Efeu - Die Kulturrundschau
Hohl, hörst Du? Alles hohl da unten!
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04.11.2024. Der Büchner-Preis ging am Samstag an den Schriftsteller Oswald Egger. Entzückt waren die Feuilletons sowohl von der Laudatio Paul Jandls als auch von der Dankesrede des Dichters, der sich in einen wahren "Rollenspiel-Furor" hineinsteigerte, wie die Berliner Zeitung staunt. Nachtkritik und taz loben Leonie Rebentischs Adaption von Charlotte Gneuß' vieldiskutiertem DDR-Roman "Gittersee" am Berliner Ensemble. Die taz besteigt in einer Ausstellung in Wolfsburg einen von Leandro Erlich erschaffenen Mond. Außerdem beobachtet sie, wie die italienischen Postfaschisten den Futurismus wiederbeleben wollen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
04.11.2024
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Literatur

Die FAZ druckt heute Eggers Büchner-Preisrede in Gänze. Hier der Anfang: "Wer das lesen könnt - Etwas, das in sich selbst existiert und nur durch sich selbst erkannt werden kann, unquellbare, Ton-in-Ton-zer- talte Hochkoch-Konvektionszellen-Köcherchen, die tief im Aufsplitterungsschlick zerfalzt versiegen: ganz rasch unerstarrte, veraschte Schraffen und Grate, pastose, apart in sich separierende Oszillationen davon, diese causa sui, als Zirkel-Witz, und die Wirbel und Verwirbelungen fast unverursacht, so untief unorientiert rotierende Muster ohne Grund, Brodelböden, bültige, die unter Stampfen offenbarbar quollen, stanzen und verdampften, sich auffalzen, umgraben und zerfallen. Hohl, hörst Du? Alles hohl da unten! Herde der Verkehrung, ein Wurmloch zu den Wolken, die verkochten nach oben - wer das lesen könnt - und viel früher als gedacht verspiegelte, hohlknollig vortorkelnde, peristaltische Ungestalten."
Hier ein Video des ganzen Abends: ab 40:15 die Laudatio von Cécile Wajsbrot auf Marie-Luise Knott, ab 55:15 Knotts Dankesrede, ab 1:12:05 Aleida Assmanns Laudatio auf Karl-Heinz Kohl, ab 1:29:15 Kohls Dankesrede, ab 1:47:20 Paul Jandls Laudatio auf Oswald Egger und ab 2:11:12 dann Eggers Dankesrede, auf die wir mal vorgespult haben:
Am Abend zuvor feierte die Akademie außerdem ihren 75. Geburtstag mit einer Erinnerungsrevue, begleitet vom Ensemble Modern. Alles sehr würdig (wenn auch sehr protestantisch im Ambiente), und doch ist FAZ-Kritiker Tilman Spreckelsen leicht enttäuscht: "Mit ihren Preisentscheidungen zog sich die Akademie keinen großen Tadel zu, aber bei so viel Rückschau hätte man doch gern mehr darüber erfahren, wie sich die Institution in Zukunft sieht, angesichts einer Welt, die mit der von 1949 nicht mehr viel gemein hat."
Weitere Artikel: Dieter Borchmeyer analysiert in einem Essay in der NZZ das - literarische - Verhältnis von Thomas Mann und Franz Kafka. Der Standard bringt einen Vorabdruck von Joachim Meyerhoffs neuem Roman "Man kann auch in die Höhe fallen". Cornelia Geißler gratuliert in der Berliner Zeitung Voland & Quist zum Großen Berliner Verlagspreis. In der SZ berichtet Till Briegleb leicht enttäuscht von einer Tagung des PEN Berlin in Hamburg, wo es viele Panels gab, aber keinen Skandal.
Besprochen werden u.a. Maria Stepanovas Roman "Der Absprung" (FR), Olga Grjasnowas "Juli, August, September" (taz), Burak Caniperks Buch über seine Sozialarbeit in Berlin "Auf Augenhöhe" (taz), Hannelore Cayres Roman "Finger ab" (FAZ), James McBrides Krimi "Himmel und Erde" (FAZ) und Viveca Stens "Blutbuße" (FAZ).
