Efeu - Die Kulturrundschau

Geballte Ladung ins Gesicht

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27.11.2019. In der NZZ wartet Peter Handke auf seinen Sokrates. In der Zwischenzeit plaudert er mit René Scheu über Pilze. Die Filmkritiker ziehen sich mit Willem Dafoe und Robert Pattinson auf einen Leuchtturm zurück und balancieren auf der Klinge des Wahnsinns. taz und SZ suchen verzweifelt das Theater der Zukunft. Die NZZ springt mit Igor Lewits Beethoven der Apokalypse entgegen. Und der Juwelenraub hält die Feuilletons weiter in Atem: Dabei war es nicht der erste Angriff auf den Kronschatz, weiß die Welt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2019 finden Sie hier

Literatur

Für die NZZ hat René Scheu Peter Handke in Chaville besucht. Entstanden ist dabei eine vom Umfang her epische Plauderei, die mit ihrer ausschweifenden Freude an allen Pilz- und Bleistift-Dingen im Kontext gerade tobender Kontroversen fast schon wieder beredt weltabgewandt wirkt - auch ein Statement. Ganz am Ende geht es dann doch nochmal um etwas Konkretes im Sinne der Debatten: "Es gibt den Band zwei der Aufsätze der gesammelten Werke von mir, bei Suhrkamp erschienen. Er enthält alles, was ich zu Jugoslawien geschrieben und publiziert habe, formal, ästhetisch, ethisch. Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele Menschen diesen Band läsen. Mir kommt vor, dass er Bestand haben wird. Ich würde mich freuen, wenn Leute, die das gelesen haben, mir widersprächen, aber so, wie der Widerspruch im griechischen Sinne stattfindet. Ich bin der Sophist, und der andere ist Platon oder Sokrates. Sagen wir es also so, und das wäre mein Schlusswort, wenn Sie erlauben: Ich warte auf meinen Sokrates in dem Sinne."

Simon Strauß ärgert sich über Falko Korths und Volker Weiß' von Arte online gestellten Dokumentarfilm "In den Gräben der Geschichte" über Ernst Jünger, der für den FAZ-Kritiker zu sehr von einer Schwarzweiß-Sicht geprägt sei: "Er nimmt Jünger nicht als komplexen Zeitgenossen von damals ernst, sondern meint, ihn mit moralpolitischen Einschätzungen von heute unschädlich machen zu können. Zum größten Argument gegen Jünger wird so, dass die sogenannte 'Identitäre Bewegung' mit seinem Konterfei wirbt."

Weitere Artikel: Patrick Guyton berichtet in der taz von der Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an den türkischen Schriftsteller Ahmet Altan (unser Resümee). Sogar die Funklöcher hat Jules Verne vorhergesehen, schreibt Michael Pilz in der Welt. Daniel Wüllner schreibt im Tagesspiegel zum Tod des Comicautors Howard Cruse.

Besprochen werden ein Gesprächsband mit Siri Hustvedt und Elisabeth Bronfen (Literaturkritik.de), Sefi Attas "Die amerikanische Freundin" (NZZ), Terézia Moras "Auf dem Seil" (Standard), Elif Shafaks "Unerhörte Stimmen" (online nachgereicht von der FAZ), Jeanette Wintersons "Frankisstein" (Sissymag), Stefanie de Velascos "Kein Teil der Welt" (FR), Jonathan Lethems Erzählband "Alan, der Glückspilz" (Freitag), Ian McEwans "Die Kakerlake" (FR, SZ), Heinz Strunks "Nach Notat zu Bett. Heinz Strunks Intimschatulle" (Literaturkritik.de), und Louise Labés "Torheit und Liebe" (FAZ).
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Kunst

