Efeu - Die Kulturrundschau

Auf intelligente Art ratlos

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18.02.2019. Die Feuilletons trauern um den Schauspieler Bruno Ganz, dessen Kunst sich zwischen Himmel und Hölle bewegte (NZZ), der so sanft explodieren konnte (Tsp) und selbst das Unedelste veredelte (FAZ).  In Dieter Kosslicks letzter Berlinale erleben die KritikerInnen noch einmal all seine Stärken und Schwächen: Interessante Stoffe, aber wenig Kinokunst. SZ und Standard begeistern sich für Nadav Lapids Bären-Gewinner "Synonymes", der bei der taz allerdings mit seinem Leiden an Israel auf Vorbehalte stößt. Und ZeitOnline erklärt, wie man mitreden kann, ohne mitzulesen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2019 finden Sie hier

Bühne

Der Schauspieler Bruno Ganz (Bild: Loui der Colli, CC BY-SA 3.0)


Große Trauer um den Schweizer Schauspieler Bruno Ganz. Insbesondere die NZZ trägt schwarz mit zahlreichen Artikeln und Nachrufen: Dieser Schauspieler verstand sich stets darauf "Figuren Tiefe und Menschlichkeit zu verleihen, ohne sie der billigen Sentimentalität preiszugeben", schreibt Urs Bühler: "Zwischen Himmel und Hölle bewegten sich die Sphären seiner Kunst." Daniele Muscionico erinnert sich an den späten Bruno Ganz, der im kleinen Zürcher Theater Rigiblick ein Zuhause gefunden hatte. Überhaupt das Theater: Schriftsteller Adolf Muschg würdigt insbesondere den Bühnenschauspieler: "Hier war einer, der den Mangel an Wirklichkeit in seinen Rollen mitzuspielen verstand, nicht als Effekt heimlichen Besserwissens, sondern auf intelligente Art ratlos." Auf den Theaterschauspieler und persönlichen Freund Bruno Ganz blickt auch Robert Hunger-Bühler zurück. Volker Schlöndorff erinnert sich an die gemeinsamen Dreharbeiten zu "Die Fälschung" in den frühen Achtzigern.

"Sein ganzes Schauspielerleben lang hat er sich seine Rollen, auch im Film, über Lektüre und intellektuelle Distanz angeeignet, lesend, beobachtend - weniger durch Einfühlung und identifikatorische Prozesse", schreibt Christine Dössel in der SZ. "Er war kein Method Actor. Aber ein vortrefflicher Handwerker, begabt mit einer emotionalen Intelligenz, die seinen Figuren etwas sehr Menschliches, oft Zartes, Melancholisches gab." Er war "ein Spieler, der aus dem Inneren, aus dem Unscheinbaren sanft explodieren konnte oder strategisch hochbewusst ausgebrochen ist", hält Peter von Becker im Tagesspiegel fest. In der FAZ erinnert Gerhard Stadelmaier an seine Eleganz und sein melodiöses Timbre: "So veredelte er noch das Unedelste, Dunkelste, Fragwürdigste. Bruno Ganz war in allem, was er darstellend unnachahmlich vergegenwärtigte und also der Gegenwart als etwas ihr Fremdes, Widerständiges entgegenhielt, ein großer Vergolder." Außerdem hat der Tagesspiegel ein Gespräch aus dem Jahr 2011 online gestellt. In der Nachtkritik fragt Esther Slevogt: Wer wird als nächster den Iffland-Ring tragen? Weitere Nachrufe in taz, Standard, Welt, Berliner Zeitung, Presse, ZeitOnline und in der FAZ.

Jeder ist Teil der Maschine: Ulrich Rasches "Elektra" am Residenztheater Münschen. Foto: Thomas Aurin

Im Münchner Residenztheater hat Ulrich Rasche Hugo von Hofmannsthals "Elektra" mit neun Tonnen Stahl auf die Bühne gewuchtet, die sich als gigantisches Räderwerk permanent drehen. Bei SZ-Kritikerin Cornelia Fiedler sperrt sich alles gegen die Überwältigungsästhetik: "So bleibt von 'Elektra' vor allem ein Bild, genauer ein Menschenbild: Jeder ist unausweichlich Teil der Maschine. Die Zumutungen einer Gesellschaft, die nur Gewalt als Lösung kennt, sind hinzunehmen. Politisch ist das Fatalismus pur." In der Nachtkritik sieht Maximilian Sippenauer in der Inszenierung dagegen einen "Abgesang auf die Vergötzung des menschlichen Verstandes". In der FAZ vermisst Simon Strauß zwar auch das Nuancierte und Leise, versichert aber: "Es ist wieder eine Erfahrung, ein visueller Eindruck, der sich einbrennt und einen bis in die Träume verfolgt."

Weiteres: Im Tagesspiegel erklärt sich Patrick Wildermann die Rückkehr Ödön von Horvaths auf die deutschen Bühnen mit der grassierenden Empathielosigkeit, gegen die es anzugehen gelte. NZZ-Korrespondent Beat Stauffer schöpft Hoffnung für den Jugendstil-Prachtbau des Gran Teatro Cervantes in Tanger, das engagierte Büger vor dem Verfall zu bewahren versuchen.

