Efeu - Die Kulturrundschau

Einverständnis mit Zeit und Raum

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.01.2020. Tagesspiegel und Berliner Zeitung diskutieren Sasha Waltzs Pirouette, nun vielleicht doch Ballettchefin bleiben zu wollen. Als wirklich gute Idee feiert die taz den Käthe-Kollwitz-Preis für Timm Ulrichs. Die Zeit stellt klar, dass nicht Uwe Tellkamp vom Lingnerschloss ausgeladen wurde, sondern der Veranstalter seiner Lesung, der Verleger Frank Böckelmann. Und die SZ stürzt mit Hollywoods neuem Hang zu Bleakquels in Düsternis und Verzweiflung.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2020 finden Sie hier

Bühne

Nachdem Johannes Öhman und Sasha Waltz in der vorigen Woche überraschend das Ende ihrer Intendanz angekündigt haben, sieht Sandra Luzina im Tagesspiegel nun Anzeichen, dass zumindest Sasha Waltz bleiben könnte, die eigentlich einen Ballett-erfahrenen Partner an ihrer Seite haben wollte, aber von Öhmans "Egotrip" ziemlich getroffen scheint, wie Luzina über die Pressekonferenz schreibt: "'Diese Entscheidung habe ich allein getroffen, ohne dass jemand anderes daran beteiligt war', betonte Öhman. Ein Satz, der es in sich hat. Die Fassungslosigkeit war allen anwesenden Journalisten anzumerken. Damit übernimmt Öhman die Verantwortung. 'Der Abschied von Johannes Öhman kam unerwartet', sagt Sasha Waltz. Während Öhman ziemlich aalglatt rüberkam, war Sasha Waltz die Bestürzung deutlich anzumerken." In der Berliner Zeitung betont Michaela Schlagenwerth dagegen, wie verärgert die Kulturverwaltung sei, die sich schließlich bereits auf die Suche nach Nachfolgern begeben habe: "Sie wird über die Verunklarung der Situation, die eine Verhandlung mit neuen Kandidaten unmöglich macht, nicht erfreut sein. Ob Sasha Waltz die Weichen noch umstellen kann? Ob das dem Staatsballett zu wünschen ist?" 

Brittens "Midsummer Night's Dream" an der Deutschen Oper. Foto: Bettina Stöß

An der Deutschen Oper hat Ted Huffman mit seiner Inszenierung von Benjamin Brittens "A Midsummer Night's Dream" die Kritiker ein wenig enttäuscht. In der FR bedauert Judith von Sternburg das viele "kalte Grau", in der FAZ hadert Clemens Haustein mit der "kühlen, seltsamen Eleganz". Im Tagesspiegel findet Ulrich Amling auch keinen Gefallen an der Musik unter Donald Runnicles: "So ist die gesamte Partitur gestaltet, als Wechselbad aus narkotischer Süßlichkeit und feindosierter Schärfe von Schlagwerk, Trompete und Cembalo. Donald Runnicles entscheidet sich konsequent gegen diesen zwittrigen Wesenszug von 'A Midsummer Night's Dream', gegen die quecksilbrige Natur, wie sie Puck verkörpert. Selbst in Huffmans traumferner Regie darf wenigstens der Akrobat und Schauspieler Jami Reid-Quarrell durch die Luft gehen und schwebende Purzelbäume schlagen, die tatsächlich für Sekunden Puckzauber versprühen. Donald Runnicles' vollmundige Klangmischung dagegen wirkt nachhaltiger als Baldriantee." Weiteres in Berliner Zeitung und NMZ.

