Efeu - Die Kulturrundschau

Sie entscheiden sich fürs Schweigen

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02.11.2024. "Ein Schriftsteller, der das literarische Sprechen boykottiert, ist wie ein Musiker, der die Musik boykottiert", sagt der israelische Schriftsteller Ron Segal in der FAZ, fassungslos angesichts des Israel-Boykottaufrufs seiner Kollegen. Die FAZ hört bei der 17. Kunstbiennale in Lyon außerdem die Stimmen von Flüssen und wütenden Kochtöpfen. Die SZ versenkt sich tief in den "kammermusikalischen Minimalismus" der Jazz-Musiker Nils Wülker und Arne Jansen. Die taz denkt in der Ausstellung "Fellow travellers" im ZKM Karlsruhe über die Grenze zwischen Kunst und politischem Aktivismus nach.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2024 finden Sie hier

Literatur

Der in Berlin lebende, israelische Schriftsteller Ron Segal steht in der FAZ völlig fassungslos vor dem breiten literarischen Bündnis, das zum Boykott israelischer Kulturinstitutionen aufruft und sich fernerhin dazu verpflichtet, die eigenen Werke nicht mehr ins Hebräische übersetzen zu lassen. "Ein Schriftsteller, der das literarische Sprechen boykottiert, ist wie ein Musiker, der die Musik boykottiert. ... Wie können Schriftsteller, deren Leidenschaft und Berufung es ist, die Grenzen der Sprache herauszufordern und zu erweitern, sich dafür entscheiden, sie zu boykottieren? Sie können die Sprache nutzen, um ein scharfes politisches Buch zu schreiben, um Lärm zu machen. Stattdessen entscheiden sie sich fürs Schweigen. Würden Sie Ihre eigene Sprache oder eine Übersetzung, mit der Sie Ihren Lebensunterhalt verdienen, boykottieren? Der hebräische Markt ist klein und daher ökonomisch zu vernachlässigen. Die hebräische Kultur jedoch ist reich, weit über ihre Politik hinaus. Indem sie ihre Werke der israelischen Leserschaft vorenthalten, reduzieren die Autoren, die den Brief unterzeichnet haben, ihre Leser im Wesentlichen auf deren Nationalität - eine Schande, vor allem wenn es sich um Frauen und Männer der Literatur handelt."

Weitere Artikel: Franz Kafka und Thomas Mann hätten sich gut verstanden, glaubt Dieter Borchmeyer in der NZZ. Fürs Literarische Leben der FAZ hat Thomas David mit dem Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro gesprochen, der in diesem Monat 70 Jahre alt wird. Dlf Kultur hat aus diesem Anlass ein Feature von David über Ishiguro aus dem Archiv geholt. Martin Zips berichtet in der SZ von seinem Besuch im Atelier des Comiczeichners Jul, der den neuen Lucky-Luke-Band "Letzte Runde für die Daltons" gestaltet hat. Marie-Luise Goldmann spricht für die WamS mit dem Beststeller-Autor John Strelecky. Außerdem kürt die Welt die besten Sachbücher des Monats. Auf Platz Eins: Andreas Reckwitz' "Verlust. Ein Grundproblem der Modern" (Dlf Kultur hat mit dem Soziologen ausführlich über seine Thesen gesprochen).

Besprochen werden unter anderem Dogan Akhanlis "Sankofa" (FR), Robert Franks neuaufgelegte Fotoreportage "The Americans" (NZZ), Alexej Nawalnys Memoiren "Patriot. Meine Geschichte" (NZZ), Justin Steinfelds "Califa oder Die Liebe zu einer Starkstromtechnikerin" (FAZ), Joachim Meyerhoffs "Man kann auch in die Höhe fallen" (LitWelt) und Clemens Böckmanns "Was du kriegen kannst" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Nathan Coleys Installation "There will be no miracles here". Hier ausgestellt von der Scottish National Gallery Of Modern Art (Modern Two). © Studio Nathan Coley.

Eine besonders "fluide" Kunstbiennale erlebt FAZ-Kritikerin Alexandra Wach in Lyon: "Les voix des fleuves" ("Die Stimmen der Flüsse") lautet denn auch der Titel, der sich auf die beiden Flüsse Rhône und Saône bezieht, wie auch auf das Thema Wasser, das laut Wach eine wichtige Rolle spielt und zeigt, "wie Kunst Barrieren überwinden kann". Auch wurden ganz neue Ausstellungorte erschlossen, freut sie sich: "Erstmals als Bühne fungiert Les Grandes Locos, eine monumentale Brachfläche, auf der sich von 1846 bis 2019 ein SNCF-Wartungs- und -Reparaturzentrum für Lokomotiven befand. Hier überwiegen Werke, die auf das industrielle Umfeld reagieren und mit Blick auf heutige gesellschaftliche Spaltungen die Erinnerung an die sozialen Kämpfe von einst hochhalten. Und das mitunter sogar mit Humor, wenn wütende Schnellkochtöpfe zur Revolution aufrufen. Die Portugiesin Pilar Albarracín erinnert mit der Installation an die Arbeiter, die hier für ihre Rechte kämpften. Die Geräte geben im Takt der Internationale buchstäblich Dampf ab, während die Lichtinstallation von Nathan Coley verkündet: 'Hier wird es keine Wunder geben.'"