Besprochen werden Karin Henkels Revue "Die Übriggebliebenen" (das Katrin Ullmann in der Nachtkritik als "Thomas-Bernhard-Horrorfamilien-Abend" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg goutiert), Michel Decars surreale Tragikomödie "Jenny Jannowitz im Theater Neubrandenburg (Nachtkritik), Calixto Bieitos Inszenierung von Mendelssohn Bartholdys "Elias"-Oratorium an der Wiener Staatsoper (Standard), die Uraufführung der Choreografie "Van Dijk/Eyal" an der Komischen Oper (Berliner Zeitung) und Claudia Meyers Bühnenfassung von Charles Lewinskys Roman "Gerron" über den jüdischen Schauspieler Kurt Gerron am Theater Konstanz (NZZ).
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Film

Leiden in Paris: Nadav Lapids "Synonymes"


Am Wochenende wurde die Berlinale mit einem Goldenen Bären für Nadav Lapids "Synonymes" beschlossen (alle Preisträger hier). Die Kritiker blicken auch in diesem Jahr auf einen mäßigen, sehr durchwachsenen Wettbewerb zurück und hoffen nun, dass die Königinnendisziplin des Festivals ab nächstem Jahr mit dem neuen künstlerischen Leiter Carlo Chatrian den lang ersehnten Auftrieb erhält. Zu sehen gab es 2019 "ein Potpourri der Miserabilität und Ödnis", schimpft Rüdiger Suchsland auf Artechock, was fehlte, "war Rasanz, war Humor, und neue interessante Bildsprachen." Auch die eine oder andere Entdeckung wäre schön gewesen, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel, dessen persönliches Highlight Thomas Heises im Forum gezeigter Essayfilm "Heimat ist ein Raum aus Zeit" (der auch unserer Kritikerin herausragend gefallen hat) gewesen ist. Dieser Jahrgang hat "noch einmal beispielhaft die Stärken und Schwächen der Kosslick-Ära vorgeführt", hält Andreas Kilb in der FAZ fest. "Es gab viele politisch und gesellschaftlich interessante Stoffe im Wettbewerb, es gab Jugend- und Revolutionsdramen, feministische und poststalinistische Erkundungen, Filme über Islamismus und Pädophilie, aber ein großes Kinokunstwerk war, abgesehen von Wang Xiaoshuais 'So Long, My Son', nicht dabei." In der NZZ ärgert sich Daniel Haas über einen Wettbewerb der eisern heruntergezogenen Mundwinkel, wo doch Kosslick selbst stets eine fröhliche Figur macht.

Immerhin beim Siegerfilm sind sich die meisten einig: Der wurde mit Fug und Recht ausgezeichnet, schreibt David Steinitz in der SZ. Dominik Kamalzadeh begeistert sich im Standard für die Leistung des Schauspielers Tom Mercier - auch wenn er den Goldenen Bären auch Angela Schanelecs "Ich war zuhause, aber" gegönnt hätte. Taz-Kritiker Tim Caspar Boehme ist sich nicht ganz sicher, was er von dem Film halten soll, handelt er doch von einem Israeli, der in Paris Blut und Galle spuckt, wenn es um sein Heimatland geht. "Die Botschaft ist mehr als unklar. Dass der Hass auf Israel, den die Hauptfigur überdeutlich mit sich herumträgt, nicht die Haltung Lapids wiedergeben dürfte, wie dieser denn auch bei der Entgegennahme des Preises eigens hervorhob, lässt sich schon aus der groben Überzeichnung des Films ablesen. Doch dass Yoav gegen Ende seinen französischen Rettern vorwirft, sie könnten sich nie vorstellen, wie es sei, wenn das eigene Land keine eigene Zukunft habe, ist als Schlusspointe zumindest heikel." Eher leidenschaftslos besprach Thekla Dannenberg für den Perlentaucher den Film: Der ist "manchmal skurril, manchmal mit einer gewissen Pointe, oft prätentiös".

Weiteres: Für die WamS hat Martin Scholz mit Christian Bale geplaudert. Auf FAZ.net gratuliert Dietmar Dath dem chilenischen Filmkunst-Hexenmeister Alejandro Jodorowsky zum 90. Geburtstag. Den Dokumentarfilm "Jodorowskys Dune" über die gescheiterten Pläne des Regisseurs, Frank Herberts "Der Wüstenplanet zu verfilmen, steht derzeit bei Arte online.

