Efeu - Die Kulturrundschau

Gut zureden und drucken

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20.10.2021. Übersatt, aber glücklich feiern die KritikerInnen von SZ bis Presse Wes Andersons Pralinenschachtel von einem Kinofilm "The French Dispatch". Die taz berichtet vom Filmfestival Fespaco in Ouagadougou, wo es vor allem um die beklagenswerte Lage der afrikanischen Filmindustrie ging. Die FAZ macht sich mit Kara Walker in der Frankfurter Schirn an eine Archäologie schwarzer Identität. Der Standard entschwebt mit Lee Morgan in den siebten Jazzhimmel.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.10.2021 finden Sie hier

Film

Bill Murray als Zentrum in einem Wimmelbildfilm: "The French Dispatch"

Wes Andersons neuer Film "The French Dispatch" ist eine Liebeserklärung ans schön gestaltete Printmagazin. Die Geschichten des deutlich am New Yorker orientierten Magazins bilden dabei die mit übersprudelnder kreativer Energie gestalteten Episoden des Films, die noch bis in kleinste Winkel mit Stars vollgestopft sind. So ist "The French Dispatch denn auch "mehr Wimmelbild als Film", hält Juliane Liebert in der SZ fest. "Wer am schnellsten die meisten Schauspielerikonen findet, gewinnt. Tilda Swinton, Timothée Chalamet, Christoph Waltz, Elisabeth Moss, Bill Murray und Frances McDormand geben sich hier blitzschnell die Klinke in die Hand." Murray bildet allerdings das Zentrum, wenn er "als weiser Chefredakteur nicht nur seine Redaktion zusammenhält, sondern den ganzen Film. Von ihm kann man lernen, dass Redakteure eigentlich nichts tun können, außer ihren Autoren gut zureden und drucken, was kommt. Und wenn Sie jetzt diesen Schlusssatz lesen, dann ist es wohl genauso passiert."

Auch dieser Anderson-Film ist wieder ein Puppenhaus und entspricht damit ziemlich ausgezirkelt der ästhetischen Marke dieses Auteurs (in der FAZ erklärt sie uns Jan Wiele), schreibt Andrey Arnold in der Presse: "Wer einen von Andersons Filmen gesehen hat, hat seine Bildsprache gemeinhin intus und abrufbar. Dann reicht bereits ein zentralperspektivisches Standbild, und die ganze wunderliche Anderson-Welt flammt im Hippocampus auf." Und dennoch muss Arnold "konstatieren, dass es doch wieder ein schöner und durchaus sehenswerter Film geworden ist." Übersatt rollt tazler Tim Caspar Boehme aus dem Kino: "Am Ende ist es ein bisschen viel. ... Der Film zerfällt darüber in lauter Vignetten, die sich gegenseitig ausbremsen und deren ausgestellte Künstlichkeit für zunehmende Distanz beim Betrachten sorgt. Man fühlt sich wie vor einer exquisiten Pralinenschachtel, von der ein, zwei Stück hervorragend schmecken mögen, die man aber besser nicht in einem Zug aufessen sollte."

Katrin Gänsler berichtet in der taz vom Filmfestival Fespaco in Ouagadougou in Burkina Faso, wo unter anderem über die Lage der afrikanischen Filmindustrien gesprochen wird. Ein Problem, das sich diesen stellt: Es gibt kaum noch Kinos, seit "in den Achtzigerjahren mit einem Strukturanpassungsprogramm von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) begonnen" wurde: "Verschuldete afrikanische Staaten sollten zinsgünstige Kredite bekommen, wenn sie ökonomische Reformen durchführen. Im Senegal führte das dazu, dass die Regierung unter anderem die nationale Kinogesellschaft privatisierte ... Sie betrieb damals 80 Kinosäle, die verkauft und in Einkaufzentren und Geschäftsgebäude umgewandelt wurden. In neue Kinos wird heute mit einer Ausnahme nicht mehr investiert. Das französische Bezahlfernsehen Canal Plus, das im frankophonen Afrika massiv um Zuschauer*innen wirbt, betreibt unter dem Namen Canal Olympia eigenen Angaben zufolge 18 Kinosäle in 12 Ländern."

Außerdem: Die Aufregung um Dave Chappelles Comedyspecial "The Closer" (mehr dazu) ist ein großes Missverständnis, meint Wenke Husmann im Kommentar auf ZeitOnline: "Die Erwartungshaltung gegenüber Comedy, sie habe unserer moralischen Erbauung zu dienen, ist eine grundfalsche." Wilfried Urbe berichtet in der taz von den Diversitätsplänen bei BBC und Netflix. Im Standard empfiehlt Dorian Waller die Retrospektive Terence Davies der Viennale. Der auf abwegig verdrehte Horrorfilme spezialisierte Filmemacher M. Night Shyamalan wird der nächsten Berlinale als Jurypräsident vorstehen, meldet Susan Vahabzadeh in der SZ. Besprochen wird Andrew Haighs auf Magenta TV gezeigte BBC-Miniserie "The North Water" (taz).

