Efeu - Die Kulturrundschau

Zwei Sprünge vom Gaumen abwärts

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28.08.2021. Wo sind die "wütenden arabischen Stimmen, die Gerechtigkeit fordern gegen die Talibanisierung der gesamten muslimischen Welt?", fragt der Künstler Ibrahim Quraishi in der taz. Die Nachtkritik hört mit Lawrence Abu Hamdan das Dröhnen im Kopf der Libanesen beim Frankfurter Festival "This Is Not Lebanon". In der FAZ betet Durs Grünbein eine ihm unbekannte Dame an: Europa. Der Tagesspiegel blickt in Paris in die blutorangen Abgründe der Anne Imhof. Die FAZ lernt in Bergen, wie Pestizide in die Muttermilch von Inuit gelangen. Und im Perlentaucher meint Daniele Dell'Agli: Wenn etwas in die Jahre gekommen ist, dann die "Befreiung der Klänge" durch die Musik.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2021 finden Sie hier

Kunst

"Wo sind die mutigen muslimischen, die wütenden arabischen Stimmen, die Gerechtigkeit fordern gegen die Talibanisierung der gesamten muslimischen Welt?", fragt der in Kenia geborene und in Amsterdam lebende Künstler Ibrahim Quraishi wütend in der taz: "Wann werden wir uns tatsächlich dafür einsetzen, dass politische und religiöse Autoritäten aufhören, die islamische Rechtsprechung, geprägt von Scharia und Blasphemiegesetzen, zu missbrauchen, um Repressionen in ebendiesen muslimischen Ländern fortzusetzen? Wann werden Migrant:innen wie ich, die bequem im Westen leben, den kollektiven Mut aufbringen, gegen Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus, Hass auf andere religiöse und kulturelle Minderheiten, gegen geschlechtsspezifische Gewalt, gegen bösartige Angriffe auf LGBTIQ+-Gemeinschaften in unserem eigenen Hinterhof zu kämpfen? Wann werden wir aufhören, das Unvertretbare zu verteidigen, und uns dem 21. Jahrhundert anschließen, anstatt ständig dem Westen die Schuld an unserer eigenen inneren Misere zu geben?"

Bild: Eliza Douglas in rehearsals for Anne Imhof, Natures Mortes, 2021. Photography: Nadine Fraczkowski Courtesy of the artist and Palais de Tokyo, Paris

Mit in ein "Kabinett der Schwarzen Romantik des 21. Jahrhunderts" - oder direkt in den Kopf von Anne Imhof lässt sich Christiane Meixner (Tagesspiegel) in der Ausstellung "Natures Mortes" im Pariser Palais de Tokyo nehmen, wo die deutsche Künstlerin in einer labyrinthischen Installation durch Abgründe und Lust, "Todessehnsucht und Underground" führt: "Irgendwann stolpert der zunehmend orientierungslose Besucher in ein schwarz getünchtes, ehemaliges Kino mit einer Filmsequenz: Imhofs Partnerin, die Künstlerin Eliza Douglas, strebt zwischen üppigen Blumen nach dem Suizid. Man kann es ihr angesichts der Düsternis in der Schau kaum verdenken. Aber halt: Die blutorangen Höllengemälde im Death-Metal-Stil wenige Räume zuvor stammen von ihr selbst. Douglas, die in einem anderen Video unbeirrt eine halbe Stunde lang auf das Meer einpeitscht, ist Opfer wie Protagonistin in einer Person."

