Efeu - Die Kulturrundschau

Aus den Paradiesvogeltagen der Brautwerbung

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13.12.2019. Hyperallergic stellt eine Pionierin der modernen Malerei der sechziger und siebziger Jahre vor: Mary Corse. Stefan Puchers "legende" an der Berliner Volksbühne bedient für die SZ nur ein paar Westberliner Revolutionssehnsüchte. Die FAZ bestaunt in Lyon Kopfbedeckungen aus Menschenhaar. Im Filmdienst fragt Lars Henrik Gass von den Oberhausener Kurzfilmtagen was eigentlich die Filmbewertungsstelle und die Murnau-Stiftung noch für die Öffentlichkeit tun, die sie finanziert. Die SZ empfiehlt italienische Schriftstellerinnen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2019 finden Sie hier

Kunst

Mary Corse, Untitled (White, Black, Red, Beveled), 2019, © Mary Corse, courtesy Kayne Griffin Corcoran. Foto: Pace Gallery, New York


Bei Hyperallergic stellt Brock Lownes die Malerei von Mary Corse vor, eine "immmer noch aktive Vorfahrin mehrerer männlich dominierter Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre, darunter Hardedged Abstraktion, Minimalismus und die Light and Space Bewegung der West Coast. Es ist ihr Platz im Zentrum dieses kunsthistorischen Venn-Diagramms und ihre Vorliebe für die Verwischung der Grenzen zwischen diesen Bewegungen, die ihre Arbeit innovativ machen. Nehmen wir zum Beispiel ihre neuen farbigen Leinwände, die in einem separaten Raum in der Mitte der Pace Galerie zu sehen sind. Drei dieser Gemälde zeigen ein primärfarbenes Quadrat in der Mitte der Leinwand mit Bändern aus Weiß und Schwarz auf jeder Seite. Die schwarzen Bänder sind matt und zeigen keine sichtbaren Pinselstriche. Die weißen und farbigen Teile ihrer Arbeiten zeichnen sich durch eine impasto-ähnliche Oberfläche aus, die Licht moduliert und reflektiert, ein Effekt, der durch die Verwendung von Glasmikrokugeln entsteht - winzige Glasperlen, die oft verwendet werden, um die weißen Linien auf Autobahnen zum Leuchten zu bringen -, die sie über die Oberfläche ihrer Leinwände streut. Während man an der Leinwand entlanggeht, heben die Perlen die subtilen, aber wahrnehmenden Wellen ihrer Pinselstriche hervor."

Weitere Artikel: In einem ausführlichen Interview mit Sarah Albert von Monopol erklärt Torsten Blume von der Stiftung Bauhaus in Dessau, was Kunsthochschulen heute noch vom Bauhaus lernen könnten: "das Grundlagenstudium. Der Raum für das unorganisierte, abenteuerliche Entdecken und für das neugierige, sinnliche Experimentieren. Dafür einen Schutzraum zu geben, das kann man heute vom Bauhaus lernen." Alexandra M. Thomas feiert auf Hyperallergic die Black Girl Magic der Bildhauerin Vanessa German. Wieland Freund bewundert in der Welt die Höhlenmalerei auf Sulawesi. Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder zum Tod des Kunsthistorikers Martin Warnke.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken des von den Nazis vertriebenen Bildhauers Jussuf Abbo im Kunsthaus Dahlem (Tagesspiegel) und die Ausstellung "100 Jahre Hamburgische Sezession" in der Hamburger Kunsthalle (taz).
Archiv: Kunst

Design

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Marc Zitzmann hat für die FAZ die Ausstellung von Hüten und Kopfbedeckungen im Musée des Confluences in Lyon besucht und staunt: eine Menschheit, aber so viele verschiedene Kopfbedeckungen. "Schon naht eine erste Gruppe. Sind es Hüte oder nicht eher Perücken? Ihre rundlichen Konturen zeichnen jene der Schädeldecke nach, ihre feinen Flechten, frei herabhängend oder zu Arabesken gefügt, evozieren Naturhaar. Doch bestehen diese zentralafrikanischen Kopfbedeckungen aus Pflanzenfasern, wohingegen zwei baskenmützenähnliche Gebilde nahebei fast in Gänze aus Menschenhaar gefertigt sind. Die größere haben Papua an beiden Schläfen mit gänseblümchenartigen Trockenblumen gespickt. Sie beschwört das Bild eines koketten Witwers herauf, der am Ende seines Lebens noch einmal den Kopfschmuck aus den Paradiesvogeltagen der Brautwerbung aufs schüttere Haupt setzt, zahnlos in den Dschungel hinein lächelnd."
Archiv: Design
Stichwörter: Hüte, Mode

