Efeu - Die Kulturrundschau

Eine letzte, vergessene Kanone

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26.08.2024. Kiril Petrenko hat sich für den Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker durch Bruckners Fünfte gekämpft - und leider nur halb gewonnen, bedauert die FAZ. Mit Heiner Goebbels Stück "Everything That Happened and Would Happen" finden die Salzburger Festspiele indes zu einem gelungenen Abschluss, nickt die SZ. Der neue Roman der österreichischen Schriftstellerin Ljuba Arnautović verarbeitet die Rückkehr ihres Vaters aus dem sowjetischen Gulag, erzählt sie dem Standard. Die taz porträtiert den romantischen Maler Carl Alexander Simon, der in Chile ein neues Deutschland gründen wollte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2024 finden Sie hier

Musik

An Bruckners Fünfter - "eine aus tiefer Zerknirschung gewachsene Kampfansage an die Wiener Universitätsbürokratie" - kann man als Dirigent und Orchester im Grunde eigentlich fast nur scheitern, findet Gerald Felber in der FAZ. An dieses "seltsame Konglomerat aus kosmischen Fantasien und störrisch verbissenen Tüfteleien" sowie "teils aberwitzigen Verstrickungen" hat sich nun Kiril Petrenko für den Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker gewagt. "Ein Risiko, das aller Sympathien wert, aber nur teilweise aufgegangen ist". Dabei begann es gut, der Klangkörper betonte "eher existenziell Menschliches als visionär Metaphysisches: Das hätte, im Entwicklungsbogen über das weiter melancholisch verlorene, aber schon von erwärmenden Hoffnungen belebte Adagio und ein im deftigen Volksfesttrubel Ablenkung suchendes Scherzo eine sehr geerdete, eher auf die Füße als in die Himmelsweite schauende Sicht des Werkes zustande bringen können. Die unvollkommene Einbindung des riesenhaften letzten Satzes aber ... war dann auch durch die dröhnende, Knochen, Eingeweide und Saalwände in Schwingung setzende Schlussapotheose nicht ganz vergessen zu machen."

Zu einem ähnlichen Schluss kommt Christiane Peitz im Tagesspiegel: "Petrenkos Dirigat besagt: Das ist kein Ganzes, sondern eine Montage versprengter Scherben, eine Überfülle von Versatzstücken, die er gleichwohl zum Leuchten bringt. Manchmal versetzt er einen gar in kurze Trance. ... Die Blechbläserchoräle: Fanale. Die Akkordrückungen: Handkantenschläge. Die Schlüsse, vor allem das dreifache Fortissimo-Tutti am Ende: apokalyptischer Donnerhall. ... Vielleicht ist es ja das, was Bruckner uns heute zu sagen hat. Die Zeiten sind nicht nach Ekstase, die Welt ist zerrissen."

Weitere Artikel: Tim Caspar Boehme fasst in der taz den Auftakt des Musikfests Berlin mit Auftritten des São Paulo Symphony Orchestras und der São Paulo Big Band zusammen. Axel Brüggemann ärgert sich im Kommentar auf Backstage Classical, dass die Seilschaften und die Selbstbedienungsmentalität am Brucknerhaus Linz ordentlich Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten und ihrem Hass auf den Kulturbetrieb schaufeln. In den USA warten beide großen politischen Lager mit bangem Blick darauf, ob Taylor Swift sich im Wahljahr politisch positionieren und damit womöglich auf die US-Wahlen einen spürbaren Einfluss haben wird, berichtet Lena Karger in der Welt. Ljubiša Tošić resümiert im Standard das Jazzfestival Saalfelden mit Auftritten von Sylvie Courvoisier und Amirtha Kidambi. Benjamin Moldenhauer hat für die taz das Off Days Festival in Berlin besucht. Adrian Schräder berichtet in der NZZ vom Zürich Open Air.

Besprochen werden ein Strauss-Konzert der Wiener Philharmoniker mit Sopranistin Asmik Grigorian unter Gustavo Dudamel (Standard, SZ) und das neue Album "How Will I Live Without a Body?" von Loma (FR).

