Richtung jetzt" (FR), Heinz Strunks "Zauberberg 2" (FR), Nicolas Mahlers Comicadaption von Friederike Mayröckers "Larifari" (Standard), Lutz Hachmeisters "Hitlers Interviews. Der Diktator und die Journalisten" (NZZ), Ana Blandianas "Der Wille des Menschen ist antastbar" (NZZ), die von Edith Anderson herausgegebene Anthologie "Blitz aus heiterm Himmel" (FR), neue Krimis von Deon Meyer und Thomas Knüwer (FR), Sally Rooneys "Intermezzo" (FAZ) sowie Colum McCanns und Diane Foleys "American Mother" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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