Michel Houellebecq

Serotonin

Roman
Cover: Serotonin
DuMont Verlag, Köln 2019
ISBN 9783832183882
Gebunden, 330 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Stephan Kleiner. In "Serotonin" rechnet die Hauptfigur ab: mit der modernen Gesellschaft, der Wirtschaft, der Politik - und mit sich selbst.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.01.2019

Doris Akraps begeisterte Besprechung macht sofort Lust auf Michel Houellebecqs "Serotonin". Sie sieht in dem Roman nicht nur große Erzählkunst, sondern auch sehr eindringlich die Frage verhandelt, ob individuelle Freiheit zu individuellem Glück führt. Und noch viel mehr: Sehr berührend findet sie, wie Houellebecq seinen alten weißen Mann zeichnet, der den verpassten Lieben seines Lebens hinterhertrauert und anstelle von Glückserfahrungen nur Sexfantasien erlebt. Florent-Claude schluckt Antidepressiva, um wenigstens noch duschen und mit seinen Nachbarn reden zu können. Geradezu beklommen liest sie auch von von seinem, von der Frau verlassenen Freund Aymeric, der vor Scham fast vergeht und sich in den politischen Kampf gegen die EU stürzt, um das Gefühl der Ohnmacht zu überwinden. Vor allem aber imponiert Akrap, wie Houellebecq gegen die die Puritanisierung der Gesellschaft anschreibt und gegen den Irrglauben, es sei antifeministisch, über weibliche Geschlechtsteile so offen und schnippisch zu schreiben wie über männliche. Ihr sind "junge, feuchte Muschis" jedenfalls lieber als die seit Proust so gern besungene "Mädchenblüte".

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 07.01.2019

Dirk Fuhrig sichert sich nach allen Seiten ab. Einerseits erkennt er in Michel Houellebecqs neuem Roman vor allem viele Eigenzitate und Selbstreferenzen, wenn der französische Großschrifsteller wie gehabt von einem mittelalten und mittelerfolgreichen Mittelschichtsmann mit "maximaler Depression" erzählt. Die Provokationen lässt Fuhr an sich abprallen, die Freizügigkeiten, die Verachtung der EU und der Unterschicht. Anderseits sieht er in dem Roman ein "bittersüßes, tieftrauriges und humoristisches Roadmovie", in dem der lebensüberdrüssige Florent-Claude in seinem Mercedes SUV Diesel durch ein zermürbtes Europa fährt (rasen darf er ja nicht). Und klar: Houellebecqs Stil und die ihm eigene Kombination aus Melancholie und schreiender Komik findet Fuhrig natürlich großartig.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.01.2019

Michel Houellebecq hat den Rezensenten Jan Wiele mit seinem neuen Roman einmal mehr überrascht, denn obwohl sein Protagonist ihm zunächst ganz als das sexistische und rassistische Ekelpaket erscheint, das der Kritiker von dem französischen Skandal-Autor erwartete, lässt Houellebecq ihn starkes Mitleid mit seiner Hauptfigur empfinden. Der depressive Dandy mit gewissenloser Vergangenheit als profitgieriger Regierungsberater kommt zu dem Schluss, alles falsch gemacht und vor allem die Liebe seines Lebens leichtfertig verspielt zu haben, und wird aus dieser Misere auch nicht mehr erlöst, erzählt der Rezensent. Dem beeindruckten Kritiker hat es gut gefallen, dass Houellebecq seine üblichen zivilisationspessimistischen Schocker auch mit ergreifenden Wendungen verbinden kann.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.01.2019

Cornelia Geißler stellt sich Michel Houellebecq als einen glücklichen Menschen vor. Dass dem krass unter Erfolgsdruck stehenden Autor dieser Text gelungen ist, hält sie für bemerkenswert. Gelungen erscheint er ihr sowohl als Reprise bekannter Provokationen, von Sex und Gewalt, als auch als durch seine Hinwendung zu aktuellen politischen Entwicklungen. Von einigen ekligen Stellen über Sex mit Tieren abgesehen, findet Geißler genug Identifikationsmöglichkeiten im Text. Sogar der SUV-fahrende, sexorientierte Erzähler bekommt von ihr Sympathiepunkte! Witzig, flüssig zu lesen und mit seinen Exkursen über die Schädlichkeit des Rauchens und den Tablettenkonsum auch noch von praktischem Nutzen, ist der Roman für Geißler eine klare Empfehlung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.01.2019

Alex Rühle liest den Propheten unter den Romanciers und stellt fest, dass Michel Houellebecq sich noch nie so ausgiebig selbst zitiert hat. Dass der Autor, wie es allenthalben heißt, wieder mal aktuelle Politik in Literatur verwandelt, kann er nicht finden. Der Aufstand der unteren französischen Mittelschicht in der Provinz kommt im Buch nur am Rand vor, meint er. Ansonsten geht es wie immer um Einsamkeit, Depression, käuflichen Sex, Islamophobie, Schwulenhäme, Alkohol etc., merkt Rühle an. Das alles wirkt auf ihn doch eher schlecht gealtert. Wenn der Roman endlich doch Fahrt aufnimmt und der Lebensschmerz der Figur dem Leser in die Glieder fährt, ist der Rezensent bereits hinlänglich erschöpft.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 05.01.2019

Mara Delius hält Michel Houellebecq für einen großen Künstler, in Houellebecqs neuen Antihelden ist sie ganz verliebt, und den Roman findet sie tief und schön. Nie hat der Autor so mitfühlend und tief über die menschliche Existenz geschrieben, schwärmt sie, über Verletzungen und Enttäuschungen, den Tod und die Möglichkeit einer Katharsis. Ästhetisch erscheint ihr der Text mit seinem unzuverlässigen Ich-Erzähler, der laut Delius mit seiner Unzuverlässigkeit spielt, durchaus brillant. Weniger das Aufwärmen altbekannter Houellebecq-Settings und -Motive interessiert sie an dem Text als seine Zeitgenossenschaft, manifestiert in einem exemplarischen männlichen Helden am Wendepunkt, an der Grenze des Sagbaren und des Zynismus.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.01.2019

Rezensentin Iris Radisch findet Michel Houllebecqs neuen Roman todtraurig. Schon weil es dem Autor mit seinen antiliberalen und nationalistischen Gedanken zum Thema EU und Welthandel ernst ist, wie sie beim Lesen irgendwann ahnt. Zuvor hat der Autor sie mit einem Best-of seiner höhnisch-provokanten Kulturkritik (nur mäßig) unterhalten, Tod, Depression, Dekadenz und Fellatio miteinander gereimt, durchaus Unvergessliches zum Thema Rauchen vermeldet und rasant die Erzählregister gewechselt. Das scheint uns lesenswert genug.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 31.12.2018

Stefan Brändle schreibt etwas wirr über Michel Houellebecqs auf Deutsch erst nächste Woche erscheinenden neuen Roman. Möglicherweise liegt das am unglücklichen Versuch des Rezensenten, die seherischen Qualitäten des Autors gegen seine literarischen auszuspielen und Houellebecqs Äußerungen über Trump mit den Ausführungen seines neuen Helden zu US-Agrarexporten gleichzusetzen. Ob der Roman über die Verelendung der französischen Landbevölkerung nun die Bewegung der "gilets jaunes" vorwegnimmt oder nicht, wie Brändle sich fragt, oder welchen Anteil Houellebecqs Ausbildung zum Diplomagronom an der Geschichte hat, spielt ja für die Literatur zum Glück nur eine untergeordnete oder gleich gar keine Rolle.