Ein Thema von globaler Bedeutung packt die Kunsthall im norwegischen Bergen mit der Ausstellung "The Ocean" an, in der FAZ-Kritiker Stefan Trinks ganz ohne "didaktisches Nudelholz" von 27 KünstlerInnen unsere Abhängigkeit von den Ozeanen vorgeführt bekommt: "Gleich mehrere Künstler setzen sich mit den riesigen Zuchtstationen für den global gefragten Lachs um Bergen herum auseinander, ist es doch keine Legende, dass Lachs-Sushi als Inbegriff der japanischen Küche eine norwegische Erfindung ist. Der Japaner Ei Arakawa wiederum stellt im Meer vor Fukushima in PET-Flaschen gefülltes und so etikettiertes Wasser samt Fotos als 'Collecting water in Fukushima' aus, um mit dem noch immer strahlenden Lebensquell symbolstark auf die immense und eben nicht an Landesgrenzen haltmachende Gefahr der Verseuchung der Meere hinzuweisen. Auch DDT als hochgiftiges Pestizid mag zwar in Europa verboten sein, in Afrika jedoch wird es unverändert eingesetzt, in die Meere gespült und gelangt über die Nahrungskette bis in die Muttermilch von Inuit und Samen hoch im Norden der Erde."

Außerdem: In der taz blickt Jana Janika Bach auf eine pralle Kunstsaison in Europa und den USA.
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Literatur

Durs Grünbein hat für das slowenische Festival "Poetry and Wine" einen Brief an Europa geschrieben, den die FAZ bringt. Leider ist ihm die Dame ganz unbekannt. "Europa, Licht meines Lebens, könnte er sagen, in jenem Ton minnehafter Anbetung, den ein russischer Romancier von der ersten Note seines berühmt-berüchtigten Romans an als Sprachfeuerwerk entfachte: Eu-ro-pa. Aber die Zunge macht dabei nicht alliterationslustig zwei Sprünge vom Gaumen abwärts und tippt an die Zähne. Eher spielt sich die Wohllautbildung tief in der Mundhöhle ab, als ein Röhren im Rachen, bevor sie, von einem Verschlußlaut unterstützt, zu dem sich die Backen kurz aufplustern, auf einem der schönsten Vokale endet, der allen Zauber des Anfangs bewahrt. ... Nein, daraus wird kein Brief, auch wenn es sich, wie man gleich merken wird, auch hier um einen Fall von Anbetung handelt."

Marie-Luise Goldmann unterhält sich für die Literarische Welt mit der amerikanischen Autorin Alix Kates Shulman, deren 1972 erschienener Roman "Erfahrungen eines schönen Mädchens", der von sexueller Belästigung, Ungleichbehandlung und Unterdrückung in der Ehe erzählte, jetzt erstmals auf Deutsch erscheint. Die feministischen Aktivistinnen jener Zeit, erzählt sie, "haben viele Verhaltensweisen und Erfahrungen, die weithin anerkannt wurden, als misogynen Missbrauch identifiziert, der Frauen klein hält. In meinen Roman wollte ich damals all diese Dinge aufnehmen, die sehr wichtig für Frauen waren, aber noch nicht allgemein anerkannt wurden. Jetzt werden viele Praktiken als diskriminierend und ungerecht erkannt, aber sie geschehen immer noch. Ich denke, das ist der Grund, warum mein Roman heute so viel Resonanz erfährt."

Weitere Artikel: Judith von Sternburg unterhält sich für die FR mit dem Autor Thomas Lehr über dessen Roman "September. Fata Morgana" Jennifer Wilton unterhält sich für die Literarische Welt mit Fridolin Schley über dessen Weizsäcker-Roman "Die Verteidigung". Susanne Messmer berichtet für die taz über das Festival "Literatur auf der Parkbank" in Cottbus.

Besprochen werden Werner Herzogs "Das Dämmern der Welt" (Tsp, SZ), Henning Ahrens Roman "Mitgift" (taz), Sylvia Wages Krimi "Grund" (taz), Ralph Bollmanns Merkel-Biografie (taz), Angela Lehners Roman "2001" (taz), Barbara Frandinos Roman "Das hast du verdient" (SZ), Hervé Le Telliers Roman "Die Anomalie" (Welt), der Briefwechsel von Boris Pasternak und Marina Zwetajewa (Welt), Jessica Linds "Mama" (Welt), Silvia Ferraras "Die große Erfindung" (FAZ), Judith Sevinç Basads "Schäm dich!" (FAZ) und Natascha Wodins Roman "Nastjas Tränen" (FAZ).

