Efeu - Die Kulturrundschau
Aus dem entfremdeten Alltag geschöpft
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02.10.2024. Die Filmkritiker sind sich uneins über Todd Phillips Joker-Musical: Die FAZ staunt, wie schön Joaquin Phoenix tanzt, der Tagesspiegel wartet auf einen Lady-Gaga-Film, der losgelassen wird. In Monopol denkt Gabriele Stötzer über eine internationale "Politikverkehrsordnung" nach. Die Welt erinnert sich in Zürich mit Dea Loher und Jette Steckel an die Todesangst während der Pandemie. Die FAZ feiert die "Sprachkraft" der Instrumentalmusik in Venedig.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
02.10.2024
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Film

Mit "Joker: Folie à Deux", seiner Fortsetzung zum zwar kontroversen, aber lukrativen "Joker"-Blockbuster von 2019, bricht Regisseur Todd Phillips mit allen Erwartungen: War der erste Teil noch ein vor Scorsese-Zitaten triefendes Düster-Drama im New-Hollywood-Stil, ist der zweite Teil nun über weite Strecken ein Hollywood-Musical und ansonsten ein Knast- und Gerichtsdrama. Joaquin Phoenix gibt erneut den tragisch-deliranten Superschurken, an seiner Seite steht Lady Gaga als geistig ebenfalls nicht voll zurechnungsfähige Amour Fou Harley Quinn. Phoenix ist "genau der richtige Joker für Lady Gagas Harley. Wie schön er tanzt", jubelt Dietmar Dath in der FAZ. "Während sein Körper es nicht ganz hinkriegt, glaubt man, erkennen zu können, dass seine Seele es mühelos schafft. Mal behauptet er die Rampendominanz, mal verspielt er sie lustvoll an Lady Gaga. Seine Rolle entwirft einen Mann, den man so lange erniedrigt und ausgelacht hat, bis er vor lauter Selbstmitleid und Jähzorn glaubt, er dürfe jetzt machen, was er will." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte bescheinigt den Songnummern "eine seltene Intimität. Es gibt viel zu erleben in einem Film fast ohne Handlung, und das in einem Genre, ... in dem die Angst vor der Leere kaum ein sekundenlanges Innehalten duldet."
Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche ist dagegen unzufrieden. Zwar ist Lady Gaga ein "Besetzungscoup" und liefert "großes Kino". Aber "die Gesangseinlagen fungieren bloß als Realitätsflucht, ohne tatsächliche Konsequenzen für die Figuren. Das Musical war ja im klassischen Hollywoodkino, bei Meistern wie Vincente Minnelli und Stanley Donen, eine hochreflektierte Erzählform über das Verhältnis von Inszenierung und Performance sowie die Künstlichkeit von Realitäten. Bei Phillips fungiert Minnelli aber nur wieder als Schablone für einen filmhistorischen Rekurs - wie schon die Scorsese-Zitate im ersten Film."
Weitere Artikel: Patrick Heidmann spricht für die taz mit dem mexikanischen Regisseur Michel Franco über dessen neuen Film "Memory". Pamela Jahn spricht für die NZZ mit Oliver Masucci, der aktuell im (in der FAZ besprochenen) ARD-Mehrteiler "Herrhausen - Herr des Geldes" die Hauptrolle spielt. In der FAZ schreibt Bert Rebhandl einen Nachruf auf den Filmhistoriker Klaus Kreimeier.
Besprochen werden Chris Sanders' Animationsfilm "Der wilde Roboter" (FD, FR), Jon Watts' auf AppleTV gezeigte Thrillerkomödie "Wolfs" mit Brad Pitt und George Clooney (Presse) und Sarah Neumanns gleichnamige Verfilmung von Dorit Linkes Roman "Jenseits der blauen Grenze" (FD).
