Efeu - Die Kulturrundschau

Körperspannung halten

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05.04.2019. Die taz besucht das neue Bauhaus-Museum in Weimar. Die NZZ feiert die malerischen Kampftaktiken der Schweizer Künstlerin Miriam Cahn, die in diesem Jahr gleich mit fünf Ausstellungen europaweit gewürdigt wird. Die neuen Leiter der Berlinale, Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian versichern den Berlinern: Blockbuster neben einem Experimentalfilm sind gar kein Problem. Die Red Bull Music Academy, ein Mäzen für randständige Musiker, stellt ihren Dienst ein. Was wird nun aus ihrem Online-Archiv, fragt sich Quietus.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.04.2019 finden Sie hier

Kunst

Miriam Cahn, o.t., 18.04.2017. Fotograf: Stefan Jeske

Fünf Ausstellungen der Schweizer Künstlerin Miriam Cahn gibt es in diesem Jahr in Europa, die erste im Berner Kunstmuseum, freut sich NZZ-Kritikerin Gabrielle Boller, die das absolut verdient findet. "Ihre Darstellungen sind expressiv und roh. In rigoroser Abkehr vom klassischen Schönheitsideal hat sie sich eine vereinfachte Zeichensprache angeeignet. Auch wenn sich Miriam Cahn in den neunziger Jahren der Malerei zuwandte, änderte sie ihr Arbeitsprinzip nicht. Sie malt selbst ihre Ölbilder schnell, mit dünnflüssigem Farbauftrag in ein oder zwei Stunden, so lange, wie sie die Körperspannung halten kann. Es geht ihr auch hier darum, jegliche traditionelle Meisterschaft zu vermeiden, ohne Korrekturmöglichkeit zu arbeiten. Man darf das durchaus körperlich verstehen; die Künstlerin will bei allem wissen, wie es sich anfühlt. Deshalb sind ihre Darstellungen oft von unglaublicher Direktheit - und wenn ihre Bilder den Blick zurückwerfen, ist das eine altbekannte feministische Kampftaktik, um Machtverhältnisse aufzudecken und umzudrehen."

NZZ-Kritikerin Judith Basad steht unterdessen verwirrt in der "Post-Cyber-Feminisms"-Ausstellung im Zürcher Migros Museum und fragt sich: "Auf der einen Seite stören sich die Künstler an der defizitären Rolle der Frau, die ihnen das Patriarchat anscheinend aufzwingt. Auf der anderen Seite setzen sie Weiblichkeit mit Esoterik, Spiritualität und kitschiger Netz-Ästhetik gleich. Was ist daran subversiv?"

Weitere Artikel: Das Bundeskanzleramt hängt zwei umstrittene Noldegemälde ab, berichtet der Tagesspiegel. Und Eleonore Büning hat für die NZZ Marina Abramovics Kurs "Anders hören" besucht: "'Es wird alles sehr anders sein', hatte Marina Abramović vorher versprochen. Es war aber wie sonst auch beim Easy Listening: Manche chillten ab, andere gingen heim."
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Bühne

Besprochen werden eine Choreografie zu Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" von den Breakdancern Flying Steps in Berlin (Berliner Zeitung), Rimini Protokolls "Granma. Posaunen aus Havanna" in der Kaserne Basel (Badische Zeitung, FAZ), Marco Arturo Marellis Inszenierung von Manfred Trojahns "Orest" an der Wiener Staatsoper (SZ) und Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung der "Räuber" in Basel (Badische Zeitung, SZ).
Archiv: Bühne

Architektur

Bauhausfest in der Gaststätte Ilmschlösschen bei Weimar am 29. November 1924, Foto: Louis Held


