Efeu - Die Kulturrundschau

Bodenhaftung, Glamour und Grandezza

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14.11.2020. In der Welt bekräftigt Monika Maron noch einmal, mit Neurechten nichts am Hut zu haben. Die Filmkritiker liegen Sophia Loren zu Füßen, die in dem Netflix-Drama "Du hast das Leben vor Dir" ihr Comeback in einer Rolle als ehemalige Prostituierte feiert. Die NZZ verbindet sich mit Michel Comte an der Grenze zwischen Syrien und der Türkei mit den Kräften des Universums. Die FAZ hofft durch das geplante Edo Museum of West African Art in Benin-Stadt auf einen Wendepunkt in der Restitutionsdebatte. Und in der taz ärgert sich Lisa Eckhart über Reinheitsgebote von Links und Rechts.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2020 finden Sie hier

Literatur

Dass Hoffmann-und-Campe-Verleger Tim Jung nun Monika Maron verlegt, die bei S. Fischer rausgeschmissen wurde, lässt den Feuilletons in Deutschland keine Ruhe. Wenn sie rechts ist, weil ihre Freundin Susanne Dagen rechts ist, ist dann nicht auch Jung rechts? Aber andererseits: Das "demokratische Selbstverständnis", das unseren Feuilletonisten so teuer ist, lief dort vor kurzem noch als "Siegerreligion der westlichen Werte", notiert Anja Seeliger im Perlentaucher. Und warum sollte Jung sich beirren lassen: "Immerhin hat sich seine neue Autorin nie Seite an Seite mit einem völkischen Kriegsverbrecher sehen lassen und ihm Kränze geflochten wie der Liebling des SZ-Feuilletons Peter Handke."

Im Gespräch mit der Literarischen Welt bekräftigt Maron nach ihrem Wechsel zu Hoffmann & Campe erneut, mit Neurechten allgemein und insbesondere mit den Neurechten aus Schnellroda nichts am Hut zu haben. "Seit zwei Jahren steht über mich in der Zeitung, ich sei neurechts oder rechts oder von irgendwelchem neurechten Gedankengut infiltriert. Soll ich mich von mir selbst distanzieren? Ich habe weder mit nationalistischen oder rassistischen, noch sonst wie verdächtigen Positionen das Geringste zu tun und habe darum auch keinen Grund, mich in dieser Sache zu erklären. Ich distanziere mich ja auch nicht öffentlich von Mord und Totschlag oder sonstigen Gewaltverbrechen, obwohl ich das natürlich furchtbar finde, aber eben nichts damit zu tun habe. Erklären müssten sich die Leute, die bedenkenlos andere Menschen zu politischen Verdachtspersonen erklären."

Weitere Artikel: Patrick Wildermann berichtet im Tagesspiegel vom diesjährigen "Treffen junger Autor*innen". In der SZ teilt die Schriftstellerin Lola Randl mit, dass sie sich für die dunklen Pandemie-Herbstmonate mit Kohl, Trüffeln und dem Liebhaber wappnet. Eva-Christina Meier wirft in der taz einen Blick auf die Kinder- und Jugendbuchveröffentlichungen der Saison. In der FAZ erinnert Konstanze Crüwell an den Schriftsteller Wilhelm Hausenstein.

Besprochen werden unter anderem Olga Grjasnowas "Der verlorene Sohn" (taz), Wilfried Eggers' Krimi "Das armenische Tor" (Freitag), Clemens J. Setz' Studie "Die Bienen und das Unsichtbare" über Plansprachen (SZ), Frank Schmolkes Comic "Freaks" (FR, Filmdienst), Hallie Rubenholds "The Five. Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden" (Freitag), Karl Ove Knausgards nun auch auf Deutsch vorliegender Debütroman "Aus der Welt" (Literarische Welt) und Verena Keßlers Debütroman "Die Gespenster von Demmin" (FAZ).
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Kunst

Mit großen Augen betrachtet Susanne Koeberle in der NZZ das wahnwitzige Land-Art-Projekt, das der einstige Modefotograf Michel Comte derzeit im Norden Mesopotamiens an der Grenze der Türkei und Syriens realisiert. Dort, wo man einst die ältesten Spuren von Heiligtümern der Welt fand, errichtet Comte aus zwanzig bis fünfundzwanzig Meter breiten Kreisen aus hellem Stein Kreisskulpturen, die das Sternzeichen des Orions formen - und die auch auf Satellitenbildern erkennbar sein sollen, weiß Koeberle, die Comte nach seiner Vision gefragt hat: "Heute ist die Gegend um Harran No Man's Land, die archäologischen Spuren zeugen aber vom frühen Wunsch des Menschen, sich mit den Kräften des Universums zu verbinden. Hier sollen Gemeinschaften schon vor Tausenden Jahren die Sterne verehrt haben. 'Harran Earthworks', so der jetzige Titel der Arbeit, die später 'The Center of the World' heißen soll, steht zugleich in der Tradition der amerikanischen Land-Art aus den sechziger und siebziger Jahren."