Kunst
Die Künstlerin Gabriele Stötzer, die sich mit ihren feministischen Arbeiten gegen das DDR-Regime auflehnte, saß ein Jahr im Gefängnis, jetzt hat sie den Bremer Pauli-Preis bekommen. Im großen Monopol-Gespräch fordert sie eine internationale "Politikverkehrsordnung", die extremistischen Parteien Politikverbot erteilt. Vor allem aber rechnet sie mit der DDR ab: Die Stasi habe versucht, Leute wie sie zu isolieren und in den Selbstmord zu treiben. In der Haft schließlich habe sie "gelernt, dass der Sozialismus, an den ich geglaubt hatte, eine Lüge war. Der Mensch bedeutete der Regierung gar nichts. Sie waren pleite und verkauften die politischen Gefangenen für viel Geld in den Westen. Die Strafen für die 'Politischen' fielen so hoch aus, damit sie teuer verkauft werden konnten, wie Fleisch. Das hätte ich unserem sozialistischen Staat nie zugetraut. Da habe ich die Hoffnung, den Sozialismus reformieren zu können, verloren."
Weiteres: Antje Weitzel ist ab sofort künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Künstlerhauses Bethanien, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Eine wichtige Ausstellung, die die Frage stellt, wie die Enkel der Holocaust-Überlebenden nach dem Tod der letzten Zeitzeugen die Familiengeschichte weitererzählen, annonciert Klaus Hillenbrand in der taz mit der Schau "Die dritte Generation" im Jüdischen Museum Wien. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Monet und London - Ansichten der Themse" in der Londoner Cortault Gallery (SZ).
Weiteres: Antje Weitzel ist ab sofort künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Künstlerhauses Bethanien, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Eine wichtige Ausstellung, die die Frage stellt, wie die Enkel der Holocaust-Überlebenden nach dem Tod der letzten Zeitzeugen die Familiengeschichte weitererzählen, annonciert Klaus Hillenbrand in der taz mit der Schau "Die dritte Generation" im Jüdischen Museum Wien. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Monet und London - Ansichten der Themse" in der Londoner Cortault Gallery (SZ).
Literatur
Jannis Koltermann resümiert in der FAZ die Thomas-Mann-Tage in Lübeck. Der Schriftsteller Jaroslav Rudiš erinnert sich in der FAZ an ein Gespräch über Kafka, das er mit einem "alten Freund" von einem Biergarten mit Blick über Prag aus geführt hat. Die französische Comiczeichnerin Anne Simon gibt im Tagesspiegel-Fragebogen Einblick in ihre Arbeit. Und die Welt kürt die besten Sachbücher des Monats: Jürgen Habermas' Gesprächsband "Es musste etwas besser werden..." ist auf Platz Eins.
Besprochen werden unter anderem Vitomil Zupans "Levitan" (NZZ), Saskia Hennig von Langes "Heim" (FAZ), Lee Yarons "Israel, 7. Oktober. Protokoll eines Anschlags" (SZ) und Markus Thielemanns "Von Norden rollt ein Donner" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Und: Das neue CrimeMag ist online - hier alle Rezensionen, Essays, Interviews und Kurzbesprechungen.
Besprochen werden unter anderem Vitomil Zupans "Levitan" (NZZ), Saskia Hennig von Langes "Heim" (FAZ), Lee Yarons "Israel, 7. Oktober. Protokoll eines Anschlags" (SZ) und Markus Thielemanns "Von Norden rollt ein Donner" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Und: Das neue CrimeMag ist online - hier alle Rezensionen, Essays, Interviews und Kurzbesprechungen.
Bühne

In den neunziger und nuller Jahren war Dea Loher der Star an deutschen Theatern, dann wurde es ruhig um sie. Mit dem Stück "Frau Yamamoto ist noch da", das in vielen kleinen reduzierten Szenen von Alltags-Skurrilitäten, schmerzhaften Begegnungen und Einsamkeit während der Corona-Pandemie erzählt, meldet sich Loher zurück, freut sich Jakob Hayner in der Welt. Und Jette Steckel gelingt mit der Inszenierung des Stückes am Schauspielhaus Zürich nichts geringeres als die "existenziellen Erfahrungen der Gegenwart freizulegen", staunt Hayner, auch dank des Bühnenbildes von Florian Lösche: "Eine sterile Welt hinter Plastik, die Gleichzeitigkeit von höchster Transparenz und maximaler Trennung. Zu den verschiedenen Lichtstimmungen legt sich die melancholische Musik von The Notwist über die Szenerie. Es sind wenige Mittel, aber sehr eindrückliche. Auch das zehnköpfige Ensemble, das sich auf die über doppelt so vielen Rollen verteilt, übt sich in der Kunst minimaler Gesten. Was hervorragend gelingt. So entstehen Figuren, die in Einsamkeit und Todesangst gefangen sind und sich trotzdem durch ihre wie auch immer entstellten Spuren einer Sehnsucht nach Leben auszeichnen. Es sind aus dem entfremdeten Alltag geschöpfte Kunstfiguren mit clownesken Zügen, zu sehen an den buntgeschminkten Gesichtern."
