Efeu - Die Kulturrundschau

Vielschichtigkeit des scheinbar Blöden

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.06.2024. Die SZ bekommt große Augen bei der überbordenden Bilderflut von John Adams Oper "Nixon in China" in Berlin, die das Kollektiv "Hauen und Stechen" auf die Zuschauer hereinbrechen lässt. Das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg zeigt eine Doku über das Massaker der Hamas beim Musikfestival Supernova: Bei Zeit Online löst vor allem die Geräuschkulisse Entsetzen aus. Die FAZ kann erstmals Lucia Moholy-Nagys Glasplatten in Prag bewundern.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2024 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Nixon in China" an der Deutschen Oper Berlin. Foto: Thomas Aurin.

SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber weiß bei der Oper "Nixon in China", die das Regie-Kollektiv "Hauen und Stechen" an der Deutschen Oper Berlin inszeniert hat, gar nicht wo er zuerst hinschauen soll. Das Werk von John Adams über Richard Nixons Besuch bei Mao Zedong im Jahr 1972 - ein Ereignis, das weltweit enorme Medienaufmerksamkeit bekam - wird ihm hier als "knallbunt satirisch-utopisches Spektakel" dargeboten. Ein bisschen viel ist das schon, es lohnt aber die Anstrengung, findet Schreiber: "Die Bühne ist beängstigend vollgefüllt - mit stählerner Showtreppe für die stets Auf- und Absteigenden, mit einem Glaskubus für die Lachnummer der dort jäh nass Geduschten, mit echtem Traktor und Luxusdienstwagen, mit einer enorm farbenprächtigen und lustigen Personendichte. Die einzige Botschaft zielt auf die utopisch prekäre Zeitgeschichte als Trash- und Medienspektakel und politische Mythenbildung. Nixons und Maos Arien, Pat Nixons lyrische Auflehnung und Chou En-lays Vision vom weltumspannenden Frieden, perfekte Chorensembles, es sind die gesetzten Höhepunkte."

Clemens Haustein ist in der FAZ enttäuscht: Durch die visuelle Reizüberflutung wird "John Adams' Musik zum bloßen Soundtrack degradiert." Im Tagesspiegel wirkt Eleonore Büning hingegen entzückt. Eine moderne "Grand-Opéra" kann sie hier sehen und hören: "Und die rhythmisch vorwärts treibenden Minimal-Muster, saftig romantisch instrumentiert, wirken geradezu evergreenartig: Nicht mehr provozierend naiv, vielmehr direkt ins Sonnengeflecht greifend, was vom Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Leitung von Daniel Carter herrlich dynamisch realisiert wird."

In Backstage Classical erklärt der Architekt Stephan Braunfels, dass es schon längst ein neues Konzerthaus in München geben könnte, wenn die Realisierung nicht  durch politische Fehlentscheidungen und Vetternwirtschaft verhindert worden wäre. Er selbst lieferte einen frühen Entwurf für den Standort "Marstall", den er immer noch favorisiert: "Kurt Faltlhauser fand damals schon die von mir veranschlagten 100 Millionen für den Saal am Marstall viel zu teuer. Das Grundstück gehört im Gegensatz zum Pfanni-Gelände dem Staat, hätte also gar nichts gekostet. Der Saal mit 1.800 Plätzen hätte 2010, spätestens 2015 stehen können, Mariss Jansons hätte ihn eröffnen können. Der wunderbare Saal der königlichen Hofreitschule könnte ein würdiges Festfoyer sein und der akustisch vielleicht beste Saal überhaupt - das KKL in Luzern, hätte 1:1 dahinter nachgebaut werden können."

