Efeu - Die Kulturrundschau

Bloßes Rauschen

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18.08.2017. In der SZ erzählt der aus Vietnam stammende US-Autor Viet Thanh Nguyen, wie ihn "Apocalypse Now" traumatisiert hat. Deutscher Humor steckt noch in den Sechzigern fest, meint die Zeit mit Blick auf aktuelle Filmkomödien. Eine Dokumentation über Robert Doisneau lüftet das Geheimnis des Kuss-Fotos, melden Tagesspiegel und art-Magazin. In der New York Times lauscht David Lynch dem Klang von Elektrizität. Und die NZZ besucht die Tankstelle der Zukunft.

Film


Das gab's nicht einmal, das kommt stets wieder: Bullyparade in bekannter Manier (Bild: Warner Bros.)

Michael Herbig brüht nochmal seine "Bullyparade" auf (worüber Hanns-Georg Rodek mit ihm und seinen Kompagnons Christian Tramitz und Rick Kavanian ein Gespräch in der Welt geführt hat). Georg Seeßlen winselt in der Zeit um den Gnadenschuss angesichts dieser stählernen "Ideen-Resterampe". Ein Anlass für den Kritiker, auf grundsätzliche Probleme des deutschen Humors zu sprechen zu kommen: Den gebe es nämlich nur in Form eines Regionalhumors. Damit müsse die deutsche Filmkomödie erstens "regionale Lachkulturen in ein nationales Genre überführen" und zum anderen "auf den Comedy-Fundus des deutschen Fernsehens zurückgreifen. ... Wir lachen, wie es scheint, am liebsten über das, worüber wir schon einmal gelacht haben. Und über das, worüber schon unsere Eltern gelacht haben. Die erfolgreichsten deutschen Filmkomödien der Gegenwart sind pointentechnisch tief in den sechziger Jahren verwurzelt oder zitieren Witze und Schauspieler dieser Zeit, wie es auch in der Bullyparade geschieht."

Noel Murray spricht in der New York Times mit David Lynch über die Dreharbeiten des "Twin Peaks"-Comebacks. Dabei geht es vor allem um die spezifische Klangwelt dieser Serie. "Ich liebe den Klang von Elektrizität", sagt der Regisseur. "Ich liebe den Wind. Ich liebe so vieles am Klang. Ich sage immer, Kino, das ist Klang und Bild, vereint im Fluss der Zeit. ... Manchmal speisen wir hunderte von Tonspuren in den Mix ein. Und wir versuchen beim Mix wirklich, alles richtig zu balancieren. Damit das Zeug richtig zur Geltung kommt, genau die richtige Lautstärke hat, in der Lautstärke variiert. Eine wirklich verdammt verzwickte Angelegenheit." Die Ambientspuren der Serie sind jetzt auch als Album erschienen. Daraus eine gespenstische Klangprobe:



Weiteres: Nach dem überraschenden Tod von Viennale-Chef Hans Hurch übernimmt Franz Schwartz die Interims-Leitung des Festivals, meldet der Standard. Außerdem philosophieren Markus Metz und Georg Seeßlen bei "Essay und Diskurs" auf Deutschlandfunk über "die Welt als Serie".

Besprochen werden Terry Georges vor Kulisse des Genozids an den Armeniern spielende Romanze "The Promise" (Tagesspiegel, hier ein Gespräch in der Berliner Zeitung mit Hauptdarsteller Christian Bale), das Familiendrama "Das Gesetz der Familie" mit Michael Fassbender (Standard), Marco Bellocchios "Träum was Schönes" (FR, mehr im gestrigen Efeu) und Ute Wielands Jugendfilm "Tigermilch" (Welt).
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Bühne