Die Nachtkritik-Redakteure haben bei den Berliner Intendantinnen nachgefragt, was die massiven Kürzungen im Kulturhaushalt für die einzelnen Berliner Häuser bedeuten: Oliver Reese vom Berliner Ensemble warnt etwa vor einer "Wiederbesetzungssperre. Man besetzt freiwerdende Stellen nicht nach - im besten Fall für ein paar Monate, im schlimmsten dauerhaft." Shermine Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters fürchtet: "Bereits ab 2026 wäre das Gorki nicht mehr fähig, als Ensemble-und Repertoiretheater weiterzuexistieren." Und Thomas Ostermeier, künstlerischer Leiter der Schaubühne, erwartet von Berlins regierendem Bürgermeister eine Stärkung der Kultur: "Sonst wird diese Stadt öde und leer." Ostermeiers Hoffnung setzt Peter Kümmel in der Zeit allerdings entgegen: "Man hört …, der Regierende Bürgermeister sei, im Gegensatz zu manchen seiner Vorgänger, eher theaterfremd".
Auch das Deutsche Theater Berlin setzt zum Beginn der neuen Saison ganz auf die Krisen der Gegenwart, allerdings sehr zum Missfallen von SZ-Kritiker Peter Laudenbach: Sowohl Anna Bergmanns Fellini-Adaption "Das Schiff der Träume (fährt einfach weiter)" als auch Alexander Eisenachs Adaption von T.C. Boyles Roman "Blue Skies" erscheinen Laudenbach so "halbgar", dass er gern seine Lebenszeit zurück hätte: "Die Mischung aus gedanklicher Konfusion, Bedeutungshochstapelei und freilaufendem Kunstgewerbe richtet einen trostlosen Cocktail an. Die Schrecken der ökologischen Katastrophe und die Klage über den moralischen Bankrott Europas werden als eine Art Geschmacksverstärker über lauter leerlaufende Theatermittel gekippt: Quatsch mit kulturpessimistischer Soße."
Besprochen wird Damiano Michielettos Inszenierung von Händels Messias im Flughafen Tempelhof (Welt).
Musik
Dass sich die Musikbiennale in Venedig in diesem Jahr das Motto "Musica asoluta" gibt, mutet nur auf den ersten Blick wie "ein Salto rückwärts" in die musikästhetischen Debatten der deutschen Frühromantik an, versichert Max Nyffeler in der FAZ. Ganz im Gegenteil ziele das Motto "mitten in die Gegenwart. Die Komponistin Lucia Roncheti, die das Festival künstlerisch leitet, "richtet damit die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt, der in den letzten Jahren vor lauter oberflächlicher Politisierung, Identitätsbeschwörung und Medienzauber häufig vergessen wurde: die Sprachkraft der reinen Instrumentalmusik. Damit geht es auch um neue Modalitäten der Komposition und Wahrnehmung. Eine auf diese Weise verstandene absolute Musik von heute wird vermutlich auf romantische Kunstmetaphysik verzichten. Dafür vermag sie, gibt Ronchetti zu bedenken, mit ihrer vieldeutigen Semantik und psychischen Tiefenwirkung die bedrohlich wirkende Komplexität unserer Gegenwart besser zu erfassen als eine Musik mit visuellen oder begrifflichen Zutaten, tiefgründiger auch als die bildende Kunst."
