Efeu - Die Kulturrundschau

Hey, ihr Swagger!

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15.05.2017. Die ist ganz von heute, staunt die Berliner Zeitung über Stephan Kimmigs "Phädra" am Deutschen Theater. Die Presse rümpft die Nase über die "Generation Party", die mit Tianzhuo Chens Musiktheater "Ishvara" die Wiener Festwochen eröffnet hat. Wir sind schon im Mutterleib Melancholiker, versichert Laszlo Földenyi in der NZZ.

Bühne


Corinna Harfouch als Phädra am Deutschen Theater Berlin. Foto: Arno Declair

Regisseur Stephan Kimmig annonciert Racines "Phädra" im Deutschen Theater Berlin als "fremd, tief, gewaltig". Aber für Dirk Pilz (Berliner Zeitung) sind die Figuren ganz von heute: "es ist die Geschichte einer unheimlichen Nähe: 'Phädra' als Gegenwartsstoff, als Spiegel heutiger Affektlandschaften. ... wie sie hier stets einander in den Rücken sprechen, wie sie die Sätze übereinander herfallen und verunglücken lassen - darin sind Menschen zu erkennen, die sich selbst nur zu gut kennen, aber nicht begreifen."

Corinna Harfouch in der Titelrolle ist eine Wucht, aber ansonsten wünschte sich Christine Wahl (Tagesspiegel), Kimmig hätte sich mehr an das "fremde" gehalten: "Der Regisseur scheint die Tragödie einerseits irgendwie vergegenwärtigen zu wollen und lässt zum Beispiel Alexander Khuon als schwer vergrübelt mit dem eigenen Gefühlsleben ringenden Hippolyt im casual Wollpullover-Look übers Szenario stiefeln. Andererseits soll aber auch der Historizität beziehungsweise Überzeitlichkeit dieser denkwürdigen Affekte gebührend Rechnung getragen werden." Das geht laut Wahl nicht immer auf.

Für nachtkritiker Hartmut Krug kann Kimmig "nicht recht deutlich machen, warum er das Stück inszeniert. Immerhin vermeidet er jedes leere Deklamationstheater und führt die Darsteller zu lebendigem körperlichem Spiel." In der FAZ hätte sich Simon Strauss "ein bisschen mehr Fieber" gewünscht. Weitere Kritiken in taz,


Szene aus "Ishvara". Foto: Zhang Yan

In Wien hat Tianzhuo Chen die Festwochen mit seinem Musiktheater "Ishvara" eröffnet. In der nachtkritik freut sich Martin Thomas Pesl über die "heitere interdisziplinäre Konfusion", die einigen Türen knallen ließ: "Gewiss, Provokation: Die schrillen Figuren, ihre kulturelle Diversität, ihre teils nur durch Farbe vertuschte Nacktheit müssen dem Beijinger Kunstpublikum einen heilsamen Schock versetzt haben. Im Theater in Wien lösen sie leider nur banalere Querulanzen aus. Da gehen, buhen oder schimpfen die Leute wegen zu lauter Lautsprecher, fehlender Handlung oder fotografierender Zuschauer - die schlichtweg erkannt haben, dass sie sich in einem Event zwischen Party und Fashion-Show befinden."

Na, das passt ja zu der vom neuen Intendanten Tomas Zierhofer-Kins umworbenen Generation Party, ätzt in der Presse Norbert Mayer: "Hey, ihr Swagger! Tianzhuo Chen (*1985), der gefälligste unter Pekings jüngeren Pseudo-Rebellen, hat in der 'Bhagavad Gītā', dem philosophischen Höhepunkt des gewaltigen Sanskrit-Epos 'Mahabharata', gelesen, und auch sonst viel altes Zeugs aus Japan und China, das er in Bilder und Klänge ummodelte. Wahrlich, ich sage euch, der mächtige Titel 'Ishvara' deutet auf das Schwarze Loch Indiens hin." Und: "Alles bleibt reizvolle Bilderepisode, deren Energie nicht aufgenommen wird, um durchgehenden szenischen Puls zu entwickeln", bedauert Ljubisa Tosic im Standard.

