Efeu - Die Kulturrundschau

Wetterfest, aber auch mitfühlend

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12.09.2018. Die SZ erlebt in Wolfgang Fischers Filmdrama "Styx" die große Fallhöhe der souveränen Westlerin. Georg Seeßlen erkundet in einem Essay auf epd Film den moralischen Film. Nach Bekanntgabe der Shortlist für den Deutschen Buchpreis imaginiert der Tagesspiegel schon die Dankesrede eines geschmeichelten Maxim Biller. Und die FAZ unterhält sich mit dem Direktor der Kunstsammlungen Chemnitz, Frédéric Bußmann, über Ängste und Phantome in der Stadt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2018 finden Sie hier

Film

Filmstill aus Wolfgang Fischers "Styx" mit Susanne Wolff


Wolfgang Fischer erzählt in seinem Kinodrama "Styx" von einer Frau, die beim Segeln auf dem Atlantik ein Flüchtlingsboot in Seenot sichtet - und nicht helfen kann. Zumindest nicht allen. Stattdessen nimmt sie nur einen Jungen in ihr Segelboot. SZ-Kritikerin Martina Knoben sieht in diesem Film das Dilemma des Westens geradezu gnadenlos verhandelt: "Der Film bietet keinen billigen Ausweg aus diesem Dilemma, das ist das Ehrliche und Erschütternde an diesem Werk. Seine Kraft zieht er aus dem Spiel seiner Hauptdarstellerin Susanne Wolff, die als Solo-Seglerin Rike gewissermaßen den Westen verkörpert, souverän und sexy... Sie spielt Rike als wetterfeste, aber auch mitfühlende Frau, die an der Aufgabe, vor der sie plötzlich steht, dennoch zerbricht. Die Fallhöhe dieser Figur ist enorm." In der FAZ goutiert Verena Lueken dagegen, dass der Film das moralische Dilemma nicht ins Symbolische ausweitet. "Es ist diese ganz spezifische Geschichte von Rike und dem Boot eine Meile entfernt, das langsam sinkt, und dem Jungen, der Kingsley heißt. Gedion Oduor Wekesa spielt diesen Kingsley. Es ist seine erste Rolle, aber hoffentlich wird sich jemand darum kümmern, dass weitere folgen." In der Welt betont Cosima Lutz, dass der Film die großen Gewissensfragen ausgesprochen redlich verhandelt.

Auf epd Film erkundet Georg Seeßlen, was einen moralischen Film vom bloß moralisierenden unterscheidet: "Die moralische Frage stellt sich im Film immer drei Mal. Zum einen für die Figur selbst, die sich durch die Aktion, die Sprache und die Mimik zu erkennen gibt. Zum zweiten für den Film, der sie in Form von Kamera, Farbsymbolen, Musik, Landschaft, Dekor beantwortet. Zum dritten aber für den Zuschauer."

Besprochen werden unter anderem Hiromasa Yonebayashis schöner Animationsfilm "Mary und die Blume der Hexen" und Volker Koepps "Seestück" (Perlentaucher), Hans Puttnies' Essayfilm "Palmyra" über die zerstörte Wüstenstadt (der Tagesspiegel-Kritiker Rolf Brockschmidt zugleich wehmütig und ratlos zurücklässt) und Mara Mattuschkas Drama "Phaidros" (das Esther Buss im Standard vor allem als Dokument der queeren Szene Wiens aufnimmt).
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Kunst

Interessantes Gespräch in der FAZ mit dem Direktor der Kunstsammlungen Chemnitz, Frédéric Bußmann. Er zeigt ab Oktober zwei politische Videos des Berliner Künstlers Mario Pfeifer: ein Reenactment eines Vorfalls in Arnsdorf, wo 2016 ein Iraker an einen Baum gefesselt worden war, und die Doku "Über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen, Deutschland" von 2016, für die Pfeifer neun Stunden lang Menschen aus dem Umfeld von Pegida, Politikwissenschaftler und Konfliktforscher interviewt hat: "Das große Thema in der Stadt ist Angst. ... Vor Ausländern, Geflüchteten, obwohl die meisten sie überhaupt nicht kennen. Ich würde es fast Phantom-Angst nennen. Klar: Es muss eine Grundsicherheit geben in der Stadt, aber die lässt sich nicht allein durch Polizei herstellen. Man kann die Angst nicht wegdiskutieren, aber versuchen, sie zu rationalisieren und dadurch wieder abzubauen, indem man Begegnungen schafft. Das, wovor man Angst hat, muss man kennenlernen."

Hier Pfeifers Doku "Über Angst und Bildung, Enttäuschung und Gerechtigkeit, Protest und Spaltung in Sachsen, Deutschland":



Weiteres: Nach Direktor Okwui Enwezor verlässt jetzt auch Hauptkurator Ulrich Wilmes das Münchner Haus der Kunst, meldet in der SZ Susanne Hermanski. In Wien verlässt Christina Steinbrecher-Pfandt die Viennacontemporary und wandert in die USA aus, meldet Eva Komarek in der Presse. Besprochen wird eine Ausstellung des Künstlerkollektivs Relax (Chiarenza & Hauser & Co.), die die Bestände der Graphischen Sammlung der ETH durchforstet hat, um eine Antwort auf die Frage zu finden "Was wollen wir behalten? (what do we want to keep?") (NZZ).
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Literatur

