Efeu - Die Kulturrundschau

Verstörung des geschlossenen Weltbilds

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24.05.2022. Wenn man schon weiß, wie die Welt zu sehen ist, braucht niemand mehr Filme zu machen, schimpft Lars Henrik Gass im Filmdienst nach dem Kongress "Zukunft Deutscher Film". Der Freitag hätte gern Marie Kreutzers Sisi-Film "Corsage" im Wettbewerb in Cannes gesehen. 54books erinnert an die erschossene Renaissance der ukrainischen Literatur. In der taz führt der kolumbianische Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez durch die Gewaltgeschichte Bogotás. Die NZZ feiert das amoralische Werk der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas. Und Crescendo blickt traurig auf das große Grau im Klassikbetrieb.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.05.2022 finden Sie hier

Film

Ziemlich entsetzt kehrt der Filmhistoriker Lars Henrik Gass vom zweiten Kongress "Zukunft Deutscher Film" in Frankfurt zurück, wie er im Filmdienst bekennt. Nirgends ein Begriff von Kunst, nirgends Strukturkritik, nirgends Wille, etwas am Fördersystem zu ändern, das sich längst ein bequemer Mainstream unter den Nagel gerissen hat, um einen Rohrkrepierer nach dem nächsten zu produzieren. Als würden Diversity-Auflagen etwas gegen die Misere ausrichten. Beim Podium zu "Klassismus" begriff Gass dann "schlagartig, warum die Filmförderer, die in Allianz mit den Fernsehsendern seit Jahrzehnten im deutschen Film fast alles verhindern, was soziale Realität ungeschönt zeigen und künstlerisch aus dem Mittelmaß zur Vielfalt hinausführen will, auf einmal ein so großes Interesse am Change Management, also unserer aller Umerziehung haben: Das Problem sind nicht die Filmförderstrukturen, die sind okay, sondern wir mit den Privilegien, die sozial Benachteiligte am Fortkommen hindern, sind nicht okay. Nicht die brutale sozio-ökonomische Ungleichheit, die dieses Wirtschaftssystem am laufenden Band hervorbringt, muss verändert werden, sondern unsere Einstellung, am besten durch den 'systemischen Transformationsberater', der ja auch überleben will. Wenn der Zug der Kulturrevolution sich in Gang setzt in Richtung neue Ordnung, sitzt man eben besser in der Lok, als auf den Gleisen zu liegen."

Cristian Mungius "R.M.N"

Harter Schnitt nach Cannes, wo das Filmfestival in Richtung Halbzeit zielt. Die besten Filme liefen bislang in der Nebensektion "Un Certain Regard", berichtet Thomas Abeltshauser im Freitag - etwa Marie Kreutzers Sisi-Film "Corsage", den er gerne im Wettbewerb gesehen hätte, wo doch vieles "im Mittelmaß stecken bleibe oder in selbstreferenziellen Genreübungen". Cristian Mungius Drama "R.M.N." über Rassismus in einem rumänischen Dorf sei im Wettbewerb allerdings gut aufgehoben: "Mungiu seziert erneut seine rumänische Heimat und die sozialen, politischen und identitären Konflikte, die dort seit dem Ende der Diktatur immer offener zutage treten."

Emin Alpers "Burning Days"

Enttäuschung gibt auch Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche zu Protokoll: Erstmals rückt das Festival keine Umhängetaschen raus. Immerhin überzeugte ihn Emin Alpers in der Nebenreihe "Un Certain Regard" gezeigter türkischer Film "Burning Days", dessen Produzentin Cigdem Mater vor wenigen Wochen in der Türkei weggesperrt wurde. Es geht um einen Staatsanwalt, der in der Provinz landet, "die unter Wasserknappheit leidet. Das 'Chinatown'-Motiv deutet bereits an, dass Alper vom Film Noir inspiriert ist; und von der Korruption eines Staatskapitalismus. ... Zwar ist die politische Intrige, in die Emre verstrickt wird, eher unterkomplex. Aber sein Porträt einer Gesellschaft, in der niemand niemandem vertraut, in der Wahlen von Dorfpopulisten mit einfachen Versprechen gekauft werden und die Homophobie offen liegt, ist genremäßig bravourös inszeniert."

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden außerdem Mantas Kvedaravičius' "Mariupolis 2" (NZZ), Ruben Östlunds "Triangle of Sadness" (ZeitOnline, mehr dazu hier), der iranische Thriller "Holy Spider" von Ali Abbasi (taz) und Alex Garlands Horrorfilm "Men" (Welt).

