Efeu - Die Kulturrundschau

Auch ne schöne Prämie

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13.05.2017. Die taz porträtiert die in Bayern geborene, in Leipzig arbeitende Regisseurin Claudia Bauer. Der Tagesspiegel klärt Kultursenator Klaus Lederer über die Rechtslage im Streit um Bert Neumanns Rad auf. Die Welt wünscht sich weniger Nostalgie in den Nachrufen auf Joachim Kaiser und mehr Mut zu Neuem.

Bühne


Szene aus "89/90" am Leipziger Schauspiel. Foto © Rolf Arnold

In der taz porträtiert Thomas Irmer die in Leipzig arbeitende Regisseurin Claudia Bauer, deren Adaption von Peter Richters Roman "89/90" zum Theatertreffen eingeladen wurde. Die im bayerischen Landshut geborene Bauer "gilt als Spezialistin für schwierige Texte und sperrige Gegenwartsstücke. Und sie hat eine besondere Geschichte mit dem Osten. Als erste Westabsolventin der Regie-Klasse an der Berliner 'Ernst Busch'-Theaterhochschule. Sie hatte vorher am Mozarteum in Salzburg studiert, Berlin kam ihr dann viel fremder vor. 'Das war wirklich wie ein Auslandsstudium. Die Gerüche, die Einrichtung, alles war anders. Abends beim Ausgehen waren die Leute offener als im Westen. Während unsere Lehrer gerade gegauckt wurden.'"


Rad und Volksbühne. Foto: Unter "CC BY-SA 3.0"-Lizenz von Alex1011

An der Volksbühne streiten sie um Bert Neumanns Rad, das draußen auf dem Rasen steht. Die Castorfianer wollen es Chris Dercon so richtig zeigen und es abbauen, die Erben des verstorbenen Bühnenbildners und viele Volksbühnen-Mitarbeiter wollen, dass es stehen bleibt. Im Tagesspiegel klärt Rüdiger Schaper den Kultursenator und Juristen Klaus Lederer über die Rechtslage auf: "Das eiserne Rad ist zu einer Art Einheitsdenkmal geworden. Es gehört zum Stadtraum, zum Bezirk Mitte und nimmt eine exponierte Stellung ein. Es gehört nicht Frank Castorf, der offenbar ein Fanal will, und auch nicht der Volksbühne. Kultursenator (und Dr. jur.) Klaus Lederer hat gesagt, die Volksbühne sei Eigentümerin des konkreten 'Blechgegenstands' und könne darüber verfügen - er irrt. Das Rad ist öffentliches Eigentum und gehört dem Land Berlin."

Volksbühnenschauspieler Milan Peschel ärgert sich im Interview mit der Berliner Zeitung über den Streit, den er "albern und unsouverän" findet: "Was heißt, die Volksbühne! Frank will das. Ich glaube nicht, dass jeder einzelne Mitarbeiter dazu befragt wurde. Es ist eine Trotzreaktion. Frank, habe ich gehört, will das Rad jetzt mitnehmen nach Avignon. ... Da hat die Volksbühne ein Gastspiel. Was das alleine kostet, es abzubauen und dahin zu schaffen. Für das Geld könnte man den Mitarbeitern auch 'ne schöne Prämie auszahlen, für 25 Jahre."

Weitere Artikel: Noch ein paar Erinnerungen an die alte Volksbühne: Die Zeit hat einige Fotos aus William Minkes Bildband "No Way Home" veröffentlicht. Minke war freier Mitarbeiter in der Ton- und Videoabteilung der Volksbühne. Deutschlandfunk Kultur wiederholt ein Feature von 1983 über die Geschichte des Deutschen Theaters in Berlin. Nachtkritikerin Esther Slevogt entwirft beim Theatertreffen einen Plan für die Zukunft.