In der wochentaz gibt Carmela Thiele Einblicke in die Ausstellung "Fellow Travelers. Kunst als Werkzeug, die Welt zu verändern" im ZKM Karlsruhe, in dem vor allem "politisch" engagierte Werke, unter anderem vom Konzeptkünstler Renzo Martens zu sehen sind. Mitkuratiert hat die Schau die kubanische Künstlerin Tania Bruguera (unser Resümee), die in einem Video zusammen mit dem neuen ZKM-DirektorAlistair Hudson erklärt, was sie politische Kunst ausmachen sollte: "Im spanischen útil stecke nicht nur der Aspekt des Nützlichen, auch das Wort Werkzeug. Gemeint ist also Kunst als Tool, um verhärtete Strukturen aufzulösen, Missstände zu beheben. 'Ethisch und ästhetisch' solle sie sein, sind sich Hudson und Bruguera einig." Nichts gegen Kunst, die die Welt verändern will, findet Thiele. Es ist aber Vorsicht geboten: "Politischer Aktivismus von Kunstschaffenden, etwa die Forderung von der Gruppe Art Not Genocide Alliance (ANGA), Israel aufgrund des Kriegs in Nahost von der diesjährigen Biennale von Venedig auszuschließen, bedient sich ausschließlich der Mittel des Protests. Das kann man machen, ist aber keine Kunst. Hier zumindest lässt sich eine rote Linie ziehen, um sich in dem unübersichtlich gewordenen Feld künstlerischer Einmischungen noch ein paar letzte Elemente autonomer, freier Kunst zu bewahren."

Außerdem: Laura Helena Wurth unterhält sich für die FAS mit den zwei Freiwilligen Gaby Frey und Luca Klett, die in der Zürcher Retrospektive Marina Abramovics Performance "Imponderabilia" nachstellen: Sie stehen also nackt in einem Türrahmen, die Besucher müssen sich an ihnen vorbeischieben. Besprochen wird die Ausstellung "Country bin pull'em" im Weltkulturen Museum Frankfurt (FR), eine Ausstellung mit Werken der Finalisten des Losito-Kunstpreises in di Galerie in Berlin (tsp), die Ausstellung "This is feeling all of it" mit Werken von Ryan Gander in der Galerie Esther Schipper in Berlin (tsp) und die Ausstellung "Eccentric - Ästhetik der Freiheit" in der Pinakothek der Moderne in München (tsp).
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Bühne

Die Opern von Ethel Smyth erfreuen sich gerade großer Beliebtheit, stellt Robin Passon in der FAZ fest. Sie stelle die Regisseure aber vor die Entscheidung zwischen "schunkelndem Piratenkitsch und der Suche nach zeitloser Relevanz": Keith Warners Karlsruher und Jochen Biganzolis Meininger Inszenierung ihrer Oper "The Wreckers" entscheiden sich für letzteres, so Passon. Besprochen werden Christian Stückls Inszenierung von Daniel Kehlmanns Roman "Lichtspiel" am Münchner Volkstheater (SZ, nachtkritik), Lies Pauwels Inszenierung ihres Stückes "Werther (Love & Death)" am Schauspiel Bochum (nachtkritik) und Kathrin Mädlers Inszenierung von Nora Bossongs Stück "Grabeland" am Theater Oberhausen (nachtkritik).
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Architektur

Die Erweiterung des Joslyn Art Museums durch Snøhetta. Foto: Nic Lehoux.

Bernhard Schulz führt in der FAZ durch das Joslyn Art Museum in Omaha, das vom Architekturbüro Snøhetta eine "elegante Erweiterung" erhalten hat: "Das Joslyn Museum bekommt nun ein lichtdurchflutetes Foyer, mit einer weit schwingenden Treppe hinauf auf die Galerieebene und Ausblick auf die Eingangsfront des Altbaus von 1931 mit ihrem geradezu einschüchternden Treppenaufgang. Die Besucher kommen längst vom Museumsparkplatz durch den Hintereingang, und so hat Snøhetta dort einen großzügigeren Eingang geschaffen, unter dem weiß umkleideten Galerientrakt im Obergeschoss. Auf der dem Altbau zugewandten Seite hingegen steigt der Neubau sanft an und lässt an das Opernhaus in Oslo denken, das Snøhetta weltberühmt gemacht hat."
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Stichwörter: Snohetta, Oslo

