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Efeu - Die Kulturrundschau

Skepsis ist die Eleganz der Angst

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17.07.2020. Die taz führt durch die Welt des tansanischen Bongo Flava. Die Zeit fragt: ist Burhan Qurbanis "Berlin Alexanderplatz" ein Akt der kulturellen Aneignung? Die FAZ erlebt Umbruchsstimmung in der Kunsthalle Mannheim. Vor dem geplanten neuen Campus der Bundesbank ist sie allerdings ratlos: so viel Retro für die Zukunft? Die SZ betrachtet die Löcher in schwarzen amerikanischen Familien, die der Künstler Darrel Ellis zeigt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2020 finden Sie hier

Kunst

Darrel Ellis "Untitled (Portrait of Joseph Tansle, Artist's Great Uncle)", ca. 1985. Courtesy Galerie Crone, Berlin Wien & Osmos, New York


Tief beeindruckt berichtet Philipp Bovermann in der SZ von der Ausstellung "Matter" des amerikanischen Künstlers Darrel Ellis, dessen Vater 1958 von einem Polizisten bei einer Verkehrskontrolle erschossen wurde, in der Berliner Galerie Crone: "Es sind Spuren der Gewalt, Trennstriche zum dargestellten Idyll einer schwarzen Gemeinschaft auf dem Weg in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft. 'Natürlich haben heute alle Familien Brüche, Zerrüttungen, einen Mangel an Gemeinsamkeit - Löcher sozusagen. Aber die schwarze Familie ist eine besonders schwierige Sache, denn im Grunde gibt es gar keine schwarze Familie mehr', schreibt Ellis in sein Notizbuch. 'Wenn ich auf diese Fotos schaue, sehe ich nur Löcher.'" Elke Buhr schrieb auf Monopol über die Ausstellung.

Auch die Kunsthalle Mannheim wirft mit ihrer Ausstellung "Umbruch" einen langen Blick auf die 1920er Jahre und erkennt dabei auch den wesentlichen Beitrag an, den Künstlerinnen wie Anita Rees, Jeanne Mammen und Hanna Nagel in dieser Zeit leisteten, berichtet Stefan Trinks in der FAZ. Doch die Ausstellung bleibt nicht in den Zwanzigern stehen. Umbruch gibt es heute schließlich auch: Das zeigen Trinks Installation von Nevin Aladag und der siebenminütige Film des französischen Künstlers Clément Cogitore, "eine Offenbarung. Zu den Klängen der Barock-Oper 'Les Indes Galantes' tanzen migrantische Streetdancer aus der Banlieue soziale Konflikte in einem selbsterfundenen Tanz namens 'Krump' aus, und das auf den elitärsten Bühnenbrettern, die sich in Frankreich nur denken lassen - denen der Pariser Oper. Die literarische Vorlage der 'Galanten Indianer' gaben zwei historisch verbürgte nordamerikanische Indigene ab, die es im achtzehnten Jahrhundert nach Paris verschlagen hatte, wo sie Bewunderung wie auch Ablehnung erfuhren - geradeso wie ihre Nachfahren, die entfremdeten Vorstadtkrokodile der Pariser Banlieue."

Hier Cogitores Film mit den wirklich fantastischen Tänzern:



Besprochen werden außerdem eine Ausstellung der österreichischen Foto- und Filmkünstlerin Friedl Kubelka vom Gröller im Salzburger Museum der Moderne (Standard), die Ausstellung "Being laid up was no excuse for not making art" im Kunstverein Hamburg (taz), eine Soundinstallation von Johanna Hedva in der Franziskaner Klosterkirche in Berlin-Mitte (taz), die Raffael-Schau in Rom (Welt), die Ausstellung "Derek Jarman: My garden's boundaries are the horizon" im Garden Museum in London (FAZ) und eine Ausstellung mit Fotografien von Berenice Abbott in der Photographischen Sammlung / SK Stiftung Kultur in Köln (FAZ).
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Musik

