Efeu - Die Kulturrundschau

Zu samtiger Üppigkeit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.12.2016. In der NZZ erkundet Thomas Hürlimann in einem mystischen Großessay die Gründe des Seins. In der SZ berichtet Chris Dercon von aggressiven Attacken auf seine Person. Die Welt bewundert schaudernd George Condos gestörte Bilder. Nach der Eröffnung der Barenboim-Said-Akademie in Berlin hofft der Tagesspiegel auf eine akkustische Nachjustierung des Pierre-Boulez-Saals. Und die Feuilletons huldigen jetzt Bob Dylan, der heute den Nobelpreis entgegennehmen lässt, als den Mann, der niemals da war.

Kunst


Pablo Picasso: Dora Maar mit grünen Fingernägeln, 1936. George Condo: Windswept Figure, 2007. Museum Berggruen.

Als tolle Zumutung freut sich Hans-Joachim Müller in der Welt über die Ausstellung "Condo Confrontation", für die das Berggruen Museum George Condos bizarre Paraphrasen auf Picasso, Klee und andere zwischen die eigenen Werke gehängt hat: "Schwer zu entscheiden, was in Condos ziemlich unvergleichlichem Werk Ernst ist und was Unernst, Bedeutung und Unterhaltung, Schwarze Romantik und Comedy, Satyricon und Passionsspiel. Überaus listig entzieht sich diese Malerei der Eindeutigkeit, lässt alles in gefährlicher Schwebe. So richtig gewöhnen wird man sich an die offensichtlich schwer gestörten Bilder-Insassen wohl nie... Und das Gelächter, das einen dann und wann vor den Bildern befällt, ist auch wie Befreiung aus der Zwangsvorstellung, die Fratzen könnten wie in einem Stephen-King-Roman irgendwann vor unseren Fenstern hängen."

Ingeborg Ruthe schwelgt in der Berliner Zeitung in Robert Doisneaus Paris-Bildern, die der Martin-Gropius-Bau in Berlin gerade zeigt und die von Lebenslustt und Überlebenskampf, vom Glamourösen und Stinknormalen gleichermaßen erzählen: "Es ist durch und durch 'humanistische Fotografie', eine, die das Private, Intime öffentlich macht, ohne je zu desavouieren. Immer ist da auch ein Augenzwinkern; nie Häme. Doch was zunächst skurril und amüsant war, führte am Ende in die Melancholie." (Foto: Robert Doisneaus: Hommages respectueux, 1952.)

Weiteres: Für die NZZ besucht Maria Becker die im Kunstmuseum Bern gezeigten Fürstlichen Sammlungen von Liechtenstein und stellt doch fest, wie fremd und leer die "Macht- und Würdeformeln der fürstlichen Porträts geworden sind: "Es sind immer wieder die Niederländer, deren bürgerliche Kultur die schönsten Bilder der Ausstellung hervorgebracht hat." In der Welt schreibt Hans-Joachim Müller über die Wiederentdeckung des italienischen Malers Emilio Vedova. Andreas Platthaus besucht für die FAZ die Ausstellung zum Bildhauer und Aktionskünstler Fritz Schwegler in der Kunsthalle Mannheim.
Archiv: Kunst

Musik

Bob Dylan wird heute in Abwesenheit mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Die Akademie möge sich darüber nicht grämen, tröstet Julian Dörr in der SZ, denn Dylan entziehe sich nicht zum Zweck des Affronts, sondern bleibe schlicht seiner Künstlerpersona treu: "Bob Dylan ist der Mann, der niemals da war. Er war immer einen Schritt weiter als seine Anhänger es von ihm erwarteten. Und so war und ist Dylan nie Dylan, sondern immer ein anderer...  Die neue poetische Ausdrucksweise, die Dylan geschaffen hat, ist das Spiel mit den Identitäten, das Ineinanderfließen der Zustände, Zeiten und Personen, die Auflösung des Ichs. Man sollte sich deshalb nicht wundern, dass er auch von der Nobelpreis-Bühne schon wieder verschwunden ist."

Dass Dylan auch aus Altmetall gefertigte Skulpturen in Torform herstellt, erfahren wir von Reinhart Bünger im Tagesspiegel. Sehr gut findet es unterdessen Jens Uthoff in der taz, dass Patti Smith die Verleihung musikalisch begleiten und dabei "vielleicht sogar weise Worte zur Weltlage finden" wird. Dass Smith heute Abend "Hard Rain" singen wird, hält Alan Posener von der Welt unterdessen für einen versteckten Hinweis dafür, dass Dylan sich einmal mehr das Label des Protestsängers vom Leibe schütteln will.