Film

Das war uns gestern durchgerutscht: Die Berliner Kinokultur sieht fürs Erste einer trüben Zukunft entgegen, schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. Denn: Das Filmmuseum hat Ende Oktober seine alten Räumlichkeiten aufgegeben und harrt nun fürs Erste in einem Provisorium. Mit Improvisationen muss auch das Kino Arsenal das kommende Jahr überbrücken, bis es schließlich sein neues Domizil in Wedding beziehen kann. Seit geraumer Zeit in einem unbefriedigendem Ausweichraum befindet sich das Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums - wann es in seinen angestammten Saal zurück darf, ist derzeit unklar. Auch für die Berlinale ist das eine Herausforderung. "Da das Arsenal an seiner neuen Adresse deutlich weniger Plätze hat und aus dem Stadtzentrum in einen der Berliner Kieze zieht, bleibt Bedarf für einen alten Traum, den die lokale Politik immer groß gedacht, aber nie konkret in Angriff genommen hat: ein Filmhaus, das all jene Aufgaben bündeln könnte, die nun mehr denn je verstreut sein werden. Dabei zeigt sich nicht nur am Beispiel des Zeughauskinos, dass die filmkulturelle Intelligenz in der Hauptstadt in hohem Maß vorhanden ist. Sie wird nur aktuell mehr denn je in Zwischen- und Kompromissnutzungen gedrängt."

Außerdem: Martin Scholz spricht für die WamS mit Ridley Scott, der aktuell eine Fortsetzung seines Klassikers "Gladiator" in die Kinos bringt. Lena Karger geht für die WamS mit dem Schauspieler Tom Schilling zum Tennistraining. Besprochen werden Sean Bakers "Anora" (Zeit, mehr dazu hier) und Al Pacinos Autobiografie (WamS).
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Musik

SZ-Jazzkritiker Andrian Kreye versenkt sich tief ins neue Livealbum von Nils Wülker und Arne Jansen, die auch hier wieder ihrem "kammermusikalischen Minimalismus" frönen. Doch "im Hallraum der Konzertsäle schaffen sie ein Raumgefühl, das die Intimität ihres Duos in eine Weite katapultiert, die jedem Ton, jedem Klang zusätzlich Gewicht verleiht." Aber ist das noch Jazz? "Oft lässt Arne Jansen seine Gitarre als Klangmodulator in diesem Raum stehen. Wenn er zum Beispiel zu Beginn von 'He Who Counts the Stars' mit dem Volumenpedal jeden Akkord ohne den Anschlag anschwellen lässt, um dann mit einem Triolenmotiv den Weg für Nils Wülkers Backbeat-Linien freizumachen, sind die Synkopen aus dem Erbgut des Jazz so verhalten, dass sie mehr spür- als hörbar sind. Oder wenn er die Reste eines Powerchords über Echowellen unter Wülkers Variationen des Nine-Inch-Nails-Klassikers 'Hurt' zieht, was als entfernte Hommage an Johnny Cashs Version noch einmal die Radikalität des Minimalismus herausstellt."



Christian Schachinger erinnert im Standard an Aphex Twins "Selected Ambient Works Vol. 2", die vor 30 Jahren erschienen sind und nun in einer Neuausgabe vorliegen. Diese Zusammenstellung "hat natürlich noch kein Mensch am Stück gehört. Zumindest nicht, ohne dabei in synästhetische Wahnvorstellungen oder einen mehrjährigen Schlaf zu fallen, der teilweise mit recht unguten Träumen aufwarten könnte. Zwischen elektronischen Schalmeien, bedrohlichem Dröhnen aus einem Film, in dem es einem Atom-U-Boot in 3000 Meter Tiefe nicht sehr gutgeht, verhallter Kirchenorgel, verzerrten Engelschören, überhitztem Generatorenbrummen, Pochen, Herzflimmern und Klick-Klack-Kugeln sowie flächigen Streicherklängen ist alles möglich." Wir wünschen Ihnen viel Erfolg beim Versuch, durchzukommen:



Weitere Artikel: Immer mehr klassische Musiker ziehen zum Spielen Tablet-Lösungen Notenblättern vor, stellt Michael Stallknecht in der SZ fest. US-Punk-Ikone Jello Biafra kotzt sich im taz-Gespräch sämtlichen Frust über die USA aus dem Leib.

Besprochen werden das Comeback-Album von The Cure (FR, mehr dazu hier), Cécile McLorin Salvants Auftritt beim Zürcher Festival Jazznojazz (NZZ), ein von Elena Schwarz dirgiertes Konzert der Wiener Symphoniker zu Ehren des im März verstorbenen Péter Eötvös (Standard), ein von Klaus Mäkelä dirigiertes Konzert des Oslo Philharmonic in Wien (Standard), der Auftakt des Festivals Wien Modern (Standard) und ein Strauss- und Mendelssohn-Bartholdy-Abend mit dem HR-Sinfonieorchester in der Frankfurt (FR).
Archiv: Musik