Efeu - Die Kulturrundschau

Weit weg vom Nutzlicht

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07.04.2017. Der Übersetzer Frank Heibert seziert für Tell detailliert und kenntnisreich Stephan Kleiners Übertragung von Hanya Yanagiharas Roman "Ein wenig Leben". Bei der Möbelmesse in Mailand staunt die SZ, wie die LED-Technik die Fantasie der Lampendesigner beflügelt. Sehr angetan sind die Kritiker von Claudio Caligaris drittem und letztem Spielfilm "Tu nichts Böses". Die Zeit stöhnt über reaktionäre Regression und Weltmüdigkeit in der deutschen Rockmusik.

Film



Mit "Tu nichts Böses" kommt diese Woche Claudio Caligaris dritter Spielfilm in vier Jahrzehnten in die Kinos. Der Regisseur selbst ist kurz nach Fertigstellung gestorben. Der Film um eine Gruppe Junkies in Ostia ist "ein Alterswerk, dessen Stärke im understatement liegt, das niemand etwas beweisen will", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher. Der Film "verweigert sich so ziemlich allen payoffs, die in der Geschichte angelegt sind - die paranoiden Höhen des Gangsterfilms kümmern Caligari genauso wenig wie die depressiven Tiefen des Drogenfilms; Caligari hat kein Interesse an Genredynamiken, aber es geht ihm auch nicht darum, ostentativ mit ihnen zu brechen. Dass die Erzählung nicht originell ist, ist unwichtig, weil sie nicht für sich selbst Wert hat, sondern nur als etwas, das Figuren mit sozialen Situationen konfrontiert, beziehungsweise Körper in Bewegung setzt. Jede Szene ist gleich wichtig." Für die FAZ bespricht Andreas Kilb den Film. Bereits gestern brachte die taz eine große Besprechung von Carolin Weidner.


Bloß Fantasy: Requisit aus "Tiger Girl" (Bild: Constantin)

"Tiger Girl" und kein Ende. Der Großteil der Filmkritik feiert Jakob Lass' Film (siehe Efeu von gestern), Diederich Diederichsen zeigt sich unterdessen im Freitag ziemlich skeptisch. Da es hier um sich in Security-Uniformen durch Berlin prügelnde Mädchen geht, zieht der Kritiker den Juvenile-Delinquency-Film zum Vergleich heran, der sich durch ein soziales Bewusstsein auszeichnet, "einen Hintergrund, vor dem erzählt wurde, warum jemand von ganzem Herzen und hier auch mit hohem Körpereinsatz dagegen ist oder was anderes will." Davon aber keine Spur bei "Tiger Girl", so Diederichsen: "Das Außenseitertum kommt einmal mehr als ansehnliche Mittelschichtsperformance rüber. Immerhin macht der Film nicht den geringsten Versuch, Stadtarchitektur, Malls oder Autoritätspersonen als würdige Anlässe für etwaige Empörungen auszuflaggen. Der Baseballschläger schwingende Zug durch die Gemeinde ist reines Genre, und zwar eines der Fantasy." Auch Dominik Kamalzadeh hat im Standard einige kritische Anmerkungen: "Dass die Befreiung vom passiven Rollenverhalten am Ende nur die Rolle der Überlegenheit kennt, ist eine Gefahr, die der Film nicht aussparen will. Dass es 'Tiger Girl' nicht restlos gelingt, diesen Entwicklungsprozess überzeugend zu vermitteln, liegt am Pathos der Coolness, mit dem Lass den Nonkonformismus seiner beiden Heldinnen zelebriert."    

Weiteres: Im Tagesspiegel legt Lukas Foerster dem Berliner Kinopublikum die Manoel-de-Oliveira-Retrospektive des Kinos Arsenal ans Herz. Der Verband der deutschen Filmkritik fordert eine Ausschreibung und Findungskommission in Sachen Kosslick-Nachfolge bei der Berlinale.

