Ein Pioniertext ganz ohne die Verständnishürden der Avantgarde, im Internet entstanden: ein unverwechselbarer großer Zeitroman. Zunächst mal ist "Abfall für alle" ein ganz normales Tagebuch. Es erzählt vom Leben eines Schreiber-Ichs in Berlin. Das innere Thema des ganzen Buches ist die Praxis der Schrift, die Arbeit des Schreibers heute, unter den Bedingungen der gegenwärtig gegebenen Wort-Realität.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 13.11.1999
Ein Jahr lang hat Rainald Goetz ein Internet-Tagebuch geführt, und man konnte mal so bei ihm vorbeisurfen und nachgucken, was er gerade so treibt, erzählt Gerrit Bartels zu Beginn seiner Kritik: "Doch nun ist aus dem, was sich da mit der Zeit wieder im virtuellen Raum ... verflüchtigen sollte, ein 860 Seiten dickes Buch geworden." Und irgendwie kann Bartels dieser Transformation des Alltäglichen in eine festgehaltene Fiktion etwas abgewinnen: Man könne zusehen, wie sich da im Laufe der Seiten und im Nachdenken über das eigene Tagebuch und über kommende Projekte ein "Schreiber-Ich" konstruiere. Obwohl der Autor in seinem Tagebuch viel Banales vermerke - wie er geschlafen hat, was er eingekauft hat - sei es darum vor Geschwätzigkeit geschützt. Alles, auch das Banale, sei Teil des Projekts - und Goetz` Projekt ist nunmal das Schreiben und das Schreiben darüber, wie er schreibt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 13.10.1999
Wer Foucault nicht gelesen hat, wird Schwierigkeiten mit Lutz Hagestedts Rezension bekommen. In seiner Besprechung von Rainald Goetz` Roman geht es - wie im Buch selbst - vor allem darum, wie man anfängt, nein, "wie man sich in einen Diskurs einfügt``. Der Protagonist will den "Roman eines Jahres`` von Tag zu Tag ins Internet stellen. Doch weil, wie Hagestedt schreibt, "der Datentransfer vom privaten zum öffentlichen Raum`` nicht gelingen will, schiebt der Erzähler den Anfangs seines Beginnens immer weiter hinaus. Das Projekt wird zu einem umfassenden "Leben-Schreib-Projekt``. Kurz gesagt, so Hagestedts Worte, es handelt sich um "Abfall" von der "alltäglichen Erfahrungswelt eines Solipsisten``. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass Hagestedt dies mit den Worten kommentiert: "Man ahnt schon, dies ist ein hochreflektierter, dabei zutiefst sinnlicher Roman.`` Vor allem aber erinnert man sich daran, dass man schon lange ein Lexikon der Philosophie braucht.
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