Weitere Artikel: Anne Aschenbrenner und Marc Lippuner nageln 95 Thesen zu #TheaterimNetz an die Tür der nachtkritik. Daniele Muscionico sieht für die NZZ erotisches Theater beim Festival Auawirleben. In der SZ schwärmt Dorion Weickmann vom "Flamenco-Revolutionär" Israel Galván beim Movimentos-Festival in Wolfsburg: "Galváns Erscheinung pulverisiert die Gebote, die Vicente Escudero, der einflussreiche Advokat der Tradition, 1951 für den Flamenco erließ: Ein Mann tanze wie ein Mann, trage Hose, Hemd und Hut und halte die Hüften still! Israel Galván schert das nicht mehr."

Besprochen werden außerdem Lucinda Childs' Inszenierung von Jean-Marie Leclairs Barockoper "Skylla und Glaukos" in Kiel (FAZ), Stefan Puchers Inszenierung von Horváths "Kasimir und Karoline" in Stuttgart (nachtkritik), Brit Bartkowiaks Inzenierung von Lorcas "Bluthochzeit" in Würzburg (nachtkritik), die Inszenierung von Joël Pommerats "La Révolution #1 - Wir schaffen das schon" durch vier Regisseure in Saarbrücken (nachtkritik), Nuran David Calis' Inszenierung seines Stücks "Istanbul" am Schauspiel Köln (nachtkritik), Rimini Protokolls "Gesellschaftsmodell Großbaustelle (Staat 2)" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Mizgin Bilmens Inszenierung der "Antigone" am E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg (nachtkritik), das deutsch-türkische Stück "Blackout" im Berliner "Tiyatrom" (Freitag), Ernst Kreneks "Drei Opern" in Frankfurt (Deutschlandfunk, Bayerischer Rundfunk, SZ) und Michel van der Aas Multimedia-Oper "Blank Out" bei den Kunstfestspielen in Hannover-Herrenhausen (FAZ).
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Kunst


View of the exhibition "The Boat is Leaking. The Captain Lied". Photo: Delfino Sisto Legnani e Marco Cappelletti

Simon Strauss besucht für die FAZ die gemeinsame Ausstellung des Filmemachers Alexander Kluge, des Fotografen Thomas Demand und der Bühnenbildnerin Anna Viebrock "The Boat is Leaking. The Captain Lied" in der venezianischen Dependance der Fondazione Prada. Assoziativ und spannend findet er die Mischung: "Angeblich brachte die drei ein Genrebild des italienischen Malers Angelo Morbelli zusammen, das sie ganz unterschiedlich deuteten. Es zeigt Schulbänke in einer hohen Halle, auf denen alte Männer hocken und ihren Gedanken nachhängen. 'Was für ein Licht, was für ein Raum!' sagte Demand. 'Was für Männer - vielleicht Matrosen?', fragte Viebrock. 'Nein, viel eher alte, bis zu ihrem Lebensende wissbegierige Männer', antwortete Kluge. Aus dem Missverständnis - in Wahrheit zeigt das Bild eine Alltagsszene aus einem historischen Altersheim - erwuchs ein Interesse an der jeweils anderen Perspektive."

In der Berliner Zeitung freut sich Irmgard Berner über die Goldenen Löwen für Franz Erhard Walther und Anne Imhof auf der Biennale in Venedig. Außerdem gratulieren Nicola Kuhn im Tagesspiegel, Andrea Schurian im Standard und Alexandra Wach in der FR.

