Efeu - Die Kulturrundschau

Der ganze Museumsplunder

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.11.2017. Die taz zelebriert mit der Galerie BRD das Ende der Koketterie. Die SZ fragt, wann die Ballettwelt endlich Hetero-Ästhetik und Kavaliersgetue entsorge. Die Presse lässt sich Lebenskraft von einem Trophäenkopf im Wiener Weltmuseum spenden. Ganz richtig findet die Berliner Zeitung, wie falsch Olivier Py die Choräle der Wiedertäufer in Meyerbeers Oper "Le Prohète" klingen lässt. Critic.de stürzt sich voller Begeisterung mit Marvens Krens Serie 4 Blocks" in die lupenrein böse Welt einer Neuköllner Rockergang.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2017 finden Sie hier

Kunst


"I'm not here to make friends. Galerie BRD. Kunstverein Harburger Bahnhof. Ausstellungsplakat. Foto: Franck Boston /123rf.com.

In der taz stellt Radek Krolczyk die sehr hamburgerische Künstlergruppe Galerie BRD vor, die gerade Arbeiten im Kunstverein des Harburger Bahnhofs zeigt und - unter dem Diktum "Banden bilden. Galerie BRD. Gerichtsstand ist Hamburg" - das Ende der Koketterie proklamiert: "Das Selbstverständnis der Gruppe ist nicht ganz leicht zu fassen. Sie versteht sich weniger als Kollektiv, denn als freier Zusammenschluss von Künstlerinnen und Künstlern, die in erster Linie autonom agieren. Wobei die inhaltliche und künstlerische Arbeit höchst verbindlich und kontinuierlich zu sein scheint. Das kann man am Verlauf der vergangenen Ausstellungen sehen, die von Themen wie der Kreativität als ökonomischer Ressource oder der Ideologie der Selbstoptimierung handeln."

Totale "Disziplin und Verrücktheit" erlebt SZ-Kritikerin Catrin Lorch in einer Ausstellung des Bauhaus-Archivs in Berlin, die Fotografien des von László Moholy-Nagy gegründeten New Bauhaus Chicago zeigt: "Im Zentrum der künstlerischen Ausbildung stand der Umgang mit Licht, der 'Light-Workshop' war verbindlich. Lehrer wie György Kepes vermittelten als 'Foundation' den Geist des interdisziplinären Vorkurses. Es ging nicht um die perfekte Beherrschung des Mediums, sondern einen künstlerischen Umgang mit der Technik. Die Studenten zerknickten Fotopapier, bestückten es mit Schablonen und tränkten es mit Chemikalien." (Foto: Barbara Crane: People of the North Portal, 1970)

Vor kurzem erst musste das Dorotheum die Versteigerung eines Trophäenkopfes stoppen (unser Resümee), jetzt wird bekannt, dass auch im allenthalben sehr gelobten Wiener Weltmuseum eine solche menschliche Trophäe aus Brasilien gezeigt wird. Apart ist die Erklärung der für Südamerika zuständigen Kuratorin Claudia Augustat, die die Presse zitiert: "Da der Trophäenschädel den Feind nicht herabsetzt, sondern seiner Lebenskraft eine wichtige und Wert geschätzte Bedeutung in der Kultur der Munduruku zukommt, habe ich mich entschieden, ihn in der Ausstellung zu zeigen".

Weiteres: Der Tagesspiegel meldet, dass die Documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff vorzeitig geht. Sie hinterlässt ein Defizit von 5,4 Millionen Euro.
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Bühne

Auch in der Tanzwelt, vor allem aber im Ballett tut es dringend Not, über Sexismus zu diskutieren, meint Dorion Weickmann in der SZ, über Rollenklischees auf der Tanzbühne, geschlechterstereotype Erzählstränge und den eklatanten Mangel an Choreografinnen. Tatsächlich bewege sich was: "Die Vorwärtsfraktion ruft nach radikaler Neuerung: weg mit dem Kavaliersgetue, dem Primat der Hetero-Ästhetik, dem ganzen Museumsplunder rund um den 'Schwanensee'."


Szene aus "Le Prophète". Foto: © Bettina Stöß

Feinheit und Verve attestiert Martin Wilkening in der Berliner Zeitung Olivier Pys Inszenierung von Giacomo Meyerbeers Wiedertäufer-Oper "Le Prophète" an der Deutschen Oper Berlin: "Das Unheilbringende des religiösen Fanatismus ist das eigentliche Thema des Stückes, und damit passt es ja trotz der Verpackung in Belcanto und Ballettmusik nicht schlecht in unsere Zeit. Und die musikalische Doppelzüngigkeit, die Meyerbeer bei aller auf Mitgefühl zielenden Dramatik auf fast satirische Art entwickelt, verfehlt auch heute nicht ihre Wirkung. Die Falschheit des Chorals der Wiedertäufer, der Missbrauch der Orgelklänge, oder das Einpeitschende, das aus dem Gesang des Propheten zur Harfe heraustönt, sind krasse Mittel einer zuweilen fast montageartigen Musikdramaturgie, die über ihre Zeit hinausweist." In der FAZ ruft Gerald Felber etwas strapaziert vom didaktischen Gestus: "Ist gut - wir ha­ben's ver­stan­den!" Manuel Brug kann dagegen in der Welt nur den Kopf schütteln: "Man starrt auf anonyme Schniedel und Busen statt auf sinnfällige Aktionen."

