Efeu - Die Kulturrundschau
Niemand ist der, der er ist
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02.08.2024. Die Zeitungen gratulieren James Baldwin, der "Pop-Ikone der schwarzen Bürgerrechtsbewegung" zum Hundertsten. Die taz entdeckt den Avantgardisten Paul Goesch wieder, der Opfer der NS-Euthanasie wurde. Die neue israelische Nationalbibliothek überzeugt die FAZ mit ihrer schwebenden Architektur, die Raum lässt für Erinnerung. Mit dem Ziel, "kein Konzert ohne Komponistin" zu veranstalten, hat das Deutsche Symphonie-Orchester in der letzten Saison sagenhafte 90 Prozent Auslastung erzielt, jubelt der Tagesspiegel. In der SZ erklärt Salzburgs Schauspieldirektorin Marina Davydova, weshalb Russland für sie weiterhin wichtig ist.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
02.08.2024
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Literatur

Lange Zeit war Baldwin daher ziemlich abgemeldet und zumindest in Deutschland ein Autor, auf den man nur noch im Antiquariat stieß, erinnert Felix Stephan in der SZ. Dies änderte sich 2017 mit dem Erfolg von Raoul Pecks Doku "I Am Not Your Negro" (unsere Kritik) - und damit einhergehend einer Umarmung Baldwins durch Social Media: "Die Instrumente der technischen Reproduzierbarkeit in den ... sozialen Netzwerken führten vor, dass dieser Schriftsteller auch dann noch umwerfend war, wenn man seine Reden, Interviews, Essays in molekulare Kleinstpartikel zerstieß. Seitdem wird Baldwin gesampelt wie ein lebender Motown-Katalog." Kein Wunder, denn "das Geheimnis von Baldwins Texten bestand stets darin, dass sie zu ganz großer Form auf der Satzebene auflaufen. James Baldwin ist ein Meister der Sentenz." Seine "Texte bezirzen und bezaubern die sozialen Medien in einer Weise, als wären diese für die Vollendung seines Werks überhaupt erst erfunden worden."

Arno Widmann (FR) erinnert sich an aufregende jugendliche Baldwin-Lektüren im Freibad, bei denen er sich Passagen herausgestrichen hat. Etwa diese: "'Du bist in eine Gesellschaft hineingeboren, die Dir mit brutaler Offenheit und auf vielfältigste Weise zu verstehen gibt, dass Du ein wertloser Mensch bist'. Genau so empfand ich damals. Das ist nichts Außergewöhnliches für einen 16- bis 18-jährigen Jungen. Sich mit Baldwin zu identifizieren, hieß ja gerade nicht, es mit den per se Überlegenen zu tun. Es hieß auch nicht, bei den Opfern zu stehen. Ich lernte eine Lektion von ihm: Niemand ist der, der er ist. Es gibt immer ein Potenzial, das den Einzelnen unterscheidet von allen anderen. In diesem Punkt aber sind sie alle gleich." Lothar Müller geht in der SZ auf das Verhältnis zwischen Baldwin und seinem deutschen Lektor Fritz J. Raddatz ein. In der FAZ führt Andreas Platthaus durch Baldwins Leben.
Weitere Artikel: Andreas Platthaus schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den französischen Comiczeichner André Juillard. Besprochen werden unter anderem neue Sachbücher, darunter Kai Kauffmanns Klopstock-Biografie (Freitag).
Bühne


Besprochen wird außerdem die Lesung "Hallo, hier spricht Nawalny" mit Briefen des Oppositionellen bei den Salzburger Festspielen (SZ).
Film

In ihrer Komödie "Shahid" setzt die in Deutschland lebende Exiliranerin Narges Kalhor (hier unser Resümee eines aktuellen Gesprächs mit ihr) ein von Baharak Abdolifard verkörpertes Alter Ego darauf an, den verhassten Mittelnamen Shahid im deutschen Ämterdschungel tilgen zu lassen. "Shahid" heißt nämlich Märtyer und "den religiös-patriarchalen Ballast, der damit verbunden ist, empfindet die Protagonistin als bedrückend", erzählt Wolfgang Lasinger auf Artechock. Zu erleben ist eine "Komödie, die lustig, ironisch und souverän von der Last der Tradition handelt und davon, was westliche Demokratien der Freiheit der Frauen schuldig sind", schreibt Rüdiger Suchsland ein paar Absätze weiter in einer zweiten Kritik. Der Film pendelt "zwischen Realität und Fiktion" und spielt "voller Poesie mit Elementen von Theater, Film und Musical", sprich: Ein "unterhaltsamer Filmhybrid" und "wirklich einmal der Fall einer deutschen Komödie, die das Wort subversiv und kritisch verdient. Einer Komödie, die nicht einverstanden ist mit dem Bestehenden, die weder konservative Familienideale propagiert, die mit der gelebten Wirklichkeit schon längst nichts mehr zu tun haben, noch naive Idealbilder von Diversität und Multikulti."
Weiteres: Axel Timo Purr spricht für Artechock mit dem bhutanesischen Filmemacher Pawo Choyning Dorji Druk Thuksey über dessen Film "Was will der Lama mit dem Gewehr" (unsere Kritik). Besprochen werden Zar Amir Ebrahimis und Guy Nattivs "Tatami" (Tsp, Artechock), Ivan Calbéracs "Liebesbriefe aus Nizza" (Artechock), die Arte-Serie "Die Mafia mordet nur im Sommer" (taz), die auf Apple gezeigte, mexikanische Krimiserie "Women in Blue" (Freitag) und die Apple-Krimiserie "Lady in the Lake" mit Natalie Portman (Presse).
Kunst