Passend zur Dylan-Auszeichnung ruft die FAZ mit der Frankfurter Pop-Anthologie eine neue, alle zwei Wochen fortgesetzte Online-Textreihe aus, die den Unterschieden zwischen lyrics und Lyrik nach- und dem Inhalt von Popsong-Texten auf den Grund gehen will. Jürgen Kaube gibt dazu einige Worte zum Geleit aus, in denen er sich fragt, ob "eine ursprüngliche Funktion der Poesie in die populäre Musik abgewandert [ist]. Wie verhalten sich dort Klang und Text, musikalischer Klang und Textklang? Wen rühmt, worüber klagt Pop? Wenn der Eindruck nicht täuscht, haben wir es oft mit einer Überlagerung zu tun, von kollektiver Praxis des Mitsingens und ritualisiertem Dabeisein einerseits, durchaus aber zuweilen innerlicher, modern-lyrischer Mitteilung der Texte." In der ersten Lieferung der Anthologie befasst sich Jan Wiele mit einem Lied von Niels Frevert.

In Berlin wurde am Donnerstag die Barenboim-Said-Akademie und damit auch der Pierre-Boulez-Saal eingeweiht. Im Tagesspiegel führt Bernhard Schulz durch den Kammermusik-Saal, mit dem Architekt Frank Gehry "ein Juwel in seinem Oeuvre gelungen" sei. Frederik Hanssen hat sich unterdessen das Eröffnungskonzert angehört und kommt dabei auch auf die Akustik zu sprechen, die ihn allerdings noch nicht völlig überzeugen kann: "Es mag an den gewählten Werken der Wiener Klassik liegen, die in puncto Klangbalance viel heikler sind als spätromantische Stücke. Es mag sein, dass die Staatskapelle mit ihrem dunklen, zu samtiger Üppigkeit neigenden Sound hier einen ganz anderen Eindruck hinterlassen wird. Vielleicht aber muss im Pierre Boulez Saal bis zum kommenden Frühjahr akustisch nachjustiert werden."

Weiteres: In der taz porträtiert Saskia Hödl den österreichischen Popmusiker Voodoo Jürgens. Für den Standard spricht Ljubisa Tosic mit dem Gitarristen Andy Manndorff. Christian Schlüter (Berliner Zeitung) und Thomas Stillbauer (FR) schreiben Nachrufe auf den Prog-Rocker Greg Lake.

Besprochen werden Jim Jarmuschs Dokumentarfilm "Gimme Danger" über Iggy Pops Stooges (The Quietus, hier dazu ein Vice-Videointerview), der Kinodokumentarfilm "Eat That Question" über Frank Zappa (Welt), die Compilation "Bobo Yéyé: Belle Époque in Upper Volta" (Pitchfork), Kenny Barrons "Book of Intuition" (Standard), ein von Christian Thielemann dirigierter Bruckner-Abend in der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel), ein von Bernard Haitink dirigiertes Konzert des Tonhalle-Orchesters (NZZ), ein Konzert des Webern Symphonie Orchesters mit Zubin Mehta (Standard), ein Auftritt der Sopranistin Julia Lezhneva (Tagesspiegel) und ein Berliner Konzert von Helge Schneider (Tagesspiegel). Außerdem küren die Kritiker von ZeitOnline  ihre Lieblingsplatten 2016.
Archiv: Musik

Literatur

Das Universum - wörtlich verstanden in der Bedeutung als "hin zum Einen -, die Theologie, die Literatur, Zahlenknobeleien und der ganze Rest: In einem mystischen Großessay legt der Schriftsteller Thomas Hürlimann in der NZZ dar, warum das Sein in seinem tiefen Seinsgrunde im Grunde ein einziges Roadmovie ist, für das die Geschwister Theologie und Literatur den Motor bilden. Seine Zeugen dabei: Hardboiled-Romane, Parmenides, die Zahnschmerzen des Thomas von Aquin und ein Aufenthalt in einer CT-Röhre, den er nur mir einer geistigen Wallfahrt durchstanden hatte.

Weiteres: In der FR schreibt Sven Hanuschek zum 100. Geburtstag von Wolfgang Hildesheimer. Für die SZ hat sich Patrica Reiman mit Nancy Williams über deren Ehemann, den 1994 gestorbenen, in den letzten Jahren wiederentdeckten Autor John Williams unterhalten. Der literarische Wochenend-Essay der FAZ besteht heute aus einem Auszug aus einem Buch über Ruth Beckermann, in dem sich Schriftsteller Christoph Ransmayr an die intellektuell anregendenden Nachmittage in der Wiener Wohnung der Dokumentarfilmemacherin erinnert. Außerdem wurde Javier Cercas für seinen Roman "El Impostor" vom EU-Parlament mit dem europäischen Buchpreis ausgezeichnet, im Frühjahr wird der Roman auf Deutsch erscheinen, in der Übersetzung des formidablen Peter Kultzen

