Efeu - Die Kulturrundschau

Weiter zur nächsten Galaxie

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.10.2024. Jean Tinguely war kein Schweizer Dinosaurier, sondern ein Meister der Kinetik, dessen Maschinen selbst zu Künstlern werden, jubelt die FAZ in einer Ausstellung in Mailand. Außerdem freut sie sich über inspirierten Georges-Perec-Schabernack in einer Inszenierung von Anita Vulesica in Hamburg. Übersetzer machen sich existentielle Sorgen angesichts immer besserer KI-Programme, die ihren Job übernehmen könnten, berichtet die SZ. Die besucht auch die Frankfurter Buchmesse und kann sich zwischen den Elefanten im Raum kaum bewegen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2024 finden Sie hier

Literatur

"Man kann ohne jede Übertreibung sagen, dass bei den hauptberuflichen Übersetzern derzeit die Luft brennt", schreibt Felix Stephan in der SZ mit Blick auf neueste KI-Übersetzungstools, die "ganze Bücher in wenigen Sekunden halbwegs lesbar übersetzen." Die Diskussionen laufen heiß: Die einen sind dafür, "Sprachmodelle mittels Grundsatzerklärung komplett aus dem Übersetzerwesen herauszuhalten", die andere Seite "spricht sich dafür aus, die Technik in die eigene Arbeit zu integrieren. ... Einig sind sich immerhin alle darin, dass ihre Arbeit in Zukunft nicht darin bestehen soll, computergenerierte Übersetzungen quasi nur noch fertigzustellen. Genau diese Zukunft aber lassen erste Vorstöße von Verlagen erahnen, die Übersetzern nur noch KI-generierte Übersetzungen zur Korrektur vorlegen und sie dafür dann auch noch schlechter bezahlen wollen. Es wäre eine schlechtere, eintönigere und auch dümmere Arbeit, und wenn die Tarife für Übersetzer ... noch einmal sänken, dürfte sich das Berufsfeld zügig leeren."

Dirk Knipphals singt in der taz ein Loblied auf den Besuch der Frankfurter Buchmesse, die gestern Abend eröffnet wurde. Nicht Preise, der Betriebstratsch oder der Business Talk machen deren eigentlichen Reiz aus, schreibt er, sondern das allgemeine Summen und Brummen rund um "die Themen, die Triggerpunkte, die Thesen und Hot Takes, die unsere Gesellschaft umtreiben. ... Man bekommt einen geradezu körperlichen Eindruck davon, dass die moderne Gesellschaft eine diskutierende, debattierende, hinterfragende, auch schlicht quatschende Veranstaltung ist. Und dass dieses Diskutieren, Debattieren und Quatschen nicht nur kulturstiftend, sondern auch politisch wichtig ist."

Etwas mehr Debatte hätte es beim Eröffnungsabend allerdings schon geben können, findet Christiane Lutz in der SZ: "Die ungefähr zehn Elefanten im Raume adressiert an diesem Abend niemand direkt, es ist ein freundliches Umtanzen des Offensichtlichen. Niemand erwähnt Israel oder Gaza, niemand erwähnt Donald Trump. ... Niemand benennt die populistischen Kräfte, die nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa wirken und nicht nur die Kultur bedrohen, niemand nennt die AfD oder die Fratelli d'Italia, deren Vertreter in der ersten Reihe dieser zeremoniellen Eröffnung sitzen, in Person des frisch gekürten italienischen Kulturministers Alessandro Giuli zum Beispiel."

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Anne-Catherine Simon ärgert sich in der Presse über den Deutschen Buchpreis für Martina Hefters "Hey, guten Morgen, wie geht es Dir?" (unser Resümee), den Clemens Meyer für "Die Projektoren" ihrer Ansicht nach viel mehr verdient hätte: "Was für eine Botschaft sendet eine Jury an deutschsprachige Autorinnen und Autoren, indem sie diesen grandiosen Solitär zurückstellt? Keine ermutigende." Michael Wurmitzer porträtiert Hefter im Standard.