Björn Rohwer und Astrid Benölken führen in der taz anhand eines Porträts des weißen tansanischen Musikers Mzungu Kichaa durch die Welt des Bongo Flava, des jungen Sounds in Tansania, der sich gerade erheblich wandelt. Ursprünglich war die Szene rigoros gesellschaftskritisch, doch "statt yenye historia na ujumbe, Geschichten und Botschaften, sind nun Lieder za kuburudisha, zur Unterhaltung, beliebt. Wer Reichweite möchte, singt seichte Texte. Viele Reime enthalten jetzt tumbe Romantik, Feel-good-Vibes und eine Extraportion Bling-Bling." Zu tun hat das auch mit dem harschen Regiment des seit 2015 regierenden Präsidenten John Magufuli, der den Spitznamen "Bulldozer" trägt, "weil er zahlreiche Infrastrukturprojekte umsetzt, hart gegen Korruption durchgreift - und unbarmherzig gegen Minderheiten und die Presse und Meinungsfreiheit vorgeht. ... Politik taugt dann zum Textmaterial, wenn sich die SängerInnen in Lobhudeleien für die Regierung ergießen."

Der Librettist Alexej Parin schließt sich im Tagesspiegel Vladimir Tarnopolskys Verteidigung (unser Resümee) des russischen Komponisten Michail Iwanowitsch Glinka an: Ursprünglich sollte die Berliner U-Bahnstation Mohrenstraße nach diesem umbenannt werden, doch dann kam der Verdacht des Antisemitismus auf: Der aber sei lediglich eine Signatur seiner Zeit gewesen, meint Parin. "Während Nikolai Gogol und Fjodor Dostojewskij vergleichsweise eifrige Antisemiten waren, lagen dem gutmütigen und großmütigen Glinka solche Denkweisen fern."

Weitere Artikel: Die New York Times spricht mit neun Schwarzen klassischen Musikern, die sich im US-Klassikbetrieb zu etablieren versuchen, über ihre Erfahrungen. Besprochen werden neue Alben von Dream Wife (taz), The Streets (Presse), Protomartyr (Guardian), der nunmehr nur noch The Chicks heißenden Dixie Chicks (Berliner Zeitung), und der Pretenders (FR), sowie von Nicolás Jaar (Berliner Zeitung) und Jarvis Cocker, der zwar nur sieben neue Songs im Angebot hat, aber dafür "sind sie alle eher lang, und ein schlechter ist nicht dabei", meint Standard-Kritiker Karl Fluch. Wir hören rein:

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Literatur

Besprochen werden unter anderem Anna Błaszczyks Comic über Marie Curie (Tagesspiegel), Cécile Wajsbrots "Zerstörung" (Berliner Zeitung), Rye Curtis' "Cloris" (Spiegel), die vom Aufbau-Verlag wieder aufgelegten Romane von Leonid Zypkin (SZ) und Frank Trendes biografische Studie "Jules Verne auf Eider und Kanal" (FAZ).
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Stichwörter: Wajsbrot, Cecile

Architektur

Matthias Alexander (FAZ) betrachtet im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt die Entwürfe für den geplanten Campus Deutsche Bundesbank. Angesichts des Siegerentwurfs des Schweizer Büros Morger Partner Architekten, der sich stark an Egon Eiermann orientiert, stellt sich ihm allerdings "die Frage, welche Aussage der Bauherr mit der Entscheidung für einen Eiermann redivivus über das eigene Selbstverständnis trifft. Für die Gestaltung des Campus, mit dem der Aufbruch in die Zukunft symbolisiert werden soll, greift die Bundesbank tief in die Retrokiste, so als wünschte sie sich in ihre Glanzzeit in den sechziger Jahren zurück." Die mit einem Preis ausgezeichneten Entwürfe findet man bei Baunetz.

