Efeu - Die Kulturrundschau

Hang zum Höheren

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13.02.2017. Zum Abschied gab Claus Peymann Heinrich von Kleists "Prinz von Homburg": Die FAZ sah den Träumer und Rebellen zum harmlosen Schmerzensmännchen minimiert. Die Welt schluckt ausgerechnet von Peymann die Botschaft: In der Demut liegt die wahre Größe. Die taz lernt mit Milo Raus Zürcher Inszenierung "120 Tage von Sodom" dagegen, wie freundlich Grausamkeit daherkommen kann. Bei den Grammys wurde dagegen der Muttergöttin gehuldigt.

Bühne



Sabin Tambrea in Kleists "Prinz von Homburg" am Berliner Ensemble. Foto: Monika Rittershaus.

Zur Premiere von Claus Peymanns letzter Inszenierung war die halbe Bundesversammlung gekommen. Es gab Heinrich von Kleists "Prinz von Homburg". Simon Strauss wollte in der FAZ seine Augen nicht trauen: Peymann zeigt kein bisschen Sympathie für den Rebellen und Träumer! "Im wirklichen Leben politisch wahrlich kein Konservativer, entscheidet sich der neunundsiebzigjährige Regisseur hier durchaus für eine konservative Deutung des Stücks, indem er sich trotzig auf die Seite des Kurfürsten stellt. Das wird zunächst vor allem im Gegenbild deutlich: durch das ostentativ arglose, geradezu aufreizend unbedeutende Spiel von Sabin Tambrea als Homburg. Er, der doch eigentlich ein gefährlicher 'Gefühlsbürger' sein sollte, der sich 'im Anschauen verliert' und seine wirren Gedanken nicht ordnen kann, ist hier nichts weiter als ein harmloses Schmerzensmännchen mit glattrasierter Brust und zurückgegelten Haaren."

Auch Welt-Kritiker Eckhard Fuhr schluckt Peymanns Abschiedsbotschaft: "In der Demut liegt die wahre Größe." In der Nachtkritik findet Esther Slevogt den "Hang zum Höheren" schön sinnlos in Szene gesetzt. Nur SZ-Kritiker Lothar Müller sträubt sich gegen eine Ordnung, die bei Peymann überhaupt nicht "löchrig, willkürlich, übereilt und unlogisch agiert".

Milo Raus "Die 120 Tage von Sodom" mit der Theatergruppe Hora. Foto: Schauspielhaus Zürich.

Im Zürcher Schiffbau inszenierte Milo Rau zusammen mit bgeistig behinderten Schauspielern der Theatergruppe Hora die "120 Tage von Sodom" nach Marquis de Sade und Pier Paolo Pasolini. Genau richtig findet das Katrin Bettina Müller in der taz, die Inszenierung unterlaufe alle Erwartungen an das Übertreten von Schmerzgrenzen: "Die Grausamkeit kommt hier teils freundlich daher, zum Beispiel in Gesprächen zwischen den Ensembles über das Leben, die Liebe, den Beruf, die Behinderung. Das Gemeine tappt auf leisen Pfoten, in Sätzen wie 'Du siehst gar nicht behindert aus, bist ein hübsches Mädel'."

In der NZZ sieht sich Daniele Muscionico um jeden Tabubruch gebracht: "'Die 120 Tage von Sodom' sind 120 skandalfreie Minuten, keine Perversion ist auszuspähen und kein Sadismus auf weiter Flur." In der FAZ ärgert sich Hubert Spiegel über Milo Raus Immunisierungsstrategie, die jede mögliche Kritik vorwegnimmt: "Jede Provokation ist kühl kalkuliert und der ganze Abend auf eine Weise durchdacht, die von abgefeimter Durchtriebenheit nicht leicht zu unterscheiden ist."

