Efeu - Die Kulturrundschau

Mirakulöse Voix mixte

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11.02.2017. Die Welt wird vor David Hockneys Doppelporträts zum Paartherapeuten. In der FAZ schreibt Zadie Smith über Balthasar Denners Gemälde "Alte Frau". In der Welt erklärt Nora Bossong den Zusammenhang von liebevollen Bärchen und geilen Ludern. Die Musikkritiker trauern um den schwedischen Tenor Nicolai Gedda

Kunst


David Hockney, Christopher Isherwood and Don Bachardy, 1968. Private Collection

Kurz vor David Hockneys achtzigstem Geburtstag hat die Tate Britain dem Maler eine große Retrospektive gewidmet, die auch die weniger gelungenen Seitenwege würdigt. Welt-Kritiker Marcus Woeller ist immer noch am stärksten beeindruckt von Hockneys Doppelporträts aus den sechziger und siebziger Jahren: "Paartherapeuten könnten Stunden nur in diesem Raum verbringen, mit den Gemälden 'American Collectors (Fred and Marcia Weissman)', 'Henry Geldzahler and Christopher Scott' oder 'Christopher Isherwood and Don Bachardy'. Das Sammlerehepaar Weissman steht selbst zu Skulpturen erstarrt vor ihrem modernen Architektenhaus in Kalifornien. Ihrer Kunstleidenschaft scheint alle Kommunikationsfähigkeit abhandengekommen zu sein. Der feiste Kurator Geldzahler hat auf einem schleimhautroten Monstrum von einem Sofa Platz genommen, während sein junger Liebhaber auf ihn wartet wie ein Adjutant. Und wie das Intellektuellenliebespaar Isherwood/Bachardy sprachloser dasitzt als das Obst und Gemüse auf dem Tisch, das hat erzählerische Qualität wie ein Spielfilm."

In der FAZ schreibt die britische Autorin Zadie Smith über Balthasar Denners Gemälde "Alte Frau". Dabei erinnert sie sich auch an ihre Begegnung mit dem gerade verstorbenen John Berger: "Worüber sollte ich mit so einem Mann reden? Was hatte ich zu bieten, das seinen Ansprüchen genügen würde? Ungefähr so fühle ich mich auch jetzt, da ich vor der 'Alten Frau' sitze, oder besser gesagt: vor einer Postkarte mit einer kleinen Reproduktion von ihr. Wer bin ich, dass ich etwas über dieses Bild sagen will? Ich habe sie auf einen kleinen Buchständer in schreiendem Scharlachrot gestellt. Jetzt aber, mit Berger im Hinterkopf, nehme ich sie herunter und halte sie vor das dunkle Walnussbraun meines Küchentischs, probiere sie dann noch einmal vor der schwarzen Pappe einer Aktenmappe aus. Jedes Mal ist die Wirkung eine andere..."

In der Welt war Thierry Chervel neulich von Berger als Kunstkritiker alles andere als hingerissen: "Diese Absolventen Oxforder Public Schools sind nie herablassender, als wenn sie sich humanistisch geben! Einem Diskurs, der die Fotografie aufs Dokumentarische reduziert, sollte man nicht weiter trauen als einem, der in der Person nur die Klasse sieht."

Besprochen werden die Magritte-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (FR, Art, FAZ, SZ) und eine Ausstellung der schottischen Malerin Joan Eardley in der Scottish National Gallery of Modern Art (Guardian).
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Film



Nach dem Fehltritt mit der "Django"-Eröffnung sind die Filmkritiker nach Ildikó Enyedis Budapester Schlachthaus-Romanze "On Body and Soul" wieder mit der Berlinale versöhnt. Das deprimierende "Trainspotting"-Sequel läuft eh außer Konkurrenz. Dies und alles weitere an aktuellen Texten, die die Feuilletons und Blogs anlässlich der Berliner Filmfestspiele hochfrequent produzieren - in unserer Berlinale-Presserundschau. Weitere Updates über den Tag bringt unser Berlinale-Blog.

Weiteres: Fürs ZeitMagazin plaudert Sascha Chaimowicz mit Keanu Reeves. Besprochen werden Chris McKays "Lego Batman Movie" (Filmgazette), Alexandra Lecières franzöische Komödie "Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste" (FR) und der zweite Teil der BDSM-Schnulze "Fifty Shades of Grey" (taz).
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Stichwörter: Berlinale, Berlinale 2017

Literatur

Ein Jahr lang hat Nora Bossong für eine Großreportage im Rotlichtmilieu recherchiert. Im Interview mit Britta Heidemann für die Literarische Welt erklärt die Schriftstellerin, warum sie sich dabei in erster Linie auf die Sexarbeit für heterossexuelle Männer konzentriert hat: 97 Prozent aller Angebote sind für diese gedacht, sagt sie, "von den restlichen drei Prozent richtet sich ein Großteil an homosexuelle Männer. Und wenn man sich auf den Escortseiten umsieht, stößt man auf ein weiteres Gefälle: Bei den Frauen gibt es oft eine endlose Liste von Dingen, die sie bereit sind mitzumachen. Bei den Männern steht: Ist humorvoll, kann massieren, Geschlechtsverkehr mit Kondom. Sie werden mit 'liebevolles Bärchen' beworben und nicht mit 'geiles Luder'."