Auch in der SZ schreibt Gerhard Matzig zum Thema und erklärt, was sogenannte "Totalunternehmen" sind. An ein solches wurde das Konzerthaus-Projekt nun übergeben: Sie übernehmen bei der Realisierung eines Gebäudes alle Schritte, von der Planung bis zum Bau. Eine gute Idee oder Ikea? Matzig ist zwiegespalten: "Ein Problem: Der TU kontrolliert sich selbst. Architekten als gesetzlich legitimierte Kontrollinstanz entfallen, da die Architekten zum TU gehören und somit weisungsgebunden nicht das Anliegen des Bauherren, sondern im Zweifel des Unternehmens vertreten. Die Architektur befindet sich aber auch sonst in der Defensive: Wenn der TU die Architektur zum Festpreis anbietet, ist alles, was er beim Planen und Bauen einspart, sein Gewinn. Häuser so vorhersehbar und ökonomisch wie Billy-Regale zu produzieren: Das könnte eine Folge sein."

Weiteres: nachtkritikerin Esther Slevogt besucht die Ausstellung "Prinzip Held*" in Berlin-Gatow, ein Forschungsprojekt zum "Heroismus", deren Ergebnisse von der deutschen Künstlergruppe Rimini Protokoll inszeniert wurden. Besprochen werden Corinna von Rads Inszenierung der Operette "Hotel Savoy oder Ich hol' dir vom Himmel das Blau" nach der Romanvorlage von Joseph Roth am Schauspiel (nachtkritik, SZ), Hofesh Shechters Choreographie "Anthology" Gauthier Dance im Stuttgarter Theaterhaus (FR), Michael Schachermaier von Brechts "Dreigroschenoper" bei den Bad Hersfelder Festspielen (FR), Tony Rizzis Tanz-Solo "Shows You (Maybe) Missed" im Gallustheater Frankfurt (FR), Lukasz Twarkowskis Inszenierung des Stücks "Rohtko" bei den Wiener Festwochen (taz), Maya Arad Yasur und Sapir Hellers Performance "Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten" am Maxim-Gorki-Theater in Berlin (taz).
Archiv: Bühne

Film

Beim Jüdischen Filmfestival Berlin-Brandenburg wurde am Freitagabend Duki Drors Dokumentarfilm "Supernova - Das Musikfestivalmassaker" gezeigt. Der Film verbindet Eindrücke vom Festivalgelände wenige Tage nach dem Massenmord der Hamas, einschlägiges Videomaterial von Social-Media und Gespräche mit Überlebenden. "Insbesondere der Sound, die erdrückende Geräuschkulisse aus Schreien der Festivalbesucher, Schritten, Maschinengewehrsalven, Explosionen und Schüssen, ist eindringlich", schreibt Anastasia Tikhomirova auf Zeit Online. "Der letzte Teil des Films wird dann ruhiger, erzählt vom Trauma der Überlebenden und gibt ihnen Raum, darüber zu reden, wie sich das Erlebte bis heute auf ihre Psyche auswirkt, wie sie unter Angstzuständen und Flashbacks leiden, wenn sie sich zum Beispiel in Schutzbunkern vor Raketen der Hamas verstecken müssen." Die Berliner Vorführung bliebt ruhig, doch "in New York kam es im Zuge der Vorführung zu antisemitischen Protesten, in London wurden Hassparolen auf die Wände Phoenix Kinos gesprüht, das den Film zeigte. Die zwei Schirmherren des Kinos, die britischen Regisseure Ken Loach und Mike Lee, traten aus Protest zurück - nicht etwa gegen die Schmierereien, sondern den Film selbst, beziehungsweise das Festival, in dessen Rahmen er gezeigt wurde." Dlf Kultur hat mit dem Macher gesprochen.

