Efeu - Die Kulturrundschau

Immersive Orgien des Intellekts

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14.09.2017. Die taz feiert die Freiheit des Witzes in den Filmen der Kölner Gruppe. Die Zeit besucht in Kapstadt das erste Museum für zeitgenössische afrikanische Kunst, das von einem Weißen erbaut wurde. Das Theater könnte derzeit viel von der Kunst lernen, ermuntert die Welt. Der Tagesspiegel erinnert an den Revolutionär des Superheldencomics, Jack Kirby.

Film


Erinnerungen an New Hollywood: Saoirse ronan in Greta Gerwigs "Lady Bird"

Dominik Kamalzadeh berichtet im Standard vom Filmfestival in Toronto, wo unter anderem Greta Gerwigs Regiedebüt "Lady Bird" mit Saoirse Ronan lief: Diese Coming-of-Age-Geschichte erzähle die Regisseurin "nuanciert und hochkomisch auf ihre Weise. Die Figuren haben eine emotionale Bandbreite, die an vergangene Zeiten, an New Hollywood erinnert. ... Gedreht hat sie analog, in herbstlich matten Farben, was dem einnehmenden Film auch einen Anflug von Wehmut verleiht. Manche Tage kommen nie wieder." Anne Thompson von IndieWire rechnet dem Film Oscarchancen aus.


Unmittelbar persönliches Meisterwerk: Szene aus "Hans Dampf" von Christian Mrasek und Jukka Schmidt.

Peter Nau empfiehlt in der taz die Filme der Kölner Gruppe, die das Berliner Zeughauskino in einer Filmreihe zeigt: "Man muss die Untauglichkeit der Sprache bedauern, ein genaues Bild dieser sich in der Freiheit des Witzes und in der schützenden Unverbindlichkeit der Kunst bewegenden Filme und Filmchen zu geben. ... Vor allem sprach mich das unmittelbar Persönliche dieser kleinen Meisterwerke an, das überhaupt nur in vagen Umrissen, ganz gefühls-­ und ahnungsweise begriffen und gewertet werden kann." Gezeigt wird unter anderem auch Christian Mraseks und Jukka Schmidts Komödie "Hans Dampf", in dem sich unserem Filmkritiker Lukas Foerster (der die Reihe im Zeughauskino auch zuwege gebracht hat) eine "relaxte Form des Filmemachens jenseits der zwanghaften Professionalisierung zeigt, auf die heutzutage schon in Filmhochschulen so viel Wert gelegt wird. ... Es scheint die Möglichkeit eines Kinos durch, das sich gar nicht mehr, weder positiv noch negativ, auf Arbeit bezieht, das stattdessen wie nebenbei aus dem Alltag, aus Freundschaftszusammenhängen, aus ungerichteten, versponnenen Gesprächen hervorgeht."

Weiteres: Timon Karl Kaleyta porträtiert im Freitag den Nachwuchsschauspieler Jannis Niewöhner. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath Sam Neill zum Siebzigsten.

Besprochen werden Steven Soderberghs "Logan Lucky" (taz, Tagesspiegel, Welt, ZeitOnline, mehr dazu im gestrigen Efeu), Darren Aronofskys "Mother!" (Standard, unsere Kritik hier), Sabus "Mr. Long" (taz, SZ), die französische Komödie "Barfuß in Paris" mit der vor einem halb Jahr verstorbenen Emmanuelle Riva (Welt) und die von Arte online gestellte Mini-Serie "Kim Kong" (FAZ).
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Kunst

Andreas Mühe: Angela Merkel. Aus der Serie "A. M. - Eine Deutschlandreise". Bild: Andreas Mühe / © Pro Litteris
Die oft rätselhaften und beunruhigenden Bilder aus dem im Katalog zur gerade zu Ende gegangenen Hamburger Ausstellung "Pathos als Distanz" des "Kanzlerinnenfotografen" Andreas Mühe berühren Sarah Pines in der NZZ auf seltsame Art: "Der Band fasziniert und verstört. Mühe fotografiert, was in Deutschland aus historischen Gründen unterdrückt wird: pompöse Körper, SS-Uniformen, die Schönheit des Obersalzbergs. Und er fotografiert serienweise und fast wahnhaft Sachen wie Christbaumkugeln oder den Wald, dem die Deutschen so humorlos-verkitscht und mit so viel pommerschem Revierförstergehabe begegnen wie sonst nichts."