"Uff": Karl Fluch vom Standard muss erstmal schlucken, wenn er das Soloalbum "White Roses, My God" von Alan Sparhawk hört. Der Musiker verarbeitet darauf den Tod seiner Frau und künstlerischen Partnerin Mimi Parker vor zwei Jahren, mit der er bis dahin das Duo Low bildete. Und verarbeitet wird der Tod mit einer ziemlich quietschigen Autotune-Gesangsspur. Aber vielleicht setzt der Musiker auch nur "den experimentellen Ansatz Lows fort", überlegt Fluch. "Sparhawk hat es weitgehend mit Rhythmusmaschinen und dem spärlichen Einsatz von Gitarren produziert, dazu schickte er seinen Gesang durch Effektpedale. Die Trauerarbeit erfährt so eine abstrakte und gewöhnungsbedürftige Form. ... Doch der Einsatz der Stimme als Quasi-Instrument unterscheidet das Resultat am Ende doch vom schablonenhaften Kunstfalsett des Autotune. Es erinnert vielmehr an die Geisterhaus-Etüden, die Regisseur David Lynch auf den Alben 'Crazy Clown Time' (2011) und 'The Big Dream' (2013) produziert hat."
Weitere Artikel: Die Zeit dokumentiert Navid Kermanis beim "Demokratiekonzert" gehaltene Rede, mit der die Saison im Leipziger Gewandhaus eröffnet wurde. Außerdem spricht Jess Ebsworth für die Zeit mit Simon Rattle über die Probleme bei der Klassikvermittlung. Für den Tagesanzeiger porträtiert Samuel Mumenthaler den Berner Gitarristen Hank Shizzoe. Gerald Felber gratuliert in der FAZ dem Dirigenten Ton Koopmann zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden das neue Album "Doppeldenk" von Gewalt ("Bei aller Verzweiflung trägt dieser unerbittliche Nihilismus eine reinigende Kraft in sich", schreibt Christian Schachinger im Standard), ein Auftritt von Annett Louisan in Frankfurt (FR), ein Konzert von The Kiffness (TA) und Lady Gagas Zwischenalbum "Harlequin" mit alternativen Versionen ihrer Songs aus dem neuen "Joker"-Film (TA, taz).
"Uff": Karl Fluch vom Standard muss erstmal schlucken, wenn er das Soloalbum "White Roses, My God" von Alan Sparhawk hört. Der Musiker verarbeitet darauf den Tod seiner Frau und künstlerischen Partnerin Mimi Parker vor zwei Jahren, mit der er bis dahin das Duo Low bildete. Und verarbeitet wird der Tod mit einer ziemlich quietschigen Autotune-Gesangsspur. Aber vielleicht setzt der Musiker auch nur "den experimentellen Ansatz Lows fort", überlegt Fluch. "Sparhawk hat es weitgehend mit Rhythmusmaschinen und dem spärlichen Einsatz von Gitarren produziert, dazu schickte er seinen Gesang durch Effektpedale. Die Trauerarbeit erfährt so eine abstrakte und gewöhnungsbedürftige Form. ... Doch der Einsatz der Stimme als Quasi-Instrument unterscheidet das Resultat am Ende doch vom schablonenhaften Kunstfalsett des Autotune. Es erinnert vielmehr an die Geisterhaus-Etüden, die Regisseur David Lynch auf den Alben 'Crazy Clown Time' (2011) und 'The Big Dream' (2013) produziert hat."
Weitere Artikel: Die Zeit dokumentiert Navid Kermanis beim "Demokratiekonzert" gehaltene Rede, mit der die Saison im Leipziger Gewandhaus eröffnet wurde. Außerdem spricht Jess Ebsworth für die Zeit mit Simon Rattle über die Probleme bei der Klassikvermittlung. Für den Tagesanzeiger porträtiert Samuel Mumenthaler den Berner Gitarristen Hank Shizzoe. Gerald Felber gratuliert in der FAZ dem Dirigenten Ton Koopmann zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden das neue Album "Doppeldenk" von Gewalt ("Bei aller Verzweiflung trägt dieser unerbittliche Nihilismus eine reinigende Kraft in sich", schreibt Christian Schachinger im Standard), ein Auftritt von Annett Louisan in Frankfurt (FR), ein Konzert von The Kiffness (TA) und Lady Gagas Zwischenalbum "Harlequin" mit alternativen Versionen ihrer Songs aus dem neuen "Joker"-Film (TA, taz).
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