Efeu - Die Kulturrundschau

Spielerische Entblößung

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13.12.2016. Im NZZ-Interview setzt der in die Kritik geratene Intendant der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal, auf Experimentierfreude und Penetranz. Die SZ erstatte Bericht vom indo-pakistanischer Filmkrieg. Die FAZ blickt Cornelia Schleime ins verschattte Augen, außerdem huldigt sie den labyrinthischen, aber geordneten Welten des chinesischen Science-Fiction-Autors Cixin Liu. Und die Spex gibt Entwarnung: Solange löst keine Kastrationsängste mehr aus.

Kunst



Zur letzten großen Malerin der sterbenden DDR erhebt Andreas Kilb in der FAZ Cornelia Schleime, der die Berlinische Galerie mit dem Hannah-Höch-Preis auch eine Ausstellung widmet: "Den Blicken der Stasi und ihrer Helfer - darunter Schleimes Freund Sascha Anderson alias IM 'David Menzer' - dem sie in den frühen achtziger Jahren teils durch Verhüllung, teils durch spielerische Entblößung trotzte, ist sie entronnen. Dem Blick des eigenen Ichs, das sich im Innenraum der Kunst selbst befragt, entgeht sie nicht. Die großformatigen Porträts, die sie seit den neunziger Jahren malt, nehmen den Impuls der Selbsterforschung auf, ohne ihn voyeuristisch zu überspitzen. Sie sind enthüllend und diskret zugleich; sie suchen die Wahrheit des hellen und das Geheimnis des verschatteten Auges."

Weiteres: In der Welt beteuert Hans-Joachim Müller, beim rasanten Parcour durch 100.000 Jahre Menschheitsgeschichte in der Bundeskunsthalle in Bonn keineswegs "intellektuell zu kurz gekommen zu sein. Ingeborg Ruthe besucht für die FR die "Olympia"-Schau des belgische Medienkünstler David Claerbout im neuen Kindl-Kunstzentrum in einer alten Brauerei in Berlin-Neukölln. In der FAZ-Reihe über schlechte Bilder guter Maler widmet sich der Kunsthistoriker Frank Zöllner Sandro Botticellis "Mystischer Kreuzigung". Thomas Steinfeld besichtigt in der SZ das neu eröffnete Museum der Fotografie der Firma Alineri in Triest.
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Bühne


Mach ein Stoneface! "Top Secret International" von Rimini Protokoll in der Münchner Glyptothek.

Der in München und vor allem von der SZ kritisierte Intendant der Kammerspiele, Matthias Lilienthal, verteidigt sein Konzept im NZZ-Interview mit Bernd Noack. Theater müsse sich ändern, das Murren sei "bayrisches Anfangsgrantelns": "Ivan Nagel, mit dem ich damals die Intendanz an der Volksbühne mit vorbereitet habe, hat gesagt: 'Der entscheidende Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ist Penetranz.' Insofern versuche ich penetrant bei Grundversuchen zu bleiben, die wir hier anstellen. Der Satz meint auch nichts weiter, als dass wir die Ansätze fortführen, aber sie in demselben Moment auch wieder reflektieren und erneuern."

Für taz-Kritikerin Sabine Leucht zeugt das schwache Geheimdienst-Stück "Top Secret International", mit dem Rimini Protokoll per Audio-Tour durch die Münchner Glyptothek führt, allerdings auch, wenn nicht von einer veritablen Pechsträhne, dann von einer strukturellen Krise an den Kammerspielen: "Aufforderungen wie 'Mach ein Stoneface!' sind albern, die dauernde Frage, ob man sich beobachtet fühlt, ist nur blöd. Das ist umso enttäuschender, als Rimini Protokoll seit mehr als 15 Jahren brennende gesellschaftliche Fragen ins Theater hineinholen und dessen Mittel und Formen beständig erweitern. Mit ihrem aktuellen Qualitätsaussetzer befinden sie sich dafür in guter Gesellschaft mit Gob Squad, She She Pop und dem Pariser Theatermacher Philippe Quesne, die allesamt bereits in der letzten Spielzeit in Kooperationen mit den Münchner Kammerspielen für ihre Verhältnisse weit unterdurchschnittliche Arbeiten ablieferten."

In Eurozine poträtiert Irina Serdyuk Volodymyr Smotritel, der in Chmelnyzkyj das ukrainische Monotheater Kut als Direktor, Manager und Darsteller in einer Person führt und sich dem Wiedererblühen der ukrainischen Kultur verschrieben hat.

Besprochen werden Nuran David Calis' Stück "Kuffar. Die Gottesleugner" am Deutschen Theater Berlin (die sich laut Michael Wolf in der Nachtkritik ihr Thema allzu bequem vom Leib hält), Milos Lolics Inszernierung von Elfriede Jelineks Stück "Rechnitz" am Wiener Volkstheater (die Ronald Pohl im Standard poppig-dissident, aber unerheblich nennt, Nachtkritik) Ted Hughes' Euripides-Adaption "Alkestis" am Schauspiel Frankfurt (FR), Bastian Krafts Theateradaption von Viscontis "Ludwig II." im Wiener Akademietheater (FAZ),Nigel Lowerys Inszeneirung von Händels "Hercules" am Nationaltheater Mannheim (SZ).
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Film

Die Journalistin Hani Yousuf verzweifelt darüber, wie sich die jüngsten politischen Spannungen zwischen Indien und Pakistan auch auf die indische Filmproduktion ausüben, die zuvor ein gemeinsamer Nenner gewesen war, auf den sich immerhin die indische und pakistanische Bevölkerung einigen konnte: Es herrsche "indo-pakistanischer Filmkrieg", berichtet sie in der SZ: "Der Verband indischer Film- und Fernsehproduzenten hat angekündigt, keine weiteren pakistanischen Nachwuchsschauspieler mehr zu verpflichten. Dabei hatten die pakistanischen Kinobetreiber sich erst kürzlich dazu entschlossen, ihren Boykott des indischen Films zu beenden. Der indische Fernsehsender Zindagi, der bislang auch in Pakistan produzierte Sendungen ausstrahlte, warf im Gegenzug diese pakistanischen Sendungen aus dem Programm und umgekehrt warfen pakistanische Fernsehsender indische Sendungen aus dem Programm."

