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Efeu - Die Kulturrundschau

Das Energiefeld des Mediums Witz

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.07.2020. In der taz erzählt die Künstlerin Ayşe Erkmen, wie sie im abgeschotteten Istanbul der siebziger Jahre aus sich selbst zu schöpfen lernte. Die SZ schreitet mit Giacometti zurück zur schlichten Schönheit altägyptischer Skulpturen. Außerdem feiert sie die historische Konstellation des Jahres 2020, in dem alle wichtigen Literaturpreise an gestandene Autorinnen gingen. Die FR fragt, wie Lustgewinn und intellektuelle Akrobatik gefahrlos zusammen gehen können. Und die NZZ porträtiert die Komponistin, Geigerin und Bildhauerin Cécile Marti.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2020 finden Sie hier

Kunst

Ausstellungsansicht: L'homme qui marche, Institut Giacometti, Paris 2020

Selbst in die wunderbaren Ausstellungsräume des Institut Giacometti im Montparnasse wollen sich Alberto Giacomettis Figuren des Schreitenden Mannes nicht recht fügen, wundert sich Joseph Hanimann in der SZ, kann sich aber gar nicht sattsehen an diesen zutiefst menschlichen Skulpturen, die hier alle durcheinander gehen: "Die anatomischen Ungenauigkeiten teilen diese Figuren mit den stilisierten Darstellungen altägyptischer Statuen und Fresken, auf denen der vorgesetzte Fuß und die entsprechende Körperdrehung keinerlei Auswirkung auf den scheinbar immobilen Restkörper haben. Auf Realismus gab Giacometti wenig. Jede ägyptische, afrikanische oder ozeanische Menschenfigur sehe uns ähnlicher als die raffinierteste griechisch-römische Büste, bemerkte er bei einem Rundgang durch den Louvre zu seinem Begleiter Pierre Schneider, denn entscheidend sei der vom Künstlerauge aus dem Gegenstand geschälte Stil."

Die Künstlerin Ayşe Erkmen erhält den Ernst-Franz-Vogelmann-Preis für zeitgenössische Skulptur. Im taz-Interview mit Sebastian Strenger erinnert sie an ihre Anfänge im Istanbul der siebziger Jahre, in denen sie ganz aus sich selbst schöpfen musste: "Damals, gegen Ende der 1960er Jahre, war die Türkei hermetisch abgeriegelt. Wir durften nicht ausreisen. Buchläden mit fremdsprachiger Literatur gab es nicht. Es gab keinen kulturellen Austausch mit Ländern des Westens. In dieser Zeit hatte ich keine Einflüsse von außen und alles ist aus sich selbst heraus entstanden. Auch meine Professoren an der Akademie - Altan Gürman und Şadi Çalık - waren kaum jemals außerhalb der Türkei. Werke geschätzter Künstler wie Richard Serra oder Ulrich Rückriem und auch Lawrence Weiner, für seine typografischen Arbeiten, habe ich erst sehr viel später kennengelernt."

Weiteres: Hannah Jacobi berichtet, wie sich die iranische Kunstszene in Covid-Zeiten über Wasser zu halten versucht. Für den Standard porträtiert Ivona Jelcic den Galeristen Rafael Jablonka, der seine Sammlung der Albertina in die Obhut gibt. In der Berliner Zeitung huldigt Arno Widmann der Barockmalerin Artemisia Gentileschi, die sich bereits mit ihrem Gemälde "Judith und Holofernes" als Meisterin des Splatter-Horrors erwies.

Besprochen werden die Ausstellung "grenzenlos" des Installlationskünstlers Erich Reusch im Bochumer Museum unter Tage (FAZ) und eine Gordon-Parks-Ausstellung in der Alison Jacques Gallery in London (Guardian).
Archiv: Kunst

Bühne

In der Welt trauert Manuel Brug die Pariser Tänzerin Zizi Jeanmaire, deren Nummer "Mon truc en plumes" ihn noch in der Erinnerunge zu Tränen rührt: "Nur sie in einer schwarzen Yves-Saint-Laurent-Kurztunika, umgeben von assistierenden Boys mit Straußenfedernbüscheln." Als "Directrice in ihrem eigenen Zirkus des Glücks" weiß Wiebke Hüster sie in der FAZ zu würdigen.