Am vergangenen Freitag stellte der britisch-ghanaische Architekt David Adjaye in Benin-Stadt in Anwesenheit von Godwin Obaseki, dem seit 2016 amtierenden Gouverneur von Edo, seine Pläne für das neue Edo Museum of West African Art vor, das auf einem Gelände neben dem Herrscherpalast entstehen soll und in dem Kunstwerke aus Benin gezeigt werden sollen, berichtet Gina Thomas in der FAZ. Das Haus soll auch der Restitutionsdebatte "eine neue Wendung" geben: "Sich mit einer eigenen Identität für die Zukunft zu positionieren, sagte Obaseki, sei nur möglich, wenn 'wir entdecken, wer wir sind'. Adjaye nannte die britische Strafexpedition einen 'unerhörten Schandfleck auf der Menschheitsgeschichte', doch erwüchsen aus jedem Unglück Möglichkeiten. Hier biete sich über die Rückgabe der Objekte hinaus eine Möglichkeit, die Geschichte durch gemeinsame Initiativen wieder ins Gleichgewicht zu bringen."

Der turkmenische Präsident Gurbanguli Berdymukhamedow ist nicht nur ein Autokrat, sondern auch ein Tiernarr, der vor allem den Alabai, einen Zentralasiatischen Hirtenhund, vergöttert, weiß Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. Diesem hat er jetzt eine Statue gewidmet: "Auf einem Verkehrskreisel in der turkmenischen Hauptstadt Aschgabat enthüllte der Landesherrscher eine fast sechs Meter hohe goldene Statue des Hundes. Während der Zeremonie tanzten Frauen, sangen Chöre, schwenkten die - man muss es wohl so sagen - Untertanen turkmenische Flaggen. Das örtliche Kulturministerium soll bereits daran arbeiten, die Unesco dazu zu bringen, den Alabai als immaterielles Kulturerbe anzuerkennen. Aus dem Land ausgeführt werden dürfen diese Hunde übrigens nicht. Nur Putin wurde mal einer als Geschenk überreicht."



Weiteres:Im Monopol-Gespräch erklärt der Konzeptkünster Mischa Kuball, der in der ebenfalls derzeit geschlossenen Draiflessen Collection in Mettingen aktuell die Ausstellung "Emil Nolde - a critical approach by Mischa Kuball" zeigt, wie und weshalb er auf gar keinen Fall einen "ungefilterten Blick" auf Nolde zulassen möchte. In der SZ erzählt Fritz Göttler, wie der französische Maler Bernard Buffet in den fünfziger Jahren in Hollywood zum Star wurde. In der FAZ gratuliert Rose-Maria Gropp dem Maler Wayne Thiebaud zum 100. Geburtstag.
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Film

Bodenhaftung und Glamour: Sophia Loren in "Du hast das Leben vor Dir"

Ziemlich umgehauen sind die Filmkritiker von Sophia Loren, die mit dem auf Netflix gezeigten Drama "Du hast das Leben vor Dir", einer losen Adaption des gleichnamigen Romans von Romain Gary, nach fast zehn Jahren ihr Comeback feiert. Die Regie führte Edoardo Ponti, ihr Sohn. In der Rolle einer Auschwitz-Überlebenden und ehemaligen Prostituierten, die Kinder aus dem Gewerbe bei sich aufnimmt, trägt Loren den Film, der die Flüchtlingsdebatten der Gegenwart mit der europäischen Geschichte verbinde, im Grunde komplett auf eigenen Schultern, schwärmt Ursula Scheer in der FAZ: "Loren, selbst mit grauem Lotterhaar und in Kittelkleidern noch eine Erscheinung, schüttelt Geraunze mit der nötigen street credibility ebenso aus dem Ärmel wie debile Erstarrung."

Auch Wenke Husmann staunt auf ZeitOnline, wie die frühere Diva die ganze Gegenwart ihres Alters in diese Rolle legt: "Ihr Haar ist grau und strähnig, die Haut faltig, ihr Gang schwerfällig. ... Im Flur ihrer alten Wohnung lehnt Sophia Loren dann an der Küchentür, wie sie immer in ihren Filmen an Türen gelehnt hat: die Arme unter der Brust verschränkt, die Szenerie wortlos beobachtend. Den Kopf hält sie nur ein ganz klein wenig schräg, sodass ihr Stolz und ihre Resolutheit erkennbar bleiben - und der lebensweise Zweifel, ob sie das, was sie sieht, auch tatsächlich glauben soll: in ihren früheren Filmen die Liebesschwüre eines Mannes oder jetzt die Wiedersehensfreude einer Mutter, die eines ihrer Kinder bei ihr abholt."

Die US-Presse rechnet bereits mit einem Oscar für La Loren, weiß Jana Janika Bach von der NZZ: "Und tatsächlich: Auch heute noch umgibt sie diese unwiderstehliche Loren-Aura, eine Mischung aus Bodenhaftung, Glamour und Grandezza." Den Film selbst hält die Kritikerin allerdings für ein "Machwerk", das "durchaus die Gefahr birgt, in aktuellen Debatten als Paradebeispiel einer kulturellen Aneignung zerpflückt zu werden." Presse-Kritiker Martin Thomson sah "ein Märchen - aber ohne Ecken und Kanten".

