Efeu - Die Kulturrundschau

Der Fünfte im Bunde

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30.12.2016. Selbst die deutsche Filmförderbürokratie kann nicht alle Meisterwerke verhindern, freut sich der Freitag mit Blick auf die deutschen Highlights von 2016. Die Berliner Zeitung plädiert dafür, zugunsten der Schauspieler die Intendanten zu entmachten. Die NZZ macht sich Gedanken, wie sich Metropolen in den nächsten Jahrzehnten auf den Zuzug von 2,5 Milliarden Menschen vorbereiten könnten. Und die taz stellt die Hardcore-Veteranen Chicagoer Hispanic-Punkband Los Crudos vor.

Musik

Wie antisemitisch ist eigentlich der deutsche Rap, fragt sich Konstantin Nowotny in der Welt, nachdem es dem Rapper Prinz Pi gelungen ist, bei Jan Böhmermann pro-palästinensische Codes und Anspielungen auf Ahmadinedschad unterzubringen und sich auch andere Rapper in Sachen Israel und Palästina sehr unreflektiert betätigen: Kollegah lässt sich in Palästina filmen, "Fard & Snaga aus dem Ruhrgebiet beginnen ihren Song 'Contraband' mit den Worten 'Pro Mudschaheddin, pro Palestine' und richten ihren Hass im weiteren Verlauf gegen die 'Politik aus Tel Aviv'. Klassische antisemitische Analogien wie die Kritik am Bankenzins oder verschwörungstheoretische Assoziationen zu den 'Bilderbergern' werden untermalt und illustriert von einer paramilitanten Ästhetik"

Weiteres: Für die taz porträtiert Darius Ossami die rabiaten Hardcore spielende Chicagoer Hispanic-Punkband Los Crudos, die seit 25 Jahren Rassismus und Homophobie an den Pranger stellt. Die Zeit hat Christine Lemke-Matweys bereits Anfang November im Print veröffentlichtes, sehr unterhaltsames Fax-Interview mit Wolfgang Rihm über dessen bei der Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie am 11. Januar uraufgeführte Komposition "Triptychon für Tenor und großes Orchester" online nachgereicht. Im Tagesspiegel stellt Frederik Hanssen verschiedene EU-Initiativen zu Geschichte und Klang der europäischen Musik vor. Patti Smith zum 70. Geburtstag gratulieren Frank Junghänel (Berliner Zeitung), Juliane Liebert (SZ) und Christoph Wagner (NZZ). Zum Tod von Knut Kiesewetter schreiben Edo Reents (FAZ) und Jens Balzer (FR), der bei Kiesewetters Musik "eine Ahnung davon [erhielt], wie eine deutsche Folkmusik klingen könnte, die sich nicht aufs jovial Volkstümliche beschränkt."

Besprochen wird das Album "Joy" von Brandt Brauer Frick (taz). Und im Deutschlandradio kürt Mike Herbstreuth die besten Musikvideos 2016, darunter das ziemlich fantastische Video zu "Nobody Speak" von DJ Shadow:


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Kunst

Im Standard schreibt Roman Gerold einen Nachruf auf den auf den österreichischen Künstler Roland Goeschl: "Für seine aus elementaren Flächen und Körpern zusammengesetzten Skulpturen bzw. architektonischen Einbauten genügten ihm die längste Zeit Rot, Gelb und Blau. Der Künstler stellte, orientiert am Konstruktivismus, nur die Grundfarben jener Buntheit in den Raum, die sich dann im Publikum entfalten sollte. 'Der Beschauer macht mit seinen Augen den Farbraum', so spröde und schön formulierte es Goeschl in einem Interview. Durch Zurücknahme größtmögliche Wirkung zu erzielen, darin lag eine wesentliche Idee des Künstlers." (Bild: "Kubische Komposition" von 1968. Foto: musa)

Große Bekanntheit erlangte Goeschl, als er 1970 eine Reihe von legendären Werbungen für den Schuhkonzern Humanic drehte, etwa diese:

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Bühne

Für eine Unsitte hält es Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung, dass bei einem Intendantenwechsel ganze Ensembles ausgetauscht werden. Besonders gravierend falle dies bei den anstehenden Wechseln am Berliner Ensemble und an der Volksbühne aus, da Peymann und Castorf im Anschluss an keine neuen Häuser ziehen, zu denen ihnen ihre Schauspieler folgen können. Seidler rät dazu, das Intendantensystem zu reformieren und greift auf Vorschläge zurück, die Thomas Schmidt, Professor für Theatermanagement in Frankfurt, in seinem jüngst erschienenen Buch "Theater, Krise und Reform" unterbreitet hat. Zum Beispiel mit verlängerten Vertragslaufzeiten für Schauspieler, sodass sich zeitliche Überhänge bilden, die einen sanften Wechsel oder Übernahmen gestatten. Man könnte aber auch die Macht des Intendanten per se begrenzen: "Die Leitungsaufgaben werden in einem fünfköpfigen direktorialen System auf die Bereiche Management, Produktion, Programm, Technik sortiert und im Team von Spezialisten abgearbeitet. Der Fünfte im Bunde wäre der vom Ensemble vorgeschlagene künstlerische Leiter. Das Ensemble besteht aus Bühnenkünstlern aller Sparten, die gerecht honoriert werden. Ein alleinverantwortlicher Intendant, von dem erwartet wird, dass er seine Allmacht und Gestaltungskraft mit Ensemble-Kündigungen untermauern muss, wäre damit Geschichte."