Die Ausstellung "Ich werde berühmt - Leben und Werk des Paul Goesch" im Stadtmuseum Brandenburg an der Havel ist aus mehreren Gründen bemerkenswert, hält Klaus Hillenbrand in der taz fest: Paul Goesch war "prägender Gestalter der Avantgarde in Deutschland", "bei vielen der Gemälde Goeschs strahlen auf dem Bild die Farben. Da sind Häuser in bunter Vielfalt zu sehen, Menschen und immer wieder Marienbildnisse." Aber Goesch wurde wegen einer psychischen Erkrankung mit schizophrenen Schüben im Rahmen des 'Euthanasie'-Programms der Nationalsozialisten getötet. Grund genug, der Ausstellung einen politischen Charakter zu geben, 20 ehrenamtliche Kuratorinnen und Kuratoren haben mitgestaltet: "Dazu zählten auch Menschen mit Behinderung, von denen einige als Guides in dem zur Gedenkstätte Opfer der Euthanasie-Morde umgewandelten ehemaligen Zuchthaus von Brandenburg arbeiten. (...) 'Dieser großartige Maler, der in der 'Euthanasie'-Tötungsanstalt Brandenburg ermordet wurde, darf nicht vergessen werden', schreibt etwa eine von ihnen auf einer Tafel. 'Interessant und faszinierend' findet ein anderer, dass Goesch auch in den Kliniken, in die er eingewiesen wurde, weitermalte: Karikaturen, abstrakte Ansichten von Gebäuden. 'Schmiert nur wertlose Sachen auf abgerissene Fetzen Papier', heißt es 1928 in Goeschs Krankenakte."
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "der die DADA" im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zu Frauen und Dada (FAZ).
Design
Marion Löhndorf hat für die NZZ die Naomi-Campbell-Ausstellung im Londoner Victoria & Albert besucht (mehr dazu bereits hier).
Architektur