Besprochen werden die Amazon-Serie "Good Girls" (ZeitOnline), Ulrich Seidls "Safari" (Welt, unsere Kritik hier), Hong Sang-Soos "Right Now, Wrong Then" (SpOn, unsere Kritik hier) und Liza Johnsons "Elvis & Nixon" (SZ).
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Stichwörter: Bollywood, Indien Pakistan

Literatur

Keiner schwärmt so schön und gern von Science Fiction wie Dietmar Dath in der FAZ. Heute preist er den chinesische Autor Cixin Liu, der im englischsprachigen Ausland bereits für Furore sorgt, Barack Obama zu seinen Fans zählen kann und dessen Hauptwerk, die "Drei Sonnen"-Trilogie, nun auf Deutsch erschienen ist. Laut Dath schlummert hier eine Kostbarkeit des Genres: Die drei als großes Puzzle aufgebauten Romane bilden "eine labyrinthische, aber wohlgeordnete Welt, bei der die Antwort auf jede Frage zugleich der Zugangscode zur nächsten, größeren Frage ist. ... Das Buch ist wegweisend für die phantastische Weltliteratur der Gegenwart, weil es davon handelt, dass auch der Kosmos und der menschliche Verstand füreinander mehr und anderes sein könnten als alles bisher Bekannte."

Die Eltern der Berliner Autorin und Schauspielerin Julia Zange haben offenbar eine einstweilige Verfügung gegen den neuen Roman "Realitätsgewitter" ihrer Tochter eingereicht. Für Hannah Lühmann von der Welt ein Anlass, um über Authentizität und Popliteratur nachzudenken und über das "Leserbegehren, das sich verzehrt vor Sehnsucht danach, endlich imaginieren zu dürfen, dass das, was da beschrieben wird, auch wirklich, wirklich, wirklich genauso passiert ist?" Ein Feld der künstlerischen Selbstinszenierung nach Bourdieu also: "Der Literaturbetrieb mit seinen Plagiatsskandalen und einstweiligen Verfügungen, mit seinen Tabubrüchen und seinen Inthronisierungen junger Frauen ist ohne Frage ein solches Feld. Es ist also immer beides: Intuition und Kalkül, Authentizität und Selbstvermarktung."

Weitere Artikel: Für ZeitOnline hat Susanne Mayer ein großes Gespräch mit der simbabwischen Schriftstellerin Petina Gappah geführt. Für den Tagesspiegel hat Gregor Dotzauer die neue Ausgabe der horen gelesen, die sich mit der ungarischen Gegenwartsliteratur unter Orban befasst.

Besprochen werden Francesco Chiesas Gedichtband "Hören in finsterer Nacht" (NZZ), eine Sammlung von Marcel Prousts Briefen von 1879 bis 1922 (Intellectures), Tor Even Svanes' "Ins Westeis" (Tagesspiegel), Olli Jalonens "Von Männern und Menschen" (taz), Malla Nunns Kriminalroman "Zeit der Finsternis" (FR), Christian Zanotellis Comic "Jean-Paul Porneaux und das blutrote Vinyl" (Tagesspiegel) und Michael Krügers "Das Irrenhaus" (SZ).
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Musik

Kastrationsängste muss man nicht haben beim Hören von Solanges neuem Album "A Seat At The Table", versichert Klaus Walter in der Spex, auch wenn an feministischen Gehalten und afro-amerikanischem Empowerment kein Mangel herrsche. Doch vermitteln diese sich "feierlich, gebildet, streckenweise andächtig und frei von unkontrollierter Aggression". Auch für die Ohren ist das wohlig: "Die Musik wird als Psychedelic Soul gefeiert, dabei geht ihr die exzessiv-dramatische Drastik der Produktionen von Sly Stone und Norman Whitfield ab, zugunsten eines von stil- und geschichtsbewussten Neo-Traditionalisten wie Questlove und dem Produzenten Raphael Saadiq verantworteten, superslicken, jeden Retroverdacht unterlaufenden, wohlinformierten Post-R'n'B, der kaum einmal den Midtempobereich verlässt, nicht über die Stränge schlägt."

Dazu passend: Die vielleicht wichtigste Jahresbestenliste des Jahres, die 50 besten Alben von 2016 laut der Kritiker von Pitchfork, die Solanges Album tatsächlich auf den ersten Platz gehievt haben. Das hören wir uns näher an:



Weitere Artikel:In der taz porträtiert Sascha Ehlert den Berliner Rapper Taktlo$$. Fürs ZeitMagazin plaudert Christoph Dallach mit Bruce Springsteen.

Besprochen werden ein Konzert von Evgeny Kissin (NZZ), das neue Album der Pretenders (FAZ.net), Thorsten Schüttes Dokumentarfilm "Eat That Question" über Frank Zappa (taz), Jim James' "Eternally Even" (Standard) und ein Auftritt des Pianisten Arcadi Volodos in München (SZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Solange