Efeu - Die Kulturrundschau

Diese verstörenden Vögel

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25.02.2020. Im Guardian singt Teju Cole eine Ode an das Fotobuch: Idealistischer Affront, aber stiller Trost, meint er. Die taz wird zum Voyeur in der Hamburger Kunsthalle, die in einer Ausstellung Trauerrituale aus aller Welt zeigt. Welt und SZ lassen sich von Rem Koolhaas im Guggenheim die radikale Ästhetik von Fischfarmen mit Gesichtserkennungssystemen zeigen. Die Amazon-Serie "Hunters" ist eine Einladung an Holocaust-Leugner, ärgert sich die Presse. Und die NZZ porträtiert den unermüdlichen Kirill Serebrennikow.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2020 finden Sie hier

Kunst

Bild: Seiichi Furuya. Mémoires, 2012. Dia-Installation © Seiichi Furuya, Courtesy Galerie Thomas Fischer

Tief bewegt, wenn auch nicht traurig, kommt Petra Schellen (taz) aus der Ausstellung "Trauern. Von Verlust und Veränderung" in der Hamburger Kunsthalle, die in dreißig Werken aus fünfzehn Ländern historische, individuelle und kollektive Trauerrituale aus aller Welt zeigt - und dabei niemanden kalt lässt. Wie "das Video, auf dem der - 1975 mit 33 Jahren bei einer Atlantik-Überquerung verschollene - niederländische Künstler Bas Jan Ader hemmungslos weint. Je länger man schaut, desto stärker fühlt man in sich die Rolle des Voyeurs gedrängt, der wider Willen eine intime Szene beobachtet. Ein kluges, ambivalentes Spiel um Beobachter und Beobachteten, bei dem nicht einmal klar ist, ob das Weinen echt ist oder inszeniert. Und selbst wenn man nichts sieht, wird man zum Voyeur: Akribisch hat der syrische Künstler Khaled Barakeh die Körper toter Kinder aus Zeitungsberichten des Syrienkrieges geschabt, bis nur die weinenden Eltern übrig blieben. Und was passierst? Man wird - Voyeurismus lässt grüßen - neugierig auf das, was fehlt. Und spürt zugleich, dass der Weißraum den Verlust weit brutaler zeigt als ein intaktes Foto."



In einem sehr schönen Text im Guardian singt Teju Cole eine Ode an das Fotobuch, das meist teuer produziert selten die Kosten einspielt, ein "idealistischer Affront" an den Bedingungen des Marktes also, aber "stillen Trost" verspricht: "Ich denke an Masahisa Fukases legendären Band 'Ravens' (1986), in dem es hauptsächlich um die Titelvögel geht. Es ist düster, nutzt Unschärfe und nächtliche Aufnahmen mit einer Schwarz-Weiß-Palette und ist vollständig in Japan angesiedelt. ... Ich dachte daran, wie Fukase die Raben betrachtete und ich fand bemerkenswerte neue Wege, um über diese verstörenden Vögel nachzudenken. In einer magischen Sequenz folgt auf das Bild einer Gruppe von Raben im Schnee ein Bild eines einzelnen Flügels vor einem weißen Feld, gefolgt von einem Foto zahlreicher Fußabdrücke von Raben auf einer leicht schneebedeckten Oberfläche, wobei die Fußabdrücke verblüffend den Formen der Vögel selbst ähneln. Auf Schwarz auf Weiß folgte Schwarz auf Weiß, gefolgt von Schwarz auf Weiß - eine virtuose Darstellung analogen Denkens. Das ist Sprache ohne Worte." Nicht nur Cole empfehlen wir gern unsere Fotobuch-Kolumne "Fotolot".

Weiteres: Für den Guardian hat Lanre Bakare mit Vertretern afrikanischer Kunstmessen und Museen über die wachsende Bedeutung afrikanischer Kunst in westlichen Sammlungen gesprochen. In der FAZ spürt Stefan Trinks den verborgenen Abgründen hinter den biedermeierlich scheinenden Gemälden von Carl Spitzweg nach.

