Im Kino

Wir wollen Rot!

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
01.08.2024. Im Jahr 2006 begibt sich Bhutan auf den Weg der Demokratisierung. In Pawo Choyning Dorjis "The Monk and the Gun" entspinnt sich um die Modernisierungsbemühungen des Himalaya-Kleinstaates eine konservative, aber keineswegs reaktionäre Komödie der Irrungen und Wirrungen.

Vor der Wahl kommt die Probewahl. "The Monk and the Gun" spielt im Jahr 2006, in Bhutan. Dort steht Demokratisierung auf der Tagesordnung. Der König des Kleinstaats im östlichen Himalaya will seine Macht freiwillig an ein Parlament abgeben; doch bevor es soweit ist, soll die Bevölkerung in die Regeln der Demokratie eingewiesen werden, unter anderem, eben, mithilfe der Probewahl. Der Countdown bis zum nächsten Vollmond, der als Datum für den Trockenwahlgang festgelegt wurde, gibt dem Film seine temporale Struktur.

Demokratie trägt, das kann man erst einmal ganz wertfrei festhalten, Unruhe in eine Gesellschaft hinein, ein latentes Erregungsniveau, das damit zu tun hat, dass plötzlich zumindest potentiell alles alle angeht. Konkret will in Bhutan schon die Wählerregistrierung nicht so recht klappen. Ihr Geburtsdatum sollen die potentiellen demokratischen Subjekte den Probewahlhelfern nennen; viele wissen es nicht und werden erst einmal wieder nach hause geschickt. Anderswo probt ein Demokratieenthusiast mit Dorfbewohnern Wahlkampf: "Wir wollen Rot!" soll die eine Hälfte schreien; und die andere "Wir wollen Blau!" Bitte lauter und aggressiver! Als ob ihr die Leute auf der Gegenseite verprügeln wollt! Aber natürlich: nur als ob!

Demokratische Erziehung als Einübung ins "als ob" - vielleicht nicht die schlechteste Definition. Es ist jedenfalls eine durchaus alberne, oft deadpan-komische, gelegentlich gar überflüssig und artifiziell anmutende Unruhe, die die Demokratie in das Bhutan dieses Films hinein trägt. Regisseur Pawo Choyning Dorji setzt seinerseits auf inszenatorische Seelenruhe: Gesprächsszenen in simplen Schuss-Gegenschuss-Montagen, eine Person pro Bild, dazwischen viele oft symmetrisch gebaute Totalen, die einen Eindruck vermitteln von der allem Hochgebirge zum Trotz überraschenden Sanftheit der Landschaft Bhutans. Freilich ist der Film beweglich genug, um von Naturmystik unversehens auf profane Ernüchterung umzuschalten; eine besonders schöne Szene benutzt dafür "Money for Nothing" von den Dire Straits.


Und dann wäre da noch der Plot. Der dreht sich weniger um den Wahlkampf als um, siehe Titel, einen (buddhistischen) Mönch und eine Waffe. Ein altmodisches Gewehr, genauer gesagt, das möglicherweise im amerikanischen Bürgerkrieg zum Einsatz gekommen war. Ein amerikanischer Waffennerd (Harry Einhorn) ist hinter der historischen Kostbarkeit her; bei den Versuchen, sie in seinen Besitz zu bringen, wird er von Benji (Tandin Sonam), seinem lokalen Chauffeur, durch die Gegend kutschiert. In einem Wagen, der - in kleinen Ideen wie dieser nistet der feine, gut rhythmisierte, menschenfreundliche Humor des Films - stets erst beim zweiten Versuch startet und aus dessen Lautsprechern durchweg fröhlicher Bhutan-Pop schallt. Alles läuft nach Plan… bis, eben, der Mönch auftaucht. Der heißt Tashi (Tandin Wangchuk), und weshalb er sich ebenfalls für die Waffe interessiert, kann sich zunächst niemand so recht erklären.

Überhaupt: Seit wann gibt es in Bhutan Waffen? Die kennt man hier sonst nur aus dem Fernsehen - und selbst Fernseher gibt es nicht allzu viele. Auf einem, vor dem sich eine ganze Dorfgemeinschaft zu versammeln scheint, läuft in einer Szene der James-Bond-Film "Quantum of Solace". Jener Bond-Film, dessen ikonischstes Postermotiv Daniel Craig mit einer AK-47 in der Hand zeigt.

Waffen, James Bond, Rot vs Blau vs Gelb… Warum das alles? Modernisierung ist oft ein hartes Brot, und keineswegs wird immer allen sofort ersichtlich, warum man es trotzdem herunterwürgen soll. Was interessieren mich die Glücksversprechen der Demokratie? Glücklich waren wir hier auf dem Land früher ganz von selbst. Jetzt aber gibt es plötzlich überall Stress. Das meint, sinngemäß, einmal im Film eine Bauersfrau zu einer Wahlhelferin. So recht weiß man nicht, was man ihr entgegnen sollte, der Film gibt einem wenig Gegenargumente an die Hand. Höchstens könnte man sie darauf hinweisen, dass die Ansicht ihres eigen Ehemannes auch ihre Berechtigung hat: Der möchte dem tristen Dorfleben entfliehen und sehnt sich nach einem Leben, das mehr zu bieten hat, als einmal die Woche getrocknetes Schweinefleisch. Dennoch ist kaum zu übersehen, dass in "The Monk and the Gun" die Modernisierer, trotz durchweg bester Absichten, tendenziell schlechter wegkommen als die - weitgehend mit Volksreligiosität assoziierten - Traditionalisten.

Freilich ist "The Monk and the Gun" letztlich kein nostalgischer, sondern ein realistischer Film. Einer, der weiß, dass es für eine Gesellschaft, die einmal mit der Sphäre von James Bond und Coca-Cola in Kontakt gekommen ist, kein zurück mehr gibt. Was nicht heißt, dass man alles, was aus dem Westen kommt, bedingungslos umarmen muss. Vielleicht kommt man mit der Unterscheidung konservativ / reaktionär weiter. "The Monk and the Gun" ist ein konservativer Film, der die schöne neue Welt der an den Weltmarkt angeschlossenen liberalen Demokratie mit trockenem Humor auf innere Widersprüche abklopft und dafür plädiert, Aufbruchsrhetorik an den realen materiellen und vor allem auch emotionalen Bedürfnissen der Betroffenen abzugleichen. Einen rückwärtsgewandten, reaktionären Film im Sinne von "Make Bhutan Great Again" hat Dorji jedoch keineswegs gedreht. Gegen Ende greift einer der Traditionalisten, ein weiterer buddhistischer Geistlicher, zum Gewehr und legt auf die Wahlhelfer an, die sich gerade wieder einmal in ihren eigenen Plänen verheddert haben. Aber nur spielerisch, er denkt gar nicht daran, abzudrücken. Er hat, anders ausgedrückt, das demokratische "als ob" längst akzeptiert als Prämisse aller Kämpfe im politischen Raum der Moderne.

Lukas Foerster

The Monk and the Gun - Bhutan 2023 - Regie: Pawo Choyning Dorji - Darsteller: u.a. Tandin Sonam, Harry Einhorn, Tandin Wangchuk, Yuphel Lhendup Selden, Choeying Jatsho - Laufzeit: 107 Minuten.