Efeu - Die Kulturrundschau

Edita, die Unvergleichliche

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29.03.2019. Rosenblätter streuen FAZ und SZ der großen Sopranistin Edita Gruberova, die sich mit Donizettis Oper "Roberto Devereux" von der Bühne verabschiedet. Nur vom Wiener Burgtheater verabschiedet sich Andrea Breth mit einer Inszenierung von Hauptmanns "Ratten", die den Kritikern den Angstschweiß auf die Stirn treibbt. Spon erliegt dem unterschwelligen Irritationspotenzial von Beth Gibbons' Gesang in Henryk Góreckis "Sinfonie der Klagelieder". Die Popkritiker diskutieren das neue Rammstein-Video. Hyperallergic fühlt sich in Schanghai von der Künstlerin Yu Hong an Kafka erinnert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2019 finden Sie hier

Bühne

In der FAZ beschreibt ein inspirierter Jürgen Kesting den Abschied der großen Sopranistin Edita Gruberova von der Bühne - als Elisabeth I. in Donizettis "Roberto Devereux" in der Münchner Inszenierung von Christoph Loy. Vor allem im Finale zeigte sie noch einmal ihre unvergleichliche Kunst und trat dann ab "wie die Königin: 'Non regno ... Uscite. - Ich regiere nicht mehr. Geht!' Danach stand sie in Stürmen des Beifalls, überschauert von Rosenblättern, die vom Bühnenhimmel regneten, dankte milde lächelnd den wohlgesetzten Worten des vor ihr auf die Knie sinkenden 'Herrn Staatstheaterintendanten' Nikolaus Bachler und blickte versonnen auf die von ihren Getreuen im Parkett und auf den Rängen entrollten Plakate, die sie als Edita, die Unvergleichliche, feierten." So geht Diva!

"Alles Gute vollzieht sich in dieser Geschichte nur noch in der Erinnerung", erkennt Michael Stallknecht in der SZ, "- und damit in jenen leisen Tönen, in den wie aus dem Nichts gesponnenen Fäden eines Pianissimo, das von jeher Gruberovas beeindruckendste Farbe war und es auch an diesem Abend bleibt. Anfangs nutzt sie Elisabeth noch, um ihren Ex-Lover zu umgarnen. Als das Spiel für sie wie für ihn verloren ist, in der großen Schlussszene, färbt sie sie fahl ein, nähert sie den Wahnsinnsklängen an, die in vielen Rollen von Gruberovas romantischen italienischen Partien gefordert waren. Große Bühnenkunst ist diese Szene, mit der hier, in der Bühnenhandlung wie im realen Leben, eine Königin abdankt."

Hier ein Ausschnitt mit Gruberova als rasend eifersüchtige Elisabeth I. (in wundervollem schwarzem Samt) aus derselben Inszenierung von Christoph Loy an der Bayerischen Staatsoper 2005:


(Hier die ganze Aufführung von 2005 und hier ein Interview mit ihr auf Bayern alpha von 2015)

Und noch ein Abschied: Andrea Breth verlässt das Burgtheater in Wien mit einer Inszenierung von Hauptmanns "Ratten", die den Rezensenten den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Man braucht Geduld, meint ein sichtlich geforderter Bernd Noack in der NZZ, aber die scheint sich zu lohnen: "Breth erzählt auf der Drehbühne, wo Räume ineinanderfließen und die Menschen hinter hohen Wänden stets bedrohlich anwesend bleiben, in schwarz-grauen Tönen vom quälend langsamen Absterben der Gefühle und des Anstands. Die verhinderte Mutter, die das Kind 'stiehlt', der verkommene Bruder, den die Angst vor sich selber in den Wahn treibt, der schwadronierende Schmieren-Direktor, dem das reale Leben in die poetisch getünchten Kulissen funkt. Breth zeigt sie alle als Dämonen der verzweifelten Leidenschaften, als Spukgestalten, die keine Ruhe geben, bis das letzte Quentchen Glück zertreten ist. Schuldlos Schuldige? Vielleicht."

Nachtkritikerin Gabi Hift kommt völlig zerschlagen aus der Vorstellung. Aber gesehen hat sie "einzigartige, nie dagewesene Kreaturen. Kein Klischee, nirgends. Auch keine Nachahmung echter Menschen. Was bei Andrea Breth passiert - und sie dürfte die Einzige sein, die diesen Prozess noch katalysieren kann - ist die Erschaffung von künstlichen Kreaturen aus Text und Geist und der Lebenssubstanz von Regisseurin und Schauspieler*innen. Diese Geschöpfe, die wohl erschaffen werden wie Golems, leben und handeln, sind aber nicht wie Menschen. Man kann in ihr Inneres schauen, kann darin herumgehen, es fühlt sich darin so an wie auf der Bühne: wie ein Labyrinth aus semiopaken Wänden. Manches erkennt man, manches bleibt ein Rätsel. Die Figuren selbst können nicht in sich hineinsehen und sie werden weder erklärt noch entlarvt."