Besprochen werden Barry Jenkins' Verfilmung von James Baldwins "If Beale Street Could Talk" (Jungle World),  Robert Rodriguez' "Alita" (Freitag), Fatih Akins "Der Goldene Handschuh" (Freitag), die Serie "Sex Education" (Freitag) und Johanna Domkes und Marouan Omaras Dokumentarfilm "Dreamaway" (Freitag).
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Literatur

Den neuen Houellebecq hat er nicht gelesen, auch Takis Würgers "Stella" zu lesen, scheint ihm Zeitverschwendung zu sein: Johannes Franzen plädiert auf ZeitOnline für mehr Gelassenheit im Umgang mit literarischen Aufregern - man müsse nicht überall mitreden können und alleine deshalb fragwürdige Bücher lesen: "Offenes Nichtlesen wäre eine Möglichkeit, diesen Mechanismus zu unterbrechen und dabei auf den doch allen bekannten Umstand aufmerksam zu machen, dass das Lesen von Literatur zeitökonomischen Zwängen unterliegt. Jedes Buch, das wir lesen, verweist auf ein Buch, das wir nicht gelesen haben. ... Das offene Nichtlesen macht aus zeitökonomischen Bedenken einen kulturpolitischen Akt. Wir erkennen an, dass Lesezeit eine knappe Ressource ist, über die wir verfügen und die wir selektiv vergeben können. Der Habitus der Allbelesenheit wird dann ersetzt durch einen Habitus des informierten Nichtlesens."

Weitere Artikel: Gina Thomas schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Schriftstellerin Andrea Levy. Besprochen werden die Gesamtausgabe des Werks der französischen Comiczeichnerin Julie Doucet (Jungle World), Julian Barnes' "Eine einzige Geschichte" (Tagesspiegel. Standard, Presse), Dirk von Lowtzows literarisches Debüt "Aus dem Dachsbau" (Standard), T. H. Whites "Der Habicht" (online nachgereicht von der Welt), T.C. Boyles "Das Licht" (Standard), André Herzbergs "Was aus uns geworden ist" (Presse), Peter Høegs "Durch deine Augen" (Zeit), Sebastian Barrys Western "Tage ohne Ende" (SZ) und neue Hörbücher, darunter der Auftakt einer Simenon-Hörbuch-Gesamtausgabe (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gisela Trahms über Dagmara Kraus' "çatodas":

"drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
kau dir an der kruste hier muskeln an, nimm
an floskeln tuste gut daran, te tłusteste zu meiden
..."
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Kunst

Diane Arbus, Lady on a Bus, N.Y.C. (1957), Jack Dracula at a bar, New London, Connecticut, 1961. © The Estate of Diane Arbus


Überwältigt kommt Guardian-Kritikerin Laura Cumming aus der Diane-Arbus-Ausstellung in der Londoner Hayward Gallery, die jede Menge bisher unbekannte Bilder der Fotografin zeigt: "Diese Bilder als Offenbarung zu beschreiben, wäre wahr, aber reine Untertreibung. Viele wurden nie zuvor gezeugt. Sie geben ein starkes Gefühl für Arbus als verlorene Seele in der Stadt, die überall um sich herum Fremdheit einfängt, mit scharfem und doch empathischem Blick. Hier sind die Menschen zu klein für ihre Uniformen - wie der Platzanweiser im Kino - oder zu groß für diese Welt, wie der jüdische Riese, der seine alternden Eltern überragt, die zu ihm mit erkennbarer Angst aufblicken. Oder die sich selbst überlassenen Jugendlichen, die Clowns außer Dienst und der Verrückte aus Massachusetts, der sich um Mitternacht in einer Bar die Seele aus dem Leib schreit."

Besprochen wird die Ausstellung "Worlding it Otherwise or Else" im Berliner Bärenzwinger (taz).
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Stichwörter: Arbus, Diane

Musik

Gediegen gescheitert ist Mercury Revs neues Album "The Delta Sweete Revisited", schreibt Klaus Walter in der SZ: Die New Yorker Auskennerband wandert hier auf Southern-Gothic-Pfaden und covert Bobbie Gentrys Flop-Album gleichen Namens aus dem Jahr 1968, um auf diese Weise "Pop-Geschichte umzuschreiben und einen Flop zum verkannten Klassiker zu stilisieren." Zu hören gibt es ein Potpourri an schönen, anheimelnden Stimmen, auch "der Kontrabass strahlt Wärme aus und die Streicher werden vom Winde verweht. Anders gesagt: Auf Mercury Rev ist Verlass, mal gibt's ein elegantes Pastiche, mal eine dezente Aktualisierung oder vorsichtige Variationen, aber immer ist alles völlig geschmacksicher - und ein bisschen langweilig. Vor allem im Vergleich zum Original. Gegen Bobbie Gentrys alte Aufnahmen kommen die Remakes nicht an, Manufaktum-Musik."

Weitere Artikel: Jürg Zbinden berichtet in der NZZ von den Swiss Music Awards.  Gerald Felber (FAZ) und Peter Uehling (Berliner Zeitung) gratulieren dem Dirigenten Marek Janowski zum 80. Geburtstag. Für Pitchfork legt Mark Richardson Tortoise' Post-Rock-Klassiker "TNT" aus dem Jahr 1998 wieder auf.



Besprochen werden das neue Album der Türen (Jungle World), das Comeback der Specials (Standard), as neue Album der Cherry Glazers (Jungle World), Rustin Mans "Drift Code" (Standard), ein Konzert des Scharoun Ensemble (Tagesspiegel), ein Abend mit Sol Gabetta und Kristian Bezuidenhout (NZZ) und Joan Baez' Münchner Konzert (SZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Martin Andris über Prince' "I Would Die 4 You":


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