Efeu - Die Kulturrundschau

Zornig, euphorisch, kraftvoll

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27.04.2017. FAZ und FR lernen in den monumentalen Fotografien der Becher-Schüler in Frankfurt die Möglichkeiten der Kunst kennen. Die taz lässt sich von dem Schriftsteller und "Wrong Elements"-Regisseur Jonathan Littell die Psyche von Tätern erklären. Das art-magazin wird von der Starpower auf der Art Cologne erschlagen. Und die Feuilletons vermissen die Zeiten, als Alben der Gorillaz noch relevant waren.

Kunst

(Bild:Axel Hütte, Castellina, 1992 (2015) Chromogener Farbabzug, 98,4 x 120,3 cm. DZ BANK Kunstsammlung. © Axel Hütte)

Überwältigt berichtet Freddy Langer in der FAZ von der Ausstellung der Becher-Schüler im Frankfurter Städel Museum, die ihm in teils monumentalen Formaten die Bedeutung des Fotografen-Paares Bernd und Hilla Becher für die Kunstfotografie der Gegenwart vor Augen führt: "Es spricht für die Arbeiten der Becher-Schüler, dass der Schock angesichts ihrer Werke bis heute nicht nachgelassen hat, obwohl das große Format längst so gewöhnlich geworden ist, dass überflüssigerweise selbst Reportageaufnahmen wandfüllend in Museen hängen. Doch die Bilder der Becher-Schüler sind von Anbeginn groß gedacht. Sie locken mit Tausenden Details, bisweilen digital nachgeschärft oder durch Rechenprogramme ergänzt, und entziehen sich dem Betrachter umso mehr, je näher er ihnen tritt. Und so fragen sie viel weniger nach dem Wesen der Welt als nach den Möglichkeiten der Kunst." FR-Kritikerin Sandra Danicke ergeht es ähnlich: "Bei aller Nüchternheit, strukturellen Klarheit und technischen Präzision geht es den Nachfolgern im Wesentlichen darum, die Fotografie als Konstrukt vorzuführen und damit ihren Kunstanspruch zu zementieren. Und sei es auch mit Mitteln, die man bis dahin vornehmlich der Werbung zuordnete." Auf Deutschlandradiokultur spricht Rudolf Schmitz mit Kurator Martin Engler und einigen Becher-Schülern.

Im art-magazin liefert Michael Kohler erste zufriedene Eindrücke von der Art Cologne. Im Mittelgeschoss "empfängt etwa Sprüth Magers das Publikum mit einem aktuellen 'Selbstporträt' von Cindy Sherman, um es anschließend mit einem Riesenformat aus Andreas Gurskys 'Bangkok'-Serie zu erschlagen; nach so viel Starpower nimmt man Sterling Rubys fragiles Mobile mit Putzeimer beinahe mit Erleichterung zur Kenntnis. In diesem Takt geht es weiter: Daniel Buchholz zeigt eine wie gemalt wirkende abstrakte Dunkelkammer-Arbeit von Wolfgang Tillmans neben einem wie fotografiert wirkenden Gemälde von Isa Genzken; bei White Cube ist neben einem kribbelig-krabbeligen Rieseninsektenkasten von Damien Hirst eine feuerbehandelte Pseudo-Minimal-Skulptur von Theaster Gates zu sehen."

Besprochen wird: die Rudolf-Belling-Retrospektive im Hamburger Bahnhof. (Welt)
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Literatur

Thriller-Autor Guido Eckert befasst sich im Freitag mit dem Zusammenhang zwischen Verschwörungstheorien und dem Erfolg von Krimi- und Thrillerstoffen.

Besprochen werden J.D. Vance' "Hillbilly-Elegie" (Tagesspiegel), Kanae Minatos Thriller "Geständnisse" (Welt), Jeanette ­Erazo Heufelders "Der argentinische Krösus" (taz), Feridun Zaimoglus "Evangelio" (FR), Tom Kummers "Nina und Tom" (Tagesspiegel),  Stephan Lohses "Ein fauler Gott" (ZeitOnline), Stefan Lehnbergs Krimi "Durch Nacht und Wind" mit Goethe und Schiller als Ermittler (Freitag), Karl Heinz Bohrers Autobiografie "Jetzt" (online nachgereicht von der FAZ) und Heinz Strunks "Jürgen" (FAZ).
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Musik

2001 hat Damon Albarns fiktive Cartoonband Gorillaz mit ihrem eklektischen Mix aus Indie-Pop und HipHop für die Popmusik das 21. Jahrhundert eingeläutet, schreiben die Kritiker unisono. Das jetzt veröffentlichte Comebackalbum "Humanz" lässt sie allerdings äußerst unterwältigt zurück. Der von der Band geleistete "Entwurf einer postglobalisierten Musik" ist heute im Mainstream angekommen, schreibt Jens Balzer auf ZeitOnline - und dem hechelt das neue Gorillaz-Album nun sichtlich hinterher: Es herrscht "der revuehafte Charakter der aktuellen Mixtape- und Playlist-Kultur ... 'Humanz' fehlt nicht nur der innere Zusammenhang und ein verlässliches Mindestniveau für die politische Lyrik und Reflexion. Es herrscht auch ein sonderbares Stimmungsgefälle zwischen den Songs in der älteren, leicht wiedererkennbaren Gorillaz-Ästhetik und den Features. Die zornigen, euphorischen, kraftvollen Stellen des Albums verdanken sich durchgehend den Gästen."
 