"Der herzliche Applaus galt der Quersumme von Breths Schaffen. Niemand anderer vermag so wie sie Genuss zu bereiten, der sich aus der Erkenntnis absoluter Illusionslosigkeit speist", schreibt im Standard Ronald Pohl, der die Inszenierung auch als Schauspielerfest lobt. (Weitere Kritiken in FAZ und SZ.)

An der Sorbonne ist ein Streit darüber ausgebrochen, weil Schauspieler bei einer geplanten Theateraufführung von Aischylos' "Schutzflehenden" an der Sorbonne "blackfacing" vorgeworfen wird, berichtet Kim Willsher im Guardian. Die Verwaltung der Sorbonne und der Leiter der Theatergruppe "Demodocos" hatten zwar versichert, dass kein Make-up, sondern Masken zum Einsatz kämen, aber das beruhigte die Demonstranten nicht: "Ghyslain Vedeux, der Präsident des Conseil Représentatif des Associations Noires (Cran), gab eine Erklärung mit dem Titel: "Blackface: koloniale Propaganda an der Sorbonne" heraus. .... Der Regisseur des Stücks, Philippe Brunet, antwortete, dass das Theater ein Ort der Metamorphose und kein Zufluchtsort für Identitäten sei. ... Die Sorbonne erklärte, dass das Stück die Geschichte der griechischen Argumente und der Danaiden - der 50 Töchter von Danaus aus Ägypten - erzähle und streng nach alten Theaterpraktiken aufgeführt werden sollte, 'wobei die Schauspieler weiße und schwarze Masken tragen würden, wie es damals der Fall war'."

Außerdem: Im Standard stellt Margarete Affenzeller die Theaterregisseurin Pinar Karabulut vor, die gerade am Wiener Volkstheater Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" inszeniert.
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Literatur

Im Zeit-Gespräch bedauert Christoph Hein, dass ihm in seinem (von Adam Soboczynski besprochenen) Erinnerungsbuch "Gegenlauschangriff" ein paar faktische Fehler unterlaufen sind: Diese würden "in der nächsten Auflage und im E-Book korrigiert." Cornelia Geißler spricht in der Berliner Zeitung mit der Schriftstellerin Ingrid Noll. In der NZZ gratuliert die Schriftstellerin Alena Wagnerová ihrem Berufskollegen Milan Kundera zum 90. Geburtstag, den dieser am kommenden Montag feiert.

Besprochen werden unter anderem Mohammed Hanifs "Rote Vögel" (NZZ), neue Krimis von Joseph Incardona und Quentin Mouron (NZZ), Maxim Leos "Wo wir zu Hause sind" (SZ) und der Bildband "Das NASA-Archiv" (FAZ, CulturMag).
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Musik

Mit Portishead ist Beth Gibbons weltberühmt geworden, dann zog sie sich zurück. Jetzt erscheint eine bereits 2014 entstandene, von Krzysztof Penderecki dirigierte Aufnahme von Henryk Góreckis auch "Sinfonie der Klagelieder" genannter dritter Sinfonie - eine Aufnahme, deren Wehklagen ZeitOnline-Rezensentin Pinky Rose ziemlich beeindruckt. Unter anderem singt Gibbons in der Rolle einer Mutter, die um ihren Sohn trauert: "Inmitten von Góreckis Violinentrauerschleiern und ohne Beats, Samples oder auch nur eine Folk-Bridge klingt Beth Gibbons' Stimme umso zerbrechlicher, beinahe nackt. ... Die Frau, die nichts bereden will, wagt sich bebend in das größte Pathos. Beim Singen wird sie laut - laut in ihrer Verletzlichkeit -, und das ist auf ergreifend andere Art authentisch, als Górecki es je hätte vorausplanen können."

Auf SpOn lobt Benjamin Moldenhauer das "unterschwellige Irritationspotenzial" dieser Aufnahme auf musikästhetischer Ebene, allerdings irritiert ihn auch der Kontext, denn Beth Gibbons und Portishead unterstützen die BDS-Kampagne: "Die Klage über die Opfer der Nazis wird eingefärbt vom Wissen um die Unterstützung einer antisemitischen Kampagne gegen den Zufluchtsort der Juden." Einen ganz kleinen Eindruck der Aufnahme vermittelt dieses "Hinter den Kulissen"-Video:



Mit einem vagen Vorab-Teaser, in dem sich die Band als KZ-Häftlinge auf dem Schafott inszeniert, haben Rammstein im Vorfeld ihrer neuen Single "Deutschland" auf erwartbare Reaktionen gesetzt. Gestern Abend wurde das Lied samt annähernd zehn Minuten dauerndem Video veröffentlicht. Und wie so oft bei der Band, erweist sich auch diesmal das vorliegende ästhetische Material - ein Parforce-Ritt durch die Gewaltgeschichte Deutschlands - zum einen als gigantomanisch, zum anderen als hochgradig doppeldeutig, schreibt Daniel Hornuff im ZeitOnline-Kommentar. Mit "Ach, Rammstein mal wieder" sollte man das Video nicht durchwinken, meint er: Man würde sonst "präzise gesetzte Andeutungen übersehen", etwa dass es nicht nur um "einen bequem integrierbaren Aufreger" geht: "Entscheidend ist, was der Sänger Till Lindemann in diesem Zusammenhang textlich vorträgt: 'Deutschland, meine Liebe kann ich Dir nicht geben' - und die Gründe dafür liegen eben unter anderem in der Existenz der Konzentrationslager selbst. Unterstrichen wird diese Absage an ein deutschtümelndes Bekenntnis durch eine zweifellos kühne, aber damit umso wirkungsvollere Verkehrung der Verhältnisse: An einer Stelle werden die KZ-Schergen von den Häftlingen zur Erschießung zusammengetrieben."