Trotz des 7. Oktobers konnte in Jerusalem wenig später die vom Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron entworfene neue Nationalbibliothek eröffnet werden, Quynh Tran schaut sich für die FAZ um in dem Gebäude, das ihr erscheint "wie ein Kokon im sonst sterilen Regierungsviertel. Auf dem Platz, der die Form des Gebäudes vorgibt und sich zwischen den beiden Hauptstraßen des Viertels als ein steiles Dreieck entfaltet, schwebt der helle Bau wie ein Trapez über dem schwierigen Terrain. So durchdacht wie die Kalksteinfassade, deren Steine der Klagemauer nachempfunden sind und durch genau kalkulierte Öffnungen zu jeder Stunde angenehm diffuses Tageslicht durchlassen, ist das gesamte Gebäude." Der 7. Oktober hat sich auch hier eingeschrieben: Im "Lesesaal wird auch der Opfer des 7. Oktobers gedacht; auf mehr als hundert Stühlen liegt jeweils ein Buch, an der Lehne ist eine Abbildung der Geiseln in Gaza befestigt."
Musik
"Kein Konzert ohne Komponistin", so lautete das "Dogma" des Deutschen Symphonie-Orchesters in Berlin für die letzte Saison. Im Tagesspiegel zieht Leiter Thomas Schmidt-Ott eine positive Bilanz: Die Auslastung lag bei rekordverdächtigen 90 Prozent, die Berichterstattung reichte bis zur New York Times und unbelehrbare Social-Media-Schreihälse krakeelten um die Wette. An dem Projekt will man festhalten: "Die Enzyklopädie der Klassik erfasst in der Musikgeschichte 6000 Komponistinnen. Dunkelziffer unbekannt. Jedoch: Maximal fünf von hundert Werken hört der/die 'normale' Besucher im Klassik-Konzert, die aus der Feder einer Frau stammen. Die Klassik ist eine Männerdomäne. Beherrscht von einer Elite aus ca. 15 weißen, männlichen Komponisten. ... Die Unterrepräsentation von Komponistinnen ist dabei in Wahrheit keine Qualitätsfrage. Sie ist die Konsequenz historisch-patriarchaler Strukturen aus tausenden von Jahren Geschichte. ... Die Überwindung des 'Höre ich Klassik, höre ich (männliche) Komponisten'-Paradigmas war unser anfängliches Anliegen, die 'feministische Musikpolitik' als philosophischer Überbau hat aus der Ursprungsidee innerhalb eines Jahres einen neuen Unternehmenswert geschaffen. Ein Bewusstseinswandel."
Auf dem neuen Meridian-Brothers-Album "Mi Latinoamérica sufre" besingt der Neotropicalist Eblis Alvarez zwar das Leid Lateinamerikas, doch "musikalisch ist diese Selbstfindungsreise durch den Kontinent ein großer Spaß", versichert Detlef Diederichsen in der taz. "Was zunächst klingt wie ein wuseliger Ameisenhaufen ... offenbart bei näherem Hinhören, dass doch jedes Subjekt, hier also jedes Instrument bzw. jede Tonspur für sich eine ganz klare Agenda hat. Neben einem überbordenden rhythmischen Reichtum hat das Album vor allem viel E-Gitarre, aber konsequent gegen den Strich gespielte, mitunter geradezu brutal dekonstruierte E-Gitarre: Mal klingt es nach Surf-Gitarre auf falscher Geschwindigkeit, mal nach Congolese Rumba, aber streng mathematisch komponiert von dem Player-Piano-Avantgardisten Conlon Nancarrow. Mal denkt man, Álvarez habe Gummibänder statt Saiten aufgezogen. Im Hintergrund quäken, fiepen und jaulen einige Prachtexemplare aus seiner Sammlung prähistorischer elektronischer Keyboards."
Weitere Artikel: In der FAZ spricht die Tubistin Viola Harden - nur eine von zweien in deutschen Profiorchestern - darüber, was sie an ihrem Instrument begeistert. Gerrit Bartels hat im Tagesspiegel viel Freude an Snoop Doggs Kapriolen am Rande der Olympischen Spiele: "Wo er auftaucht, ist der Spaß am allergrößten", er "ist das popkulturelle Obendrauf dieser Spiele". Christian Schachinger liefert im Standard Wissenswertes zu Adele, die heute ihren zehn Auftritte umfassenden Konzertzyklus in München beginnt (mehr dazu hier).
Besprochen werden ein Beethoven-Konzert von Igor Levit in Wiesbaden (FR), Griffs Album "Vertigo" (taz), neue Bücher zu Alma und Gustav Mahler (FR), ein Salzburger Schumann-Abend mit dem Bariton Christian Gerhaher (Standard) und die Ausstellung "Acht Lieder: 500 Jahre Gesangbuch - 300 Jahre Bachs Choralkantaten" im Bachhhaus Eisenach (FAZ).
Außerdem gibt das Team der SZ auf einer ganzen Seite Klassik-Tipps für den Sommer, darunter diese Beethoven-Aufnahme des Geigers Nemanja Radulović:
Auf dem neuen Meridian-Brothers-Album "Mi Latinoamérica sufre" besingt der Neotropicalist Eblis Alvarez zwar das Leid Lateinamerikas, doch "musikalisch ist diese Selbstfindungsreise durch den Kontinent ein großer Spaß", versichert Detlef Diederichsen in der taz. "Was zunächst klingt wie ein wuseliger Ameisenhaufen ... offenbart bei näherem Hinhören, dass doch jedes Subjekt, hier also jedes Instrument bzw. jede Tonspur für sich eine ganz klare Agenda hat. Neben einem überbordenden rhythmischen Reichtum hat das Album vor allem viel E-Gitarre, aber konsequent gegen den Strich gespielte, mitunter geradezu brutal dekonstruierte E-Gitarre: Mal klingt es nach Surf-Gitarre auf falscher Geschwindigkeit, mal nach Congolese Rumba, aber streng mathematisch komponiert von dem Player-Piano-Avantgardisten Conlon Nancarrow. Mal denkt man, Álvarez habe Gummibänder statt Saiten aufgezogen. Im Hintergrund quäken, fiepen und jaulen einige Prachtexemplare aus seiner Sammlung prähistorischer elektronischer Keyboards."
Weitere Artikel: In der FAZ spricht die Tubistin Viola Harden - nur eine von zweien in deutschen Profiorchestern - darüber, was sie an ihrem Instrument begeistert. Gerrit Bartels hat im Tagesspiegel viel Freude an Snoop Doggs Kapriolen am Rande der Olympischen Spiele: "Wo er auftaucht, ist der Spaß am allergrößten", er "ist das popkulturelle Obendrauf dieser Spiele". Christian Schachinger liefert im Standard Wissenswertes zu Adele, die heute ihren zehn Auftritte umfassenden Konzertzyklus in München beginnt (mehr dazu hier).
Besprochen werden ein Beethoven-Konzert von Igor Levit in Wiesbaden (FR), Griffs Album "Vertigo" (taz), neue Bücher zu Alma und Gustav Mahler (FR), ein Salzburger Schumann-Abend mit dem Bariton Christian Gerhaher (Standard) und die Ausstellung "Acht Lieder: 500 Jahre Gesangbuch - 300 Jahre Bachs Choralkantaten" im Bachhhaus Eisenach (FAZ).
Außerdem gibt das Team der SZ auf einer ganzen Seite Klassik-Tipps für den Sommer, darunter diese Beethoven-Aufnahme des Geigers Nemanja Radulović:
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