Kunst

"Schwerelos" fühlt sich taz-Kritikerin Bettina Maria Brosowsky in der gleichnamigen Ausstellung mit Werken Leandro Erlichs im Kunstmuseum Wolfsburg. Erlichs "hyperreale Skultupren" sind verständlicherweise ein Publikumsmagnet, lobt die Kritikerin, die hier die Chance bekommt, dem Mond ganz nah zu sein: "Der trägt auf seinem Scheitel eine kleine Plattform mit Treppe, die Spitze lässt sich also erklimmen. Dazu muss man ins Innere des Mondes eintreten. Dabei verliert man sich erst einmal unter einer Kuppel in einer 360-Grad-Rundumprojektion aus Sternenkonstellationen und Bildern nächtlich hell erleuchteter Städte mitsamt ihren Straßennetzen. Die verspiegelte Bodenfläche dieser Kuppel verunsichert das Gleichgewicht, sphärische Klänge begleiten die Bildfolgen, für die sich Erlich unter anderem aus Nasa-Archiven bedient hat. Nach einigen Minuten geht der Mond auf. Er rast bedrohlich auf die Betrachter zu - und der Loop beginnt von vorne. Diese mehrfache Umkehrung der Betrachtungsperspektive - befinde ich mich im Inneren des Mondes? Schaue ich aus dem Weltall auf die Erde? - spielt an auf die überwältigenden Erfahrungen, die in den 1960er-Jahren von Astronauten wie William Bill Anders geschildert wurden."
"Noch nie gab es in Italien so viele Ausstellungen über den Futurismus in öffentlichen Museen und privaten Galerien wie in diesem Jahr", hält Karen Krüger in der FAZ fest. Er droht damit zum "Aushängeschild" der Rechten zu werden: "Tatsächlich hat das Kulturministerium von Giorgia Meloni den Scheinwerfer auf den Futurismus gerichtet, schon kurz nachdem die rechtsgerichtete Regierung im Oktober 2022 ihre Arbeit begann. Es war sofort klar, dass man dem Futurismus wieder neues politisches Gewicht beimisst." Der ehemalige Kulturminister Sangiuliano attestierte ihm laut Krüger "'eine Idee von Modernität, die aus dem Alten, aus der Vergangenheit kommt'. Zusammen mit dem damals noch von Giuli geleiteten MAXXI-Museum werde man eine 'neue italienische Vorstellungswelt' erschaffen." In Kürze eröffnet die von Sangiuliano angekündigte Ausstellung "Die Zeit des Futurismus" in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna in Rom. Krüger "kann nur hoffen, dass der Futurismus nicht auf die italienische Identität festgelegt werden soll".
Besprochen wird eine Ausstellung von Noah Davis im Kunsthaus Minsk (Tsp).
Musik
Alexander Keuk schickt in der nmz einen animierten Bericht über die Eröffnungskonzerte des Festivals Wien Modern: "Das dem in diesem Jahr verstorbenen Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös gewidmete Konzert im Musikverein startete mit dem in diesem Jahr entstandenen Klavierkonzert 'the purple fuchsia bled upon the ground' der italienischen Komponistin Clara Iannotta, eine großartige, von Elena Schwarz am Dirigentenpult und den Wiener Symphonikern souverän und empfindsam musizierte Seelenmusik, die den Zuhörer vor allem über eine bis in kleinste Details ausgehörte Klangkomposition erreicht und berührt. In dieser ausufernden, zischenden und ratternden Eigenwelt schwebt Pianist Pierre-Laurent Aimard quasi mit dem Flügel über dem Bühnenboden und mischt sich hier und da tupfend oder energisch ein, oftmals gedoppelt durch einen Synthesizer im Orchester - ein Stück, das eine zweimalige Aufführung verdient hätte!" Vielleicht bei einem zu gründenden Ableger Berlin Modern? Man darf ja mal träumen.