Auch Sonja Zekri und Felix Stephan von der SZ sehen in diesem Stück zumindest auf Textebene eine "geradezu plakative Distanzierung von Patriotismus und Nationalismus", überhaupt "lässt sich das Video als Rundgang durch die deutsche Verdrängungsgeschichte lesen." Trotzdem bleibt ein Vorbehalt: Auschwitz als bewusst lancierter Marketing-Gag. "Dass sich die Band entschieden hat, für dieses Video mit dem Zentralmotiv deutscher Täter-Opfer-Umkehrung zu werben und sich als deutsche Band die Uniform jüdischer KZ-Insassen überzustreifen, diese Tatsache bleibt."



Weitere Artikel: Die Wurzeln des heutigen türkischen Raps liegen im Berlin-Kreuzberg der Achtziger, sagt der Rapper Ezhel aus Ankara im taz-Gespräch. András Csúri stellt in der NZZ die Musikerin KT Tunstall vor. Auf der Seite Drei der SZ porträtiert Peter Richter den früheren Jazzer und heutigen Theaterschauspieler Jens Thomas.

Besprochen werden das Debüt von Billie Eilish (Pitchfok), Sarah McCoys Noir-Jazz-Album "Blood Siren" (taz), Andrew Birds "My Finest Work Yet" (Standard), Lang Langs Comeback-CD "Piano Book" (Tagesspiegel), ein Auftritt von Nicki Minaj (NZZ) und ein Konzert der Le Butcherettes (taz).
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Archiv: Musik

Film

Tim Burtons lose Neuverfilmung des Disney-Klassikers "Dumbo" lässt es am morbiden Charme der Burton-Filme missen, meint Gunda Bartels im Tagesspiegel. Auch über einen amüsanten Widerspruch ist sie in dieser Geschichte über ein kleines, redliches Zirkusdorf, das sich gegen die große Konkurrenz durchsetzen muss, gestolpert: "Eigenartig, dass ausgerechnet ein Disney-Film die kühle Steam-Punk-Mechanik eines glitzernden Freizeitparks als reine Geldmaschine geißelt. Immerhin betreibt der Unterhaltungskonzern selbst genau solche." Für Perlentaucher-Kritiker Fabian Tietke bewegt sich der Film zwischen "Hui" und "Huch".

Weitere Artikel: Titus Arnu gratuliert in der SZ Terence Hill zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Bernhard Sallmanns "Spreeland Fontane" (Perlentaucher), Harmony Korines "Beach Bum" (Tagesspiegel, SZ, mehr dazu hier), Robert Zemeckis' "Welcome to Marwen" (Presse) sowie "Ein Gauner und Gentleman" mit Robert Redford (Zeit).
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Stichwörter: Burton, Tim, Disney

Kunst

Yu Hong, "She - Artist, Xiao Lu" (2005)


Auf Hyperallergic schreibt Wen Tao über eine Ausstellung der chinesischen Künstlerin Yu Hong, die staatlichen Autoritarismus und ihr Muttersein so mühelos miteinander verbinden kann, wie Kafka in seinem Tagebuch eine deutsche Kriegserklärung mit einem Schwimmausflug: "Für Yu Hong bestimmt die Absurdität des Lebens, dass es Babys geben sollte, die in der Hölle schlafen. In 'On the Clouds', einem monumentalen sechsteiligen Gemälde in der ersten Halle von Yus aktueller Retrospektive im Long Museum in Shanghai, stöhnen und winden sich anonyme Figuren in einer wilden Wolkenwelt. Fast nackte Mädchen posieren mit hölzernem Exhibitionismus, während gesichtslose Menschenmassen in ein von Verzweiflung gespeistes Koma versinken. Das Zentrum des Gemäldes, das von einem Spalt zwischen den Tafeln profitiert, zeigt einen Zusammenprall von Blitzen, Gletschern und Flammen. Rechts davon tummeln sich sieben Babys auf einem dichten Bett aus grauem Rauch, die fest eingeschlafen sind. In einer Welt des Chaos kann vollkommener Frieden beängstigend sein."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Fotografinnen an der Front" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast (taz), eine Ausstellung von Hito Steyerl in der Berliner Akademie der Künste (taz), eine Ausstellung von den Nationalsozialisten beschlagnahmter Grafiken in der Kunsthalle Mannheim (FAZ) und die Wiener Ausstellung "Stadt der Frauen" (SZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Yu Hong, Chinesische Kunst