Efeu - Die Kulturrundschau

Das verlockende Lotterleben

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19.12.2016. Die SZ freut sich im Iwalewa-Haus in Bayreuth über einen geborgenen Schatz: vierzig Jahre namibischer Popmusik. Und der Guardian richtet sich in Richard Murphys Edinburgher Schuhschachtel ein. Nur Journalisten werden nicht über Guy Krnetas Zürcher Medienstück "In Formation" lachen können, versichert die NZZ. FR und FAZ erleben in Tennessee Williams' "Glasmenagerie" eine Kollision mit dem Eisberg der Verzweiflung.

Bühne


Szene aus der "Glasmenagerie" am Deutschen Theater

Hellauf beglückt kommt FAZ-Kritiker Simon Strauß aus Tennessee Williams' Traumspiel "Glasmenagerie" am Deutschen Theater in Berlin: "In der Inszenierung von Stephan Kimmig ist von Anfang an alles auf zarte Schlichtheit eingestellt. Ein paar alte Nähmaschinen, Klappstühle aus Blech, ein alter Fernseher und schummriges Licht reichen aus. Gefängnisse brauchen nicht immer Gitterfenster." In der FR ist Dirk Pilz noch etwas unentschieden, was er von diesem Abend halten soll, der an Slapstick grenzte, aber doch keine "Ramschkomik" bot: "Die Figuren rutschen ins Zweidimensionale, bis sie mit dem Eisberg der Verzweiflung kollidieren. In voller Fahrt, mit ganzer Wucht: schöner Scheitern für Fortgeschrittene."


Szene aus Guy Krnetas "In Formation" in Zürich

Als NZZ-Kritikerin hat Daniele Muscionico Guy Krnetas Stück "In Formation" über die Medienkrise zwar nicht in vollen Zügen genossen, allen anderen aber kann sie Stefan Nüblings Inszenierung im Zürcher Schiffbau als vergnüglichen Bocksgesang empfehlen: "Das Stück bringt das Modell einer Forumszeitung auf die Bühne. Meinungen sind erwünscht, jeder darf eine haben. Und es funktioniert. Hier wird partizipativ Aufklärung betrieben, werden Fragen nach Verantwortlichkeiten gestellt, nach Machtgefügen, nach Transaktionen, wie sie beim Verkauf der Basler Zeitung ruchbar wurden, dazu gibt es Experimente am Publikumskörper: 'Wer hat noch eine Zeitung abonniert? Bezahlen Sie für Information?'"

Premiere hatte außerdem Thomas Ostermeiers Inszenierung von Arthur Schnitzlers Ärztedrama "Professor Bernhardi" an der Berliner Schaubühne. Christine Dössel würdigt sie in der SZ als "klugen, unbequemen Theaterabend", Georg Kasch in der Nachtkritik als unterkühlt-elegantes Well-made-Play, und in der Berliner Zeitung versichert Ulrich Seidler: "Dank des Handwerks und der luftdicht konservativen, dabei knallwachen Spielweise des Ensembles hängt der zwei dreiviertelstündige, pausenlose Abend keinen Augenblick durch."

Besprochen werden außerdem die Pina-Bausch-Choreografie "Palermo Palermo" von 1989 im Haus der Berliner Festspiele (Tagesspiegel), das Stück "She He Me" der libanesischen Theatermacherin Amahl Khoury über arabische Queer- und Transgender-Personen an den Münchner Kammerspielen (Nachtkritik) sowie Glucks "Orfeo ed Euridice" in St. Gallen (NZZ).
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Film


Szene aus einem exzellenten Künstlerfilm, Maurice Pialats "Van Gogh"

Das deutsche Kino entdeckt derzeit Künstlerbiografien aus der Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert für sich, ist Susan Vahabzadeh von der SZ aufgefallen. Viel abgewinnen kann sie dem Filmgenre Künstlerbiografie allerdings nicht: "Es ist kaum noch ein Maler übrig, der nicht porträtiert wurde, von Goya bis Vermeer. Die Filme über Maler sind Teil einer Personalisierungswut, der Ursprung dieser Filme ist allzu oft das verlockende Lotterleben der Porträtierten und die Hoffnung, der Zuschauer möge sich für sie interessieren, weil er schon von ihnen gehört hat. Macht es aber wirklich Spaß, sich mit den Details einer Lebensgeschichte zu befassen, wenn in einem Film gar nicht mehr erkennbar ist, warum wir uns an diese Lebensgeschichte erinnern sollten?"

Weiteres: Fabian Franke und Katharina Lipowsky bringen in der taz Hintergründe zum österreichischen Stummfilm "Stadt ohne Juden" (1924), der lange Zeit als verschollen galt und dessen Restauration nun per Crowdfunding erfolgreich in die Wege geleitet wurde. Die NZZ hat Susanne Ostwalds Geburtstagsgruß zum gestrigen Siebzigsten von Steven Spielberg online nachgereicht. Für das British Film Institute hat Adam Scovell mit seiner Kamera die Londoner Drehorte von Michelangelo Antonionis "Blowup" aufgesucht, der vor 50 Jahren in die Kinos gekommen ist. Außerdem ist Zsa Zsa Gabor gestorben, meldet Variety.

Besprochen werden Sergei Loznitsas Essayfilm "Austerlitz" (Welt) und ein Biopic über den Meeresforscher Jacques Cousteau (Standard). Und critic.de kürt die schönsten Kinomomente des Jahres.
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Literatur

In der tell-Reihe mit anlasslosen Literaturempfehlungen schreibt Anselm Bühling über Bernward Vespers "Die Reise" (unsere Rezensionsnotizen zur Wiederveröffentlichung 2005).