Besprochen werden die Ausstellung "Kalligraph des Königs - Daud Hossaini" im Museum für Islamische Kunst Berlin (Tagesspiegel), die Ausstellung "How beautiful you are!" von Bar Babette im Neuköllner Kindl-Zentrum (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "Erica Pedretti. Fremd genug" im Bündner Kunstmuseum in Chur (FAZ).
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Literatur

Paul Jandl schreibt in der NZZ den Buchhandlungen seines Lebens einen Liebesbrief, vor allem aber jenen Buchhandlungen, die es heute gar nicht mehr gibt, deren Betreiber resolut Programm gemacht haben: "Die Buchhändler, die ich kannte, waren Ideologen oder Pragmatiker, Schöngeister oder einfach erfrischend wirre Köpfe." Besprochen werden unter anderem T. C. Boyles Erzählband "Sind wir nicht Menschen" (SZ) und Josef Haslingers "Mein Fall" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Jan Wilm über Ror Wolfs "Drei unvollständige Versuche das Leben zu beschreiben. Zweiter unvollständiger Versuch":

"In Saalfeld am Rande der Saale,
da kroch ich hinein in die Welt,
da habe ich einige Male -"
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Stichwörter: Wilm, Jan

Bühne

Nach zwanzig Monaten unter Hausarrest wartet der russische Regisseur Kirill Serebrennikow zwar noch auf sein Urteil, nun darf er aber zumindest wieder frei arbeiten, weiß Tom Mustroph, der Serebrennikow für die NZZ in Moskau porträtiert hat. Über die Zeit der Haft will der Regisseur nicht sprechen, lieber erzählt er von den Proben zu seiner Inszenierung "Decamerone", eine Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin. Die Schauspielerin Yang Ge, ein Mitglied des Ensembles verrät allerdings, wie Serebrennikow selbst in Haft in Fernregie arbeitete: "'Wir probten damals. Und er bekam die Videoaufzeichnungen und schaute sie sich die ganze Nacht an. Am Morgen holte der Assistent die Dokumente, in denen stand, was er gut fand und was nicht. Und wir probten und zeichneten erneut auf und schickten es ihm wieder', so beschreibt Yang Ge (…) das Vorgehen. Sie glaubt, all die Schwierigkeiten hätten die Gruppe nur noch stärker zusammengebracht. 'Wir sind mutig wegen der Kraft, die Kirill uns gibt. Und wir können uns gegenseitig Kraft geben. Wenn du allein bist, hast du vielleicht Angst, und sie können dir etwas antun."

Besprochen werden Armin Petras' Inszenierung von Jaroslav Haseks "Svejk/Schwejk" beim Augsburger Brecht-Festival (Viel "grellen Aktionismus" erlebt Sabine Leucht in der taz), Karin Henkels Inszenierung von Euripides' "Medea" am Münchner Residenztheater ("Harter Stoff, hat aber gottlob nicht wehgetan, meint Christine Dössel in der SZ enttäuscht, weitere Besprechung: Nachtkritik), Martin Kusejs Inszenierung von Theo van Goghs Film "Das Interview" am Wiener Akademietheater (Standard), Viktor Bodos Inszenierung von Kafkas "Das Schloss" am Schauspielhaus Hamburg (FAZ) und Roberto Andos Inszenierung von Gioacchino Rossinis "Türke in Italien" in Mailand (FAZ).
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Musik

Besprochen werden das neue Album von Tame Impala ("Wenn Parker so ein Perfektionist ist, wie kommt es dann, dass all seine Stücke so verdammt scheußlich sind", fragt sich Cal Cashin auf The Quietus), das neue Album von Grimes ("die meisten der zehn Songs klingen schon auch ziemlich altbacken, wenn man nicht erst gerade vor elf Minuten begonnen hat, sich für Popmusik zu interessieren", schimpft Karl Fluch Standard, mehr zum Album hier) und neue Wiederveröffentlichungen, darunter das Debüt von Neneh Cherry (SZ).
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Film