Besprochen werden die Serie "Lovecraft Country", die den Rassismus in Lovecrafts Horrorgeschichten und Briefen mit seinen eigenen Mitteln aufspießt (Tagesspiegel) und die vierte Staffel der Serie "The Crown" (Berliner Zeitung).
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Bühne

Die taz bringt einen von Alida Bremer übersetzten Essay der kroatischen Dramaturgin und Theaterregisseurin Ivana Sajko, die für ihr vom Goethe-Institut realisiertes Projekt "Europaküche" Kulturschaffende aus Zagreb, Belgrad und Ljubljana zur aktuellen Lage Europas und der Künste befragte. Goran aus Zagreb antwortete etwa: "dass er über Europa überhaupt nicht nachdenke, da es sich für ihn, das heißt für uns, immer anderswo befand, irgendwo jenseits der Grenze: 'Würde ich meine eigene Idee von Europa in eine Metapher übersetzen, dann wäre Europa wie ein Wohnblock voller smarter Wohnungen für Reiche. Du kannst an ihnen vorbeigehen. Du kannst auch für einen Augenblick hineingehen. Aber das ist auch alles. Am liebsten würde ich Europa in Minuskelschrift schreiben: europa. Würde europa mit uns am Tisch sitzen, würde ich mich kein einziges Mal an diesen Gast wenden.'"

Im großen taz-Gespräch mit Jan Feddersen und Peter Unfried spricht die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart, der jüngst Antisemitismus und Rassismus vorgeworfen wurde (Unsere Resümees) über Cancel Culture von Rechts und Links: "Es wurde (...) überhaupt nicht debattiert. Ich hab das öfters angemerkt im Bezug auf die Cancel-Culture, dass ich mich tatsächlich um Kultur im Ganzen sorge. Und ich möchte das nicht einem bestimmten politischen Lager zuordnen. Dieses Reinheitsgebot, das sehe ich ja rechts und links. Die Rechten haben Angst, dass sie irgendwie beschmutzt werden von einer fremden Kultur. Die vermeintlich Linken haben Angst, jemandem Gewalt anzutun, wenn sie sich Kultur aneignen. Und weil Sie die 'gebildete Mittelschicht' erwähnen: Ich weiß nicht, wie man mit dieser reden könnte. Weil sie derart widersprüchlich ist. Das sind oft Menschen, die ein 'Früher war alles besser' genau gleich erzürnt, wie wenn man sagt: 'Es ist ja jetzt alles nicht mehr so schlimm.' Beides treibt sie in den Wahnsinn."

Weiteres: Durch die sozialen Medien eskaliert alles sehr viel schneller, meint der Kabarettist Dieter Nuhr im Welt-Gespräch mit Jan Küveler. In der nachtkritik stellt Michael Wolf mit dem Verband VTheA und dem theaterautor*innen-netzwerk zwie neue Autoren-Organisationen vor, die sich für die Interessen von DramatikerInnen einsetzen.
Archiv: Bühne

Musik

Christoph Dallach plaudert für das ZeitMagazin mit der Gitarristin Mary Dostal über die Aufbruchstimmung im Liverpool der 60er und über die Auftritte ihrer Band The Liverbirds in Hamburg. In der taz plauscht Julian Weber mit Campino über dessen erste Punkjahre. Im SZ-Gespräch lässt sich Joachim Hentschel von ABBA-Musiker Björn Ulvaeus die Vorzüge des Urheberrechts erklären: Wer sich wie ABBA einen Strauß Kultsongs aufbaut, kann damit jahrzehntelang fürstliche Tantiemen einholen. In der NZZ schwärmt der Cellist Urs Frauchiger von Mozarts "Zauberflöte", für die man, um eine "perfekte Aufführung" zu gewährleisten, jeden Regisseur in Ketten legen müsste.

Besprochen werden Frieder Butzmanns Autobiografie (taz), und neue Alben von Sufjan Stevens (FR), Aesop Rock (Berliner Zeitung) sowie Benee (Berliner Zeitung).
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Stichwörter: Urheberrecht, 60er

Architektur

In der SZ macht Gerhard Matzig seinem Ärger über die Münchner Luft, die gegen die beiden von Jacques Herzog und Pierre de Meuron geplanten Hochhaus-Türme auf dem Areal der ehemaligen Paketposthalle protestieren. Statt Partizipation sehnt er sich nach dem "vordemokratischen Selbstbewusstsein einiger durchgeknallter, autokratisch oder monarchisch agierender Bauherren" zurück: "Die Bürgerbeteiligung möchte, dass am besten nichts gebaut wird, was nicht alle gut finden (realistisch betrachtet nichts); der Denkmalschutz will, dass nichts gebaut wird, was die Welt, wie wir sie kennen, verändert (realistisch betrachtet nichts). Es gäbe Paris nicht."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Herzog & de Meuron