Weitere Artikel: 2024 ist ein großartiges Jahr, um italienische Schriftstellerinnen zu entdecken, schwärmt Marielle Kreienborg in der taz. Christian Geyer-Hindemith macht sich in der FAZ Gedanken zur (geringen) Zahl an Minuten, die Menschen täglich mit dem Lesen von Büchern verbringen. Comicautor Craig Thompson gibt im Tagesspiegel-Fragebogen Einblick in seine Arbeit. Harald Hordych spricht für die SZ mit dem Bestseller-Autor Frank Schätzing über dessen neuen Mittelalterroman "Helden". Paul Ingendaay schreibt in der FAZ zum Tod des chilenischen Schriftstellers Antonio Skármeta.

Besprochen werden unter anderem das gemeinsame Kinderbuch "Hey, hey, hey, Taxi! 2" von Saša Stanišic, Nikolai Stanišic und Katja Spitzer (FR), Alice Cherkis "Frantz Fanon. Ein Porträt" (Jungle World), Anna Katharina Hahns "Der Chor" (online nachgereicht von der FAZ), Sascha Hommers Comicadaption von Wilhelm Hauffs Märchen "Das kalte Herz" (FAZ.net), Francesca Melandris Streitschrift "Kalte Füße" (FAZ) und Igiaba Scegos "Kassandra in Mogadischu" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Die taz bringt heute zur Frankfurter Buchmesse ihre Literaturbeilage, die wir in den kommenden Tagen hier auswerten.
Archiv: Literatur

Kunst

Ausstellungsansicht: Helen Frankenthaler - "Malen ohne Regeln". Palazzo Strozzi, © Helen Frankenthaler Foundation, Foto: Ela Bialkowska OKNOstudio

Klug findet es monopol-Kritikerin Leonie Wessel, dass die Helen Frankenthaler-Ausstellung "Malen ohne Regeln" im Palazzo Strozzi in Florenz die abstrakte Expressionistin gemeinsam mit Werken von Jackson Pollock, Anne Truitt, Mark Rothko und anderen zeigt, lernt man doch so nicht nur die Einflüsse, sondern auch Frankenthalers Einzigartigkeit kennen, etwa im Bild "Moveable Blue" aus dem Jahr 1973: "Das Bild zeigt auf besonders beeindruckende Art ihre in den 1950er-Jahren entwickelte 'Soak-Stain'-Technik, also ein Aufsaugen der Farbe in den Stoff. Zwei blaue Seen, von gelben Inseln umrahmt, ein oranges Plateau in ihnen aufsteigend. Inspiriert von der Arbeit Jackson Pollocks und Willem de Kooning, goss Frankenthaler verdünnte Ölfarbe auf ungrundierte Leinwände und ließ die Farbe in das Gewebe einsickern, wodurch leuchtende, beinahe ätherische Kompositionen entstanden. Durch die Abkehr von einer gestischen Pinselführung, den Fokus auf spontane Farbe und die Interaktion zwischen Untergrund und Tönung, gelang ihr eine Innovation in der Abstraktion."

Wer Jean Tinguely immer noch als einen "Schweizer Dinosaurier" unterschätzt, der lediglich "vollkommen anachronistische Macho-Monumentalmaschinen aus Stahl zusammengeschweißt" habe, der soll sich aufmachen zu einer monumentalen Werkschau im Hangar Bicocca, Mailand, empfiehlt Stefan Trinks in der FAZ. Tinguely, zeigt sich hier, war schlicht "einer der bedeutendsten Kinetiker: sein Interesse an Bewegung und Modi der visuellen Wahrnehmung verlegt er in Maschinen, die ihrerseits eine Eigengesetzlichkeit der Kinesis bewirken. Manche zerstören sich partiell durch Abnutzung und wandeln sich, andere bringen neue Maschinen hervor und werden so selbst zu Künstlern. Seine Zeichenmaschine 'Méta-Matic', die gegen einen Jeton zu benutzen ist, schafft je nachdem, wie nahe zum Papier man den Filzstift in sie einspannt, immer wieder neue Originale, ist also selbst künstlerisch tätig."