Besprochen werden Ben Wheatleys Schießerei-Movie "Free Fire" (taz, Perlentaucher, critic.de), die HBO-Serie "Big Little Lies" mit Nicole Kidman und Reese Witherspoon (Tagesspiegel), der Porträtfilm "Staatenlos" über den Zürcher Fotografen Klaus Rósza (NZZ), "Es war einmal in Deutschland" mit Moritz Bleibtreu (Tagesspiegel, FR, Intellectures), Raoul Pecks Essayfilm "I Am Not Your Negro" (Zeit, unsere Kritik hier), Johannes Schaafs "Tätowierung" aus dem Jahr 1967, den die Berliner Brotfabrik am Wochenende zeigt (taz) und der Dokumentarfilm "Ein deutsches Leben" über Goebbels-Sekretärin Brunhilde Pomsel (SZ).
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Design

Bei der Möbelmesse in Mailand machten vor allem die Lampendesigner mit wagemutigen Entwürfen auf sich aufmerksam, berichtet Max Scharnigg in der SZ. Möglich macht dies die LED-Leuchttechnik, die die Gestalter von der Glühbirne als Determinante befreit. "Bei Avantgardisten wie dem niederländischen Label Formafantasma sind filigrane Messinggeometrien entstanden, die an den Wänden ein Spiel aus Licht und Schatten veranstalten. LEDs werden zu winzigen schwebenden Lichtpunkten am Himmel oder pizzagroßen Wandtellern, viele Hersteller (Vorreiter war Marset) haben dieses Jahr auch ein niedliches Lämpchen 'to go' im Angebot, meist in drolliger Pilzform und aufladbar über USB. ... Wie diese technopoetische Spielerei jenseits von Hotellobbys und Schaufenstern eigentlich einzusetzen ist", bleibt in den Augen des Messsebesuchers aufgrund der niedrigen Strahlkraft vieler Entwürfe allerdings fraglich. "Raumlicht ist im Jahr 2017 jedenfalls sehr inspiriert, aber weit weg vom Nutzlicht."

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Bühne


Küchenrealismus: Richard Nelsons "The Gabriels" an der Berliner Schaubühne (Foto: Joan Marcus)

Zu den Highlights des diesjährigen internationalen "Find"-Theaterfestival an der Berliner Schaubühne rechnet Mounia Meiborg in der SZ Richard Nelsons Trilogie "The Gabriels - Election Year in the Life of one Family" über die Sorgen einer amerikanischen Mittelschichtfamilie: "Nelson setzt dabei auf Hyperrealismus. Sechs Schauspieler bereiten in einer detailreich ausgestatteten Küche Ratatouille und Apple Crumble zu... Die Figuren erzählen Anekdoten von früher, diskutieren Hillary Clintons Position zum Irak-Krieg und die Frage, ob man Zucchini besser halbiert oder viertelt. Selbst Banales dient bei Nelson der Figurenzeichnung. Gezeigt wird ein eindringliches Tableau eines Milieus, das von Abstiegsangst gelähmt und politisch verunsichert ist. Sie alle sind Demokraten, und damit Wahlverlierer."

Besprochen werden außerdem Tatjana Gürbacas Inszenierung von Jules Massenets "Werther" am Opernhaus Zürich (SZ), der letzte Teil der "Goodbye Europe"-Reihe der Gruppe [artfusion] im Wiener Kosmos-Theater (Standard) und Ragnar Kjartanssons Stück "Raw Salon" nach einem Text von Anne Carson an der Berliner Volksbühne (Nachtkritik).
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Stichwörter: Richard Nelson, Irak

Musik

Gestern Abend wurde der wegen seiner stark kommerziellen Ausrichtung umstrittene Industriepreis Echo verliehen - anders als in den letzten Jahren ohne gebührenfinanzierte Live-Übertragung im Fernsehen. Dass die Nominierungen sich allein auf Verkaufszahlen stützen, sorgt dafür, dass den Jurys insbesondere deutscher Gröhl-Rock im "maskulin-kräftigen Sound" vorgelegt wird, stöhnt Jens Balzer in der Zeit: Heimat-Rock und Mittelalter-Combos allenthalben. Der musikalischen Potenzbeschwörung folgt auch ein inhaltlicher Regress, sagt der Kritiker: "Die Tonlage schwankt zwischen dem aggressiven Patriotismus von Frei.Wild und dem melancholischen Sentiment von Schandmaul für alte Zeiten, in denen das Leben übersichtlicher und einfacher schien. ... Wollte man von den erfolgreichsten deutschsprachigen Pop- und Rock-Alben des letzten Jahres auf die Gesamtverfassung der Gesellschaft schließen, so könnte man sagen: Wenn nicht ein offen reaktionärer Heimatbegriff herrscht, ergeht man sich in einer generellen Gegenwarts- und Weltmüdigkeit."

