Efeu - Die Kulturrundschau

Die Stille wird laut

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.08.2021. Der Tagesspiegel erlebt im Barberini Museum einen schmissigen Frühling auf der Krim. Das Van Magazin hört einen zutiefst menschlichen Schrei in Luigi Nonos "Intolleranza". FAZ und FR feiern das neue Romantik-Museum in Frankfurt. Die nachtkritik erhält einen Theaterbrief aus dem Iran. Die NZZ trauert um den belarussischen Dichter Ales Rasanau.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2021 finden Sie hier

Kunst

Bild: Abram Archipow: "Besuch". 1914. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau

"Fulminant" nennt Bernard Schulz im Tagesspiegel die mit Verspätung eröffnete Ausstellung "Impressionismus in Russland. Aufbruch zur Avantgarde" im Potsdamer Barberini Museum, die ihm die besonderen Charakteristika der russischen Impressionisten zeigt: "Mehr als in Frankreich ist der Impressionismus in Russland auch eine Rückzugsbewegung. (…) Es leuchtet hier ein Impressionismus kräftiger Farben, wie auf Nikolai Tarkhoffs 'Beim Frühstück' von 1906 oder Abram Archipows 'Im Norden' von 1910, und selbst in Igor Grabars 'Verlöschendem Tag' von 1904 verlöschen die Farben nicht. Isaak Lewitan, unter russischen Sammlern mehr denn je geschätzt, ist mit einem für ihn ungewohnt schmissigen 'Frühling auf der Krim' aus seinem Todesjahr 1900 zu sehen. Genau das charakterisiert die Künstler der ausgehenden Zarenzeit: Sie sind in ihrer Mehrzahl nicht auf eine Malweise festgelegt."

Bild: Paula Rego The Artist in Her Studio 1993 Leeds Museums and Galleries (Leeds Art Gallery) U.K. / Bridgeman Images © Paula Rego
Geballtem "Zorn und Schmerz" begegnet Marion Löhndorf in der NZZ in den Bildern der portugiesischen Künstlerin Paula Rego, der die Tate Britain derzeit eine große Werkschau widmet: "Kühn formuliert Paula Rego gesellschaftlich nicht akzeptierte Gefühlsregungen, setzt Tabus in Bilder um und ignoriert dabei soziale Übereinkünfte. Kinder sind auf ihren Bildern niemals süß und unschuldig, Frauen kaum je einfach schön, Männer selten stark und Tiere oft reglos wie Götzenbilder. Im wilden Ausdruck der Verzweiflung ist Vitalität zu erkennen, wie etwa in der berühmten, auf allen vieren kauernden, die Zähne fletschenden 'Dog Woman' (1994). Auch in der Passivität entdeckt Paula Rego Kraft."

Außerdem: Als Direktor der Afrika-Abteilung des Berliner Museums für Völkerkunde war der Archäologe Felix von Luschan wesentlich dafür verantwortlich, dass die Benin-Bronzen nach Berlin kamen, erinnert Almuth Spiegler in der SZ. Die Ambivalenz Luschans, "dezidiert antirassistisch und antisemitisch" geltend, erkennt Spiegler nun noch einmal in der Ausstellung "Überleben im Bild. 'Rettungsanthropologie' in der fotografischen Sammlung Emma und Felix von Luschan" im Photoinstitut Bonartes in Wien, die ihr Einblicke in Luschans private Fotosammlung gewährt.

Besprochen wird die Gruppenausstellung "Swimming Pool - Troubled Waters" im Künstlerhaus Bethanien (taz) und das Kunstfestival "Gap* the Mind" in Braunschweig (taz).
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Literatur

Am 26. August verlor Belarus seinen bedeutendsten Dichter, Ales Rasanau, schreibt Ilma Rakusa in der NZZ. "Seine Suche galt stets 'Universalien', die er aus der Natur, der Geschichte und der Traumwelt herauszufiltern suchte, um zu einer 'Essenz' vorzustoßen, die auf elementare Weise einleuchtet. Reduktion war dabei sein stilistisches Mittel, eine kunstvoll einfache Sprache, die den Anschein erweckt, 'der Funke springe von alleine'. Meisterhaft gelang ihm dies in seinen 'Punktierungen', wo er alltägliche Beobachtungen zur Evidenz brachte. Etwa so: 'Regen: / Der See / unter Akupunktur.' Oder: 'Die Sonne geht unter: / Mit zwei Augen / schau ich ins dritte.' Viele seiner Kurzgedichte schrieb er auf Deutsch, das ihm durch Stipendienaufenthalte in Deutschland, Österreich und der Schweiz ans Herz wuchs und das er bis in die Tiefe der 'Wortdichte' erforschte: 'Der Sturm - / abgeflaut: / Die Stille wird laut.'"