Weiteres: Der Tages-Anzeiger spricht mit Gustavo Dudamel, der das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigiert. Die NZZ unterhält sich mit Belén Montoliú, die 2018 die Festspiele Zürich kuratieren wird.
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Literatur

In der FR berichtet Norbert Mappes-Niediek von seinem Treffen mit dem österreichisch-kongolesischen Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila. Für den Tagesspiegel liest Gregor Dotzauer chinesische Lyrik. Intellectures listet die 25 besten Comics des Jahres, darunter Adrian Tomines "Die Eindringlinge" und die Wiederveröffentlichung des argentinischen Klassikers "Eternauta" von Héctor G. Oesterheld.

Besprochen werden Sabine Grubers "Daldossi oder Das Leben des Augenblick" (Welt), Michael Krügers "Irrenhaus" (online nachgereicht von der FAZ), Peter Temples Krimi "Die Schuld vergangener Tage" (Welt), ein aufwändiger Bildband von Reinhard Klimmt und Patrick Rössler über die Ästhetik der Taschenbücher der 50er Jahre (FAZ), Oskar Negt autobiografische Schrift "Überlebensglück" (SZ) und neue Hörbücher, darunter Ingo Schulzes Hörspiel "Die Abflussrohre spuckten ihre Eisblöcke wie abgelutschte Bonbons auf den Gehsteig" (taz).

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Stichwörter: 50er

Architektur


Entwurf eines Droneports von Norman Foster

Laut einer Prognose der UN werden bis 2050 vor allem in Asien und Afrika 2,5 Milliarden Menschen vom Land in die Städte ziehen, berichtet Paul Andreas in der NZZ und stellt Ideen vor, wie Metropolen diesen enormen Zuzug bewältigen können. Um die Infrastruktur zu stärken, schlägt etwa Jonathan Ledgard, bis vor kurzem Direktor der Future-Africa-Initiative an der ETH Lausanne, die Nutzung von Drohnentechnologie vor: "Damit die neue, innovative Infrastruktur zum Motor für die Entwicklung von Klein- und Mittelstädten wird, will er sogenannte Droneports bauen - Mikroflughäfen, in denen die Flugroboter be- und entladen werden können, die aber auch eine robuste öffentliche Architektur darstellen. Norman Foster, der sich immer wieder mit dem Bau von Flughäfen befasst, ließ sich darauf ein und stellte zur Architekturbiennale in Venedig einen Schalenbau-Prototyp vor, der sich abgesehen von der formschönen Verwendung lokal verfügbarer Materialien vor allem durch seine besondere 'soziale Infrastruktur' auszeichnet: Das dynamisch gewölbte Modul, nachhaltig hergestellt aus getrockneten Erdziegeln, kann von lokalen Bevölkerungen in Eigenregie errichtet und multipliziert werden."

Für die Welt hat Manuel Brug eine Rangliste der zwanzig schönsten Konzerthäuser der Welt erstellt, ein wenig überraschend auf Platz 1 landet dabei die Wuppertaler Stadthalle.
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Film

Erst Maren Ades "Toni Erdmann", dann Maria Schraders Stefan-Zweig-Film "Vor der Morgenröte", da hat Daniel Kothenschulte in seinem Rückblick aufs Kinojahr 2016 gut staunen: "Wann hat man es zuletzt erlebt, dass ein Kinojahr vor allem wegen deutscher Filme unvergesslich bleibt?" In seinem Rückblick im Freitag holt Matthias Dell noch Nicolette Krebitz' "Wild" mit hinzu und zeigt sich beeindruckt darüber, dass diese drei Filme im ansonsten oft verwaltet wirkenden deutschen Kino entstehen konnten: "Auch deshalb ist eine spannende Frage für die nächsten Jahre, ob das hiesige Filmfördersystem etwas lernt aus dem Eigensinn, mit dem [diese Filmemacherinnen] arbeiten. Gleichzeitig kann selbst die fieseste Filmförderbürokratie nicht pausenlos Meisterwerke verhindern; dass es 2016 die Filme von Ade, Schrader, Krebitz gab, hat in erster Linie mit Ade, Schrader und Krebitz zu tun." Dass das Kinojahr 2016 im Vergleich zu den Vorjahren für die hiesige Filmbranche trotz der künstlerischen Erfolge wirtschaftlich eher eine Durststrecke darstellte, verschweigt Dell indessen auch nicht.

Weiteres: Zum Tod von Debbie Reynolds schreiben Daniela Sannwald (Tagesspiegel), Jürg Zbinden (NZZ), Daniel Kothenschulte (FR), Michael Pekler (Standard) und David Steinitz (SZ). Internationale Nachrufe und viele Videos sammelt David Hudson, darunter ein online gestelltes Gespräch mit der Verstorbenen, das das Interview Magazine ursprünglich 1976 geführt hatte.

Besprochen werden Xavier Dolans "Einfach das Ende der Welt" (Artechock, Tagesspiegel, Welt), Whit Stillmans Jane-Austen-Verfilmung "Love & Friendship" (FAZ, SZ, viele weitere Besprechungen im gestrigen Efeu), Paolo Virzìs "Die Überglücklichen" (Artechock), Rachel Langs "Baden Baden" (Tagesspiegel) und die Computerspiel-Verfilmung "Assassin's Creed" mit Michael Fassbender (Tagesspiegel).

Außerdem blicken unsere Filmkritiker zum Jahresende traditionell auf jene Kinohighlights, die ihren Weg bislang leider nicht in den deutschen Verleih geschafft haben: Andrey Arnold, Lukas Foerster, Patrick Holzapfel, Michael Kienzl und Jochen Werner schreiben über Radu Judes "Scarred Hearts" (Kinostart am 9. Februar!), Herman Yaus "The Mobfathers", Damien Manivels' "Le parc", Brillante Mendozas "Ma' Rosa" und Lav Diaz' "The Woman Who Left".
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