Besprochen werden das Konversationsstück "Die Wahrheiten" von Lutz Hübner und Sarah Nemitz in Stuttgart (SZ), Jaromír Weinbergers "Frühlingsstürme" an der Komischen Oper (die Welt-Kritiker Manuel Brug als "Operettenopium" im "semitragischen Lehár-Stil" zu schätzen weiß, taz), Puccinis "Manon Lescaut" am Staatstheater Mainz am Staatstheater Mainz (FR), die Münchner Premieren von Marieluise Fleißers "Der starke Stamm"und Bert Brechts "Im Dickicht der Städte" an den Kammerspielen (FAZ).
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Kunst

Timm Ulrichs, "... aus Gedankenfluss und Bewusstseinsstrom ...", 1977/78. Foto: Rudolf Wakonigg, Münster/AdK

Timm Ulrichs erhält in diesem Jahr den Käthe-Kollwitz-Preis und die Akademie der Künste würdigt ihn daher natürlich auch mit einer Ausstellung. In der taz freut sich Tilman Baumgärtel sehr darüber, denn Ulrichs setzte sein Leben lang eher auf Witz als auf gängige Rezepte: "Erfolg in der Kunstwelt scheint oft davon abzuhängen, dass man eine einmal entwickelte Idee hartnäckig beibehält, höchstens variiert und in Maßen weiterentwickelt. Und dann ist da dieser Timm Ulrichs, der offenbar jeden Tag eine neue Idee hat, diese zügig umsetzt und daraus ein gigantisches Oeuvre geschaffen hat, das einen jedes Mal aufs Meue überrascht, wenn man sich damit beschäftigt. Der Berliner Künstler Thomas Kapielski warnte schon vor mehr als zehn Jahren: 'Wenn man meint, eine gute Idee zu haben, ist es ratsam, vorher auszukundschaften, ob es nicht längst schon seine war.'"

In der Welt feiert nun auch Hans-Joachim Müller die bereits vielfach gefeierte Edward-Hopper-Schau in der Fondation Beyerle und pocht darauf, dass er die Geschichte hinter den Bildern nur ahnen, aber nicht kennen möchte: "Es geht eben auch etwas verloren, wenn man die Bilder erzählt, wenn man verrät, was sie tunlichst verschweigen, oder wenn man, wie es die Kunsthistoriker gerne tun, überall Anspielungen und Symbole sieht und aus Hoppers unendlich vorsichtiger Weltbegegnung wieder große Welterschließung macht. Im Grunde hat man dann weniger verstanden als, was die grandiose Ausstellung zeigt: ein fast unwahrscheinliches und für die Zeit fast unglaubhaftes Einverständnis mit Zeit und Raum, in denen der Maler lebte."

Besprochen wird die große Dora-Maar-Retrospektive, die nach Paris nun auch in der Tate Modern in London zu sehen ist (SZ).
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Literatur

Die von der AfD zu Progagandazwecken ausgeschlachtete Absage einer Tellkamp-Lesung in Dresden Anfang Januar hatte nichts mit dem Autor zu tun, erklärt August Modersohn in der Zeit, der beim Veranstaltungsort angerufen hat. Vielmehr war der anfragende Veranstalter Stein des Anstoßes, namentlich Frank Böckelmann, der Herausgeber eines neurechten Blattes. Worauf eine der Betreiberinnen des Veranstaltungsortes auf dessen Website gestoßen ist, sei "'hochgeschraubt rechtspopulistisch'. Sie habe sich mit ihren beiden Vorstandskollegen beraten, und gemeinsam habe man entschieden: Die Zeitschrift darf keine Veranstaltungen im Lingnerschloss abhalten. ... Ines Eschler sagt, sie werde Tellkamp einladen, im Lingnerschloss zu lesen - solange ihr Förderverein als Veranstalter auftreten könne."

Besprochen werden unter anderem der von Pavel Polian herausgegebene Band "Briefe aus der Hölle. Die Aufzeichnungen des jüdischen Sonderkommandos Auschwitz" (Freitag), Sigrid Nunez' "Der Freund" (taz), David Roussets "Das KZ-Universum" (Standard), Karl Heinz Bohrers "Mit Dolchen sprechen" (NZZ), Alain Mabanckous "Petit Piment" (NZZ), Eddy de Winds "Ich blieb in Auschwitz - Aufzeichnungen eines Überlebenden 1943-45" (Freitag), J.M. Coetzees "Der Tod Jesu" (Tagesspiegel), Ziemowit Szczereks "Sieben" (Standard), Philipp Lenhards Biografie Friedrich Pollocks (taz), neue Bücher von Hanns Josef Ortheil und Peter Schneider (SZ) sowie Ilma Rakusas "Mein Alphabet" (FAZ).
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Film