Und: Wir freuen uns! Zwei bei uns veröffentlichte Texte sind für den Siegfried-Kracauer-Preis für die beste Filmkritik des Jahres nominiert. Einmal Olga Baruk über "Space Dogs" und Lukas Foerster über Alexander Kluges und Khavns Experimentalfilm "Orphea".
Archiv: Film

Kunst

Kara Walker: Only I can Solve this. Bild: Schirn Kunsthalle

Überwältigt - und auch ein wenig überfordert, wie er eingesteht, kommt FAZ-Kritiker Stefan Trinks aus der großen Kara-Walker-Schau in der Frankfurter Schirn: Hunderte von Zeichnungen, Scherenschnitte und Videos fügen sich zu einer Archäologie schwarzer Identität, aber auch zu einer amerikanischen Gewaltgeschichte: "Gewalt wird bei Walker zur Ikonografie von Machtmissbrauch per se; sie lässt allein durch die Häufung ihres Vorkommens automatisch stutzig und aufmerksam werden. Dieses Paradox, von ihr 'Form als Falle' benannt, setzt sie seit den frühen Silhouetten und Scherenschnitt-Filmen ein: anfangs werden diese von den meisten Betrachtern mit lieblichen Märchenwelten assoziiert, um dann sehr schnell in Gewaltexzesse und Albträume umzukippen, wobei dieser Kippmoment aber - eine doppelte Volte - auch den Märchen schon inhärent ist."

Heidi Bucher: Hautraum (Rocks Kinderzimmer), 1987. Foto: Stefan Altenburger / Haus der Kunst

Mit der Ausstellung "Metamorphosen" im Haus der Kunst wird die Schweizer Bildhauerin Heidi Bucher endlich im Kanon verankert werden, ist sich Catrin Lorch in der SZ sicher, muss diese späte Würdigung aber auch bedauern: "Das so geschichtsbewusste, hellwache Oeuvre der Heidi Bucher wäre wichtig gewesen im Zusammenhang mit den Debatten um Erinnerungskultur in den Neunzigerjahren und im Kontext der feministisch-aktivistischen Arbeit von Künstlerinnen nach der Jahrtausendwende. Doch ist es fast müßig zu diskutieren, warum eine Bildhauerin Opfer der Amnesie einer so neuigkeitssüchtigen wie vergesslichen Kunstszene wurde, obwohl sie bis zu ihrem Tod 1993 von Galerien, Museen oder Off-Spaces gezeigt wurde und mit Künstlern wie Ed Kienholz in enger Freundschaft verbunden war."

Weiteres: Kaum hat sich Hongkong vom Ruf befreit, ein rein kommerzieller Umschlagplatz für die Kunst zu sein, schlägt Pekings repressive Politik in Selbstzensur um, bedauert Philipp Meier in der NZZ und berichtet, dass jetzt auch die 'Säule der Schande' des dänischen Künstler Jens Galschiøt, die an die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 erinnert, von der Hongkonger Universität entfernt wurde. In der Welt nimmt Tobias Käufer erleichtert zur Kenntnis, dass der kubanische Künstler Hamlet Lavastida aus der Haft entlassen und zurück in Berlin ist. Schön, dass sich Kultursenator Klaus Leder diskret für Lavastida eingesetzt hat, meint er auch: "Hätte sich aber der Kultursenator einer der weltweit wichtigsten Kunststädte - noch dazu ein Sozialist - öffentlich zu Wort gemeldet, hätte das in Havanna einen ganz anderen Klang gehabt."

Besprochen wird eine Schau von Hermann Nitschs "Walküre"-Bildern in Mistelbach (Standard) und die Ausstellung "Time Without End" in der Berliner Videokunstsammlung Fluentum (Monopol).
Archiv: Kunst

Literatur

Sehr passend findet es Dirk Knipphals im taz-Kommentar, dass Antje Rávik Strubel just in dem Moment den Deutschen Buchpreis für ihren Roman "Blaue Frau" erhielt (unser Resümee), als Bild-Chef Julian Reichelt wegen Vorwürfen des Machtmissbrauchs gegenüber untergebenen Frauen entlassen wurde: "Etwas von einer Richtungsentscheidung schwingt hier schon mit. Um Missverständnisse auszuschließen: Sie besteht keineswegs darin, dass es hier und heute unbedingt ein #MeToo-Roman sein musste. Sondern vielmehr darin, dass es angesichts der Lage um so einen literarischen Ernst geht, der 'Blaue Frau' tatsächlich durchweht, und um hohe Einsätze in der literarischen Form. Die Form - die oft gleitenden Übergänge aus der Gegenwart in die Erinnerung, die genau beschriebenen Details und wie abgelauschten Dialoge -, sie lässt einen bei der Traumaverarbeitung der Hauptfigur, die die ganze Zeit über im Zentrum bleibt, stets am Ball bleiben."