In der Frankfurter Anthologie schreibt Mathias Mayer über Paul Celans Gedicht "Was geschah?"

"WAS GESCHAH? Der Stein trat aus dem Berge.
Wer erwachte? Du und ich.
Sprache, Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde.
Ärmer. Offen. Heimatlich.
..."
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Bühne

Bild: Szene aus "Air Pressure: A Diary Sky". Foto: Christian Schuller, Lawrence Abu Hamdnan.

Ein der "desolaten Situation des Libanon und seiner Einwohner:innen angemessenes Dröhnen im Kopf" verspürt Nachtkritikerin Esther Boldt bei den drei Eröffnungsperformances des Frankfurter Festivals "This Is Not Lebanon" am Künstlerhaus Mousonturm. Besonders Lawrence Abu Hamdans "Air Pressure: A Diary of Sky" hallt bei Boldt nach: "Hamdan, Mitglied der Gruppe Forensic Architecture, die Schauplätze von Gewalt erforscht, folgt den Spuren des Fluglärms weit in die libanesische Geschichte hinein und markiert ihn als eine Art psycho-physischer Kriegsführung, die langsam töte, durch die stete, omnipräsente Bedrohung. Eine Bedrohung, vor der der libanesische Staat seine Bevölkerung nicht zu schützen vermag - denn anstelle den Luftraum zu sichern, bietet das bankrotte Militär seit kurzem Zivilisten Rundflüge im Armee-Helikopter gegen Bezahlung an: Libanon von oben. Hamdans Lecture ist aufregend und klug, intensiv und verstörend - und .. ohrenbetäubend." Hamad "nennt den Lärmterror 'atmosphärische Gewalt' und sieht ihn als Symbol für den Zusammenbruch des Libanons, gesteigert durch das Rauschen der Dieselgeneratoren, die die Stromausfälle in Beirut ausgleichen", erfährt Kevin Hanschke in der FAZ.

Außerdem: Im Standard ziehen Margarete Affenzeller, Ljubiša Tošic, Stephan Hilpold eine sehr glückliche Bilanz der Salzburger Festspiele, vor allem dank der Neuproduktionen: "Intolleranza wurde bei Jan Lauwers zum engagierten Stück über Vertreibung. Und Don Giovanni raste auf der Schnellstraße des Todes seinem Ende entgegen, während Romeo Castellucci um den Wüstling herum ein kunsthistorisches Assoziationstheater inszenierte." In der taz blickt René Hamann auf die kommende Spielzeit auf deutschen Bühnen. Auf Seite 1 des SZ-Feuilletons begleitet Christine Dössel Lars Eidinger beim Kauf einer Trachten-Lederhose.

Besprochen werden Kelly Coopers und Pavol Liskas (Nature Theater of Oklahoma) "Burt Turrido. An Opera" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik, Standard), "La Despedida" von Mapa Teatro beim Zürcher Theaterspektakel (NZZ) und das Stück "Remaining Strangers" von Simone Aughterlony beim Zürcher Theaterspektakel (NZZ).
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Film

"Bundesweit hatten die Kinos im Juli fast das Dreifache an Besuchern als im selben Monat im Jahr zuvor", sagt Christian Bräuer von der AG Kino im taz-Interview mit Andreas Hartmann. Die Förderungen laufen noch, reichen aber nur um weiter zu existieren, fährt er fort: "Schöner wäre es natürlich, wenn wir Kinobetreiber eine echte Anlaufhilfe bekämen, um in die Kinos zu investieren und im besten Falle auf Gewinne Steuern bezahlen. So wie das in anderen Wirtschaftszweigen, etwa bei den Apothekern oder Automobilkonzernen auch der Fall ist."