So überzeugt ist Welt-Kritiker Felix Zwinzscher von dem Album, dass er seinen Zeilenraum lieber einer ausführlichen Würdigung der Verdienste der Band widmet und "Humanz" über weite Strecken gar nicht erst erwähnt. Es sei eben "ein bisschen altbacken", wie er am Ende doch noch einräumt. Max Fellmann von der SZ hält es ebenfalls für "durchwachsen" und "eindimensional" - und manchen Gastauftritt auch einfach für verschenkt: "Albarn hat die einst so fantastische Grace Jones ins Studio eingeladen - sie singt aber kaum, das Ergebnis klingt wie etwas, das Skrillex passiert, wenn er auf der Computertastatur einschläft." Wir wagen dennoch ein Ohr - hier die aktuelle Single:



Weiteres: Christoph Wagner berichtet in der NZZ vom Londoner Jazzfestival des Labels Intakt Records.

Besprochen werden Jim Jarmuschs Doku "Gimme Danger" über Iggy Pop und seine Stooges (taz), das neue Album "Finding Me Finding You" von Laetitia Sadier (taz), Mutters "Der Traum vom Anderssein" (taz), das neue Album "Pleasure" von Feist (Pitchfork), zwei wiederveröffentlichte Alben von Luc Ferrari (Pitchfork), das Frankfurter Dylan-Konzert (FR) und ein Konzert des Tetzlaff Quartetts (Tagesspiegel).
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Film

Für die taz spricht Michael Meyns mit Jonathan Littell über dessen Dokumentarfilm "Wrong Elements" über Kindersoldaten in Uganda (mehr dazu im Efeu von gestern). Dabei erklärt der Schriftsteller auch, warum er sich in dem Film mit den Tätern, aber nicht mit den Opfern des ugandischen Bürgerkriegs befasst: "Ich habe viel mit Opfern gearbeitet, als ich für Hilfsorganisationen aktiv war, aber man kann in gewisser Weise nichts von ihnen lernen. Man kann ihnen helfen, es gibt Fälle von großer Widerstandskraft, aber letztlich sind die Fragen, die sich hier stellen, reduziert: Entweder Menschen brechen zusammen oder nicht. Die Psyche der Täter ist viel komplexer, es ist viel schwerer, sie zu verstehen, ihre Handlungen nachzuvollziehen."

Weiteres: Tim Slagman schreibt in der NZZ über Horrorfilme von Frauen. Anlässlich von Monja Arts christlich-queerem Debüt "Siebzehn", Luise Brinkmanns Mumblecore-Film "Beat Beat Heart" und Martin Hawies' "Toro" schreibt Kaspar Heinrich auf ZeitOnline über Liebe in den Filmen des Kino-Nachwuchses. Der 8. Teil der Rennfahrer-Reihe "Fast & Furious" (unsere Kritik hier) hat eines der sagenhaftesten Startwochenenden aller Zeiten hingelegt, staunt Nina Jerzy in der NZZ. In der NZZ porträtiert Brigitte Hürlimann die palästinensisch-israelischen Schauspieler Sana Jammalieh und Aiman Daw, die als Christen so ziemlich zwischen allen Stühlen sitzen. In New York entwickelt sich ein Dokumentarfilm über die Stadtplanerin Jane Jacobs zum Publikumsrenner, berichtet Marcia Pally im Tagesspiegel. Andreas Busche schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf Jonathan Demme.

Besprochen werden Angela Schanelecs "Der traumhafte Weg" (online nachgereicht von der FAZ, SZ), der neue Film aus der "Guardians of the Galaxy"-Reihe von James Gunn (Tagesspiegel, SZ), Pol Cruchtens Dokumentarfilm "Tschernobyl" (Standard), die französische Politserie "Baron Noir" (FR) und die Western-Serie "The Son" mit Pierce Brosnan, eine Verfilmung von Philipp Meyers Roman "Der erste Sohn" (FAZ).
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Bühne

In der FAZ berichtet Josef Oehrlein von einer gelungenen Wiederaufnahme von Alberto Ginasteras argentinischer Oper "Bomarzo" am Teatro Real in Madrid. Für die SZ hat sich Eva-Elisabeth Fischer eine Ausstellung über die Theater-Schauspielerin Gisela Stein im Deutschen Theatermuseum München angeschaut: "Es verdichtet sich das Bild von Gisela Stein als einer Vestalin, die unbeirrbar rigide der Schauspielkunst diente."
Archiv: Bühne
Stichwörter: Gisela Stein