Bild: Szene aus "The Great Outdoors." Kampnagel. Julieta Cervantes

Ermüdet berichtet Nachtkritiker Falk Schreiber vom Internationalen Sommerfestival Hamburg auf Kampnagel, wo die amerikanische Künstlerin Annie Dorsen für ihr Stück "The Great Outdoors" einen Bot Online-Kommentare der vergangenen 24 Stunden sammeln lässt und zu einer Performance verarbeitet: "Jeder, der sich ab und zu in sozialen Netzwerken (oder auch im Kommentarbereich von nachtkritik.de) aufhält, gewinnt früher oder später den Eindruck, dass sich hier Dramen von shakespeareschem Ausmaß abspielen würden. Was allerdings nicht für diesen Abend gilt: Das, was hier entsteht, ist kein Drama, es ist bloßes Rauschen, eine Kakofonie der Argumente, bei der ein ernsthafter Diskussionsbeitrag direkt neben belanglosen Freundlichkeiten steht, nackter Hass neben nicht mehr entschlüsselbarem Textmüll."

Weiteres: In der FAZ würdigt Reinhard Kager Zesses Seglias, auf Virginia Woolfs Roman "To the Lighthouse" beruhende Oper, die nun bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wurde, als "wohltuend unprätentiöse Komposition, die nie Gefahr läuft, die reflexive Dimension des Texts mit einer expressiv aufgeheizten Musik zu übertönen".
 
Besprochen werden Händels Oper "Ariodante" mit Cecilia Bartoli in der Titelrolle bei den Salzburger Festspielen (Standard) und eine dem Komponisten Gerard Grisey gewidmete Konzertreihe bei den Salzburger Festspielen (SZ).
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Stichwörter: Annie Dorsen

Design


Der Designer Ettore Sottsass (Bild: Bruno Gecchelin/Vitra Design Museum)

Zum 100. Geburtstag von Ettore Sottsass würdigt das Vitra-Museum in Weil den Designer mit einer Ausstellung. Welt-Kritiker Hans-Joachim Müller kam sich dabei vor, als sei er ein einem "bunten Beet" gelandet, "das beim Urban-Gardening gewachsen ist. Die grellen Farbsignale, die demonstrative Übertreibung der unfunktionellen Details, die gespielte Plumpheit der Entwürfe, als sei alles Hohn auf die "gute Form", die ganze Ob-La-Di-Ob-La-Da-Unbekümmertheit, die eine Poltronova-Kommode aussehen lässt wie einen kandierten Beatles-Song - das alles hat das Sottsass-Design in den Rang eines ikonischen Hauptbeitrags der Pop-Epoche gehoben."

Für die NZZ hat sich Oliver Herwig unterdessen umgeschaut, wie die Tankstelle der Zukunft aussehen wird. Wenn wir alle erstmal mit Elektroautos fahren, deren Aufladen zwanzig bis dreißig Minuten dauert, wandelt sich schließlich auch die Funktion von Tankstellen: Aus dem schnellen Zapfen könnte dann womöglich ein kleines Get-Together als Freizeitangebot werden. In Fürholzen West gibt es bereits einen Multifunktions-Prototyp, der sich mit gewundenen Dächern schon architektonisch als Alternative anbietet. Ein "Flaggschiff, das beweisen soll, wie gut alles zusammenpasst." Für die Elektroautos ist "ein separater Pavillon" vorgesehen, "auf dessen Dach Solarzellen aufblitzen. Die Symbolik ist mit Händen zu greifen: Energie vom Himmel hoch direkt in den Tank." Dennoch: Das sei alles etwas "banal. ... Wer Elektromobilität wirklich fördern will, muss in attraktive Tankstellen investieren. Und da ist noch Luft nach oben."
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Literatur

Kaum eine Zeitung, die in diesen Tagen ohne ein Gespräch mit dem aus Vietnam stammenden amerikanischen Autor Viet Thanh Nguyen über dessen mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman "Der Sympathisant" auskommt. Heute ist die SZ dran. Jonathan Fischer fragt unter anderem, warum der Autor in seinem Roman auch Francis Ford Coppolas New-Hollywood-Klassiker "Apocalypse Now" persifliert, der doch eigentlich auf der Seite der Guten stehe. "Ob gut oder böse, die Amerikaner spielen immer und überall die Hauptrolle", antwortet der Autor. "Alles wird durch ihre Brille gesehen und gefiltert. So schreiben im Rückblick auf diesen Krieg die Verlierer, die Amerikaner, die Geschichte - während Millionen im Krieg ermordete Vietnamesen bloßes Menschenmaterial bleiben.... Ich möchte als Schriftsteller andere Geschichten erzählen als die Hollywood-Stereotypen, mit denen Amerika der ganzen Welt seine Sicht aufdrückt."