Besprochen werden Alexander Goldsteins "Denk an Famagusta" (Tagesspiegel), Saphia Azzeddines "Bilqiss" (taz), Wendi Stewarts "Ein unbesiegbarer Sommer" (taz), Kathrin Rögglas "Nachtsendung - Unheimliche Geschichten" (taz), eine von Philip Waechter illustrierte Ausgabe von Jakob Arjounis Krimi "Happy Birthday, Türke" (taz), Jon Bassofs Krimi "Zerrüttung" (Welt), Boštjan Videmšeks Reportagenband "Auf der Flucht - Moderner Exodus ins gelobte Land" (Tell), besinnliche Bücher von Ulrich Greiner und Hanns Zischler (Tagesspiegel) sowie der Erinnerungsband "Unterwegs auf viele Straßen" von Georg Stefan Troller (FAZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Bühne

Jörg Häntzschel trifft sich für die SZ mit Chris Dercon und geht mit ihm noch einmal den ganzen Streit um die Volksbühne durch, um Sprechtheater, Neoliberalismu und Provinzialismus und erschrickt, welche Dimensionen das Ganze inzwischen angenommen hat: "Neulich goss ihm einer ein Glas Bier über den Kopf. Ein anderer sagte: 'Du Hund'. Und einem Dritten gelang die raffinierte Beleidigung: 'Herr Dercon, Sie sind kein Mensch!' - 'Diesen Terror, diese Aggressivität habe ich noch nie erlebt', sagt Chris Dercon."

Im Interview mit der Berliner Zeitung kündigt der neue Berliner Kultursenator Klaus Lederer an, mit Dercon jetzt "schnell ins Gespräch kommen" zu wollen: "Mir wurde schnell der Vorwurf gemacht, ich würde in Trump-Manier durch die Häuser marschieren und ahnungslos rumholzen. Mein Anspruch ist für die Zukunft, da wo Personalentscheidungen anstehen, nicht im stillen Kämmerlein zu beraten, was dann der Öffentlichkeit ex cathedra mitgeteilt wird. Man muss sich genau anschauen, was der Charakter einer Einrichtung ist und wie man deren Stärken unterstützen kann. Das schließt Veränderung nicht aus. Im Gegenteil, Kultur ist immer in Bewegung." Die Nachtkritik stellt weitere Interviews mit Lederer zusammen.

Weiteres: "Wahre Wunderwelten des Klangs" erlebte FAZ-Kritiker Josef Oehrlein bei der Parsifal-Inszenierung an der Nationaloper in Amsterdam unter Marc Albrecht und Pierre Audi, wenn auch keine schlüssige Regie.

Besprochen wird Christoph Winklers Choreografie "Five Studies on Post-Colonialism" in den Berliner Sophiensälen (taz)
Archiv: Bühne

Film



Den Kinostart von Sergei Loznitsas Dokumentarfilm "Austerlitz" (mehr dazu hier) in der kommenden Woche nimmt Fabian Tietke in der taz zum Anlass, um auf Tobias Kniebes Kritik am aktuellen Dokumentarfilm zu antworten. Kniebe warf vor wenigen Wochen in der SZ dem betont nicht-journalistischen Dokumentarfilm vor, sich zu sehr auf Bilder zu verlassen und keine Aufklärung mehr zu liefern gegen Macht, Lüge und Unrecht (unser Resümee). Diese Kritik findet Tietke falsch: Denn "weder war es je zentrale Aufgabe des Dokumentarfilms, gegen irgendetwas anzugehen, noch unterscheiden sich aktuelle Filme groß von jenen früherer Jahre." Kniebe übersehe dabei, "dass es im Dokumentarfilm stets ein Nebeneinander verschiedener Formen gab. Journalistisch orientierte Dokumentarfilme werden heute oft schon in der Produktion für eine Zweitauswertung im Fernsehen formatiert. Dokumentarfilme, die stärker auf ihre Bilder vertrauen, bleiben hingegen weiter dem Kino vorbehalten. Ihrer Wirkung kommt diese kollektive Rezeption zugute."

Weiteres: In der Welt drückt Florian Schmiedler "Toni Erdmann" alle Daumen für den Europäischen Filmpreis, der am Wochenende vergeben wird. Das Blog Duoscope bringt einen epischen Artikel zur Geschichte der beliebten Trickfilmserie "Captain Future", die in einer aufwändigen Neuauflage erschienen ist.

Besprochen werden Hong Sang-soos "Right Now, Wrong Then" (Jungle World, Zeit, unsere Kritik hier) und Francis Ford Coppolas Bildband "The Godfather Notebook" (SZ).

Und ein Fundstück auf Open Culture zum Wochenende: Fünf Videoessays, die Jean-Luc Godards innovative Art des Filmemachens vermitteln.
Archiv: Film