Weitere Artikel: In der SZ stellt Nils Minkmar Oliver Wurms neues Lyrikmagazin "Dreizehn Gedichte" vor. Und Thomas Steinfeld schreibt zum Tod der Kinderbuchillustratorin Gunilla Bergström. Die FAZ reicht nochmal die "Frankfurter Anthologie" vom Samstag online nach - die Seite war am Samstag zerschossen -  für die Gisela Trahms über Goethes "Hatem" schrieb .

Besprochen werden Werner Herzogs Buch "Das Dämmern der Welt" (Welt), Henning Ahrens Roman "Mitgift" (Zeit online), Alan Carters "Doom Creek" (Tsp), Kurt Martis "Wortwarenladen" (NZZ), Adil Demircis Tagebuch aus seiner zehnmonatigen Haft in der Türkei (54books), Edward Quinns Bildband "Riviera Cocktail" (SZ), Lutz Hachmeisters Geschichte der Côte d'Azur "Hotel Provençal" (SZ), Margaret MacMillans "Krieg" (FAZ) sowie einige Kinderbücher in der SZ.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Belarus, Herzog, Werner

Bühne

Intolleranza 1960 | 2021: Ensemble. Foto © SF / Maarten Vanden Abeele 


Im Van Magazin schreibt Dominika Hirschler tief beeindruckt über die Neuinszenierung der Nono-Oper "Intolleranza" für die Felsenreitschule der Salzburger Festspiele: "'Intolleranza' ist szenische Aktion, keine Oper und in vielerlei Hinsicht sperrig und widerständig. Von Brecht'schen Prinzipien und dem russischen Avantgarde-Theater der 1920er Jahre inspiriert, fügte Nono selbst Parolen und bekenntnishafte Texte ... zu einer heterogenen Montage, in der die Figuren eindimensional bleiben. Nonos pronociertes Selbstverständnis als linker Komponist, der mit seinem Werk zur Verwirklichung der sozialistischen Utopie beiträgt, rief nicht nur damals die reflexhafte Abqualifizierung als Agitprop, linker Kitsch bzw. gut gesponserte Kapitalismuskritik (Jan Brachmann in der FAZ vom 17.8.2021) hervor. Ich habe das anders gehört: Für mich ist Nonos Musik in Intolleranza unerbittlich, unmittelbar, parteilich und voller Ambivalenz. Der Schrei darin entspringt keinem ideologischen Theorem sondern kommt aus der Tiefe seines Menschseins."

Die Corona-Pandemie hat auch den Theaterbetrieb im Iran fast komplett stillgelegt, schreibt die iranische Regisseurin und Schauspielerin Narges Hashempour in der Nachtkritik in einem Theaterbrief aus dem Iran. In den digitalen Alternativen sieht sie aber auch für die Zeit nach der Pandemie eine Chance: "Die Online- und Digitalplattformen bieten dem iranischen Publikum trotz ungerechtfertigter Internetbeschränkungen wie gesperrten Websites oder oft schwerwiegenden Unterbrechungen des Internets auch die Möglichkeit, mit der Welt in Kontakt zu treten. (…) Digitale Werkzeuge und virtuelle Räume werden für eine Gruppe von darstellenden Künstlern im Iran ein Werkzeug sein, um die auferlegten Barrieren und Beschränkungen zu umgehen und sie herauszufordern; Beschränkungen in Bereichen, die von der Kultur bis zur Politik, von geografischen Grenzen bis zu den konventionellen Formen der darstellenden Künste reichen."

Außerdem: Zumindest digital fand die alljährliche KritikerInnen-Umfrage zu den Höhepunkten der Theater-Saison doch noch statt, freut sich Patrick Wildermann im Tagesspiegel, der auch mit den "Gewinnern" zufrieden ist. Im Standard-Video-Interview mit Stephan Hilpold blickt die scheidende Festspielpräsidentin der Salzburger Festspiele Helga Rabl-Stadler auf ihre 26jährige Amtszeit zurück. In der FAZ trifft Lena Bopp die libanesische Performance-Künstlerin Ghida Hachich, die am Wochenende beim Libanon-Festival am Frankfurter Mousonturm ihre neue Performance "Studies on the movement of a group" uraufführt. In der SZ porträtiert Dorion Weickmann den kanadischen Tänzer und Choreografen Eric Gauthier.