Besprochen werden Martin Kušejs Inszenierung von Albert Ostermaiers "Phädras Nacht" am Residenztheater München (NZZ), Miloš Lolićs Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Idomeneus" am Theater Basel (NZZ), die Uraufführung von Jan Neumanns Stück "Bombenstimmung" durch Hasko Weber bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen (nachtkritik), die Performance "Metamorphoses 3°: RETORIKA" von Bara Kolenc und Atej Tutta im Brut Wien (nachtkritik), Christine Eders Inszenierung von Ferdinand Bruckners Stück "Krankheit der Jugend" am Theater Phönix in Linz (nachtkritik) und Richard Siegals "Ballet of Difference" beim Münchner Dance-Festival (SZ).
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Kunst

Politische Probleme, wo man hinguckt. Kann sich die Kunst da raushalten, wie es die Biennale in Venedig offenbar versucht? Absolut nicht, meint Brigitte Werneburg in der taz: "In solchen Zeiten darf die Kunst für sich selbst sprechen, und womöglich leistet sie, indem sie sich von den Geschäften der Welt fernhält, erst recht einen Akt des Widerstands. Eine schöne Idee, doch sie ist von Beginn an obsolet. Denn die Kunst hält sich keineswegs von den Geschäften dieser Welt fern. Sie selbst ist eines dieser Geschäfte."

Auch SZ-Kritikerin Catrin Lorch ist unzufrieden: "Diese 57. Biennale zeigt, dass die zeitgenössische Kunst ihren universalen Anspruch aufgegeben hat zugunsten einer Vielstimmigkeit, die jedem seinen Ort zuweist. Voraussetzung dafür ist, dass die Figur des Künstlers an die Rampe geschoben wird, nicht sein Werk." In der Welt liefert Swantje Karich erste Eindrücke. In der Zeit fühlt sich Hanno Rauterberg erst mal erschlagen: "Die Fülle wird zum Feind des Besonderen, in der Masse verliert sich der Aberwitz genauso wie die Transzendenz." In der NZZ stellt ein gut gelaunter Philipp Meier einfach die Künstler vor, die ihm besonders gefallen haben.

(Nachtrag: die deutschen Künstler Anne Imhof und Franz Erhard Walther haben beide einen Goldenen Löwen gewonnen, meldet faz.net.

Weiteres: Im Guardian fürchten Bob und Roberta Smith die Auswirkungen des Brexit auf die Kunst in England. In der NZZ stellt Philipp Meier die Schweizer Künstlerin El Maria Frauenfelder vor. Maria Becker blättert für die NZZ durch Alberto Giacomettis Catalogue raisonné.
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Film

Im Tagesspiegel schreibt Silvia Hallensleben über die Filme der ungarischen Regisseurin Márta Mészáros, die das Berliner Kino Arsenal zeigt. Der Bayerische Rundfunk bringt ein Feature von Kathrin Grünhoff und Katharina Mutz über Frauen im Filmgeschäft. Dominik Kamalzadeh spricht im Standard mit Stellan Skarsgård über dessen neuen Film "Rückkehr nach Montauk" von Volker Schlöndorff. Für die Welt hat sich Hannes Stein mit Guy Ritchie zum Gespräch über dessen Actionfilmvariante der Artus-Sage getroffen (unsere Kritik hier).

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Literatur

Wer mit dem Tod von Joachim Kaiser auch das endgültige Ende der Großkritik ausgerufen hat, sollte sich zunächst mal an die eigene Nase fassen, merkt Mara Delius in einer Notiz in der Literarischen Welt an: Die Freunde weihevoller Abendstimmung sollten ihrer Ansicht nach lieber einmal überlegen, welche von Kaisers Texten "heute so erscheinen würden. ... Wer immer nur schreibt, wie gut es früher war, vergisst das Morgen. Wenn die Großkritik tatsächlich an ihr Ende kommt, hilft doch nicht Nostalgie, sondern: die Neugier, neue Formen kritischer Anmut zu finden."

Sehr gelassen zeigt sich Tom Lutz, Herausgeber der Los Angeles Review of Books, im Welt-Gespräch mit Anne Philippi. Smartphones frittieren unser Gehirn auch nicht stärker als frühere Ablenkungsangebote, meint er: "Früher lag beim Lesen die Fernbedienung neben uns. Das war eine ähnliche Gefahr ... Als das Romanelesen in Mode kam, hat man auch schon befürchtet, es würde das Gehirn verändern. Und das stimmt ja in gewisser Hinsicht. Nur verändert uns das Lesen eines Romans auch dann, wenn ein Telefon neben uns liegt."

Im literarischen Wochenend-Essay der FAZ gratuliert Dietmar Dath dem österreichischen Science-Fiction-Autor Herbert W. Franke zum 90. Geburtstag morgen: "Dutzende Grenzgänge zwischen Ästhetik und Technik hat er ausprobiert und davon für seine Literatur stets Neues gelernt; man muss sich seinen Geist wohl als Membran zwischen Verstehen und Staunen vorstellen." In seinem Youtube-Kanal präsentiert der Schriftsteller einige seiner Computerkunst-Arbeiten.