Sabine Seifert besucht für die taz das Bauhaus in Weimar, wo das neue Bauhaus-Museum eröffnet wurde, und lernt einiges über dessen komplexe Geschichte, mit der sich natürlich auch die Ausstellungsmacher beschäftigen: "18 Bauhäusler wurden in Konzentrationslagern ermordet, deswegen werden aus 18 Fenstern 18 Scheinwerfer auf den Innenhof des Hauptgebäudes gerichtet sein und die Namen der Ermordeten sichtbar machen. Sebastian Helm, 39, Mitbegründer des Grafikbüros Schroeter und Berger, das sich viel mit der Bauhaus-Typografie und seinen Signets beschäftigt hat, erzählt von Franz Ehrlich, der in Dessau am Bauhaus studierte und später als Kommunist in Buchenwald inhaftiert war. Dort entwarf er 1940, ins Baubüro des Lagers abkommandiert, die Bärenburg für das Tiergehege im SS-Freizeitbereich - Helm holt eine Zeichnung hervor, die ungewöhnlich geschlängelte Wege enthält. Eine besondere Formensprache für die Zeit und erst recht für den Ort. Die Studierenden sind den Parallelen zwischen Ehrlichs Malerei und den Entwürfen nachgegangen. 'Ehrlich hat in Buchenwald das vom Bauhaus Gelernte angewendet', erklärt Helm. Auch die berühmte Inschrift 'Jedem das Seine' über dem Lagertor stammt von ihm."
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Archiv: Architektur

Literatur

Online nachgereicht, erzählt Marc Reichwein in der Literarischen Welt von Gabriele D'Annunzios faschistischer Kommune.

Besprochen werden unter anderem Eric Vuillards "14. Juli" (NZZ, Dlf Kultur), Mirjam Presslers "Dunkles Gold" (Tagesspiegel) und Bela B. Felsenheimers Romandebüt "Scharnow" (FR, SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur

Film

Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian haben als neue Doppelspitze der Berlinale erstmals ihre Pläne für das Festival in der Öffentlichkeit kommentiert. Hier und da laut gewordene Sorgen, dass Chatrian aus dem Publikumsfestival eine Veranstaltung für cineastische Avantgardisten machen könnte, nimmt der ehemalige Leiter des Filmfestivals Locarno im Gespräch mit der Berliner Zeitung den Wind aus den Segeln: "Mir ist bewusst, dass Locarno das Label hat, sehr cinephil zu sein. Es stimmt, dass ich an Neuem interessiert bin. Aber ich habe immer eine starke Beziehung zum Publikum. In Locarno, einer Stadt mit 20 000 Einwohnern, gab es 170 000 Kinobesuche. Kann man das sperrig nennen? Ich habe in Locarno versucht, verschiedene Arten von Publikum anzusprechen. Das soll in Berlin weitergehen. Ich habe kein Problem, einen Blockbuster neben einem Experimentalfilm zu zeigen. Natürlich nicht im selben Kino und nicht demselben Publikum." Auch Elisabeth Binder vom Tagesspiegel hat mit den beiden gesprochen.

Weitere Artikel: Für den Standard spricht Dominik Kamalzadeh mit Kelly Copper und Pavol Liska vom Nature Theater of Oklahoma über deren Super8-Verfilmung von Elfriede Jelineks "Die Kinder der Toten" (mehr dazu hier).

Besprochen werden Jean-Luc Godards "Bildbuch" (FR, Artechock, online nachgereicht von der FAS, mehr dazu hier und hier), Ciro Guerras und Cristina Gallegos Drogenthriller "Birds of Passage" (Tagesspiegel), Nathalie Borgers Dokumentarfilm "The Remains" über Flüchtlinge, die im Meer ertrunken sind (Presse), die Neuverfilmung von Stephen Kings Horrorroman "Friedhof der Kuscheltiere" (Standard, SZ, ZeitOnline, Perlentaucher), Raúl de la Fuentes und Damian Nenows animierter Dokumentarfilm "Another Day of Life" über den Kriegsreporter Ryszard Kapuscinski (Tagesspiegel), Darío Aguirres Dokumentarfilm "Im Land meiner Kinder" (Tagesspiegel), die Türsteher-Doku "Berlin Bouncer" (Berliner Zeitung) und die auf ZDFNeo gezeigte BBC-Krimiserie "Shakespeare & Hathaway" (taz).
Archiv: Film