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Film

Mathis Raabe porträtiert für Zeit Online die Schauspielerin Hunter Schafer, die nach ihrem Erfolg in der HBO-Serie "Euphoria" nun mit dem Horrorfilm "Cuckoo" ihr Kinodebüt hinlegt. Der Schriftsteller Pascal Bruckner schreibt in der NZZ einen nachgereichten Nachruf auf Alain Delon (hier unser Resümee zum Tod des Schauspielers). Besprochen wird Simone Bozzellis "Patagonia" (online nachgereicht von der FAZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Bruckner, Pascal, Horrorfilm

Literatur

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In "Erste Töchter", dem dritten Band ihrer Familiensaga, rückt die österreichische Schriftstellerin Ljuba Arnautović den Fokus nun auf sich selbst und ihre Schwester und wie unterschiedlich beide aufgewachsen sind, nachdem der Vater, einst als "Schutzbundkind" in die Sowjetunion gebracht, nach zwölf Jahren Gulag nach Österreich zurückkehrte. "Ich erzähle fiktionalisiert", sagt sie dem Standard, "aber doch von mir und meiner Schwester. Wir sind im Alter von zehn und zwölf getrennt worden und sind in verschiedenen Welten aufgewachsen. Erst jetzt, beim Reflektieren, ist mir bewusst geworden, wie arg das eigentlich ist: dieses Auseinandergerissenwerden. Da wird man mit alten, längst abgelegten Gefühlen noch einmal konfrontiert. ... Meine Schwester hatte ursprünglich befürchtet, dass sie und ihre Welt schlecht aussteigen - sie wuchs im Arbeitermilieu, ich in einer großbürgerlichen Welt auf -, und sie hat versucht, mir klarzumachen, dass man sie nicht bemitleiden muss. Sie hat nicht das Gefühl, ein armes Leben gehabt zu haben. Was Bildung betrifft, habe ich mir immer gedacht, dass ich einen Vorteil gezogen habe, dass ich fitter gemacht bin für die Welt. Und sie wiederum hat mich bemitleidet wegen dieses Milieus, in dem es sehr stark auf die Einhaltung von Regeln und Benimmcodes ankommt."

Außerdem: Patrick Bahners erzählt in der FAZ von einem Abend im Kulturgut Haus Nottbeck mit dem Schriftsteller Marc Degens. In der FAZ gratuliert Kurt Drawert dem Lektor Christian Döring außerdem zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Daniela Kriens "Mein drittes Leben" (NZZ), Dolores Pratos "Unten auf der Piazza ist niemand" (vom TA für die SZ online nachgereicht), Elif Shafaks "Am Himmel die Flüsse" (Standard), Agi Mishols "Gedicht für den unvollkommenen Menschen" (NZZ), die Neuübersetzung von Iwan Schmeljows "Der Toten Sonne" (Standard), Davide Longos Kriminalroman "Am Samstag wird abgerechnet" (SZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Alexandra Helmigs "beat vor der eins" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
 
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Norbert Hummelt über Eduard Mörikes "In der Frühe":

"Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,
Dort gehet schon der Tag herfür
An meinem Kammerfenster ..."
Archiv: Literatur
Stichwörter: Arnautovic, Ljuba, Agi

Kunst

Carl Alexander Simon: Studie der Bäume von  Llanquihue, 1852.

Carl Alexander Simon war einer der wenigen romantischen Maler, der nicht nur fremde Kontinente bereiste, sondern sich als "praktischer Kolonialist" betätigte, lernt taz-Kritiker Fabian Lehmann von Kunsthistoriker Miguel Gaete. Hunderte Zeichnungen zeugen, so Gaete, von Simons Plänen, in Chile eine deutsche Kolonie zu gründen, die zum Einen ein "Musterland für Proletarier:innen und Demokrat:innen" sein sollte, zum Anderen ein Mittel, "in der unberührten Natur des fernen Kontinents zu den Ursprüngen der menschlichen Gemeinschaft" zu finden. Simon zeichnete, was er sah, erzählt Lehmann: "Tiere, Landschaften, Pflanzen, Architektur und Menschen. Er erwarb sich das Vertrauen der indigenen Bewohner:innen des Landes, der Mapuche, erlangte Zutritt zu ihren Häusern und hielt dort intime Szenen fest. Frauen, die weben oder Kinder hüten. Männer beim Segeln, Reiten, Schmieden." Dabei spiegeln seine Zeichung auch den Rassismus der Europäer wider: "Auffällig ist, dass die erwachsenen Mapuche kindliche Züge aufweisen. Große Köpfe und überdimensionale Hände sollten in Europa rassistische Vorurteile bestätigen, ist Gaete überzeugt. 'Schönheit galt als Zeichen der Intelligenz, und die wollte er den Mapuche nicht zugestehen', so der Kunsthistoriker, der selbst in Chile aufwuchs."