Weiteres: Deutschlandfunk bringt Rosvita Krausz' Feature über den im letzten Jahr verstorbenen Publizisten Roger Willemsen.

Besprochen werden die Neuübersetzung von Joseph Conrads Klassiker "Schattenlinie" (Literarische Welt), das von Eckhard Fuhr und Judith Schalansky herausgegebene Buch "Schafe. Ein Portrait" (taz), Lena Anderssons "Unvollkommene Verbindlichkeiten" (FR), Ulrike Edschmids "Ein Mann, der fällt" (FR) und Tom Boumanns Krimi "Auf der Jagd" (online nachgereicht von der FAZ).
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Musik

Julian Weber hat sich für die taz mit Thessia Machado auf ein Gespräch getroffen. Die Klangkünstlerin befasst sich weniger mit Software, sondern lieber mit konkreten, haptischen Geräten, verrät sie: "Ich verhelfe den Maschinen durch meine Eingriffe zu mehr Freiheit von ihren Verpflichtungen, zu einer freieren Existenz. ... Als gelernte Bildhauerin berühre ich gerne Material und beschäftige mich mit Mechanik. Ich nehme gerne Maschinen auseinander, um zu sehen, wie sie funktionieren. Software-Instrumente kenne ich auch, aber ihre taktile Qualität finde ich unterentwickelt." Wie das aussieht, kann man sich hier ansehen:



Atemlos um die Welt? Das neue Schlager-Album Helene Fischers reizt Jens Balzer auf Zeit Online zur Detailanalyse: "Von Ibiza nach London und wieder zurück: Ihren eingespielten Eklektizismus variiert Fischer hier als Hopping zwischen verschiedenen Urlaubsdestinationen. ... Wenn die Künstlerin sich schon nicht mehr als souveräne Frau zeigt, so überhöht sie - wenigstens im ersten Teil von 'Helene Fischer' - das eklektische, postmoderne Design ihres Popstarkonzepts in der Inszenierung als musikalische Nomadin."

"Tokyo-To", Pink Floyd Konzertposter, Japan, 1972
Die Musealisierung von Pink Floyd tritt mit der großen Ausstellung "The Mortal Remains" im Londoner Victoria & Albert Museum endgültig in ihr Endstadium. Mit den 350 mitunter sehr aufwändigen Exponaten, die insbesondere die theatralische Bühnenästhetik im späteren Werk der einstigen Psychedelic-Rocker widerspiegeln, fühlt sich Gina Thomas von der FAZ "in den Kosmos versetzt, aus dem die mittelständischen Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegskinder ihre Impulse bezogen". Stefanie Bolzen führt in der Welt durch die Ausstellung. Für Deutschlandfunk Kultur war Robert Rotifer vor Ort. Weitere Besprechungen im Guardian und im Telegraph.

Weiteres: Frederik Hanssen porträtiert Michael Barenboim, der sein erstes Album mit Geigenaufnahmen vorgelegt hat. In der taz stellt Jan Feddersen die Beiträge zum Eurovision Song Contest vor. Christian Schachinger vom Standard erinnert an das vor 50 Jahren veröffentlichte Debüt von Velvet Underground. Christian Wildhagen schreibt zum Tod des Dirigenten Francis Travis. Im Bayerischen Rundfunk spricht Ania Mauruschat mit Colin Black über Soundwalks und Radiokunst. Tim Neshitov hat sich für die SZ unter enttäuschte linke Fans von Xavier Naidoo begeben, die es sehr bedauerlich finden, dass der Sänger sich in den letzten Jahren einen Aluhut aufgesetzt hat und sich antisemitischer Rhetorikstrategien bedient.

Außerdem bringt die taz eine Weltmusik-Beilage. Unter anderem gibt es einen Auszug aus dem Buch "Global Pop. Das Buch zur Weltmusik", einen Bericht von Stefan Franzen über die Musik der Ureinwohner Kanadas, ein Interview mit der arabischen Popsängerin Yasmine Hamdan und eine Besprechung des neuen Albums des ägyptischen Undergroundmusikers Tamer Abu Ghazaleh.

Besprochen wird ein Konzert von András Schiff (Tagesspiegel).
Archiv: Musik