Besprochen wird Jean Renshaws Inszenierung von Johann Matthesons Barockoper "Boris Goudenow"  bei den Innsbrucker Festwochen für Alte Musik (FAZ).
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Archiv: Bühne

Architektur

Nach knapp zehn Jahren Vorbereitung wird das Frankfurter Romantik-Museum am 14. September öffnen und in der FAZ jubelt Sandra Kegel beim ersten Durchgang: "Frankfurt hat ein neues Juwel!" Christoph Mäckler hat "ein dreigliedriges Gebäude entworfen, dessen Gelb- und Sandsteintöne das Farbspektrum des benachbarten Goethe-Hauses aufnimmt. Auf drei Stockwerken umfasst das Haus eine Ausstellungsfläche von 1200 Quadratmetern. Das Foyer, das zugleich den neuen Eingangsbereich für das Goethe-Haus darstellt, lebt von der Transparenz, ja dem optischen Drang ins Offene. Ein großes Panoramafenster gibt den Blick frei in den neu gestalteten romantischen Garten, während zum Goethe-Haus hin die vermutlich noch aus der Barockzeit stammende Brandmauer in die Sichtbarkeit gerückt wurde, die, anders als das Gebäude selbst, den Krieg überdauert hat. In den Boden eingelassen ist mithin die zerstörte Frankfurter Altstadt in Form jener Bruchsteine, die aus den Trümmern der zerstörten Stadt nach 1945 fabriziert wurden und die Mäckler zwischen die Ziegelsteine einlegen ließ." In der FR spaziert auch Florian Leclerc beglückt durch das Haus.
Archiv: Architektur

Film

Urs Bühler unterhält sich für die NZZ mit der Schauspielerin Hannah Herzsprung über ihre Rolle als Lotte Hattemer in Stefan Jägers Film "Monte Verità".

Besprochen werden Florian Zellers "The Father" (SZ, taz, Hanns-Georg Rodek hat sich für die Welt mit dem Regisseur unterhalten), Pietro Marcellos Verfilmung von Jack Londons Roman "Martin Eden" (taz, Tsp), Mohammad Rasoulofs "Doch das Böse gibt es nicht" (Standard) und Carl-Ludwig Rettingers Dokumentarfilm "Die Rote Kapelle" (FAZ).
Archiv: Film

Musik

In der NZZ singt Marco Frei ein Loblied auf den Dirigenten Jakub Hrůša, der beim Lucerne Festival die Sechste von Dvořák so kühn spielen ließ, dass Frei den tschechischen Komponisten kaum wiedererkannte: "Hrůša machte gezielt hörbar, wie viel Moderne in der Partitur schlummert", die selbst beim Lucerne Festival noch nie zu hören war. "Hrůša und dem Festivalorchester gelingt es auch deshalb so überzeugend, den verkannten Sinfoniker Dvořák zu rehabilitieren, weil sie eben nicht das vor allem in der deutschsprachigen Rezeption gängige Klischee vom böhmischen Musikanten und Brahms-Jünger bedienten. Ob der unerhört farbenreiche, glasklar sezierte Lyrismus im Kopfsatz, die motivisch-melodischen Wandlungsprozesse im Adagio oder die bis zum äußersten Piano zurückgedrängte Dynamik im Finalsatz - Dvořák ging seine ureigenen Wege. Hier hört man das exemplarisch."

Weitere Artikel: Im Guardian schreiben die Drummer Stewart Copeland (Police) und Max Weinberg (Drummer von Springsteen) zum Tod ihres Kollegen Charlie Watts. Jakob Biazza würdigt in der SZ den Brachial-Rap von Nura. Außerdem stellt Biazza die Alben der Woche vor. Im Standard erklärt Karl Fluch die wachsende Beliebtheit der Vinyl-Single. In der FAZ berichtet Rasmus Peters über Konzerte und ein Symposion in Theresienstadt und Prag zur Musik im Ghetto.

Besprochen werden ein Liederabend in Salzburg mit Christian Gerhaher und einem Sextett um die Geigerin Isabelle Faust (SZ, Standard), Tyler, The Creators Album "Call Me If You Get Lost" (FR) und ein Konzert von Stephan Eicher im Kursaal in Engelberg (NZZ).
Archiv: Musik