Film

Unabhängige Einrichtungen wie die Filmbewertungsstelle in Wiesbaden oder die dort ebenfalls ansässige Murnau-Stiftung sollten eigentlich Bollwerke gegen Marktinteressen sein, schreibt Lars Henrik Gass, Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage, im Filmdienst-Essay. Im Alltag allerdings hat sich die Filmbewertungsstelle längst verzwergt und ist "Teil jener sinnentleerten Welt des deutschen Filmfördersystems geworden, in dem tatsächlich künstlerisch 'wertvolle' Filme im Nachteil sind". Auch die Murnau-Stiftung verhindere seiner Ansicht nach eher Filmkultur, da sie "hoch subventionierte Filmkopien zu Preisen im Verleih anbietet, die sich die meisten Kinos nicht leisten können, weil sie in der Regel nicht so komfortabel finanziert sind. Das 'deutsche Kulturerbe', nach Aussage von Kulturstaatsministerin Grütters, die im Kuratorium vertreten ist, Teil 'kultureller Identität', wird hier also weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit verwaltet, die sie mittelbar ermöglicht. Das verwundert nicht mit Blick auf die Zusammensetzung des Stiftungskuratoriums, das klar von industriellen Interessen bestimmt wird und in dem keine einzige Position mit ausgewiesener filmhistorischer oder konservatorischer Expertise besetzt ist. "

Weiteres: Im Filmdienst-Essay befasst sich Patrick Holzapfel mit den Filmen von Victor Kossakovsky, dessen neuer, vom Wasser handelnder (und im Tagesspiegel besprochener) Essayfilm "Aquarela" gerade in den Kinos startet. Lory Roebuck berichtet in der NZZ vom Filmfestival Solothurn. In den USA wird über Clint Eastwoods neuen Film "Richard Jewell" gestritten, der auf Grundlage einer wahren Begebenheit eine Journalistin zeigt, die Sex gegen Informationen tauscht, berichtet Jürgen Schmieder in der SZ. Matthias Dell erinnert sich im Filmdienst-Blog schmerzlich an jene Zeit in den 00er-Jahren, als man noch dachte, der direkte Transfer des privaten VHS-Archivs auf selbstgebrannte DVDs sei eine auch nur im Ansatz gute Idee. In der FAZ gratuliert Verena Lueken dem Schauspieler Christopher Plummer zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Quentin Dupieuxs absurde Komödie "Die Wache" (ZeitOnline, Presse, mehr dazu hier), Lone Scherfigs "The Kindness of Strangers" (Tagesspiegel, hier unsere Berlinale-Kritik), Sophia Takals besinnlicher Splatterfilm "Black Christmas" (SZ) und Michaela Lindingers Biografie des Hollywood-Stars Hedy Lamarr (FAZ).
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Archiv: Film

Bühne

Szene aus "legende" an der Volksbühne. Foto: Thomas Aurin


An der Berliner Volksbühne hat Stefan Pucher den Montage-Roman "legende" von Ronald M. Schernikau inszeniert. Der offen homosexuell lebende Schriftsteller war strammer Marxist, trat mit 16 im Westen der DKP bei und ließ sich noch zwei Monate vor der Wende in die DDR einbürgern. 1991 starb er an Aids. "Das Buch ist, was sein Titel verspricht: Legende", erklärt ein nicht unbeeindruckter Janis El-Bira in der nachtkritik. "Ein fast tausendseitiges Ungetüm in elf Teilen, doppelspaltig gedruckt wie das Buch der Bücher. Um Götter geht es dementsprechend auch, die Fifi oder Tete, und um Menschen, die Janfilip Geldsack oder Anton Tattergreis heißen. Alles irgendwo zwischen hohem Ton und Schlagerzitat, heiligem Ernst und Klamauk, Ost und West, Kapitalismus und Kommunismus. Ein Blick auf die alte BRD aus DDR-Augen und umgekehrt." Stefan Pucher steuert Musik und Videos dazu. Hochintelligent gekürzt und "schön verwirrend" findet Peter Claus im Dlf Kultur das alles: "Dabei ist es so, dass die Figuren oft mehr erzählen als spielen, also Ereignisse in Szenen übersetzt werden. Was gut funktioniert."

Für SZ-Kritiker Jens Bisky funktioniert der Abend überhaupt nicht. Schernikau glaubte hochgestimmt fest daran, dass die DDR dem Westen überlegen sei. Was man jetzt auf der Bühne sehe, seien nur "einige revolutionären Sehnsüchte des alten Westberlin, aber auch diese werden nur zitiert, man kann sie gut konsumieren, es ist alles nur Gerede, nicht Geste, nicht Verhalten, vielmehr Festhalten an Floskeln". Mildes Lob verkündet Irene Bazinger in der FAZ. "Angestrengt und unglaublich retro in seiner west-östlichen Polit-Klamottigkeit", urteilt Christine Wahl im Tagesspiegel.