Besprochen werden die Ausstellung "L'Or des Ming. Fastes et beautés de la Chine impériale (XIVe-XVIIe siècle)", die im Pariser Musée Guimet Kunsthandwerk der Ming-Dynastie präsentiert (NZZ), die Ausstellung "Surrealismus" im Centre Pompidou (SZ), Daniela Comanis Schau "Reading Room" im Berliner Kunstverein Am Rosa-Luxemburg-Platz e. V. (taz Berlin), Elmgreen & Dragsets "L'Addition" im Musée d'Orsay, Paris (monopol) und Melvin Edwards' Ausstellung "Some Bright Morning" im Fridericianum, Kassel (monopol).
Archiv: Kunst

Bühne

Schauspielhaus Hamburg - Die Maschine oder:
Über allen Gipfeln ist Ruh. © Eike Walkenhorst

Wie bringt man die Texte des Sprachavantgardisten Georges Perec auf die Bühne? Am besten genau so, wie Anita Vulesica es am Schauspielhaus Hamburg vorführt, jubelt Irene Bazinger in der FAZ. Gegeben wird "Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh", auf der Basis eines gleichnamigen Perec-Hörspiels, das Goethes Gedicht "Wandrers Nachtlied" sprachlich in die Mangel nimmt: "Wie ein mechanischer, perfekt eingespielter Organismus eignet sich das bewundernswerte Ensemble Goethes kleines Gedicht als großen Schabernack an - dermaßen komisch, wie es nur mit vollem Ernst geschehen kann. Die Extremrhetoriker zeigen, wie viel Musik in Perecs paradoxer Partitur steckt, sie singen und tanzen und haben selbst für die kuriosesten Anforderungen - 'das gedicht im stil eines elisabethanischen sonetts' - eine schnelle Lösung parat." 

Ruth Rosenfeld hat im Stück "Die Entführung der Amygdala" an der Berliner Schaubühne 90 Minuten lang die Bühne für sich allein, berichtet Katja Kollmann in der taz. Es geht um die Belastungen, die Mutterschaft unter patriarchalen Verhältnissen mit sich bringt und beginnt noch eher konventionell mit Geschimpfe über die Verhältnisse. Sehr interessant wird es hingegen später im Stück, wenn die Hauptfigur in den Zustand der Amnesie eintritt: "Sie muss keine Rolle mehr spielen und ist nur noch für sich selbst verantwortlich. Rosenfelds Spiel wird jetzt intimer. Die neue Gefühlslage ihrer Protagonistin erreicht sie durch einen Mix aus Verwunderung, Verspieltheit und Distanzierung. 'Ich habe so dafür gekämpft, dass mir die Nähe, die Zärtlichkeit, die Liebe nicht all meine Kraft aus dem Körper presst', sagt die Figur. 'Wie soll ich eurer Zärtlichkeit begegnen, wenn ich dafür jemand sein muss, der ich nicht bin?' Ruth Rosenfeld legt ein letztes E-Gitarren-Solo hin, dann geht es weiter zur nächsten Galaxie."

Außerdem: Lola Arias erhält den Ibsen-Preis. Rüdiger Schaper porträtiert die unter anderem am Berliner Gorki inszenierende argentinische Regisseurin für den Tagesspiegel. Katrin Ullmann spricht in der taz nord mit den Kuratoren der Ausstellung "Temperamente des Theaters", die in der Hamburger Staatsbibliothek Bühnenbücher präsentiert. Shirin Sojitrawalla startet in der nachtkritik eine neue Kolumne unter dem Titel "Tratsch & Trauma".