Weitere Artikel: Daniel Haas staunt in der NZZ über die anhaltenden Höhenflüge in der Karriere von Tom Cruise, der gerade "Top Gun 2" (hier die online nachgereichte FAS-Kritik) in die Kinos bringt. Besprochen werden die Arte-Serie "Mafia Queens" (TA)  und die Amazon-Serie "Tokyo Vice" (FAZ).
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Literatur

Natalia Sadovnik erzählt auf 54books die Repressionsgeschichte der ukrainischen Sprache durch die russische Dominanz. Vor hundert Jahren blühte die Sprache kurz auf, "die goldenen Zwanziger, die gab es also auch in der Ukraine. Sie zeigen, was aus der ukrainischen Literatur hätte werden können - was den Ukrainerïnnen genommen wurde. Denn bald war das Ganze auch wieder zu Ende: Die Ukrainisierung beerdigt, die Rechtschreibreform für 'nationalistisch' erklärt und abgeschafft. Die 'rote Renaissance' - die gesamte ukrainische Moderne, ihre Dichterïnnen und Kulturtragenden - kennen wir heute nur noch als 'die erschossene Renaissance'. Etwa 260 ukrainische Schriftstellerïnnen und Künstlerïnnen wurden 1937 im karelischen Waldgebiet Sandarmoch hingerichtet. Unter ihnen auch Walerjan Pidmohylnyj. Sein vor kurzem auf Deutsch erschienener Kyïw-Roman 'Die Stadt' ist auch eine Geschichte dieser kurzen Ukrainisierung. Wer nicht erschossen wurde, floh oder wurde in den Gulag gebracht."

Vor der Wahl in Kolumbien unterhält sich Ralf Leonhard in der taz mit dem Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez über dessen Land im Allgemeinen und über Bogotá im Besonderen - das anders als Gabriel García Márquez' karibisches Cartagena selten eine literarische Kulisse bot. Dabei atmet die Stadt die Gewaltgeschichte des Landes: "Man geht durch das Zentrum von Bogotá und sieht die Stelle, wo 1914 der liberale Politiker Rafael Uribe Uribe erschlagen wurde. Man kommt an die Straßenecke, wo man 1948 den liberalen Caudillo Jorge Eliécer Gaitán ermordet hat oder an das Haus, in dem Simón Bolívar 1828 nur knapp einem Anschlag entkommen ist. ... Eines der vordringlichsten Ziele meines Schreibens war also, diesen Gespenstern der Vergangenheit, die durch die Geschichte des Stadtzentrums spuken, einen Platz zu geben."

In der Leitglosse des FAZ-Feuilletons erinnert Paul Ingendaay an den Schriftsteller Józef Czapski, in dessen atemberaubender Biografie sich die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts spiegeln - unter anderem befand er sich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Auf Deutsch liegen bislang nur seine in Haft gehaltenen Proust-Vorträge vor. Er "hielt diese Vorträge, mit nichts als seinem Gedächtnis bewaffnet, bei tiefen Minustemperaturen vor inhaftierten Kameraden. Wenn irgendjemand mal wieder die Rede auf die alberne Unterscheidung zwischen politischer und unpolitischer Literatur, zwischen gesellschaftlich 'wichtigen' und angeblich 'nutzlosen' Büchern bringt, ist Czapski das Argument, ihn zum Schweigen zu bringen. ...  Indem Czapski uns die Bedeutung scheinbar nichtiger Details zeigte, bewies er, dass Würde auch auf immateriellem Weg gerettet wird."

Besprochen werden unter anderem Wole Soyinkas "Die glücklichsten Menschen der Welt" (Perlentaucher), der Briefwechsel zwischen Gertrud Zenzes und Gottfried Benn (SZ), Uwe Tellkamps "Der Schlaf in den Uhren" (Freitag), Mary Paulson-Ellis' "Die andere Mrs. Walker" (FR) und Sarah M. Brooms "Das gelbe Haus" (FAZ).
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Kunst

Marlene Dumas: The Origin of Paintin", "Time and Chimera" und "The Making of". Ausstellungansicht. Foto: Marco Cappelletti / Palazzo Grassi

Als eine der größten Künstlerinnen unserer Tage feiert Philipp Meier in der NZZ die südafrikanische Malerin Marlene Dumas, die sich so gut aufs Trinken, Rauchen und Tabubrechen versteht. Der Palazzo Grassi widmet ihr eine große Ausstellung: "Sie hat eines der amoralischsten Werke geschaffen, die man sich in unserer politisch überkorrekten Zeit vorstellen kann. So schonungslos, wie sie sich in ihrem Selbstporträt zeigt, das jetzt im Palazzo Grassi in Venedig ausgestellt ist, so sehr nimmt sie das Ganze aber auch mit Humor. Hätte sie keinen, wäre ihre Kunst pathetisch, wie sie selber sagt.... Man ist etwas irritiert im ersten Ausstellungsraum, dass Marlene Dumas ihre Schau mit dem Bild einer männlichen Erektion beginnen lässt. Ihre erotischen Phantasien haben zahllose Künstler in Form von weiblicher Nacktheit auf die Leinwand gebracht. Ganz dasselbe ist das indes nicht, wenn es eine Künstlerin tut und einen Jüngling so zeigt. Oder eben doch?"