Besprochen werden Maren Kames' "halb taube halb pfau" (taz), Catherine Meurisse' Comic "Leichtigkeit" (online nachgereicht von der Welt), Jonathan Safran Foers "Hier bin ich" (SZ), ein Buch von Hans Höller und Arturo Larcati über "Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag" (SZ), Philip Tägerts "Mitarbeiter des Monats" (online nachgereicht von der Zeit), Dieter Thomäs "Puer robustus: Eine Philosophie des Störenfrieds" (Freitag), eine große Ausgabe von Georg Forsters gesammelten "Ansichten vom Niederrhein" (online nachgereicht von der Zeit) und die Ausstellung "Clara und Robert Schumann im internationalen Kinder- und Jugendbuch" in Düsseldorf (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Anna Maja Misiak über Debora Vogels "Radierung Herbst":

"In die graue Zinkplatte der Welt
eingeritzt mit Kaltnadel
graue Striche der Quadrate:
..."
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Stichwörter: Maren Kames

Kunst

Besprochen werden die Schau "Die Kerze" im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (FR) und  die Ausstellung "Muse, Macht, Moneten" im Berliner Bodemuseum (Tagesspiegel).
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Musik


Stolen Moments im Iwalewa-Haus in Bayreuth. Foto: John Liebenberg

Der Filmemacher Thorsten Schütte hat sich auf die Spur von Namibias Popkultur während der Zeit der Apartheid begeben und daraus eine fantastische Ausstellung gemacht, die derzeit im Bayreuther Iwalewa-Haus gezeigt wird. In der SZ ist Jonathan Fischer begeistert, denn Plattenaufnahmen und andere Dokumente sind rar, es gab nur Liv-Auftritte unter erschwerten Bedingungen: "'Einmal', erinnert sich Doeseb an einen Gig in den frühen Achtzigerjahren, 'spielten wir für eine offizielle Versammlung der SWAPO im Norden Namibias. Auf dem Rückweg hielten uns Sicherheitskräfte des Regimes an. Sie schlugen uns nicht nur mit ihren Gummiknüppeln zusammen, sondern zerstörten auch alle unsere Instrumente.' Überall gab es damals Straßensperren. Die Autos wurden nach geschmuggelten Waffen durchsucht. Und schwarze Musiker standen natürlich unter Generalverdacht. Wenn sie Glück hatten, sagt Doeseb, waren die Polizisten Fans der Ugly Creatures: 'Dann mussten wir lediglich unsere Songs auf dem Revier spielen, bevor sie uns wieder laufen ließen.'"

Weiteres: Nach einem Konzert des Zürcher Tonhallen-Orchesters unter Paavo Järvi kann sich NZZ-Kritiker Moritz Weber gut vorstellen, dass der Este zu den aussichtsreicheren Kandidaten für den ab 2018 neu zu besetzenden Posten des Orchester-Dirigenten zählt. In der SZ berichtet Michael Stallknecht von der Musica Viva in München. Für den Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels den Pianisten Jan Augsberg. Mit kaum verhohlenem Amüsement nimmt Jens Balzer zur Kenntnis, dass die Verleihung des Musikpreises Echo künftig nicht mehr im Fernsehen übertragen werde. Im Zündfunk-Radiofeature befasst sich Balzer zudem ausführlich mit dem Pop der Gegenwart, dem er vor wenigen Monaten bereits auch ein vielbeachtetes Buch gewidmet hat 

Besprochen werden Neil Youngs "Peace Trail" (Skug), das Album "Bubaran" des Posaunisten Andreas Tschopp (NZZ), eine Box mit allen für RCA entstandenen Aufnahmen des Pianisten Alexis Weissenberg (Zeit), das Solodebüt "Slight Freedom" von Tortoise-Musiker Jeff Parker (Pitchfork), ein Smetana-Konzert der Wiener Philharmoniker unter Daniel Barenboim (Standard), ein Hindemith-Konzert von Maya Boog (NZZ), zwei CDs von Xavier de Maistre und Sandrine Piau mit Aufnahmen von Marie Antoinette gewidmeten Kompositionen (FAZ), Marc-Antoine Charpentiers weihnachtliche Pastoralen in einer Aufnahme des Ensemble Correspondances (FAZ) sowie die Diskografie "Alles" von Herbert Grönemeyer, die laut Welt-Kritiker Michael Pilz allerdings doch nicht alles enthält, sondern das verwaiste, erste Album von 1979 unterschlägt.
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Architektur

Im Guardian würdigt Oliver Wainwright ausführlich Richard Murphys Townhouse in Edinburgh, das in Großbritannien zum Haus der Jahres gekürt wurde: "Murphy calls on Dutch architect Aldo van Eyck, who said that a house should be both a bird's nest and a cave, an extrovert place in summer and a retreat in winter, which makes particular sense here. 'In Edinburgh, we can have 20 hours of daylight a day or six,' he says, as the wintry leaden sky begins to fade to dusk. 'The house needs to close down as much as open up.'" Dezeen widmet dem vertrackten Schachtelbau eine Fotoserie

In der taz porträtiert Patrick Guyton den in Berlin lebenden burkinischen Architekten Francis Kéré, dessen einfache, soziale und ökologische Arbeiten gerade in der Münchner Pinakothek gezeigt wird und bereits mehrfach besprochen wurden.

(via) Oscar Boyson hat eine sehr interessante Reportage über die Zukunft der Stadt gedreht:


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