Efeu - Die Kulturrundschau

Am Ende steht die Welt in Flammen

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04.09.2020. Berliner Zeitung und Tagesspiegel jubeln: Potsdam wird ein neuer Wallfahrtsort des Impressionismus mit über hundert Gemälden aus der Sammlung Plattner. Die Welt staunt über die ironielosen chinesischen Werte im Disney-Remake von "Mulan". Die NZZ freut sich schon auf die Extremtänzerin Florentina Holzinger in der Volksbühne. Die taz porträtiert die Indieband Erregung Öffentlicher Erregung. Die FAZ lässt sich in Essen noch einmal von Keith Haring beeindrucken.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2020 finden Sie hier

Kunst

Keith Haring Apocalypse (Detail), 1988 10 Siebdrucke zu einem Text von William S. Burroughs Museum Folkwang, Essen © Keith Haring Foundation


Andreas Platthaus ist für die FAZ nach Essen gepilgert, zur von der Tate Liverpool konzipierten Keith-Haring-Retrospektive im Folkwang Museum. Wer dachte, Haring sei vor allem ein kommerzieller Künstler, lernt hier noch was, meint er. "Im Kampf für Gleichstellung von Homosexuellen und Schwarzen, gegen Atomwaffen und Apartheid betätigte Haring sich als Aktivist. Zugleich wurde er zum Fixpunkt des dekadenten Überschwangs, der die New Yorker Clubszene vor dem Einbruch der Aids-Epidemie ausmachte. Das bekommt man in Essen nicht nur in zeitgenössischen Aufnahmen vorgeführt, die der Fotograf Tseng Kwong Chi als Chronist von Harings Aufstieg anfertigte, sondern auch im zentralen Kabinett der Schau, das als ein Schwarzlichtraum konzipiert ist, wie Haring ihn in seinen ersten Galerieausstellungen einrichtete: ausgestattet mit neonfarbenen Gemälden, die unter UV-Licht die Tönung wechseln, und beschallt durch jene Tanzmusik, von der Haring sich bei seinen Straßenmalaktionen mittels eines Gettoblasters begleiten ließ. Den performativen Aspekt hat er nie aufgegeben."

Claude Monet, "Der Getreideschober", 1890. Foto: Sammlung Hasso Plattner


Der Sammler Hasso Plattner hat dem Potsdamer Museum Barberini dauerhaft über 100 Gemälde der französischen Impressionisten übergeben, meldet beglückt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung: "Darunter sind nicht weniger als 34 Monets, etwa der 'Getreideschober' von 1890 - ein Motiv aus der berühmten, fast konzeptionellen  Heuhaufen-Serie. Der Sammler ersteigerte auch ein Schiffsmotiv von Berthe Morisot, der einzigen Frau im Impressionisten-Zirkel. Und kürzlich auch einen ungewöhnlichen Picasso aus dem Jahr 1901. Die Boulevard-Ansicht ist eine Rarität. Bald darauf begann die Blaue Periode des Spaniers - nie mehr malte er impressionistisch. ... Potsdam bietet nun, nach Paris, Chicago und Washington D.C., eine der erlesensten Impressionisten-Kollektionen weltweit." Bernhard Schulz macht für den Tagesspiegel einen Rundgang durch die neue Dauerausstellung des Barberini. Daneben gibt's ein Interview mit der Barberini-Leiterin Ortrud Westheider.

Weiteres: Jean Nouvels rechteckiger Monolith, den er 2002 für die Expo in den Murtensee setzte, musste abgebaut werden, die Murtener wollten ihn da auf Dauer nicht stehen haben. Aber die sieben kleinen Cabanes, die dazu gehörten, die sind jetzt alle irgendwo in der Schweiz untergekommen, freut sich Sabine von Fischer in der NZZ. Besprochen werden zwei Ausstellungen zu Aby Warburgs Bilderatlas Mnemosyne im  Haus der Kulturen der Welt und der Gemäldegalerie in Berlin (monopol, SZ).
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Film

Agil und trotzdem (innovations-)müde: Mit "Mulan" recycelt Disney seinen Fundus munter weiter.