Der Raub der Juwelen ist eine "Vergewaltigung", grämt sich Michael Stürmer in der Welt, dabei war es nicht der erste Angriff auf den Schatz August des Starken, erklärt er: Schon zu dessen Lebzeiten musste der Kronschatz immer wieder aufkommen für "knappe Kassen": "Was bis heute überlebte, ist nur Bruchteil. Man weiß nicht einmal genau, was bis zur Vermögensauseinandersetzung mit den ehemaligen Fürstenhäusern in den Markt ging und was danach. In der Endphase der DDR gelangten immer wieder Objekte aus den älteren Dresdener Sammlungen auf den Markt, ohne dass der patriotische Protest der Kustoden die SED-Größen im Mindesten beeindruckte: Es war allerdings ein unübersehbares Zeichen, dass die DDR am Ende war und für 'Valuta' alles tat."

Ebenfalls in der Welt spekuliert der Diamantenexperte Oscar Brethouwer über die Zukunft der Diamanten. Im Tagesspiegel spürt Bernhard Schulz "Phantomschmerz" und einen "inneren Aufschrei", das Vorhandene zu schützen. Nikolaus Bernau sinniert in der Berliner Zeitung über Parallelen zum Goldmünzendiebstahl aus dem Berliner Bodemuseum. Im Aufmacher des SZ-Feuilletons erklärt Peter Richter dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer sächsische Geschichte. Gottfried Knapp erläutert ebenfalls in der SZ die ästhetische Bedeutung der Juwelen.

Weiteres: In der FAZ freut sich Andreas Platthaus, dass das Kunstmuseum Moritzburg wenigstens für die Zeit der Ausstellung "Das Comeback - Bauhaus Meister Moderne" einen Teil jener Werke von Klee, Kandinsky, Feininger, Nolde, Liebermann, Marc und anderen zusammentragen konnte, die von den Nazis als "entartet" erklärt wurden.
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Stichwörter: Juwelenraub, Dresden

Musik

An Beethoven herrscht im Alltag des Musikbetriebs weißgott kein Mangel, wozu da noch ein Gedenkjahr, fragt sich Christian Wildhagen in der NZZ "mit Verwunderung und wachsender Sorge" beim "Blick auf die um sich greifende Beethoven-Industrie", die schon beim Warmlaufen für das kommende Jahr an Umfang alles schlägt, was zu Gedenkanlässen anderer namhafter Komponisten aufgefahren wurde. Herausragende Leuchttürme hat Wildhagen allerdings in den Beethovenprojekten Evgeny Kissins und Igor Levits identifiziert. Und Freude: Levits selbstbewusste Gesamtaufnahme von Beethovens 32 Klaviersonaten "hat mit Hybris wenig zu tun - Levit hat wirklich etwas Eigenes zu diesen Werken zu sagen. ... Beethovens pianistischer Höllenritt in f-Moll war immer schon ein ästhetisches Unding, verlangt er doch das Paradox einer Entäußerung, klanglicher wie seelischer Art, die dennoch irgendwie kontrolliert bleiben muss. Levit weiß um diese gefährdete Balance, er lässt sie immer wieder wanken, aber erst die jedes Instrument sprengende Coda kippt endgültig ins Rauschhaft-Apokalyptische. Dieser Beethoven unterhält nicht, er springt uns an, packt uns an den Ohren und schüttelt uns gründlich durch."

Besprochen werden Leonard Cohens postumes Album "Thanks for the Dance" (Standard), eine Box mit Chet Bakers für das Riverside Label entstandenen Alben (Pitchfork), das neue Album von Moor Mother (Standard), eine Aufführung von Bohuslav Martinůs "Die Weissagung des Jesaja" in Basel (NZZ), das neue Album "Hidden History of the Human Race" der Death-Metal-Band Blood Incantation (die Band tut "schöne Dinge mit der Hässlichkeit" des Genres, frohlockt Jayson Greene von Pitchfork) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von The Game (SZ).
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Film

Wer hat den größten Leuchtturm? Willem Dafoe und Robert Pattinson in "Der Leuchtturm"