Seit dem Erfolg von Karl Ove Knausgards Roman-Saga herrscht in Norwegen an autobiografischer Literatur kein Mangel, erfahren wir von Aldo Keel in der NZZ. Das bleibt nicht folgenlos: Zahlreiche Menschen fühlen sich bloßgestellt, ertappt oder in ein schlechtes Licht gerückt. Das Gute: Man veröffentlicht einfach einen Gegendarstellungs-Roman. So reagierte Helga Hjorth mit ihrem Debüt "Freier Wille" auf den Erfolgsroman "Erbe und Milieu" ihrer Schwester Vigdis Hjorth - ein Betriebsspektakel: "Der Rache-Roman wurde gekonnt lanciert. Er platzte aus heiterem Himmel mitten in die Sauregurkenzeit. Im Verlagskatalog war er nicht angezeigt. Frühmorgens klingelte ein Bote auf den Redaktionen und verteilte Rezensionsexemplare. Und der Coup gelang. 'Freier Wille' beherrscht seit Tagen die Feuilletons. In Oslos größter Buchhandlung wurden die beiden Romane nebeneinander aufgestapelt - das Buch und das Buch zum Buch."

In der Merkur-Debatte zu Sexismus an Schreibschulen (unser Resümee) meldet sich nun auch der ehemalige Literatur-Dozent Oliver Bukowski in der Nachtkritik zu Wort, mit einer Antwort auf einen Text von Darja Stocker: "Nun also ich. Warum erst jetzt? Weil ich, wie damals in den persönlichen Gesprächen, den direkten Kontakt zu Darja Stocker suchte. Die Idee: Vielleicht schaffen wir es, mit einander zu reden und der anscheinend so unversöhnlichen Debatte durch eine GEMEINSAME Veröffentlichung die andere Qualität zu geben. Darja Stocker hat geantwortet und denkt über meinen Vorschlag nach. Sicherlich gibt es viel zu besprechen, denn ich kenne bis heute ja nicht einmal den Wortlaut des Beschwerdebriefes an den Präsidenten der UdK; die Autorinnen wiesen an, ihn strikt vertraulich zu behandeln. Die Universitätsleitung folgte dem, und so standen wir zwar in der Kritik, nur in genau welcher?"

Weiteres: In der Welt-Sommerreihe über vom Thron gestoßene Meister spuckt Felix Stephan Charles Bukowksi ins Bier: "Er ist als literarisches Phänomen in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen, ohne je literarisch aufgefallen zu sein." Für die SZ besucht Tim Neshitov Anton Tschechows Villa in Jalta.

Besprochen werden Jan Wagners Essayband "Der verschlossene Raum" (NZZ), eine Ausstellung zum Spätwerk Stefan Zweigs im Literaturhaus Berlin (Tagesspiegel), Ziemowit Szczereks "Mordor kommt und frisst uns auf" (NZZ), Yasmina Rezas "Babylon" (Tagesspiegel) und Cristine Lavants "Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus" (SZ).
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Kunst

Bild: John Gerrard, Flag, 2016, Computersimulation. Kunsthalle Darmstadt.