Camille Henrot, Office of Unreplied Emails. Installation view, 9th Berlin Biennale for Contemporary Art. © Camille Henrot Courtesy the artist and Johann König, Berlin
Anlässlich ihrer Ausstellung "Days are Dogs", die ab Mitte Oktober im Palais de Tokio in Paris zu sehen sein wird, porträtiert Heinz Peter Schwerfel in der Zeit die französische Künstlerin Camille Henrot, die von Le Monde als "Priesterin des Chaos" tituliert wurde, erzählt Schwerfel, dem die Ausstellung viel Spaß gemacht hat: "Angesichts der Untiefen einer Gegenwartskunst, die zurzeit zwischen dekorativem Kulturkonsum und naiver Politkunst dahindümpelt, bieten Henrots immersive Orgien des Intellekts eine willkommene Abwechslung. ... der Clash der Kulturen ist das Leitmotiv Henrots, das ihr in ihrem multikulturellen Stadtviertel Belleville jeden Tag begegnet. Migration gegen Ethnologie, Ramsch gegen Evolutionslehre, Alltagsrituale gegen Internet - Henrot schließt diese scheinbaren Gegensätze kurz und macht daraus eine exotische Mischung mit viel Humor."

Der ehemalige Puma-Manager Jochen Zeitz hat in Kapstadt Afrikas erster Museum für zeitgenössische Kunst gegründet, das Zeitzmocca,  damit will er besonders dem immer noch herrschenden Brauch entgegenwirken, dass afrikanische Künstler, die erfolgreich werden wollen, den Kontinent verlassen und nach Europa oder in die USA gehen müssen, schreibt Hanno Rauterberg in der Zeit. Schönes Projekt, aber es gab auch Kritik, so Rauterberg: Wegen der fehlenden Differenzierung afrikanischer Kunst und vor allem, weil ein Weißer hier gebaut hat: "Andere erregte es, dass der Namensgeber ein Weißer ist genauso wie der Museumsdirektor Mark Coetzee und obendrein der Architekt aus England, dass also das ganze bestens ins alte missionarische Muster passt. 'Es hätte auch ein anderer machen können", sagt Zeitz, und ein wenig gereizt klingt er schon. 'Es hat aber keiner gemacht.'"

Weitere Artikel: In der SZ lobt Cathrin Lorch die viel kritisierte (etwa heute von Nicola Kuhn im Tagesspiegel) documenta 14 für ihren Mut, "Misstrauen gegenüber dem Kunstsystem zu formulieren", und erinnert daran, dass sie nicht als erste mit einem Defizit abschließt: "der legendäre Harald Szeemann musste nach einem 800000-Mark-Defizit sogar Haftungsansprüche abwehren". In der Zeit unterhält sich Maria Machowecz mit dem Maler Neo Rauch über dessen Mentor, den kürzlich verstorbenen Künstler Arno Rink. Außerdem sprechen sie über das Künstlerdasein in der DDR und die Situation der Künstler heute. Vor allem im Bezug auf die Sexismusdebatte sieht Rauch eine Gefahr für die Freiheit der Kunst und erinnert sich an Arno Rink, der ein "großer Freund der Frauen" gewesen sei: "Heute dominiert der Typus des gendersensiblen Bücklings, der sich nicht ins Leben hineinwagt, weil dort zu viele Gefahren lauern. Und weil man zu viel falsch machen kann in dem Versuch, sich auszurichten an den Meinungs- und Haltungsvorgaben des inquisitorischen Umfeldes. Ich wünschte mir manchmal, dass ein Kerl wie Arno Rink durch die Ateliers der Kunststudenten gehen würde, um die jungen Männer zu ermuntern, dass es doch nicht schlimm ist, wenn man sich von weiblichen Körperformen angeregt fühlt." Ingeborg Ruthe schreibt in der Berliner Zeitung zum 50. Geburtstag des Brücke-Museums. Christiane Meixner porträtiert im Tagesspiegel die belgische Künstlerin Miet Warlop, der gerade eine Werkschau im Berliner Hau gewidmet ist.