Hamburg widmet dem vergessenen Komiker und Künstler Heino Jaeger ein Festival. In der taz stellt Alexander Diehl den Mann vor, auf den sich heute der Rocko Schamoni, Heinz Strunk oder Olli Dittrich berufen: "Wie viel bewusstes Spiel das war, absichtsvoller Tabubruch - und wie viel schlicht Überbleibsel einer Kindheit zwischen Trümmerbergen? 'Ein Maler des Deutschen Reiches stellt in der ehemaligen Reichshauptstadt aus!', so war eine Galerie-Schau Jaegers in Berlin überschrieben, und das schon 1972, also ein paar Jahre vor Punk. Dessen Umgang gerade auch mit den bösesten Zeichen ist Jaegers Schaffen aber durchaus verwandt, an sein Nichteinstimmen in die allgemeine Verdrängung, zugleich auch an sein hart am Zynischen kratzenden Nein zum (allzu) guten Geschmack. Dass Jaeger und einige Künstlerfreunde sich betont nicht gegenwärtig fühlten, gerne behaupteten, alles relevante Kulturschaffen sei mit dem Ersten Weltkrieg beendet gewesen, stellt weniger einen Widerspruch dar als eine Facette."

Besprochen werden eine Schau der südkoreanischen Künstlerin Mire Lee im Zollamt des Frankfurter MMK (FR), eine Ausstellung Wiener Staßenfotografie von 1960 bis heute im Musa (Standard) und die Ernst-Wilhelm-Nay-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle (in der SZ stellt Till Briegleb Nay als angepassten Expressionisten dar, der weder gegen den Zweiten Weltkrieg noch gegen den Holocaust opponierte).
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Archiv: Kunst

Musik

Axel Brüggemann ärgert sich in seinem aktuellen Crescendo-Newsletter über das allzu matte Marketing im Klassikbetrieb, das er angesichts schwindenden Publikumszuspruchs und händeringender Mühen, das Publikum nach Ende der Coronamaßnahmen wieder in die Säle zu bekommen, nur noch katastrophal findet: "Es ist erschreckend, mit welcher Vehemenz und Ignoranz ausgerechnet die alte graue Garde von (Ex)-Intendanten und Journalisten-Opis ihr altes, graues System verteidigt, in dem sich - bitteschön - nichts verändern soll (vor allen Dingen nicht ihre Macht!). In Wahrheit verändert sich längst so viel so radikal, und wer jetzt keinen Aufbruch wagt und einfach weitermacht, sieht schon heute schrecklich alt aus."

Seine Blues Explosion hat Jon Spencer zu den Akten gelegt, dafür rumpelt der New Yorker Gitarrist zur Freude von FR-Kritiker Olaf Velte mit The Hitmakers weiter: "Wenn die irrsinnige Orgel durch den Auftakt-Kracher 'Junk Man' bollert, wird Ahnung zu Gewissheit: Hier braut sich etwas zusammen, vor dem uns schwindelt. ... Jon Spencer, der einfach und kompromisslos weitermacht, verfügt über ein ungeheures Spektrum an Materialien, die es neu zu denken und auszuhärten gilt. Trash und Fuzz dürfen dabei ebenso eingeschmolzen werden wie Surf, Rock'n'Roll, Blues, Disco, Punk."



Weitere Artikel: Juliane Liebert erzählt in der SZ das Leben der ausgebürgerten DDR-Liedermacherin Bettina Wegner, der aktuell ein Kinofilm gewidmet ist. Yulia Valova und Nadezhda Kulish bieten im Tagesspiegel einen Überblick über Soli-Konzerte für die Ukraine.

Besprochen werden neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Aufnahme von Olivier Messiaens "Quatuor pour la fin du temps" von Fröst/Jansen/Thedéen/Debargue (SZ), das neue Album von Harry Styles (ZeitOnline, mehr dazu bereits hier), drei Archiv-Compilations der Band Broadcast (Jungle World), ein von Klaus Mäkelä dirigierter Konzertaebend mit dem Oslo Philharmonic in Wien (Standard), die Ausstellung "E. T. A. Hoffmann und die Musik" im Musikinstrumenten-Museum in Berlin (FAZ) und Taj Mahals und Ry Cooders Album "Get on Board" (TA).

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