Nicht weniger als die Themen "Gerechtigkeit und Gleichgewicht, Utopie und Dystopie, Realität und Fiktion" hat sich die in Darmstadt gezeigte Schau "Planet 9" auf die Fahnen geschrieben. Unter so viel Ballast ächzt das ein oder andere Werk, meint Radek Krolczyk in der taz. Etwa die Videoinstallation der israelischen Künstlerin Nira Pereg, die sich einer kruden Bewegung orthodoxer Juden widme, die auf dem Tempelberg an der Stelle der Al-aksa-Moschee den dritten jüdischen Tempel errichten wolle: "Auf den flachen Gräbern nachempfundenen Screens sind irre Szenen zusehen: am Strand von Tel Aviv rennt ein Paar Orthodoxer herum, zu deren Alltag es zu gehören scheint, den Namen des Erlösers vor sich her zu rufen. Daneben kann man dem Casting einer roten Kuh beiwohnen - sie soll das Zeichen für den richtigen Zeitpunkt zum Aufbau des dritten Tempels sein. Das Tier muss einer ganzen Reihe von Anforderungen entsprechen, und so fällt letztlich eine jede Kandidatin durch den Test. Was noch ganz lustig sein mag, bis die Arbeit dann selbst obskurantisch wird, sobald sie ihre eigenen Fantasien über die Bewegung formuliert: Frauen als Gebärkanonen für den Kampf um den Tempelberg."

Als Expressionisten zweiter Klasse möchte FAZ-Kritikerin Beate Söntgen den Maler Carl Lohse nach einem Besuch im Hamburger Ernst-Barlach-Museum nicht mehr missverstanden wissen. "Überwältigende Farbkraft" und "psychische Energie" attestiert sie vor allem jenen Bildern, die Lohse nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft im Jahr 1919 malte: "Hohläugige Gesichter werden verzerrt, gelängt, verkantet und durchlöchert, aus oft blutroten Körpern quellen Farbschlieren wie Eingeweide. Handschuhe recken sich in bizarrem Eigenleben in die Höhe und strecken wie flehend die Finger aus. ... Was sich in diesen Bildern zeigt, ist eine Welt aus den Fugen, die allein durch Phantasie und die malende Hand Fassung und Form gewinnt."

Weiteres: Im Tagesspiegel vermisst Bernhard Schulz den Tiefgang in dem von Robert-Doisneau-Enkelin Clémentine Deroudille gedrehten Dokumentarfilm über den Fotografen: "Es menschelt bisweilen arg auf Doisneaus Bildern." Im art-magazin bespricht Alexandra Wach den Film. In der NZZ denkt Ursula Seibold-Bultmann anlässlich der Frankfurter Ausstellung "Sur/Face - Spiegel" über den Spiegel in Kunst und Design nach: "Wird mein warmer Atem an einem der Spiegelobjekte kondensieren und mein Bild trüben? Unheimlich sind mir die zahllosen Reflexionen ohnehin schon, seit der Regisseur Jean Cocteau den Spiegel als die Pforte bezeichnete, durch die der Tod kommt und geht."
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Musik

In der taz referiert Dave Tompkins die Technikgeschichte des Vocoders, dessen musikästhetische Umwidmung eine Art Geburt der Dance-Floor-Musik aus dem Geist von Telekommunikation und Militär darstellt. Für den intendierten Gebrauch in Krieg und Telefonie war das Gerät nämlich nicht geeignet: "Zwar hatte der Vocoder im Bereich der Fernsprechtechnik wegen seiner Unverständlichkeit kläglich versagt, auf dem Dancefloor trug er jedoch zur Kommunikation bei: Die vermeintlich entmenschlichte Stimme brachte die Tänzer*innen zum Ausflippen und damit näher zueinander. Eine Frau - Lynn Goldsmith - konnte mit dem Vocoder zum männlichen Gesundheitsguru Will Powers werden. Ein Mann - Michael Jonzun von der Jonzun Crew - konnte einen Krieg gegen Pac-Man-Maschinen anzetteln." Dieser Missbrauch von Heeresgerät klang dann so:



Besprochen werden ein Dokumentarfilm über die mexikanische Sängerin Chavela Vargas (Tagesspiegel), ein Konzert des ORF Radio-Symphonieorchesters (Standard), "Painted Ruins" von Grizzly Bear (Tagesspiegel), das neue Album von Zimt (taz), ein Konzert von Patti Smith (Tagesspiegel), der Auftritt von Bilderbuch beim Frequency-Festival (Standard), die Gérard Grisey gewidmete Konzertreihe in Salzburg (SZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter das Album "Familiar Touch" von Diana, über das man vor 30 Jahren wahrscheinlich auch nicht erstaunt gewesen wäre (ZeitOnline). Daraus ein Video: 

 
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