Besprochen werden außerdem Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von "Hoffmanns Erzählungen" an der Brüsseler La Monnaie Oper (SZ), Alice Buddebergs Adpation von Nadja Spiegelmans biographischem Roman "Was nie geschehen ist" für das Schauspiel Hannover (nachtkritik) und der schwule Opernführer "Casta Diva" (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne

Literatur

Elena Ferrante hat nicht nur im internationalen Ausland mit ihren Neapel-Romanen die Aufmerksamkeit auf italienische Schriftstellerinnen gelenkt, sondern auch in Italien selbst kamen Autorinnen zuletzt in den Genuss wieder erhöhter Aufmerksamkeit, beobachtet Maike Albath in der SZ. Dabei gibt es im literarischen Italien im Grunde genommen eine lange weibliche Tradition: "Natalia Ginzburg gehört dazu, die als Lektorin des Einaudi-Verlages prägend war und mit ihren spröden, lakonischen Romanen bis heute ein Fixpunkt ist. Dasselbe gilt für die Lyrikerin Amelia Rosselli und die Romanautorin Elsa Morante, die mit 'La Storia' (1974) über den Zweiten Weltkrieg ein zeitgenössisches Epos für das große Publikum schaffen wollte, was ihr auch gelang. Im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen verlor sie sich nicht in den Formexperimenten der Avantgarde. Seit den Achtzigerjahren erlebte die Neapolitanerin Anna Maria Ortese mit ihrer fantastisch-surrealen Ästhetik, auf die sich auch Ferrante beruft, eine anhaltende Renaissance. Goliarda Sapienza wurde mit ihren autobiografischen Romanen zu einem literarischen Ereignis. ... Heerscharen von Schriftstellerinnen, Dichterinnen, Essayistinnen und Philosophinnen gehen seit Jahrzehnten tagaus, tagein ihrer Arbeit nach: Dacia Maraini, Patrizia Cavalli, Antonella Anedda, Melania Mazzucco, Michela Murgia, Benedetta Craveri, Elisabetta Rasy, Concita De Gregorio, Donatella Di Cesare." Hier zum Stöbern im übrigen unser Überblick über Romane aus Italien und ein weiterer Artikel zum Thema mit Lesetipps in der New York Times.

Weiteres: Für die FR hat sich Judith von Sternburg mit der Schriftstellerin Felicitas Hoppe über Märchen unterhalten. Im Grazer Literaturhaus wurde über Handke diskutiert, berichtet Gerlinde Pölsler in der taz. Lars von Törne schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf die Comicverlegerin Jutta Harms.

Besprochen werden unter anderem Annie Ernauxs "Eine Frau" (Zeit), Dorothea Maslowskas "Andere Leute" (Dlf Kultur), Susan Krellers Jugendroman "Elektrische Fische" (Dlf Kultur), Maren Kames' "Luna Luna" (ZeitOnline), Andrew Ridkers "Die Altruisten" (NZZ), eine Neuausgabe von Gandhis Autobiografie (NZZ) und Marlon James' "Schwarzer Leopard, roter Wolf" (SZ).

In der nun doch noch online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Rüdiger Singer über Bertolt Brechts "empfehlung eines langen, weiten rocks":

"und wähl den bäuerlichen weiten rock
bei dem ich listig auf die länge dränge:
..."
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Musik

Die Münchner Musikszene ist besser als der allgemeine Ruf ihrer Stadt, erzählt Lars Fleischmann in der taz, der viel Freude hat einerseits an der handgemachte Musik fabrizierenden Hochzeitskapelle aus dem Notwist-Umfeld (mehr dazu bereits hier) und an den Arbeiten des Trios Carl Gari. Dessen Musiker Jonas Yamer, Till Funke und Jonas Friedlich "produzieren zeitgemäßen technoiden Elektronica-Sound, den man gerne auch als experimentellen Jazz-Entwurf lesen darf." Auch auf ihrem Album "The Art of Falling from the 8th Floor" kollaborieren sie "mit dem ägyptischen Dichter und Sänger Abdullah Miniawy", der vor einigen Jahren aus Ägypten nach Frankreich geflohen ist. "Auf dem Weg nach unten sieht der Vortragende eine gescheiterte Gesellschaft; die sich selbst in unheilvollen Tönen von Carl Gari manifestiert. Es sind Klänge des Berstens: Glas, Knochen, Freiheit und Demokratie. Ein kleines Meisterwerk, das bis jetzt noch kaum rezipiert wurde." Wir hören rein:



Überhaupt: Jazz im Jahr 2019. Für The Quietus versucht sich Peter Margasak an einem Rückblick. Sein Eindruck: Im sich neigenden Jahr "setzte Jazz seine Zersplitterung in immer spezialisiertere Nischen und Konzeptschulen fort. Bemerkenswerterweise stellen die Leute auch weiterhin die Frage danach, was das 'Genre' denn definiere statt einfach seine wunderbar ungepflegten, sich verschiebenden Grenzen auszukosten."

Weiteres: Für den Tagesspiegel plaudert Frederik Hanssen mit Per Hauber, dem neuen Präsident von Sony Classical. Besprochen werden ein Konzert des Tonhalle-Orchesters unter Herbert Blomstedt (NZZ), André Hellers Comeback-Album (FAZ.net) und ein neues Coldplay-Album (FR).
Archiv: Musik