Holger Kreitling ist für die Welt nach Los Angeles gereist, um sich die nach einer Petition eilig umgestaltete "Hollywoodland"-Ausstellung im Oscar-Museum der Academy anzusehen: Kritiker hatten der Ausstellung Antisemitismus vorgeworfen, da die Ausstellungsmacher ausgerechnet bei den jüdischen Hollywoodgründern auf unsympathische Charaktereigenschaften und schlechtes Verhalten fokussieren, während der Rest der Ausstellung aus nichts als Schönfarberei besteht: "Die dunklen Seiten Hollywoods etwa mit rassistischen Stereotypen und #MeToo werden nicht offen thematisiert. Vielmehr sind Diversität und Wiedergutmachung zu beobachten. ... Der Produzent Lawrence Bender ('Pulp Fiction') gehört zu den Unterzeichnern der Petition. Er beklagt sich über die - recht bekannte - Aussage in der Schau, Harry Cohn habe sein riesiges Büro nach dem von Mussolini gestaltet, um Besucher zu beeindrucken und einzuschüchtern. ... Bei so wenig Text auf einer Tafel musste ausgerechnet die negativen Seiten seines Lebens beschrieben werden. Bender kritisiert zudem die dunkle Atmosphäre der Schau, 'wie ein jüdisches Ghetto'. Die Leute in der Filmbranche wüssten eigentlich, wie man kreativ ist. 'Das hier ist so furchtbar gemacht. Das ist nicht unbewusst.'"

Außerdem: In der taz porträtiert Martin Seng den genossenschaftlich geführten Filmverleih Drop Out Cinema, der sich auf randständige und politische Filme spezialisiert hat. Karsten Essen schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Donald Sutherland (unser Resümee zu dessen Tod hier). Dirk Peitz erinnert auf Zeit Online an Roman Polanskis "Chinatown", der vor 50 Jahren in die Kinos kam. Leo Geisler wirft derweil für den Filmdienst einen frischen Blick auf John Flynns auf einem Roman von Donald E. Westlake basierenden Kriminalfilm "Revolte in der Unterwelt" von 1973. Besprochen wird Eva Trobischs Palliativdrama "Ivo" (Standard, unsere Kritik).
Archiv: Film

Kunst

Lucia Moholy, Gisela Schulz, c. 1929. Bauhaus-Archiv, Berlin. Lucia Moholy © OOA-S 2024 / Bauhaus-Archiv Berlin

Noemi Smolik besucht für die FAZ die erste große Retrospektive der Künstlerin und Fotografin Lucia Moholy-Nagy in der Kunsthalle Prag und freut sich, dass sie hier neben vielem anderem zum ersten Mal die berühmten Glasplatten der Künstlerin sehen kann, die sie, nachdem sie 1933 vor den Nazis fliehen musste, zunächst für verschollen hielt: "Sie enthielten Negative von Aufnahmen von Walter Gropius, von Paul Klee in seinem Atelier, von Wassily Kandinsky, aber auch von Ise Gropius, Julia Feininger, Lily Hildebrandt, Lou Scheper und der ebenfalls erst vor gar nicht langer Zeit wiederentdeckten Bauhauskünstlerin Anni Albers. Alles selbstbestimmte Frauen mit dem damals modischen kurzen Haarschnitt, die sich ihrer Rolle als Künstlerinnen durchaus bewusst sind." Ziemlich überrascht war sie, so Smolik, als sie ihre Bilder nach und nach in Zeitschriften auftauchen sah, allerdings ohne ihre Autorschaft. Schließlich erfuhr sie, das Walter Gropius die Bilder ohne ihr wissen benutzte, nur durch einen Prozess konnte sie diese zurück erlangen. Welch ein Glück, atmet Smolik auf, dass zumindest einige davon hier zu sehen sind.

Sarah Lucas, Self-Portrait with Fried Eggs, 1996, c-print, 151 x 103 cm © Sarah Lucas. Courtesy Sadie Coles HQ, London.

Die SZ freut sich über die Retrospektive der britischen Künstlerin Sarah Lucas in der Kunsthalle Mannheim. Mit ihrem Interesse am "Ordinären" in konkreter Form wie Toiletten, Badewannen, Zigaretten oder dem männlichen Fortpflanzungsorgan habe sie unbeachtete Motive in den Kunstbetrieb eingeführt und die Grenze zwischen Humor und Seriosität verhandelt: "Mit diesem Zaubertrick sind dann Feminismus und Penisneid auch keine Widersprüche mehr. Jedenfalls nicht in den Sphären der Kunst, wo Konventionen das wirklich Abgeschmackte sind. Diese Haltung zur Vielschichtigkeit des scheinbar Blöden hat Lucas am Goldsmiths in einer Klasse mit jenen Rabauken gelernt, die ab 1988 als der Kern der 'Young British Artists' berühmt wurden."