Besprochen werden Kay Voges' Theateressay "hell/ein Augenblick" (in dem Gerhard Preußer in der Nachtkritik einen interessanten Versuch erkennt, Theater und Fotografie zusammenzubringen), Sasha Marianna Salzmann "Ich, ein Anfang" an den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels (FR) sowie ein Ballettabend mit Choreografien von Jacopo Godani, Hans van Manen und William Forsythe im Zürcher Opernhaus (NZZ).
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Film


Wo hält sich der Bärenfavorit bloß versteckt? Szene aus Agnieska Hollands "Potok".

Nach dem ersten Wochenende ist auf der Berlinale noch immer kein Festivalfavorit auszumachen. Auch Agnieszka Hollands jagd- und patriarchatskritischer Krimi "Pokot" erhält durchwachsene Kritiken - Favorit für die einen, zu ambitionslos für die anderen. Immerhin gibt es in den Nebensektionen einige Perlen zu entdecken - mehr dazu: In unserer aktuellen Berlinale-Presseschau.
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Stichwörter: Berlinale

Literatur

Für die SZ unterhält sich Roswitha Budeus-Budde mit Sybil Gräfin Schönfeldt, die 90 Jahre alt wird. Auf Tell unterzieht Frank Heibert Anne Garrétas "Sphinx" dem Page-99-Test. Thomas Ribi gratuliert in der NZZ dem Schriftsteller Urs Faes zum 70. Geburtstag. Roman Bucheli schreibt in der NZZ zum Tod des Schriftstellers Kurt Marti. Lars von Törne (Tagesspiegel) und Andreas Platthaus (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Manga-Autor Jiro Taniguchi.

Besprochen wird Fatma Aydemirs "Ellbogen" (Tagesspiegel). In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Sebastian Kleinschmidt über Ulrich Schachts "Woher wir kommmen"

"Woher wir kommen bleibt unerschlossen:
Die Daten sind reine Zahl auf Papier
..."

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Stichwörter: Frank Heibert

Kunst

Besprochen werden eine Schau zum Jemen als blühendes Reich an der Weihrauchstraße im Antikenmuseum Basel (FAZ) und die Ausstellung The Gold Projections" des amerikanischen Künstlers Joe Ramirez am Kulturforum in Berlin (Standard).
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Musik

Die Musikkritiker der großen Feuilletons befassen sich heute mit den äußeren Rändern der Romantik. Als "ersten Romantiker" könne man den ewig vergessenen Komponisten Etienne-Nicolas Méhul auffassen, der derzeit im Palazzetto Bru Zane im großen Stil wiederentdeckt wird (mehr dazu hier), wie Eleonore Büning in der FAZ berichtet. Die These vom Romantik-Vorreiter hält sie für plausibel: "Spuren aus seinem Oeuvre [lassen sich] über Beethoven hinaus bis zu Schubert verfolgen, der, wie Berlioz, Weber, Wagner und andere mehr, einer seiner Bewunderer war. Es lohnt sich also, noch einmal genau hinzuhören, nicht nur in den 'Uthal' mit seinen harfenumspülten Bardenchören, hinreißenden Romanzen, stürmischen Ensembles."

Außerdem wurden die Grammys verliehen, die Hauptpreise gingen an Adele und Beyonce. Letztere präsentierte sich in einer Bühnenshow als eine Art neue Muttergöttin, das einem die Spucke wegbleibt. Aisha Harris ist auf Slate allerdings ganz hingerissen von solcher Majestät.

Weiteres: In der SZ schreibt Michael Stallknecht unterdessen eingehend über den Münchner Rachmaninow-Marathon des Pianisten Daniil Trifonow unter Valery Gergiev . Für die Jungle World plaudert Olaf Neumann mit Graham Nash von Crosby, Stills, Nash & Young über dies und jenes. Zum Tod des Jazzsängers Al Jarreau schreiben Ljubisa Tosic (Standard), Jens-Christian Rabe (SZ), Michael Hanfeld (FAZ) und Ueli Bernays (NZZ). Im Klassikblog des Guardian schreibt Jüri Reinvere einen Nachruf auf den estnischen Komponisten Veljo Tormis.

Besprochen werden Rag'n'Bone Mans "Human" (Tagesspiegel) und Tim Darcys "Saturday Night" (Spex).
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