Die Goebbels-Villa am Bogensee. Foto: Olaf Tausch - Eigenes Werk, CC BY 3.0


Marina Mai berichtet in der taz über ein peinliches Erbstück: Ein Grundstück am Bogensee, auf dem das Sommerhaus von Goebbels steht, das später als Fortbildungsstätte für FDJler diente. Heute weiß niemand, was damit tun: Der Historikerin Johanna Steinke, "die eine Onlineausstellung zur Geschichte vom Bogensee vorbereitet, blutet das Herz, wenn sie vor Ort ist. 'In der Goebbels-Villa wurden nach 1990 in zentralen Räumen die Parkettfußböden herausgerissen und durch Fliesen ersetzt. In der FDJ-Hochschule fanden in den 1990er Jahren Modernisierungsarbeiten statt, die den Charakter überbauten.' Für die Historikerin steht fest: 'Hier muss schnell Geld in die Hand genommen werden, um das historische Erbe zu erhalten.' Ganz andere Vorstellungen hat der SPD-Finanzpolitiker Sven Heinemann. 'Wir müssen mit dem Land Brandenburg sprechen, auch mit dem Denkmalschutz, ob wir die Gebäude nicht abreißen und das Grundstück renaturieren können', sagt er der taz. 21 Jahre lang hätte sich kein Investor gefunden, und Heinemann sieht auch jetzt keinen Bedarf. Die Ruinen hingegen würden das Land Berlin viel Geld kosten."

Weiteres: Sabine von Fischer unterhält sich für die NZZ mit Heidi Weber, der 93-jährigen Gründerin des Corbusier-Privatmuseums in Zürich.
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Bühne

Im Interview mit der SZ erklärt Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Festspiele, seine Pläne für die trotz Corona stattfindenden Aufführungen. Dazu gehören auch zwei Operninszenierungen, "Elektra" und "Cosi fan tutte": "Wie gesagt, es geht nicht um Vorbildfunktion. Aber wenn es uns im Idealfall gelingen sollte, diese Festspiele durchzuführen, ohne dass etwas ganz Gravierendes passiert, könnten wir auch anderen Institutionen Mut machen. Das wäre eine durchaus sinnvolle Folge unserer Unternehmung." Im übrigen hält er es mit Cioran: "Skepsis ist die Eleganz der Angst."

Besprochen wird Stefan Kaegis Phantomtheater für 1 Person "Black Box" am Staatstheater Stuttgart (SZ).
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Film

Auf der Berlinale wurde Burhan Qurbanis "Berlin Alexanderplatz" erst weitgehend gefeiert, doch jetzt zum Kinostart häuft sich die Kritik: "Alles ist wie in echt, das heißt wie im 'Tatort'", schreibt Thomas E. Schmidt in der Zeit und sieht darin ein gewaltiges Problem für den Film, der sich mit dem großen Namen der Vorlage lediglich schmücke: "Er erzählt einen Berliner Sozialkrimi und bedient sich Döblins gewissermaßen in einem Akt der kulturellen Aneignung, zur Freude von Gremien, Jurys und Kritik. In dieser Verfilmung sinkt das Unterhaltsame der erwartbaren politischen Haltung in die Arme, und beide adoptieren die Hochkultur, ähnlich wie Pums den Franz, weil der so echt wirkt. So ist die Konsenskunst: Seine drei Stunden lang ist dieser Film eine ziemliche Quälerei."

Weitere Artikel: Für den Standard spricht Dominik Kamalzadeh mit dem Regisseur Trey Edward Shults über dessen in den Feuilletons sehr gefeierten Film "Waves" (unser Resümee). In der Zeit bescheinigt Sebastian Markt dem Film einen "filmischen Blick, der nach allen Seiten offen ist." Im Guardian erinnert sich Malcolm Dowell - beziehungsweise: er erinnert sich gerade nicht - an die Dreharbeiten seiner großen Filme.

Besprochen werden Marjane Satrapis Biopic über Marie Curie (Tagesspiegel, unsere Kritik), Patricio Guzmáns Essayfilm "Die Kordillere der Träume" über die Anden (Tagesspiegel), die Netflix-Comicverfilmung "The Old Guard" mit Charlize Theron (Presse) und die auf Starzplay gezeigte Serie "Normal People" (ZeitOnline, Berliner Zeitung).
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