Musik

Die Red Bull Music Academy, ein zentraler Mäzen randständiger Musik, hat angekündigt, Ende Oktober 2019 ihren Dienst einzustellen. Ob dies auch damit zu tun hat, dass zuletzt immer mehr Künstler gegen die ziemlich am rechten Rand stehenden Überzeugungen des Konzernchefs Dietrich Mateschitz protestierten, geht aus den Meldungen nicht hervor. Für The Quietus denkt Ed Gillett (gerade auch im Hinblick auf das jüngste MySpace-Desaster) darüber nach, was dieses Aus für die Musikkultur und deren Geschichte bedeutet - schließlich führt die Red Bull Music Academy auch ein riesiges Onlinearchiv mit Aufsätzen und Vorträgen. "Welche Risiken gehen wir ein, wenn wir die Kontrolle über diese kollektive Ressource Marken oder Tech-Firmen überlasen statt selbst ein weitgefasstes und dauerhaftes Archiv zu schaffen, das den Künstlern verpflichtet ist und nicht  den Besitzern einer Plattform? Im Fall der RBMA bleibt diese Frage unbeantwortet. Es mag naheliegend erscheinen, dass 20 Jahre Erkenntnis und Kultur doch sicher irgendwo gesichert werden. Man kann sich aber auch gut vorstellen, dass Indifferenz zu fortschreitender Erosion führt. Links funktionieren nicht mehr, fürs Video- und Audio-Hosting wird nichts mehr bezahlt und die Registrierung der Web-Adresse erlischt."

Im FAZ-Gespräch lässt Amazon-Musikchef Steve Boom durchscheinen, dass man über alternative Vergütungsmodelle für Künstler nachdenkt, die vom Streaming-Boom herzlich wenig abbekommen, während Plattform und Verwerter den zuletzt prächtig aufgegangenen Kuchen im wesentlichen unter sich aufteilen. "Wie wäre es, wenn man sich den Musikkonsum eines Abonnenten individuell anschaut? Sich also fragt: Die Musik welcher Künstler hat der Nutzer gestreamt? Und diese Künstler bekommen vom Label dann den Erlösanteil des individuellen Streaming-Kunden zugeteilt." Man sollte ja eigentlich meinen, dass diese im Grunde genommen einzig vernünftige Lösung längst schon angewendet wird - warum schließlich sollte ein Jazz- und Experimentalmusik-Fan Taylor Swift und Kanye West finanzieren?

Weitere Artikel: Die taz veröffentlicht Tim Tetzners zuvor im Katalog der Club Transmediale erschienenen und, ehrlich gesagt, etwas sehr mäandernden Essay über das Verhältnis zwischen Räumen und Punk, insbesondere am Beispiel der kultisch verehrten Mönchengladbacher Band EA80 und deren Verweigerungshaltung. Matthias Müller wirft für die NZZ einen Blick in den chinesischen Geigenmarkt. Teodor Currentzis ist "das aktuelle Wunder des Musiklebens", jubelt Jürgen Kesting in der FAZ nach Verdis von Currentzis dirigierter "Messa da Requiem" in der Elbphilharmonie. In der taz empfiehlt Juliane Streich die Tour von Der Täubling. Ueli Bernays erinnert in der NZZ an Kurt Cobain, der sich heute vor 25 Jahren das Leben genommen hat.

Besprochen werden Weyes Bloods gefeiertes Popalbum "Titanic Rising" (Pitchfork, Skug), die neue EP von Masha Qrella (taz), das Berliner Konzert der Specials (taz), die Autobiografie von Tina Turner (SZ) und Gary Clark Jr.s wütendes Bluesalbum "This Land", das SZ-Kritiker Jakob Biazza ziemlich begeistert. Ein Video:

Archiv: Musik