Geht man nach der Filmkritik, kann einem in dieser Woche im Kino wohl nichts Besseres passieren, als im Jahr 1890 an die zwei Stunden allein mit Willem Dafoe und Robert Pattinson zu verbringen, die sich auf einer abgelegenen Felsinsel in einem fast schon quadrattisch kadrierten gröbkörnigem Schwarzweiß-Leuchtturm allmählich an die Gurgel gehen. Robert Eggers' ästhetisch ambitionierter, auf der Klinge des Wahnsinns balancierender "Der Leuchtturm" haut die Filmkritiker jedenfalls reihenweise um: "Einen der merkwürdigsten und rätselhaftesten Filme dieses Kinojahres" bezeugt SZ-Kritiker David Steinitz. Zwar "ist die Geschichte aus allegorischer Perspektive natürlich eine recht unterkomplexe Angelegenheit, für die es keiner professionellen Psychoanalyse bedarf. Zwei Männer werden abgeschieden von der Welt zusammengesperrt, der Ältere beansprucht das Vorrecht über den Leuchtturm-Phallus, der dort groß in den Himmel ragt, der Jüngere will seine Potenz beweisen und es ihm streitig machen", aber Filmästhetik, Ausstattung und Schauspiel erzielen eben doch eine fröstelnd machende "apokalyptische Grundstimmung".

Der Film ist atmosphärisch dicht, wenngleich nicht allzu gruselig, meint Kai Mihm auf epdFilm. Dafür hält der Film aber beeindruckend die Waage: Er "ist einerseits ein ungeheuer dichtes, grandios gespieltes Charakterstück, inspiriert von Tarkowski, Bergman und Kubrick; andererseits führt er deren Ernsthaftigkeit ad absurdum, mit einer Anhäufung symbolträchtiger Geschehnisse, die letztlich keinen Sinn ergeben müssen - und mit Humor gebrochen werden. Wenn etwa beim Weißeln der Fassade Ephraims Haltestricke reißen und er der Länge nach auf den steinigen Boden kracht, erinnert das an den fiesen Slapstick der Looney Tunes; und wenn er die randvollen Nachttöpfe wie ein Tölpel gegen den Wind ausschüttet und die geballte Ladung ins Gesicht bekommt, ist das mehr Stan Laurel als Jack Torrance." Auch Beatrice Behn von kino-zeit.de hat sich gern auf den "Weg das brausenden Wahnsinns" begeben, den dieser Film beschreitet.

Außerdem: Tatiana Siegel fragt sich in einem Longread für den Hollywood Reporter - allerdings auf einer etwas dünnen Faktengrundlage -, ob hinter dem Sony-Hack vor fünf Jahren tatsächlich Nordkorea steckte. In der taz sprechen die Filmemacher Luca Ragazzi und Gustav Hofer über den italienischen Machismus, dem sie mit ihrem Dokumentarfilm "Dicktatorship" auf den Zahn fühlen. Im Tagesspiegel gratuliert Silvia Hallensleben dem Filmemacher Peter Lilienthal zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Ladj Lys "Les Misérables", mit dem heute die Französische Filmwoche in Berlin eröffnet (taz), "Hustlers", in dem Jennifer Lopez als Stripperin Wallstreet-Zocker abzockt (ZeitOnline, SpOn), Martin Scorseses "The Irishman" (ZeitOnline) und die dritte Staffel von "The Crown" (NZZ).
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Bühne