Weiteres: Im Interview mit der taz verteidigt Andres Veiel seinen Beuys-Film (unsere Kritik) gegen den Vorwurf, Beuys' Umgang mit der Geschichte zu unkritisch darzustellen: "Ich wollte sein kompliziertes Verhältnis zur NS-Zeit subtil erzählen, um das Brüchige darin sichtbar zu machen." Besprochen wird die Ausstellung "Woman" im Mumok in Wien (Standard).
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Film


Metaphysik im außerirdischen Geburtskanal: In "Alien: Covenant" kommt der Mann zum Kinde.

Ridley Scott hat einen neuen Film der "Alien"-Reihe gedreht und die Kritiker sind begeistert: Der Film wage sich "in ungeahnte metaphysische Tiefen vor", versichert Michael Pekler im Standard. Auch Michael Kienzl von critic.de ist entzückt: Der Film stelle "die binäre Geschlechterordnung auf den Kopf" und "sträubt sich noch radikaler als das restliche Franchise gegen biologische Gesetze. Diesmal sind es fast nur Männer, die von den Aliens penetriert, infiziert und somit auch befruchtet werden, um schließlich in einem tödlichen Prozess die kleinen Monster auf die Welt zu bringen. ... So gut 'Covenant' als Genrefilm funktioniert, so reich sind auch die Subtexte, die in ihm schlummern."

Weiteres: Im Tagesspiegel bringt Andreas Busche Hintergründe zu den Planungen eines neuen Filmhauses neben dem Gropiusbau in Berlin. Für die Berliner Zeitung sprechen Dirk Pilz und Christian Seidl mit der Schauspielerin Susanne Wolff über ihre Erfahrungen beim Dreh zu Volker Schlöndorffs "Rückkehr nach Montauk". Christian Schröder berichtet im Tagesspiegel von einem Symposium über die Ufa zur Nazizeit. In der FAZ spricht Rose-Maria Gropp anlässlich einer Fotoausstellung in Berlin mit Isabelle Huppert über deren Arbeitsweise. Im CulturMag stimmt Sonja Hartl aufs Comeback von David Lynchs "Twin Peaks" ein.

Besprochen werden Katrin Rothes Trickfilm "1917 - der wahre Oktober" über die russische Revolution aus Perspektive der Künstler (Welt) und der auf BluRay veröffentlichte DDR-Science-Fiction-Film "Eolomea" von Herrmann Zschoche (SZ).
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Archiv: Film

Design

Patrick Guyton besucht für die taz die Ausstellung "Glanz und Grauen - Mode im 'Dritten Reich'" im Textil- und Industriemuseum Augsburg und lernt, "wie die Nazis Kleidung für die Ideologie der 'Volksgemeinschaft' instrumentalisierten".
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Literatur

In der NZZ singt László F. Földényi ein Loblied auf die Melancholie, die uns schon im Mutterleib prägt: "Einer der melancholischsten Denker aller Zeiten, der englische Arzt Sir Thomas Browne, schrieb in der Mitte des 17. Jahrhunderts einen Dialog, den zwei Embryos im Mutterleib führen. Leider blieb die Schrift nicht erhalten, und es ist nicht einmal sicher, dass Browne sie überhaupt zu Papier gebracht hat. Browne erwähnt sie nur einmal, in seinem Werk 'Hydriotaphia - Urnenbestattung' (1658): 'Ein Dialog zwischen zwei ungeborenen Kindern im Mutterschoß über die Welt, die sie draußen erwartet, gäbe so ein treffendes Bild von unserer Unwissenheit über das zukünftige Leben nach dem Tode ab; ich glaube wirklich, wir reden hier, als wären wir in Platons Höhle, und sind nichts als bloße Embryo-Philosophen.'"