Hier tragen die Männer die Federn: Zizi Jeanmaire



Im Interview mit Esther Slevogt wirft die Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann dem Intendanten des Badischen Staatstheaters Peter Spuhler noch einmal Machtmissbrauch vor, kritisiert aber auch generell "neofeudale Strukturen" im Theaterbetrieb (siehe unser Efeu vom Samstag). SZ-Kritikerin Christine Dössel lässt sich von der Ausstellung über das Regietheater seit Max Reinhardt im Theatermuseum München hübsch auf Krawall bürsten. Einen "Don Giovanni in Nöten", aber auf Weltklasseniveau erlebte Standard-Kritiker Stefan Ender bei der Styriarte in Graz.
Archiv: Bühne

Literatur

Die Zeit der Sonntagsreden, in denen man ein Loblied auf die weiblichen Stimmen in der Literatur singt, die Preise dann aber doch wieder an Männer verteilt, sind vorbei, jetzt wird endlich gehandelt, freut sich Felix Stephan im SZ-Kommentar: 2020 gingen die wichtigsten deutschen Literatupreise an Autorinnen und zwar "überwiegend an gestandene Intellektuelle." Für Stephan "eine geschichtliche Konstellation. Es wurden vor allem Frauen ausgezeichnet, die über einen Zeitraum von ein, zwei Generationen hinweg das intellektuelle Leben der Republik kontinuierlich mitgeprägt haben. ... Einer Quotenregelung hat es dafür nicht einmal bedurft, nur einer offenen Diskussion. Zur Verteidigung des Männerüberhangs bei den Auszeichnungen wurde oft das Argument hervorgeholt, das Geschlecht dürfe bei der Beurteilung ästhetischer Qualität keine Rolle spielen. Seitdem allgemein eingesehen wurde, dass mit den ästhetischen Kriterien etwas nicht stimmen kann, wenn sie doch wieder nur das Patriarchat reproduzieren, wurden sie sukzessive geändert."

"Ich bin weder links noch rechts. Ich bin freiheitssüchtig", sagt die Schriftstellerin Monika Maron im großen Gespräch in der Berliner Zeitung über sich selbst. Den Vorwurf, dass sie mit ihren politischen Ansichten den Rechten in die Hände spiele, weist sie zurück: "Das hat man mir im Osten auch vorgeworfen: Der Westen kann mich benutzen. Aus der Falle kommt man nicht raus. Entweder habe ich eine Meinung, über die ich lange nachgedacht habe und die ich vertrete. Und wenn irgendwelche mir unlieben Menschen diese Meinung auch haben, kann ich das nicht ändern. Ich kann ja deshalb nicht das Gegenteil von dem sagen, was ich für richtig halte."

Weitere Artikel: Im Standard spricht Spiegel-Journalist Dirk Kurbjuweit über seinen Roman "Haarmann" über den gleichnamigen Serienmörder. Die Schriftstellerin Sabine Scholl schreibt im Standard über ihre Reise ins Ausseerland. Nachrufe auf den spanischen Schriftsteller Juan Marsé schreiben Sebastian Schoepp (SZ) und Christian Thomas (FR).

Besprochen werden unter anderem Friederike Mayröckers "da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete" (Berliner Zeitung), Anna Kavans wiederentdeckter Science-Fiction-Roman "Eis" (54books), Rachel Cusks "Danach" (NZZ), Sara Mesas "Quasi" (SZ), Abbas Khiders "Palast des Miserablen" (Standard), Nicolas Mathieus "Rose Royal" (FR), Reto Hännys "Sturz. Das dritte Buch vom Flug" (Standard), abstrakte Comics, darunter Martin Panchauds "Die Farbe der Dinge" (NZZ), und neue Hörbücher, darunter Yasmina Rezas "Anne-Marie die Schönheit", gelesen von Elisabeth Schwarz (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Helmuth Kiesel über Ernst Jüngers "Zu Kubins Bild 'Der Mensch'":

"Traum, hirndurchglüht, wird Vision, Krystall,
Urfrage Sein zu Wahnsinn, Katarakt:
..."

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Archiv: Literatur

Film

Anders als Patrick Bahners (unser Resümee) kann FR-Kritiker Harry Nutt in der seit kurzem kontrovers diskutierten "Schwarze Füß'"-Szene aus dem ersten, noch sehr vom Titanic-Humor der 70er und 80er geprägten Otto-Waalkes-Film von 1985 nichts anderes als Rassismus erkennen. Andererseits: "Ausgewogenheit, Rücksicht und Bedächtigkeit gehören ohnehin nicht zum Energiefeld des Mediums Witz. Der bezieht seine ganze Kraft und Wirkung vielmehr aus der Reduktion auf markante Merkmale.""