Außerdem: Christoph Schröder (ZeitOnline), Gerrit Bartels (Tagesspiegel) und Miryam Schellbach (SZ) berichten vom Auftakt der Frankfurter Buchmesse. Björn Hayer (FR) und das das Feuilleton des Standard gratulieren Elfriede Jelinek zum 75. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Ulrike Draesners Langgedicht "Doggerland" (Berliner Zeitung), Sasha Marianna Salzmanns "Im Menschen muss alles herrlich sein" (online nachgereicht von der FAZ), Barbi Markovićs "Die verschissene Zeit" (Freitag), Hans-Ulrich Treichels "Schöner denn je" (Freitag), eine Albert Uderzo gewidmete Ausstellung im Musée Maillol in Paris (Welt), Maaza Mengistes "Der Schattenkönig" (SZ) und Catherine Mavrikakis' "Der Himmel über Bay City" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Bühne

Nachrufe auf die verstorbene Meistersopranistin Edita Gruberova , die "Coloratura assoluta" und "Nachtigall des Ziergesangs", schreiben heute noch einmal Manuel Brug in der Welt, Jürgen Kesting in der FAZ und Christian Wildhagen in der NZZ (mehr in unserem gestrigen Efeu). Besprochen wird Johan Simons' Inszenierung "Ödipus. Herrscher" in Bochum (SZ).
Archiv: Bühne

Musik

Eine umfangreiche Box mit Lee Morgans Lighthouse-Konzerten von 1970 versetzt Standard-Kritiker Ronald Pohl in den siebten Jazzhimmel: "Am Klavier entwickelte Harold Mabern die Blockakkordik eines McCoy Tyner behutsam weiter. Die Rhythmusgruppe? Entfesselte währenddessen Stürme. Morgan selbst benutzte die Kompositionen wie Module, um sich - jederzeit trittsicher - ins Offene hinauszubewegen." Die Box "enthält das Ausharren an einer Wegkreuzung: Das Reich der Freiheit muss irgendwo hinter einer der Wegbiegungen versteckt liegen. Es heißt nicht Free Jazz oder 'New Thing'; es meint auch nicht den geschmeidigen Übergang hinein in die 'Fusion', mit ihren fingerflinken Übungen. Es ist etwas nicht ausformuliertes, gesellschaftliches Drittes. Dieses umfasst diskriminierungsfreie Verhältnisse; es meint eine Welt, in der man Jazzmusikern nicht die Zähne ausschlägt." Wir hören rein:



Das neue Album von Coldplay hingegen verbannt Standard-Kritiker Karl Fluch geradewegs in den zehnten Kreis der Hölle. Vorgelegt wurde "ein Konzeptalbum zum Thema 'Irgendwas mit Weltraum'" und es "klingt wie eine aufwendige Coldplay-Karikatur, live im Raumschiff Enterprise. Mit Chris Martin als Rocketman, der auf der Brücke an den Knöpfen dreht. Die Resultate betören mit flirrendem Nichts und stimmverzerrendem Quatsch, am Mischpult besorgen DJ Wachkoma & MC Dienstleister den Rest. So klingt Popmusik, wenn sie am Ende ist und mit großem Aufwand nichts zu melden hat." Wir hören lieber nicht rein.

Außerdem: Thomas Schacher berichtet in der NZZ von den Plänen der neuen Leitung des Wagner-Museums in Luzern. Besprochen werden Helene Hegemanns Essay über Patti Smith (Tagesspiegel), Christoph Dallachs Krautrock-Oral-History "Future Sounds" (Jungle World), Wynton Marsalis' Konzert zum 60. Geburtstag (Tagesspiegel), ein Konzert von Scott Matthew (Standard), Vanishing Twins Album "Ooki Gekkou" (NZZ), ein Frankfurter Abend mit Anne Sofie von Otter und Julia Lezhneva (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter eine Zusammenstellung von B-Seiten und Raritäten von Nick Cave & The Bad Seeds (SZ).
Archiv: Musik