Karl Bartos, einst Mitglied von Kraftwerk, hat Robert Wienes Stummfilmklassiker von 1920 "Das Cabinet des Dr. Caligari" vertont, erzählt im Standard Christian Schachinger und annonciert eine Live-Aufführung heute Abend im Wiener Gartenbaukino: "Auf der Basis der von der deutschen Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung restaurierten Fassung des Films hat der heute 72-jährige Karl Bartos nun gemeinsam mit dem Tondesigner Mathias Black einen Soundtrack für die knapp 40 Szenen geschaffen, die live auf elektronischer Gerätschaft, vor allem auch dem Klappcomputer, gespielt werden. Allerdings verweisen sie klanglich weniger auf Kraftwerk. Die hatten sich ja schon 1978 mit Murnaus 'Metropolis' von 1927 beschäftigt. Bartos schwebte vielmehr ein synthetisch generiertes, klassisches Orchester inklusive im Horrorgenre gern eingesetzter Kirchenorgel vor. Dieses erinnert nur mit wenigen Ausnahmen daran, dass es sich beim Caligari um einen Horrorfilm handelt. Erwähnt sei etwa die Jahrmarktszene, die musikalisch-clownesk den kalifornischen LSD-Avantgardisten und Kraftwerk-Zeitgenossen 'The Residents' nahekommt. Meist fließt der Soundtrack angenehm sanftmütig dahin. Die Bedrohungen im Film äußern sich akustisch mehr unterschwellig."
Hier erzählt Bartos von seiner Arbeit:
Weiteres: Im Tagesspiegel berichtet Gregor Dotzauer vom Jazzfest Berlin, wo Welt-Kritiker Josef Engels einen Auftritt von Joachim Kühn erlebte, der am Ende seinen Bühnenabschied erklärte. In der FR gratuliert Stefan Michalzik dem Frauenmusiknetzwerk Melodiva zum Vierzigjährigen. Jan Brachmann schreibt in der FAZ zum hundertsten Todestag des französischen Komponisten Gabriel Fauré und preist dessen "Musik für illusionslose, aber empathiefähige Menschen". Besprochen werden ein Konzert der Noise-Pop-Band Health im Neuköllner Club Hole44 (taz) und Soft Violets Album "Sterner Stuff" (FR).
Karl Bartos, einst Mitglied von Kraftwerk, hat Robert Wienes Stummfilmklassiker von 1920 "Das Cabinet des Dr. Caligari" vertont, erzählt im Standard Christian Schachinger und annonciert eine Live-Aufführung heute Abend im Wiener Gartenbaukino: "Auf der Basis der von der deutschen Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung restaurierten Fassung des Films hat der heute 72-jährige Karl Bartos nun gemeinsam mit dem Tondesigner Mathias Black einen Soundtrack für die knapp 40 Szenen geschaffen, die live auf elektronischer Gerätschaft, vor allem auch dem Klappcomputer, gespielt werden. Allerdings verweisen sie klanglich weniger auf Kraftwerk. Die hatten sich ja schon 1978 mit Murnaus 'Metropolis' von 1927 beschäftigt. Bartos schwebte vielmehr ein synthetisch generiertes, klassisches Orchester inklusive im Horrorgenre gern eingesetzter Kirchenorgel vor. Dieses erinnert nur mit wenigen Ausnahmen daran, dass es sich beim Caligari um einen Horrorfilm handelt. Erwähnt sei etwa die Jahrmarktszene, die musikalisch-clownesk den kalifornischen LSD-Avantgardisten und Kraftwerk-Zeitgenossen 'The Residents' nahekommt. Meist fließt der Soundtrack angenehm sanftmütig dahin. Die Bedrohungen im Film äußern sich akustisch mehr unterschwellig."
Hier erzählt Bartos von seiner Arbeit:
Weiteres: Im Tagesspiegel berichtet Gregor Dotzauer vom Jazzfest Berlin, wo Welt-Kritiker Josef Engels einen Auftritt von Joachim Kühn erlebte, der am Ende seinen Bühnenabschied erklärte. In der FR gratuliert Stefan Michalzik dem Frauenmusiknetzwerk Melodiva zum Vierzigjährigen. Jan Brachmann schreibt in der FAZ zum hundertsten Todestag des französischen Komponisten Gabriel Fauré und preist dessen "Musik für illusionslose, aber empathiefähige Menschen". Besprochen werden ein Konzert der Noise-Pop-Band Health im Neuköllner Club Hole44 (taz) und Soft Violets Album "Sterner Stuff" (FR).