Weitere Artikel: In der Welt erzählt Manuel Brug, warum Madrid für ihn ohne Zweifel eine der "spannendsten Kunstmetropolen" ist und wandelt beglückt durch zwei neu eröffnete Sammlungen im Stadtpalast der Familie Alba und der Galería de las Colecciones Reales. In der NZZ ergründet Philipp Meier das Phänomen Banksy. Besprochen werden die Ausstellung "Caspar David Friedrich. Wo alles begann" im Dresdner Albertinum (FR), die Ausstellung "Zeitungsleser:Innen. Fotografien von Eddy Posthuma de Boer" im Museum für Kommunikation Berlin (tsp).
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Everything that happenend and would happen." Foto: Konrad Fersterer

Mit Heiner Goebbels Theateressay "Everything That Happened and Would Happen" haben die Salzburger Festspiele zu einem würdigen Abschluss gefunden, findet Egbert Tholl in der SZ. "Seltsam wunderschön" ist diese Aufführung, schwärmt der Kritiker, die sowohl Konzert als auch Installation und Lesung ist. Vorgetragen wird aus Patrik Ouředníks Buch "Europeana", das Tholl so passend findet, als wär es "für diese Aufführung geschrieben" worden: "Ouředníks Verwunderung über die Menschheit, die vor allem Unsinn und Grauen produziert, geht einher mit den immerwährenden Bastelarbeiten der emsigen Sisyphusse auf der Bühne. ... Die Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren bezieht sich auf Ouředníks diachronische Geschichtsauffassung, zusammen mit dem Zitatenschatz der Musik entsteht ein Assoziationstableau, das man als Zuschauer annehmen oder auch in Teilen verwerfen kann, es bleibt einem selbst überlassen. Heiner Goebbels sieht den Zuschauer grundsätzlich als autonom denkendes und empfindendes Wesen. Am Ende ist auf der Bühne dann ein Ruinenbild entstanden, sind Felsen donnernd herumgepoltert, ein Abflussrohr steht schräg nach oben, qualmt. Wie eine letzte, vergessene Kanone in einer nun unbelebten Welt."

Weitere Artikel: Berthold Seliger blickt für den ND zurück auf zwei Mozart-Opern und diesjährige Highlights in Salzburg: Robert Carsens Inszenierung von "La clemenza di Tito" und Romeo Castelluccis "Don Giovanni" (den Seliger auf eine "ganz in sich ruhende Weise spektakulär" fand). Im Standard ziehen Ljubiša Tošić und Margarete Affenzeller Bilanz der Festspiele.

Besprochen werden Alexander Klessingers und Mats Süthoffs Inszenierung von Sophokles' "Ödipus" und Katharina Stolls Adaption von Katja Lewinas Buch "Bock", beides am Theater an der Ruhr in Mülheim (nachtkritik), Julia Prechsls Adaption von F. Scott Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby" am Theater Osnabrück (nachtkritik), Heiner Goebbels' Produktion "Everything that Happened and Would Happen" als Abschluss der Salzburger Festspiele (SZ), Kyle Abrahams Choreografie "Cassette Vol. 1"  im Hamburger Kulturcampus Kampnagel (SZ), Marcel Kohlers Shakespeare-Bearbeitung "Othello / Die Fremden" beim Lausitz-Festival (nachtkritik) und Romeo Castelluccis Inszenierung von Jean Racines Stück "Bérénice" bei der Ruhrtriennale (nachtkritik).
Archiv: Bühne