Efeu - Die Kulturrundschau

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17.08.2017. Die NZZ feiert das Volumen der Tänzerin Eugénie Rebetez. Außerdem weiß sie, wer die Rechte an Georges Simenon bekommen hat. Die SZ freut sich, dass Soundcloud doch nicht dicht macht. Der Tagesspiegel besucht Theaterfestivals in Osteuropa. Im Standard praktiziert der Bildhauer Andreas Lolis Liebe mit einem Stein.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2017 finden Sie hier

Film



Mit "Träum was Schönes" hat der Altmeister des italienischen Kinos, Marco Bellocchio, Massimo Gramellinis autobiografischen Roman gleichen Namens verfilmt. Es geht um einen Journalisten, der sein Leben lang unter dem frühen Tod seiner Mutter leidet. Ganz gelungen findet ihn Bert Rebhandl in einer online nachgereichten FAZ-Filmkritik nicht. Aber ihm zeigt sich dafür, "was aus Fassbinder in Deutschland vielleicht hätte werden können, hätte der nicht seine Projekte so intensiv in wenigen Jahren durchpeitschen müssen. Die Absichten des späteren Fassbinder und von Bellocchio sind jedenfalls vergleichbar, und sie sind nach wie vor relevant für das europäische Kino im Ganzen: ein Versuch, mit populären Formen intellektuell zu arbeiten". Die Virtuosität des Films bedingt auch dessen Scheitern, stellt Ekkehard Knörer in der taz fest: "Dass die Form, was an der Erzählung übers Fassbare drängt, durch gekonnte Episodenhaftigkeit, durch flüssige Montage und auch im Detail durch elegant-bewegliche Auflösung der einzelnen Szenen in letzter Instanz immer bändigt, ist am Ende die Schwäche des Films." Der Filmemacher "spannt eine sich wandelnde Subjektivität in einem filmischen Raum auf", erklärt Sebastian Markt im Perlentaucher.

In der NZZ schreibt Claudia Wirz über die Entwicklung der chinesischen Filmindustrie, die im internationalen Blockbustergeschäft mittlerweile tüchtig mitmischt - wenn auch nicht immer nur zum Guten: "Dass sich Hollywood zunehmend fernsteuern lässt, sorgt in den USA für Unruhe. China entwickle sich zu einer Welt-Filmpolizei, meint neben anderen die in New York tätige Filmwissenschafterin Ying Zhu."

Weiteres: Fabian Tietke empfiehlt in der taz eine dem exil-afrikanischen Regisseur Med Hondo gewidmete Reihe im Kino Arsenal in Berlin.

Besprochen werden King Hus wiederaufgeführte Martial-Arts-Klassiker "Ein Hauch von Zen" und "Die Herberge zum Drachentor" (Perlentaucher, Philipp Stadelmaier verspricht in der SZ "fünf Stunden Kino-Glückseligkeit"), Terry Georges vor Kulisse des Genozids an den Armeniern spielendes Drama "The Promise" (taz, Welt) und Ute Wielands Coming-of-Age-Film "Tigermilch" (SZ).
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Bühne


Eugénie Rebetez. Foto: Zürcher Theaterspektakel

In der NZZ singt Daniele Muscionico ein Liebeslied auf die Tänzerin Eugénie Rebetez, die nächste Woche beim Zürcher Theaterspektakel mit ihrem Solo "Bienvenue" auftritt: "Ihre rebellischen Solos sind jurassische Freiheitskämpfe, rare Auftritte wie jetzt am Theaterspektakel, und sie zeigen, woran es der zeitgenössischen Kunst oft mangelt: an Sinnlichkeit. Wie oft fehlt darstellender und bildender Kunst - Rebetez bewirtschaftet deren Schnittmenge- das, was man als Genuss für die Augen bezeichnet: Schönheit! Denn Schönheit setzt Volumen voraus. Eugénie Rebetez, 31 Jahre alt, hat Volumen in jeder Hinsicht, und mit ihrem Körper generiert sie auf der Bühne neue Volumina, Gedankenräume. Alles, was auf ihrer Bühne zu sehen ist, ist voluminös, groß und laut - vor allem, wenn es sich klein und leise ausnimmt."

Christine Wahl hat für den Tagesspiegel Theaterfestivals in Osteuropa besucht, in Ungarn, Georgien und Russland, wo man sich lieber mit der Vergangenheit beschäftigt als mit der Zukunft: "Dass es in luziden Ausnahmefällen durchaus passieren kann, dass eine Stalinismus-Auseinandersetzung direkt in der Gegenwart ankommt, zeigt 'Die junge Garde' des 37-jährigen Regisseurs Maxim Didenko ... 'Die junge Garde' durchleuchtet kritisch einen Klassiker der sowjetischen Propagandaliteratur über den Kampf einer jungen Partisanengruppe gegen die deutsche Wehrmacht 1942. Bei einer Vorstellung Anfang April, kurz nach den vom Oppositionellen Alexej Nawalny initiierten Anti-Korruptionsdemonstrationen in vielen russischen Städten, fragte Didenkos Hauptdarsteller spontan ins Publikum, was heroisches Handeln eigentlich heutzutage bedeute und ob die Demonstranten 'Helden oder Opfer' seien."

Weiteres: In der FAZ berichtet Clemens Haustein vom Lucerne Festival. Besprochen wird Claudio Monteverdis Oper "Il ritorno d'Ulisse in patria" bei den Innsbrucker Festwochen (in der FAZ beschwert sich Reinhard Kager über den "öden Klamauk" der Inszenierung von Ole Anders Tandberg).
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