Sehenswert und sehr unterhaltsam in diesem Zusammenhang: In der gestrigen Ausgabe von "Neo Magazin Royale" hat Jan Böhmermann den unsäglichen Befindlichkeits-Schlager, zu dem deutschsprachige Popmusik mittlerweile konsequent geronnen ist, mit Bravour aufgespießt und eine schelmische Parodie gleich mitgeliefert. Ex-Punk Campino gab sich bei der Echo-Preisverleihung prompt als beleidigte Leberwurst zu erkennen.



Die Dresdner Sinfoniker beteiligen sich im Juni an einer Reihe von Solidaritätskonzerten zugunsten Mexikos, berichtet Stefan Locke in der FAZ. "Hauptakt soll ein Konzert der Dresdner Sinfoniker im Friendship-Park sein, der unmittelbar am Pazifik zwischen dem kalifornischen San Diego und dem mexikanischen Tijuana liegt. 'Eine Hälfte des Orchesters wird auf mexikanischer, die andere Hälfte auf amerikanischer Seite spielen, und mittendurch läuft der Grenzzaun', erläutert Intendant Rindt."

Weiteres: In der taz schreibt Detef Diederichsen ausführlich über den US-Gitarristen Harvey Mandel, der mit "Snakepit" ein Comeback-Album vorlegt. Frederik Hanssen wirft einen Blick ins soeben verkündete Programm zu Young Euro Classic 2017. Joan Baez ist jetzt auch wieder da und hat einen Protestsong gegen Trump veröffentlicht, berichtet Harry Nutt in der FR.

Besprochen werden ein Konzert von Beth Ditto (taz), "Pure Comedy" von Father John Misty (Pitchfork), ein Konzert der Geigerin Patricia Kopatchinskaja beim Lucerne Osterfestival (NZZ), das Album "The Far Field" von Future Islands (taz), das neue Album von Aimee Mann (FAZ), Vesa Siréns Buch "Finnische Dirigenten" (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Alexandra Savior (ZeitOnline). Daraus ein mit vielen Anspielungen und Referenzen gespicktes Video:


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Literatur

Für solche Texte wurde das Online-Literaturmagazin Tell gegründet: Detailliert, materialreich und kenntnisreich seziert der Übersetzer Frank Heibert Stephan Kleiners Übertragung von Hanya Yanagiharas vielbeachtetem Roman "Ein wenig Leben" und führt damit auch Fachunkundige an die Herausforderungen dieser Tätigkeit heran. Neben einigen kritischen Anmerkungen - manche "Relativsatztreppe" hätte sich eleganter umschiffen lassen - gibt es auch explizites Lob für den Kollegen: "Yanagiharas zweite Tonlage (...) ist stilistisch auffällig. Das Suchen und Tasten der Figuren spiegelt sich in der sprachlichen Gestaltung wider, denn die Äußerungen aus dem Innenleben sind Ausdruck einer ganz anderen Haltung als bei der konventionellen Erzählstimme. Betrachtet man die Übersetzung von Stephan Kleiner nun in Bezug auf die zweite Tonlage, so fällt etwas Faszinierendes auf. Hier entfaltet der Ton - nicht mehr effizient oder leicht, sondern mäandernd, bohrend, grübelnd -, auf Deutsch dieselbe Wirkung wie im Original. Kunstvoll sind die weit ausgreifenden Sätze nachgeschaffen, in denen sich die Hilflosigkeit und Ratlosigkeit der Figuren abbildet und die einen beim Lesen so bewegen."

Weiteres: NZZ-Autorin Martina Läubli hat den Schriftsteller Silvio Blatter besucht. Für die SZ spricht Johanna Adorján mit Konstantin Richter über dessen Merkel-Roman "Die Kanzlerin". Dirk Pilz schreibt in der Berliner Zeitung zum 100. Geburtstag des Schriftstellers Johannes Bobrowski, dessen gesammelte (heute in der SZ besprochene) Briefe aus diesem Anlass erscheinen. Außerdem hat der Bayerische Rundfunk eine neue Hörspielproduktion von Georg Büchners Erzählung "Lenz" online gestellt.

Besprochen werden Fabio Gedas und Marco Magnones "Staubgeborene" (Tagesspiegel), der erste Band der großen Uwe-Johnson-Werkausgabe mit "Mutmaßungen über Jakob" (online nachgereicht von der FR), der Briefwechsel Marie Antoinettes mit ihrer Mutter Maria Theresia (Welt), Vincent Almendros' "Ein Sommer" (SZ), Ross Welfords "Zeitreise mit Hamster" (Tagesspiegel) und Franck Hofmanns "Aus dem letzten Zimmer" (Tagesspiegel).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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