Niki Caros von Disney produziertes Realfilm-Remake des Zeichentrickfilmklassikers "Mulan" sollte der große Kino-Blockbuster des Jahres für das Studio werden. Coronabedingt nutzt der Konzern den Film jetzt, um seinen eigenen Streamingdienst zu pushen und langt mit einer deutlich zweistelligen Leihgebühr saftig zu, um das Budget von 200 Millionen wieder einzuspielen. In der im alten China angesiedelten Geschichte um ein junges Mädchen, das als Junge getarnt in den Krieg zieht, sieht Hanns-Georg Rodek von der Welt vor allem ein Stück von Disney unaufgefordert angefertigte Propaganda für China, wo der Film tatsächlich auch im Kino zu sehen sein wird: Mulans Ethos ist bestimmt von "Loyalität gegenüber der Nation und ihrem jeweiligen Herrscher" und Disney setze diese Botschaft im vorauseilenden Gehorsam "ohne ein Gran Ironie, ohne ein freches Wort" gefolgsam um.

Halb so tragisch, dass der Film nicht ins Kino kommt, meint Alexandra Seitz in der Berliner Zeitung, schließlich ist das bloß "ein durchschnittlicher chinesischer Fantasy-Blockbuster: laut, bunt, dumm und mit schwer sentimentaler Schlagseite." Immerhin hat dieses "farbenprächtige Märchen" aber einen feministischen Kern, schreibt Maria Wiesner in der FAZ. In der NZZ winkt Wolfgang M. Schmitt ab: Disney leidet nicht an Corona, sondern an "Innovationsmüdigkeit" - diese "Mulan"-Version weckt lediglich "Sehnsucht nach dem Original - und damit nach einer Zeit, in der der Konzern noch nicht so schwerfällig war." Weitere Besprechungen in SZ und Standard.

Tilda Swinton in Pedor Almodóvars "Human Voice"

Wenn Pedro Almodóvar und Tilda Swinton für "The Human Voice" - eine Adaption eines Stücks von Jean Cocteau - gemeinsame Sache machen, dann entsteht trotz lediglich einer halben Stunde Laufzeit "perfektes Corona-Kino", freut sich Andreas Busche im Tagesspiegel beim Filmfestival in Venedig: Das Kammerstück zeigt Swinton fortlaufend am "Telefon (die Stimme des Ex bleibt ungehört) und mit jeder Minute entblößt sie eine weitere Nuance ihrer Seelenqual. Am Ende steht die Welt in Flammen." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sah derweil in der Nebensektion "Orrizonti" mit Christos Nikous "Apples" einen Pandemiefilm, in dem allerdings nicht Covid-19, sondern grassierender Gedächtnisverlust den Menschen das Leben schwer macht: "Es ist faszinierend, wie Nikou durch wenige Nuancen einerseits eine auf den Kopf gestellte Gesellschaft porträtiert, anderseits aber etwas Unsichtbares wie die veränderte Wahrnehmung beschreibt" und dabei "schon prophetisch" wirkt: "So wie sich Covid 19 vielfach mit dem Verlust des Geruchssinns ankündigt, muss der Protagonist seinen Geschmackssinn neu sortieren." Tazler Tim Caspar Boehme war weniger begeistert: Der Film "wirkt teilnahmslos-beobachtend und farblos. Sein lakonischer Witz wird dabei irgendwann seriell, ohne an Fahrt zu gewinnen.

Weitere Artikel: Für den Guardian begibt sich Ralph Jones auf die Suche nach Antworten auf die Frage, warum in modernen Blockbusternfilmen wie aktuell Christopher Nolans "Tenet" (unsere Kritik) der Dialog eigentlich so wahnsinnig schwer zu verstehen ist. Alles für die Kunst, gesteht Lars Eidinger im NZZ-Gespräch: "Wenn Lars von Trier zu mir sagen würde: 'Ich überlege, ob es gut wäre, wenn dir in der letzten Szene jemand den Arm abhackte', dann würde ich zumindest darüber nachdenken." Tomasz Kurianowicz spricht für die Berliner Zeitung mit Coach Ita O'Brien, die Schauspieler vor intimen Szenen berät.

Besprochen werden Jan Komasas Drama "Corpus Christi" um einen Sträfling als Fake-Priester (taz, Perlentaucher, Freitag, online nachgereicht von der FAZ), Quentin Dupieuxs "Monsieur Killerstyle" (Tagesspiegel), Wilson Ips "Ip Man 4" (Perlentaucher), Midi Zs "Nina Wu" (Berliner Zeitung), Roger Kumbles "After Truth" (ZeitOnline) und die auf Netflix gezeigte Wallander-Vorgeschichte (online nachgereicht von der FAZ).
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Literatur

In der Berliner Zeitung seufzt Cornelia Geißler angesichts der vom März in den Mai verschobenen Leipziger Buchmesse: "Für die Literatur wissen wir nun: Der Corona-Einschnitt gilt mindestens bis Mai. Der Sommer 2020 dauert dem Kalender nach noch an, der Bücherfrühling ist bereits verschoben."