Weiteres: Kristof Schreuf berichtet in der taz von einer Diskussion über das Whistleblowing mit Angela Richter und Carl Hegemann im Berliner Gorki-Theater. Im Standard berichtet Helmut Ploebst von der Plattform "Wiener Perspektive", zu der sich Wiens freie Künstler zusammengeschlossen haben. Besprochen wird Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Elias" in Potsdam (Tagesspiegel).
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Film

Maurice Lahde empfiehlt euphorisch auf critic.de Marven Krens Serie "4 Blocks", die nach einer ersten Auswertung beim produzierenden PayTV-Sender TNT nun über ZDFNeo auch allgemein zugänglich läuft. Die im Berlin-Neuköllner Mafia-Milieu angesiedelte Serie "ist ein archetypisches Gangsterepos, das von der Verteilung der Karten bis zum Ende unter dramatischem Hochdruck steht. ... An den Rändern diffundiert der Erzählraum ins Grobkörnigere. Den in ihren inneren Antagonismen ausgefalteten Systemen der Hamadys und, flüchtiger, der Polizei steht so die lupenrein böse Welt der Rockergang gegenüber, benannt nach einem Lovecraft'schen Schreckenswesen, schwarzbehelmt aus dem Nichts auftauchend, mit einem martialischen, Frauen misshandelnden Ungetüm von Anführer (Ronald Zehrfeld). Ihre in blaues oder oranges Horror-Zwielicht getauchten Vereinsräume werden mit voranschreitender Showdown-Beschleunigung zum Ort des Schreckens und des Blutopfers."

Weiteres: "Ohne Cinephilie geht es nicht", meint Christiane Peitz im Tagesspiegel zur Frage, wer für eine Kosslick-Nachfolge bei der Berlinale in Frage käme. Auf kino-zeit.de umkreist Patrick Holzapfel das aus der L.A. Rebellion hervorgegangene Independent-Kino von Charles Burnett, dessen 1978 enstandener "Killer of Sheep" jetzt als Wiederaufführung in die Kinos kommt. Auf Youtube gibt es einige Ausschnitte aus diesem schönen Film:



Besprochen wird die neue Amazon-Serie "The Marvelous Mrs. Maisel" (Welt).
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Literatur

In der FAZ weist Katrin Eckert, Ko-Geschäftsführerin des Schweizer Buchpreises, Lukas Bärfuss' deftig formulierte Kritik empört zurück: Weder sei die Jury befangen, noch verrohen die Sitten bei den Veranstaltungen: "Dass Bär­fuss ei­ne ein­zel­ne miss­glück­te Ver­an­stal­tung als An­lass nimmt, das Pro­gramm von zehn Jah­ren in Grund und Bo­den zu schrei­ben, zeugt von we­nig Re­spekt ge­gen­über der Ar­beit von Nicht­au­to­ren."

Weiteres: Alexander Menden erinnert in der SZ an den Satiriker Jonathan Swift, der vor 350 Jahren geboren wurde.

Besprochen werden Peter Handkes "Die Obstdiebin" (taz), Didier Eribons "Gesellschaft als Urteil" (NZZ), Martin Walsers und Jakob Augsteins Gesprächsband "Das Leben wortwörtlich" (FR), Matthew Weiners "Alles über Heather" (Berliner Zeitung), neue Gedichtbände aus Argentinien von Martín Gambarotta und Sergio Raimondi (SZ), Zygmunt Baumans "Das Vertraute unvertraut machen. Ein Gespräch mit Peter Haffner" (Standard), Vladimir Nabokovs "Briefe an Véra" (FAZ) und die Harry-Potter-Ausstellung in der British Library (NZZ). Die SZ bringt heute außerdem eine Literaturbeilage, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten.

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik

"Kein ganz großer Wurf" sei Noel Gallagher mit seinem neuen Solo-Album "Who Built The Moon?" geglückt, meint Max Fellmann in der SZ. Mit dem Titelstück, "ein Klanggemälde", liege aber immerhin eine veritable "Bewerbung" für einen James-Bond-Titelsong vor. Auch Gerrit Bartels hörte für den Tagesspiegel ein eher routiniert durchgespieltes Album - ausgenommen der Bonustrack "Dead in the Water", der ihn an längst vergangene, glückselige Oasis-Tage denken lässt: "Er wirkt, so spät er da auf dieses Album gerutscht ist, wie ein Versprechen auf ein gelungenes Spätwerk." Für Pitchfork hört Stuart Berman das Album und kommt in Sachen Bonus-Song zu einem ähnlichen Schluss wie Bartels. Da hören wir mal in eine Liveversion rein:



Weiteres: Für Das Filter holen Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann Burials vor zehn Jahren erschienenen modernen Klassiker "Untrue" aus dem Plattenschrank. Frederik Hanssen berichtet im Tagesspiegel vom Auftakt des Festival Palazzeto Bru Zane im Berliner Radialsystem. Für ZeitOnline hat sich Dirk Gieselmann unter die Geburtstagsgesellschaft zu Matthias Reims Sechzigsten getummelt.

Besprochen werden Björks "Utopia" (Pitchfork), Daniil Trifonovs und Leif Ove Andsnes' Auftritte beim Lucerne Festival in Zürich (NZZ, von einem Wiener Trifonov-Konzert berichtet der Standard), ein Konzert des London Jazz Composers Orchestra (NZZ) und Robert Forsters Buch "Grant & Ich" über seine Zeit bei den Go-Betweens (Standard).
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