Besprochen werden Cathy Marstons Ballett "Clara" am Opernhaus Zürich (FAZ; "enttäuscht in mehrfacher Hinsicht"), Judith Kuckarts "Die Welt zwischen den Nachrichten" am Bremer Theater am Leibnizplatz (taz Nord, "Hörfunk zu inszenieren macht noch kein gutes Theater") und Mieczysław Weinbergs Oper "Die Passagierin" am Theater Lübeck (FAZ, "musikalisch auf sehr hohem Niveau").
Archiv: Bühne

Film

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Mit regem Interesse liest Georg Seeßlen für Zeit Online Al Pacinos Autobiografie "Sonny Boy": Der Schauspieler "ist der Meister der Verlierer." Im Kino ist er "ein Kerl, dem wir beim Verlieren zuschauen wollen. Beim schönen Verlieren. Wenn er verliert, hat er unsere volle Sympathie, mehr als das, und wenn er gewinnt, verwandelt er sich in ein Monster: 'Scarface' (1983), diese Film-Oper der Gewalt von Brian de Palma, in der alles noch einmal verdichtet ist, von der Realität des (Einwanderer-)Gangsters in die Hyperrealität der amerikanischen Mythologie." Doch "Pacino, der einem auf der Leinwand immer gefährdet und bedrohlich erscheint, zwischen dem 'Hundeblick', mit dem einer wie er immer durchkommt, und der Explosion der Gewalt - dieser Al Pacino begegnet einem in seiner Biografie als offener, freundlicher und durchaus selbstkritischer Kerl." Der Guardian bringt einen großen Auszug aus dem Buch, in dem sich Pacino an die Dreharbeiten zu "Der Pate" erinnert.

Außerdem: Andreas Kilb (FAZ) und Gunda Bartels (Tsp) gratulieren Corinna Harfouch zum 70. Geburtstag. Besprochen werden Alfonso Cuaróns auf Apple TV+ gezeigte Serie "Disclaimer" mit Cate Blanchett ("ein Streamingjuwel", jubelt SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh online nachgereicht vom TA), Andreas Dresens "In Liebe, Eure Hilde" über Hilde Coppi, die im Nazi-Deutschland Teil der Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" war (Welt), Javier Espadas Kino-Dokumentarfilm über Luis Buñuel (online nachgereicht von der FAZ), Juuso Laatios und Jukka Vidgrens Metalkomödie "Heavier Trip" (taz), Małgorzata Szumowskas und Michał Englerts "Frau aus Freiheit" über eine Transfrau in Polen (Standard), Cyrill Boss' und Philipp Stennerts deutsches Fantasyepos "Hagen - Im Tal der Nibelungen" (Standard), die auf MagentaTV gezeigte Serie "Joan" (FAZ) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Last Days of the Space Age" (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Carlo Mariani blickt in der NZZ auf den anhaltenden Streit zwischen der argentinischen Popmusikerin Lali Espósito und dem Präsidenten ihres Heimatlandes, Javier Milei: Dabei geht es um "den Kampf zwischen den Kunstschaffenden und der Regierung in Argentinien, die das Budget für die Kultur drastisch kürzt". In ihrem aktuellen Video "Fanático" hat sie "nun richtig ausgeteilt":



Außerdem: Die Band Limp Bizkit wirft ihrem Label Universal systematischen Betrug vor, meldet Mathis Raabe auf Zeit Online. Besprochen werden ein Konzert von Joan as Police Woman in Zürich (NZZ), ein ARD-Podcast über Leonard Cohen (TA), das Honeyglaze-Album "Real Deal" (FR), das neue Album "It's All Going South" der Grazer Band The Base (Standard) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter Geordie Greeps Soloalbum "The New Sound" ("ein harter Brocken", ruft Standard-Kritiker Christian Schachinger).

Archiv: Musik