Außerdem: Für den Freitag spricht Katharina Schmitz mit dem Psychiater und Schriftsteller Jakob Hein. Besprochen werden unter anderem ein Luxusband zur Geschichte der EC Comics (CrimeMag), Robert Seethalers "Der letzte Satz" (FR), Antonio Fians "Nachrichten aus einem toten Hochhaus" (NZZ), Thilo Krauses "Elbwärts" (Berliner Zeitung) und Bernhard Schlinks "Abschiedsfarben" (SZ).
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Stichwörter: Corona, Schlink, Bernhard

Bühne

Szene aus Florentina Holzingers "Tanz" in Basel. Foto: Nada Zgank


Daniele Muscionico stellt in der NZZ die Wiener Extremtänzerin Florentina Holzinger vor, die derzeit in  "Tanz - eine sylphidische Träumerei in Stunts" beim Theaterfestival Basel zu sehen ist. "Sie turnt hier auf einem schweren Motorrad herum, die Maschine schwebt dabei in der Luft, eine andere Tänzerin hängt an Fleischerhaken. Mit den Haken durch die Haut des Rückens gebohrt, vollführt sie die artigsten Pliés und Jetés und Dinge mehr, die das klassische Ballett-Training für die körperlosen Jungfrauen-Darstellerinnen bereithält. 'Tanz' ist Holzingers Einübung in die selbstzerfleischende Technik des Genres - und ein Kommentar auf die Sexualisierung des Ballerina-Körpers." Ab Herbst 2021 wird sie an Polleschs Volksbühne in Berlin arbeiten. Der Köder: Die Drehbühne. "'Da kann man doch nicht Nein sagen', meint Florentina Holzinger und lässt in ihrer Phantasie bereits wilde Mädchen auf zahmen Stieren im Kreis rennen."

Besprochen werden Uraufführungen von Sibylle Berg und Falk Richter beim Kunstfest Weimar (taz), Rainer Merkels Stück "Lauf und bring uns dein nacktes Leben" am Staatstheater Darmstadt (FR), Erik Schäfflers Adaption von Daniel Kehlmanns Roman "Tyll" am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater (taz), Constanza Macras' dystopische Science-Fiction-Komödie "Hyperreal" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik) und Marina Abramovićs "7 Deaths of Maria Callas" an der Bayerischen Staatsoper in München (Standard).
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Musik

Die Kürzestvideo-Plattform Tiktok ist längst zum Antriebsmotor des Pop geworden, schreibt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline: Sie bestimmte, "wie sich Pop im Jahr 2020 anhört und anfühlt. Das Verse-Chorus-Verse-Prinzip hat im Viertelminutenuniversum von TikTok naturgemäß ausgedient. Nicht mehr Melodie und Refrain machen ein Lied zum viralen Hit, sondern Songs werden auf ihre - vermeintlich? - kleinste Einheit heruntergebrochen: das Geräusch." Dieses könne "ein Lied zum Hit machen, weil es eine Steilvorlage für unzählige denk- und undenkbare Videos der TikTok-Community abgibt. Was musikalisch um das sound byte herum gebaut wird, klingt im Falle vieler TikTok-Hits beinahe pflichtschuldig. Als diene es nur noch der Zweitverwertung bei den Streamingdiensten wie Spotify oder YouTube."

Für die taz porträtiert Diviam Hoffmann die in Hamburg und Berlin ansässige Indieband Erregung Öffentlicher Erregung, die seit Jahren als Geheimtipp gilt und nun endlich ihr Debütalbum veröffentlicht hat. Die Ästhetik der Band "entspricht einer Science-Fiction-Reise aus Videospielen und Comics". Aushängeschild ist Anja Kastens charakteristischer Gesang: "Ob es ums Trinken geht, um den Kater danach oder darum, Colakracher auf einer Parkbank zu teilen, der Stoff ihrer Texte ist dabei nur auf den ersten Blick banal. Ihre Sprache verzichtet auf Ausschmückungen. Sie nutzt Alltagsworte, beschreibt damit aber mehr als nur den Alltag. So entmystifiziert sie Märchenstoffe und lässt jegliche Romantik auf dem Boden der Tatsachen ablaufen." Wir hören rein:



Besprochen werden Bill Callahans "Gold Record" (Pitchfork), Bobby Rushs Album "Rawer than Raw" (FR) und Declan McKennas "Zeros" (Berliner Zeitung).
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Stichwörter: Tiktok, Indie-Pop, Spotify