Der Fund eines mittelalterlichen Manuskripts mit frühen Zeugnissen der deutschen Sprache ist zwar interessant, aber bei weitem nicht die Sensation, als die er der Öffentlichkeit von der Presse verkauft wird, meint der Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Göttert in der Welt. Zwar ergänze der Fund die bisherigen Überlieferungen des Wörterbuchs "Abrogans", doch "eine Sensation wäre es gewesen, wenn man eine noch ältere Fassung als diejenige in St. Gallen gefunden hätte. Denn man weiß, dass die St. Galler Fassung nicht am Anfang gestanden hat, man vermutet einen etwas älteren Ursprung in bayerischem Gebiet, vielleicht in Freising. Alle bisherigen Fassungen nämlich stellen merkwürdige Sprachmischungen dar, zeigen vor allem alemannischen Einschlag. Das neue Fragment klärt also nicht den 'Anfang', sondern trägt bei zur besseren Kenntnis der 'Wirkung' dieses merkwürdigen Lexikons." Auch Christian Thomas von der FR dämpft den Enthusiasmus der Berichterstattung unter Verweis auf die "Merseburger Zaubersprüche" und das "Hildebrandslied" merklich ab.

Weiteres: Deutschlandfunk Kultur bringt Ursula Gassmanns Feature über das Wetter in der Literatur. Beim WDR gibt es Jakob Weingartners Feature über den Dichter José Luis Gallego. Die FAZ hat Dietmar Daths Essay über den SF-Autor Herbert W. Franke aus der letzten Samstagsausgabe online nachgereicht.

Besprochen werden Marie-Jeanne Urechs "Schnitz" (NZZ), Norbert C. Kasers "mein haßgeliebtes bruneck" (SZ) und Laurie Lees "An einem hellen Morgen ging ich fort" (Standard).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Dirk von Petersdorff über Goethes "Hegire":

"Nord und West und Süd zersplittern,
Throne bersten, Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
..."
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Architektur

Im Standard stellt Wojciech Czaja die Lehmbauarchitektin Anna Heringer, die neben fünf anderen Personen in der Doku "Die Zukunft ist besser als ihr Ruf" porträtiert wird. "'Fast drei Milliarden Menschen auf der Welt leben in Lehmbauten', sagt Heringer im Gespräch mit dem Standard. 'Hauptsächlich sind dies Menschen in Entwicklungsländern beziehungsweise Menschen aus unteren sozialen Schichten. Aus diesem Grund ist dieser - älteste - Baustoff der Welt leider stark stigmatisiert. Er wird prominent ignoriert. Und das ist in sozialer, ökologischer und auch wirtschaftlicher Hinsicht ziemlich tragisch.'"
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Stichwörter: Lehmbau, Anna Heringer

Musik

Sehr begeistert schlendert SZ-Kritiker Alexander Menden durch die Hallen des Victoria & Albert Museums in London, wo die große Pink-Floyd-Ausstellung "Their Mortal Remains" zu sehen ist. Die Größe des Museums kommt der Ausstellung zupass: "Die architektonische Opulenz des Pink-Floyd-Designs verlangt geradezu nach diesen Dimensionen."

Außerdem: Ueli Bernays resümiert in der NZZ das Jazzfestival Schaffhausen, bei dem unter anderem die Band Pilgrim auftrat ("stur wie Bergsteiger, zäh wie Mönche"). Nach dem Besuch der 49. Tage für Kammermusik in Witten macht sich Marco Frei von der NZZ um die Zukunft der Kammermusik keine Sorgen mehr.

Besprochen werden ein Schostakowitsch- und Strauss-Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel), das neue Album von GAS ("verändert die Wahrnehmung von Zeit", schreibt Max Dax in der SZ), ein Konzert des Tonhalle-Orchesters mit dem Konzertchor Harmonie Zürich (NZZ), das Album "No Shape" von Perfume Genius (Spex), das neue Album von Helene Fischer (Berliner Zeitung), das neue Album von Deep Purple (FAZ) und zum Jubiläum von Monteverdis Taufe vor 450 Jahren neue Bücher und Aufnahmen (SZ, FAZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Hannes Hintermeier über XTCs "I Bought Myself a Liarbird":


Archiv: Musik