Al Pacino in "Hunters"

Einigermaßen entsetzt ist Rosa Schmidt-Vierthaler in der Presse über die neue Amazon-Serie "Hunters", in der Al Pacino einen jüdischen Nazijäger in den Siebzigern spielt. Der Grund für den Ärger: Die Serie fabuliert sich über Auschwitz ziemlich was zusammen, etwa ein Schachspiel unter Nazis, bei dem für jede geschlagene Figur ein Jude getötet wird. "Für die Gedenkstätte Auschwitz ist die Darstellung des Schachspiels 'nicht nur eine gefährliche Torheit und Karikatur, sie ist auch eine Einladung an künftige (Holocaust-)Leugner'. ... War Auschwitz, so wie es war, nicht Horror genug? Warum mischt Serienschöpfer und Autor David Weil historische Wahrheit und übersteigerten Horror? Die Absicht dürfte ein Argumentieren für die Selbstjustiz in der Serie sein: Je schlimmer die Verbrecher, desto besser lässt sich deren Mord ethisch rechtfertigen." Die Serie sei "eine Art Bombenwerkstatt, bei der nicht jede Bombe zündet", meint der Schriftsteller Max Czollek im Dlf Kultur.


Neues von der Berlinale: Der Tagesspiegel zieht ein erstes Zwischenfazit: Der neue Wettbewerb Encounters ist hochkarätig - saugt aber allen anderen Sektionen vampirisch das Blut aus. Delirant in der Wildnis: Abel Ferrars "Siberia" - aber immerhin plaudert munter ein Fisch. Sind Spermazoten im Wettbewerb Ausdruck eines "ätzenden Esprits" - die Filmkritik ist sich uneins! Perlentaucherin sendet Hilfesignale: Kontext in Dokus verzweifelt gesucht! Und das waren noch Zeiten, als sich im Bauch des Sony-Centers die Pforten zwischen den Kinos öffneten, trauert der Freitag. Kurz: der Berlinale-Montag im Pressespiegel.

Außerdem: Die FAS hat Mariam Schaghaghis Gespräch mit Catherine Deneuve online nachgereicht. Besprochen wird die restaurierte Version von Paul Lenis Stummfilmklassiker "Das Wachsfigurenkabinett", den Arte online gestellt hat (FR).
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Architektur



Radikale neue Ästhetik entsteht nicht mehr in Städten, sondern auf dem Land, lernt Welt-Kritiker Boris Pofalla in der von Rem Koolhaas kuratierten Schau "Countryside, The Future" im Guggenheim New York. Auf norwegischen Fischfarmen mit Gesichtserkennungssystemen für einzelne Tiere etwa, oder in China: "China, sagt Koolhaas, sei das einzige Land, das die Wichtigkeit des ländlichen Raumes begriffen habe und entsprechend agiere. Der Städter kann sich per Facetime einzelne Äpfel aussuchen, die der Bauer einem dann zuschickt. Manche Dörfer sehen aus, als stünden sie in den Abruzzen - pittoresk renoviert für junge Chinesen, die am liebsten Urlaub auf dem Land machen, und zwar dem eigenen."

"Schlau und erhellend", findet auch Christian Zaschke (SZ) die "Countryside"-Ausstellung: "Natürlich werden die großen Themen abgehandelt, zum Beispiel die Rolle des ländlichen Raums in Diktaturen: landwirtschaftliche Projekte in Maos China, Nahrungsproduktion in Stalins Sowjetunion, die Autobahnen in Hitlers Deutschland. Dazwischen finden sich, wie zur Erholung, immer wieder zarte Projekte, die zeigen, wie Menschen im Ländlichen anders zusammenleben als in der Stadt. Eine Dokumentation zeigt zum Beispiel, wie das italienische Dorf Riace mit seiner überalterten Bevölkerung nur deshalb überlebte, weil die Einwohner Flüchtlinge aufnahmen und das Dorf auf diese Weise neu belebten."
Archiv: Architektur