Gestern wurde die Shortlist für den Buchpreis 2018 veröffentlicht. taz-Kritiker Dirk Knipphals reißen momentan andere Themen vom Hocker, die Auswahl findet er gerade mal "solide": "Vier Frauen, zwei Männer. Sechs unterschiedliche Verlage. Maxim Biller berücksichtigt." Im Tagesspiegel malt sich Gerrit Bartels schon vergnügt aus, was das für eine Preisverleihung gäbe, wenn Biller die Dankesrede hielt: "Die dann womöglich weniger eine des Dankes ist, sondern mehr eine Beschimpfung: der Literaturkritik, weil sie vor zwei Jahren so böse mit seinem Opus magnum 'Biografie' umgegangen ist. Und der deutschsprachigen Literatur, weil Maxim Biller die immer beschimpft, weil er sie als so schlapp und so brav und so ohne Wagemut empfindet."

Weiteres: In der taz empört sich auch Margarete Stokowski über den Rauswurf der Rowohlt-Verlegrin Barbara Laugwitz. In der NZZ bedauert Paul Jandl die Insolvenz des Frankfurter Stroemfeld Verlags, für dessen Hölderlin-Ausgaben einst Helmut Kohl persönlich Geld gesammelt haben soll. In einem langen Gespräch mit der Tell-Review plaudert der Literaturwissenschaftler Peter von Matt über Konfliktmuster, Verpackungsäthetik und das Glück des Lesens.

Besprochen werden unter anderem Inger-Maria Mahlkes Roman "Archipel" (Zeit), Maxim Billers Familienroman "Sechs Koffer" (SZ), Perry Andersons "Hegemonie" (Tagesspiegel) und Wolf Haas' autobiografisch angehauchter Roman "Junger Mann" (Standard).
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Design

In der NZZ schreibt Daniela Segenreich-Horsky über "bescheidene" Mode, die aus ihrem religiösen Kämmerchen auf den Laufsteg und zur Kundin drängt, die das gern annimmt, wenn sie dabei auch einen intellektuell wenig eleganten Spagat machen muss: "'Ich will ausschließlich meinem Mann gefallen und sonst niemandem', erklärt die fünffache Mutter, die schon mit 18 ihr erstes Baby bekam. 'Aber es steht nirgendwo in der Thora geschrieben, dass Frauen nicht schön sein dürfen. Wenn ich mich chic kleide, fühle ich mich wohl und werde respektiert. Wichtig ist, dass eine Frau von innen her bescheiden ist und dass ihr Mann und das Rabbinat ihren Kleidungsstil genehmigen.'"

Außerdem: Sarah Pines untersucht in der NZZ den Einfluss von #metoo auf den Frauenkörper.
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Bühne

Im Interview mit dem Tagesspiegel stellt Intendant Klaus Dörr seinen Spielplan für die Volksbühne vor, der von der Solidarität anderer Bühnen geprägt ist: "Ich habe überregional sehr große Unterstützung und Solidarität erfahren. Die Kollegen machen uns vernünftige Preise und Konditionen."

Im taz-Interview mit Katrin Bettina Müller erklärt die Choreografin Anne Teresa Keersmaeker, was sie zu Johann Sebastian Bach und den Brandenburgischen Konzerten geführt hat, die sie heute Abend auf die Bühne bringt: "Ich liebe den Tanz, weil ich ihn für die direkteste Form von verkörperter Abstraktion halte und das ist auch Bachs Musik. Es ist eine Musik, die Klarheit ausstrahlt, in der ganzen Struktur und im Detail ist sie immer extrem rhetorisch. Die Musik wirkt wie eine bewegte Architektur. Es ist wie eine Berührung mit der Unendlichkeit."

Besprochen werden Peter Eötvös' Tschechow-Oper "Tri sestry" an der Oper Frankfurt ("Das Raffinement im Zusammenspiel von Instrumental- und Vokalpart ist auch in den 'Tri sestry' so virtuos und überzeugend, dass man kaum Zeit hat für die Überlegung, ob das nun 1898 oder 1998 komponiert sei", schreibt ein hingerissener Hans-Klaus Jungheinrich in der FR), Joachim A. Langs Film "Mackie Messer" über Brechts Dreigroschenfilm (Welt, Berliner Zeitung), Karl Zugowskis Inszenierung von "Mein Freund Bunbury" an der Musikalischen Komödie Leipzig (nmz), Olivier Messiaens Heiligenoper "Saint François d'Assise" am Staatstheater Darmstadt (FAZ, SZ) und Thomas Dannemanns Inszenierung von Eugene O'Neills "Der haarige Affe" am Schauspiel Frankfurt (SZ).
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Musik

Für die taz trifft Thomas Winkler Sophie Hunger, die Berliner Musikerin aus der Schweiz, die ihr neues Album "Molecules" herausgebracht hat: "Die große Veränderung aber ist, dass diese Stimme, immer noch engelsgleich und romantisch, nun nicht mehr in zarter Umarmung liegt mit ihrer musikalischen Umgebung, sondern im Zwiespalt - und das, obwohl - oder gerade weil - Hunger für die Aufnahmen ihre Band beurlaubt hatte und nahezu alles im Alleingang eingespielt hat." Hier ihr Video zu "There is Still Pain Left":



Besprochen werden Paul McCartneys Album "Egypt Station" (FR) und die Konzerte der Loop-Pop-Künstlerin Tash Sultana in Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Musik
Stichwörter: Hunger, Sophie