Besprochen werden die Ausstellung "New Ecologies. Gegenwarten II" in der Innenstadt von Chemnitz (taz), die Ausstellung "Sex. Jüdische Positionen" im Jüdischen Museum Berlin (taz), die Ausstellung "Nie wieder Krieg" im kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück (taz), die Ausstellung "Das Leben festhalten, Fotoalben jüdischer Familien im Schatten des Holocaust" im Museum Schöneberg (taz).
Archiv: Kunst

Musik

Dorothea Walchshäusl porträtiert für die NZZ den seit 2022 im Schweizer Exil lebenden, ukrainischen Pianisten Alexey Botvinov, der vor zehn Jahren das Festival Odessa Classics gegründet hat, das zum nunmehr dritten Mal im Ausweichort Tallinn stattfinden muss. Klaus Walter erzählt in der FR die Geschichte, wie die britischen und amerikanischen Soldatensender den Nachkriegsdeutschen den Pop nahebrachten. Bernhard Uske (FR) und (FAZ) schreiben zum Auftakt des Rheingau Musik Festivals.

Besprochen werden das Konzert von AC/DC in Wien ("geil", jubelt Standard-Kritiker Karl Fluch), die Arte-Doku ""Finlandia - Sibelius' Hymne der Freiheit" (FAZ) und zwei neue Alben von K.I.Z. (SZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Odessa, Botvinov, Alexey

Literatur

"New Adult", also Liebesromane nach einschlägigem Format, aber in edel anmutenden Buchausgaben auf den Markt gebracht, bringt ein junges Publikum massenhaft zum Bücherlesen, lässt die Verleger und Buchhändler frohlocken und die Kritiker mit den Zähnen knirschen. Wer das Phänomen voreilig als bloße Kitschwelle abtut, irrt sich gewaltig, sagt die Literaturwissenschaftlerin Christine Lötscher im SZ-Gespräch mit Kathleen Hildebrand: "Das Buch ist stark ins Zentrum der Populärkultur gerückt, vor allem in den sozialen Medien. ... Wir haben es hier mit einer neuen Variante von Lesekultur zu tun. Weiblich kodierte Lesekultur gibt es schon seit dem 18. Jahrhundert, also seit der Roman zu einer dominanten Literaturform wurde. Historisch wurde Frauenliteratur nicht als neutraler Begriff genutzt, sondern meist abwertend. Das hat damit zu tun, dass Romane, zumal wenn sie Liebesgeschichten erzählen, generell schnell als Trivialliteratur abgetan wurden." Doch "diese Kultur ist zu einem neuen, emanzipierten Selbstverständnis gekommen. Im 'New Adult'-Genre haben die Leserinnen sich die Lesekultur zurückgeholt. Sie lassen sich nicht sagen, was gute oder schlechte Literatur ist, sondern entdecken sie für sich selbst. Die Bücher sind da, um das Lesen zu zelebrieren und auch das Reden über die Bücher."

Außerdem: Nadine Brügger resümiert in der NZZ das Literaturfestival Leukerbad, bei dem auffallend häufig Erzählungen über mehrere Generationen hinweg im Mittelpunkt standen. Marcus Woeller liest für die Welt einen Brief von Franz Kafka an den Dichter Albert Ehrenstein. In der FAZ gratuliert Sandra Kegel dem Schriftsteller Eugen Ruge zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Annie Ernauxs "Eine Leidenschaft" (Standard), Szczepan Twardochs "Kälte" (Standard), Hryhir Tjutjunnyks Erzählband "Drei Kuckucke und eine Verbeugung" (NZZ), Lisa Sandlins Krimi "Der Auftrag der Zwillinge" (FR) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter "Cato und die Dinge, die niemand sieht" von Yorick Goldewijk (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Jan Wilm über John Burnsides "Bei der Beerdigung meines Vaters":

"Wir wollten seinen Mund versiegeln
mit einer Handvoll Lehm,
seine Augen bedecken ..."
Archiv: Literatur