In der taz hat Sabine Leucht noch leise Zweifel, ob das Theater der Zukunft so aussieht, wie es sich die "Koordinatoren" des Münchner Ayse X Staatstheaters, der Regisseur Emre Akal und die Dramaturgin Antigone Akgün, vorstellen: "Intendanten soll es künftig nicht mehr geben. Auch wenn man/frau sich ein eigenes Haus durchaus vorstellen kann, mit einer unhierarchischen Architektur, wie Akgün sagt. Überhaupt hält man sich nicht groß mit Realitätszwängen auf, weiß auf der Website schon, dass 'Überstunden honoriert werden' (im Präsens), bevor überhaupt ein Budget in Sicht ist. Allerdings sei man 'jederzeit bereit zu wohlwollenden Verhandlungen mit der Kulturpolitik'. Man spricht und schreibt anders im Ayşe X, weil man auch in puncto Sprachgebrauch 'Entlernung' praktiziert und sich neue Begrifflichkeiten draufgesattelt hat. So wird an diesen vier Tagen (praktisch als Miniatur-Abbild der Monate zuvor) gemeinsam 'geforscht' und 'prozessorientiert' gedacht, es werden Erkenntnisse über Partizipationsmodelle und konstruktive Feedback-Methoden 'geteilt' ('Sharing the tools'); Diversitätsagent*innen stellen sich vor (…)."

Auf der Suche nach ein bisschen Inhalt für den Begriff der "immersiven Kunst" ist Till Briegleb in der SZ zum Bochumer Festival "Dive" gefahren, um abermals festzustellen: Immersion bleibt eine leere Marketingfloskel: "Immersiv nannten sich bei diesem Themenfestival auch Aufführungen, die man früher einfach als Konzert, Medienkunst, Quatsch oder Folter bezeichnet hätte. Im Planetarium der Stadt Bochum, einer Örtlichkeit, die das immersive Versinken in Weltallsimulationen schon immer für sich proklamieren konnte, zeigte Ulf Langheinrich als Finale des Festivals seine Arbeit 'Lost'. Grellste Lichtblitze in Stroboskopgeschwindigkeit in den Farben Rot, Blau, Grün, Weiß schufen auf der Netzhaut aller hartgesottenen Besucher, die aus den Liegesitzen in die Kuppel starrten, Interferenzmuster und Schmerzen."

Weiteres: In der SZ verneigt sich Dorion Weickmann noch einmal vor dem Choreografen Martin Schläpfer, der mit seiner Inszenierung "Cellokonzert" seine Tanzdirektion mit Doppelmandat für Düsseldorf und Duisburg beendet, um zum Wiener Staatsballett weiterzuziehen: "Wie ein Zauberer zieht Schläpfer alle erdenklichen U- und E-Spielarten des Fachs aus dem Hut, von Charleston über Broadway-Schwünge bis hin zur erzakademisch steifen Attitüde." Der Intendant und Theaterregisseur Armin Petras erhält den Ludwig-Mühlheims-Theaterpreis für sein Alter Ego Fritz Kater, meldet der Tagesspiegel. Im Standard-Interview spricht die Komponistin Olga Neuwirth über die anstehende Uraufführung ihrer Oper "Orlando" an der Wiener Staatsoper.

Besprochen wird Damian Szifrons Inszenierung von Camille Saint-Saens' Oper "Samson und Dalila" an der Berliner Staatsoper (Berliner Zeitung) und Peter Konwitschnys Inszenierung von Paul Dessaus Oper "Lanzelot" in Weimar (FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur

In der NZZ sorgt sich Roman Hollenstein um das architektonische Erbe in Tel Aviv: Meeresluft, Abgase und Abnutzung haben ihre Spuren hinterlassen: "Zwar genießen heute 190 Gebäude als herausragende Denkmäler rigorosen Schutz. Zur Instandhaltung der weniger streng geschützten Bauten gibt es indes keine finanzielle Unterstützung des Staates oder der Stadt. Um trotzdem Anreize zu schaffen, hat die Stadtverwaltung ein Reglement erlassen, das man anderswo wohl als Sündenfall des Denkmalschutzes bezeichnen würde. So wird den Hauseigentümern zur Finanzierung ihrer Restaurierungsvorhaben eine Aufstockung der Bauten um bis zu drei Etagen gewährt. Dieses Recht können sie weiterverkaufen, wenn sie auf eine Mehrausnutzung verzichten."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Tel Aviv, Denkmalschutz