Besprochen werden die Ausstellung "Visions of Nature" im Kunsthaus Wien (Presse) sowie die Gesamtschau des Werks der Malerin Anita Rée in der Hamburger Kunsthalle (Zeit).
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Bühne

Im Theater herrscht trotz der finanziellen Versorgung durch den Staat Krise und Angst vor Bedeutungsverlust. Vielleicht kann es von der freien Kunst lernen, die viel disziplinübergreifender und den Zuschauer mit einbeziehend arbeitet, meint Eva Biringer in der Welt. "Sattheit macht faul - oder woran liegt es, dass einer wie Tino Sehgal weltweite Erfolge feiert mit theaterähnlichen Mitteln?" Immerhin gehen einzelne Regisseure schon voran: "Die ab der neuen Spielzeit an der Volksbühne tätige Regisseurin Susanne Kennedy verlegte ihren Parcours 'Orfeo - eine Sterbeübung' in den Martin-Gropius-Bau, eines der wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst in Berlin. Auch das schwedische Duo Lundahl & Seitl schickte Zuschauer mit verbundenen Augen dort auf einen Audioparcours. Und dann wären da noch Signa und Arthur Köstler, deren penibel durchgestylte Kosmen zum Faszinierendsten gehören, was das zeitgenössische Theater zu bieten hat.

Besprochen werden Leander Haußmanns Inszenierung des "Sommernachtstraums" und Thomas Köcks "paradies fluten", beide am Wiener Burgtheater (SZ),
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Archiv: Bühne

Architektur

Besprochen wird die Ausstellung "Does Performance Matter? Ephemeral Urbanism" im Architekturmuseum der TU München (SZ).
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Literatur

Anlässlich der Ausstellung "Rilke und Russland", die in Zürich, Bern, Marbach und Moskau zu sehen sein wird, schreibt Roman Bucheli in der NZZ über die Leidenschaft des Dichters für alles Russische: "Das hatte mit irgendeiner Wirklichkeit wenig zu tun, es war vielmehr Ausdruck äußerster, freilich folgenreicher Schwärmerei. Rilkes Reisen von 1899 und 1900 in Begleitung seiner Geliebten Lou Andreas-Salomé nach Russland lösten einen schöpferischen Schub ohnegleichen aus." (Bild: Lou Andreas-Salomé und Rainer Maria Rilke zu Besuch bei dem Bauern und Schriftsteller Spiridon Droshshin, 1900. DLA Marbach)

Marc-Oliver Frisch erinnert im Tagesspiegel an den Comiczeichner und -autor Jack Kirby, der vor 100 Jahren geboren wurde, einen Großteil der heute populären Superheldenfiguren erfand und darüber hinaus die Ästhetik der Superheldencomics revolutionierte. Frisch zitiert dazu den Comicforscher Charles Hetfield: Kirbys "Sinn für Design schäumte über; seine Kostüme, Apparate und Figuren erklommen neue Höhen extravaganter Opulenz. Gleichzeitig begann er, Superhelden als Medium für Science-Fiction und epische Fantasy zu nutzen. Mythopoesie - unbändiger Weltenbau - lautete das Motto des Tages. Kirby jagte Ideen und Visionen, nach denen Superheldencomics nie zu greifen gewagt hatten." Zu Kirbys Spezialitäten zählten unter anderem seine großen, dynamischen Splash Pages.

Weiteres: Judith von Sternburg berichtet in der FR von einem Frankfurter Abend mit Uwe Timm. Tilman Spreckelsen schreibt in der FAZ zum 200. Geburtstag von Theodor Storm.

Besprochen werden Robert Menasses "Die Hauptstadt" (FR), Ingo Schulzes "Peter Holtz" (Zeit, Welt, FAZ), eine Ausstellung mit Fotografien aus dem Leben von Heinrich Böll im Kölner Museum Ludwig (SZ), Reinhard Kleists Comicbiografie über Nick Cave (SZ), der Gesprächsband "In letzter Zeit" mit Günter Grass und Heinrich Detering (FAZ) sowie John le Carrés gerade in Großbritannien erschienener Thriller "A Legacy of Spies", in dem auch George Smiley wieder auftritt (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Musik

Ana Popescu resümiert in der FAZ das George-Enescu-Festival in Bukarest unter der Leitung des Dirigenten Vladimir Jurowski.

Besprochen werden das neue Album von The National (SZ), ein Konzert von Helene Fischer (SZ) und das neue Album der Sparks, darauf laut Standard-Kritiker Karl Fluch zu hören: "Große, exaltierte Kunst, zart pikiert, mit besten Haltungsnoten abgeliefert." Daraus ein aktuelles Video:

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Stichwörter: Vladimir Jurowski