Film
Im Tagesspiegel berichtet Gunda Bartels vom Festival Dok Leipzig, in der FAZ Andreas Platthaus. Besprochen werden die zweite Staffel der Netflixserie "The Diplomat" (NZZ) und Damien Leones Horrorfilm "Terrifier 3" ("Wer Traumata oder sonstige frühkindliche Fehlprägungen zu Themen wie Kettensägen, Hackebeilen und Ratten hat, sollte auf jeden Fall daheimbleiben", rät Joachim Hentschel in der SZ)
Design

Im Tagesspiegel stellt Grit Thönnissen die Berliner Designerin Kasia Kucharska vor, die Kleidung aus Latex-Schnüren anfertigt. Dafür hat sie gerade von Anna Wintour den Preis des "Vogue Fashion Fund" überreicht bekommen. Auch wenn das Material Latex ist - mit Fetischmode haben ihre Kollektionen nichts zu tun, meint Thönnissen. "Dass ihre Kleidung im Alltag funktioniert, weiß sie vor allem von ihren Kundinnen. Die aus den USA sind stolz, ihren mit viel Mühe bearbeiteten Körper zu zeigen. Die aufgedruckten Linien zeichnen jedes ausgearbeitete Detail des Körpers heraus. Es ist als würde ein Comiczeichner seinen Figuren mit schwarzem Stift eine schärfere Kontur geben. Die japanischen Kundinnen nutzen ihre Entwürfe vor allem, um einzelne Kontraste zu schaffen. So schaut ein Ärmel mit Latexgitter unter einem Wollpullover hervor, oder ein hoher anliegender Kragen unter einer Jacke."
Bühne

Viel diskutiert wurde letztes Jahr über die Authentizität der DDR-Darstellung in Charlotte Gneuß' "Gittersee" (Unser Resümee). nachtkritikerin Elena Philipp hat den Roman in jedem Fall gerne gelesen, der mit einem "makellos konstruierten Spannungsbogen" von seiner jungen Protagonistin Karin erzählt, die schon im zarten Teenager-Alter von der Stasi umworben wird. In ihrer Inszenierung am Berliner Ensemble fokussiert Regisseurin Leonie Rebentisch, die auch die Bühnenfassung schrieb, "dem dialogischen Medium angemessen, auf das Verhältnis der Figuren; lässt sie vielsagende Blicke tauschen oder ein Lächeln zwischen Karin und Wickwalz, der die junge Frau wie ein kalt kalkulierender Marionettenspieler als 'scharfe Beobachterin' lobt und mit Bier und Zigaretten in die Erwachsenenwelt initiiert, auch einmal einen Moment zu lange stehen; kontrastiert die grobe Körperlichkeit zwischen Mutter und Tochter mit der verspielten Zärtlichkeit von Karin und Marie, die auf einem Sitzsack in einer DDR-Zeitschrift blättern und sich mit dem Lippenstift von Maries Freundin Marlene die Münder pink malen."
"Geschickt und einfühlsam" findet taz-Kritiker Michael Wolf Rebentischs Adaption: "An einer sehr klugen Stelle redet ihre Karin dann mit der Freundin über Kapitalismus und Sozialismus und darüber, ob auch sie rübermachen wollen würden, als Marie nur für einen Satz das Thema wechselt und fragt: 'Habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass die Katze von Marlene schwanger ist?' Ja, so könnte es gewesen sein, so könnte es ausgesehen haben im Kopf einer jugendlichen DDR-Bürgerin, für die Politik, Klassengegensätze und die Verfasstheit ihres Staates genauso relevant waren wie die schwangere Katze der Freundin." Auch Christine Wahl (Tagesspiegel) hat die Aufführung im Tagesspiegel überzeugt, sie findet vor allem Amelie Willberg in der Rolle der Karin toll.
Besprochen werden außerdem Katie Mitchells Inszenierung von "Bernarda Albas Haus" nach Federico García Lorca am Schauspielhaus Hamburg (FAZ, nachtkritik), Cordula Däupers Inszenierung von Jacques Offenbachs Opéra-bouffon "Die schöne Helena" am Staatstheater Mainz (FR), Lies Pauwels Inszenierung von "Werther (Love & Death)" am Schauspielhaus Bochum (taz), Holle Münsters Inszenierung von "Das Universum vs. Alex Woods" nach dem Roman von Gavin Extence am Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz (nachtkritik) und Bernadette Sonnenbichlers Inszenierung von Molières Stück "Der Geizige" am Schauspielhaus Düsseldorf (nachtkritik).
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