Früher war mehr Lametta: Daniel Craig hat auch im 25. "James Bond"-Film "Keine Zeit zu sterben"

In der SZ stellt uns David Steinitz den Begriff "bleakquel" vor, der die Tendenz in Hollywoods beschreibt, Erfolgsfilmen düstere Sequels folgen zu lassen. Den Anlass dazu bietet ihm der neue "James Bond"-Film, der Anfang April startet, aber auch "Star Wars", "Star Trek", die Avengers und sogar "Toy Story" dienen als Zeugen der Anklage: "Der psychische Zustand der Protagonisten wie überhaupt die Verfassung seines Filmuniversums muss heute immer desolater werden. Die Helden strampeln sich in einem Hamsterrad ab, das sich bei jeder neuen Runde ein bisschen schneller drehen muss. Das kann man beispielhaft an der Bond-Reihe begutachten, in welcher der Held früher seine Abenteuer fidel und selbstgewiss bestritt, heute aber in der Logik des Bleakquels von Mal zu Mal verzweifelter und depressiver zu Werke gehen muss."

Außerdem: Kaspar Heinrich (Tagesspiegel) und Carolin Weidner (taz) resümieren das Filmfestival Max Ophüls Preis. Besprochen werden die neue Staffel von "Sex Education" (Freitag) und Til Schweigers "Die Hochzeit", mit dem der Filmemacher "allmählich zum Autorenfilmer des Weichzeichners avanciert, je mehr die Einhegung des erzählerischen Prinzips Weinen und Trösten durch klassische Dramaturgie und Machismen sich auflöst", schreibt Philipp Stadelmaier in der SZ.
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Stichwörter: James Bond, Hollywood

Musik

Einmal absahnen, bitte: Billie Eilish hat bei den Grammys so ziemlich alles mitgenommen, was man mitnehmen konnte. Und Lizzo war ebenfalls weit vorne mit dabei. Aber, fragt sich Jürgen Schmieder in der SZ: "Was sind diese Awards wert?" Nicht nur angesichts der Erschütterungen der Recording Academy hinter den Kulissen, sondern auch angesichts des immensen Standings, das Eilish, Lizzo und Co. mittlerweile genießen: Diese Künstlerinnen haben es schließlich "nicht nötig, sich von der Akademie bewerten zu lassen. Der Rapper Drake schickte letztes Jahr nach seinem Sieg in der Nischenkategorie 'Bester Rap-Song' eine Botschaft an alle jungen Musiker: 'Ihr braucht das hier nicht.' Damals drehten die Produzenten das Mikrofon ab. Das können sie heute nicht mehr tun." Spiegel-Kritiker Andreas Borcholte hält Eilishs und Lizzos Erfolg für eine "beginnende Zeitenwende". Weitere Resümees des Abends im Standard, im Tagesspiegel und in der NZZ.

Weiteres: Die Postpunk-Klassiker Wire, die gerade ein neues Album veröffentlicht haben, waren zu ihren Glanzzeiten die neuen Beatles, meint Nicholas Lezard in The Quietus. Ljubiša Tošic spricht im Standard mit dem Komponisten Richard Dünser. Außerdem hat der SWR einen sehr schönen Radioessay des Philosophen Wolfgang Buschlinger über den deutschen Schlager online gestellt.

Besprochen werden ein von Maciej Tworek dirigiertes Konzert des Tonhalle-Orchesters in Zürich zu Ehren von Krzysztof Penderecki (NZZ), das Soloalbum-Debüt von K.I.Z.-Rapper Tarek Ebéné (Tagesspiegel) und neue Wiederveröffentlichungen, darunter "Savane" von Ali Farka Touré (SZ). Wir hören rein:

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