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung plaudert Markus Tschiedert mit dem Schauspieler Sam Riley, der gerade in Marjane Satrapis Biopic über Marie Curie (unsere Kritik) zu sehen ist. Ein sehr spaßiges Interview hat John Waters GQ gegeben. In der FAZ skizziert Jürg Altwegg die französische Debatte um die Komödie "Tout simplement noir".

Besprochen werden Leslye Davis' und Catrin Einhorns Dokumentarfilm "Father Soldier Son" über einen Veteranen des Afghanistankrieges (SZ, New York Times), Jennifer Kents "The Nightingale" (Tagesspiegel), der Kino-Dokumentarfilm "Wim Wenders, Desperado" (online nachgereicht von der FAZ), die auf Starzplay gezeigte Serienadaption von Sally Rooneys Roman "Normal People" (Freitag), die von Cate Blanchett erdachte und produzierte Netflix-Serie "Stateless" (NZZ), die Netflix-Serie "Cursed", eine Neuauflage der Artus-Sage (FAZ) und neue Heimmedien, darunter Abel Ferraras "Tomasso" (SZ, unsere Kritik hier).
Archiv: Film

Musik

Für die NZZ porträtiert Thomas Schacher die Komponistin Cécile Marti, die ursprünglich Geigerin war, dann aber wegen einer Lähmung die Profession wechseln musste. Seit einiger Zeit hat sich mit der Bildhauerei eine weitere Kunst als Tätigkeit und Inspiration dazu gesellt: "Vormittags ersinnt sie feine Klänge, nachmittags bearbeitet sie sozusagen grobe Klötze. Und in drei neueren Werken kombiniert sie die beiden Künste sogar miteinander. Das neuste Werk dieser Serie heißt 'Five Stages of a Sculpture'. Es wurde im Februar 2020 am Festival "Présences" in Paris uraufgeführt. Die Besetzung verlangt zwei Solobratschen, ein Instrumentalensemble - und fünf weiße Marmorsteine. Die Steine stellen den Prozess des Formwerdens in fünf Stationen dar, die Musik zeichnet diesen Prozess wiederum klingend nach." Eine weitere ihrer Skulptur-Kompositionen kann man hier hören.

Die Frauen rücken im Dirigentengeschäft endlich auf sichtbare Positionen, freut sich Ljubiša Tošic, der im Standard einen Überblick über die wichtigsten Protagonistinnen verschafft. Beim Nachwuchs gebe es aber noch einiges zu tun: Dirigierstudentinnen bilden die Minderzahl an den Universitäten, das Risiko, nach dem Abschluss nicht in den Beruf zu kommen, sei bei Frauen derzeit noch größer. "So würde es im nächsten Studienjahr erstmals in der Geschichte der Musikuniversität Wien beim Dirigieren einen Jahrgang mit 50 Prozent Frauen geben. Damit Dirigentinnen ihre Karrieren nicht aufgeben, '"sondern unbeirrt dabeibleiben, ist es auch unabdingbar, dass sie während des Studiums lernen, Konfliktstrategien zu entwickeln'", erklärt die Rektorin Ulrike Sych.

Weitere Artikel: Frederik Hanssen wirft für den Tagesspiegel einen Blick darauf, wie die freien Ensembles um ihre Zukunft kämpfen. Besprochen werden Jon Savages Buch "Sengendes Licht, die Sonne und alles andere" über die Geschichte von Joy Division (Jungle World), eine Compilation, die Rückschau hält auf die 70er Jahre des Projekts Oneness of Juju (Pitchfork), Nicolás Jaars "Telas" (Pitchfork), das Debütalbum von Amy Farinas und Ian MacKayes neuem Projekt Coriky (taz), das neue Album von Protomartyr (Standard, Pitchfork), eine Aufnahme von Marc Albrecht mit dem Nederlands Philharmonic Orchestra von Alexander von Zemlinskys "Die Seejungfrau" (Tagesspiegel) und eine CD-Edition zum Werk Isaac Sterns (FAZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jens Buchholz über "Dry Your Eyes" von The Streets:

Archiv: Musik