Weiteres: Im literarischen Wochenendessay der FAZ schreibt Brigitte van Kann über Viktor Lasićs Initiative, die größte europäische Privatbibliothek Europas aufzubauen, in die vor kurzem auch 15.000 Bände der Bibliothek des Übersetzers Peter Urban eingegangen sind: "Lasić war noch ein Kind, als er miterlebte, wie leichtfertig und rigoros Institutionen und Bibliotheken sich nach dem Zerfall Jugoslawiens von kommunistischer Literatur trennten. ... 'Wie sollen angehende Politologen oder Historiker die Nachkriegsgeschichte Jugoslawiens studieren, wenn Titos Werke nicht mehr in den Institutsbibliotheken stehen?' Es erfüllt ihn mit Genugtuung, dass Institutionen, deren Bücher er 'aufgelesen' hat, sich nun an ihn wenden, um einst Entsorgtes zu entleihen."

Weiteres: Die FAZ hat Kurt Drawerts Essay über das Stottern aus der letzten Wochenendausgabe online nachgereicht. In der Welt schreibt Tilman Krause zum 90. Geburtstag von Inge Jens.

Besprochen werden Marcel Prousts "Briefe. 1879-1922" (NZZ), der von Bernhard Echte und Michael Mayer herausgegebene "Jean-Paul-Atlas" (NZZ), F.W. Bernsteins "Frische Gedichte" (Literarische Welt), Lorenz Jägers "Walter Benjamin - Das Leben eines Unvollendeten" (Literarische Welt), Odafe Atoguns "Tadunos Lied" (FR), Juliana Kálnays "Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens" (Welt), David Albaharis "Das Tierreich" (SZ) und Céline Minards "So long, Luise" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Bühne

Besprochen werden Milo Raus Inszenierung von Pasolinis "Die 120 Tage von Sodom" im Zürcher Schiffbau (nachtkritik) und Moritz Sostmanns "Faust"-Inszenierung am Schauspiel Köln (nachtkritik).
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Stichwörter: Faust, Milo Rau

Musik

Was für ein diskreter Tod! Der schwedische Tenor Nicolai Gedda starb am 8. Januar, wie jetzt erst bekannt wurde. Gedda brillierte ab 1951 in "Stratosphären-Partien" wie dem "Postillon de Lonjumeau", würdigt Thomas Baltensweiler in der NZZ den Ausnahmetenor. "Mit Mozart, mit russischen Opern, als Konzert- und Liedinterpret hatte Gedda international Erfolg. In französischen Partien verwies er die meisten seiner Konkurrenten auf die Plätze. Mit seiner mirakulösen 'Voix mixte', der Mischung der Stimmregister, kostete er hier die reichen dynamischen Facetten mustergültig aus; und sein Timbre, dessen Vorzug in der unerhörten Klarheit, weniger in der Sinnlichkeit bestand, passte hervorragend zur Eleganz und Reinheit, mit der er etwa als Hoffmann, als Werther und in Meyerbeer-Raritäten die gesanglichen Linien zeichnete."

Weitere Nachrufe schreiben Frederik Hanssen (Tagesspiegel), und Wilhelm Sinkovicz (Presse). Hier kann man Gedda 1969 im schwedischen Fernsehen hören:



Unübetrefflich, nicht von dieser Welt, sein "Je crois entendre encore" aus Georges Bizets Perlentauchern.



Flucht aus dem Gentrifizierungs-Kiez, ab in den Kultur-Großbetrieb? Andrea Rothaug vom Verein RockCity Hamburg verspricht sich von der Elbphilharmonie jedenfalls auch für die Hamburger Szene Impulse, gesteht sie im taz-Interview mit Julian Weber. Das neue Haus könnte "es schaffen, die Grenze zwischen E- und U-Musik mit einer sympathischen Rücksichtslosigkeit zu überschreiten und gleichzeitig Unterschiede zu leben. Besonders interessant ist der kleine Saal. Hier könnte die Elbphilhar­monie ihren Leuchtturmcharakter tatsächlich durch Kollaboration mit den lokalen Szenen neu definieren."

Weiteres: Ljubisa Tosic spricht für den Standard mit Ute Pinter vom Grazer Impuls-Festival.

Besprochen werden das neue Album von Austra (Zeit), Mica Levis Soundtrack zu Pablo Larráins Film "Jackie" (The Quietus), ein Konzert von Katia und Marielle Labèque (NZZ), neue Alben der Metalgötter Sepultura und Kreator (Jungle World) sowie Martin Zencks Buch über Pierre Boulez (FAZ).
Archiv: Musik