"Macht uns das Kino zu besseren Menschen?", fragt Patrick Holzapfel, der im Filmdienst mit Blick auf Victor Kossakovskys Dokumentarfilm "Gunda" über das Leben von Tieren auf dem Bauernhof über Mitgefühl im Kino nachdenkt. Erstmal gehe es nur um Wahrnehmung: "Man liest oft von der Zärtlichkeit des Blicks. Eine Filmemacherin würde sich der Welt oder ihren Figuren zärtlich nähern. Man muss achtgeben, dass es vor lauter Zärtlichkeit überhaupt noch einen Blick gibt. Einfühlsamkeit kommt mit einer ganzen Grammatik daher: Musik, Nahaufnahme, menschliche Geste. Das hat nichts mehr mit blicken zu tun und eigentlich auch nicht mit Mitgefühl."

Außerdem: In der taz gibt Fabian Tietke einen Ausblick auf das Festival Archival Assembly #1 im Kino Arsenal. Besprochen werden Pietro Marcellos Verfilmung von Jack Londons Roman "Martin Eden" (SZ), Barry Alexander Browns Film "Son of the South" (SZ), Nia DaCostas Neuverfilmung des "Candyman" (Tsp, FAZ), die Netflix-Serie "The Chair" (Zeit online, Welt) und Carl-Ludwig Rettingers Dokumentarfilm "Die Rote Kapelle" (Zeit online).
Archiv: Film
Stichwörter: Zukunft des Kinos, Netflix

Musik

Wenn etwas in die Jahre gekommen ist, dann die "Befreiung der Klänge" durch die Musik, meint Daniele Dell'Agli in einem Essay für den Perlentaucher: "Wenn ich die .. Tradition der modernen Befreiungspathetiker Revue passieren lasse, dann stelle ich .. fest, dass aus dem hypnotischen Sog des Sirenengesangs das maschinelle Alarmgeheul bei Varèse wurde, und dass man gut beraten ist, sich für empathieträchtige Trauergesänge von Zeitgenossen besser an den Blues, an Meredith Monk oder an die osteuropäischen Threnodien von Schostakowitsch, Weinberg, Schnittke, Pärt oder Gubaidulina zu halten. Die Avantgarden des 20. Jahrhunderts haben die Faszinationsgeschichte der Musik durch eine veritable Obsessionsgeschichte abgelöst; sie haben Verzauberung durch Schocks ersetzt und die Konzertsäle in Trainingslager für grenzwertige akustische Zumutungen verwandelt." Dagegen setzt Dell'Agli zum Beispiel Debussy - im Essay sind einige der erwähnten Stücke als Video eingebunden.

Hier die besagten Sirenenklänge in Varèses "Ionisation":



Kirill Petrenko hat sein Waldbühnen-Debüt mit den Berliner Philharmonikern gegeben. Klar hat es geregnet. Aber das ist eh immer so in der Waldbühne, meint eine gut gelaunte Christiane Peitz im Tagesspiegel. Und "Petrenko macht es ohnehin wett", wenn er den Wald mit Schuberts C-Dur-Symphonie inmitten des Geprassels zum Tönen bringt: "Scharfe Kontraste, ein Tuttiklang ohne jeden Nachdruck, zittrig-bebende Tremoloschichtungen, sanfte Streicherwellen auf Pizzicatogrund, organische, kraftvolle Motorik mit galoppierenden Punktierten: Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, ob jede Nuance mühelos zu hören ist. Vielleicht ist Musik ja per se konjunktivisch, die Feier des Möglichen angesichts der beschränkten Realität."

Weitere Artikel: Helmut Mauró würdigt in der SZ ein "geheimes Genie", den vor 500 Jahren verstorbenen Renaissance-Komponisten Josquin Desprez. Katrin Wilke schreibt in der taz zum 100. Geburtstag des argentinischen Pianisten und Komponisten Ariel Ramírez. Robert Mießner denkt in der taz über das E in E-Musik nach. Gregor Kessler unterhält sich für die taz mit den Steve Berlin von Los Lobos über ihr jüngstes Album "Native Sons" und die guten alten Zeiten. Besprochen wird ein Konzert der Rapperin Layla in Berlin (Tsp) und ein Schumann-Konzert, dirigiert von Paavo Järvi mit dem Tonhalle-Orchester Zürich beim Luzern-Festival (NZZ).
Archiv: Musik