Efeu - Die Kulturrundschau

Etwas wird sich verändern

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03.11.2016. Einen seltenen Moment der Erhabenheit erleben die Zeitungen mit der Hamburger Elbphilharmonie. Die NZZ entdeckt in Basel den figurativen Jackson Pollock. Der Tagesspiegel erschließt beim Berliner Jazzfest die verschwenderischen Landschaften von Wadada Leo Smith und seinem Great Lakes Quartet. Und in der FAZ erinnert Christoph Menke noch einmal daran, was bei der Volksbühne auf dem Spiel steht: die Möglichkeit ästhetischer Weltveränderung nämlich.

Kunst

Fenton Baileys und Randy Barbatos von HBO produzierter Dokumentarfilm über Robert Mapplethorpe, der vom New Yorker Underground aus mit seinen Fotografien schwule Pornografie und sadomasochistische Praktiken galerientauglich gemacht hat, spaltet die Kritik. Was für ein "wunderbarer Film", jubelt Susanne Mayer auf Zeit Online und badet sehr gern im nostalgischen Abglanz vom Kiff und Siff der 68er. Dem Film sei es geglückt, "einen gelassenen Blick auf dunkle Schattierungen des Helden mit einer Bewunderung für seinen Ehrgeiz und sein kluges Selbstmanagement zu verbinden."

Toby Ashraf von der taz hat unterdessen beinahe Depressionen bekommen: Ein Reigen Zeitgenossen bekunde hier die eigene Bekanntschaft mit dem Künstler, worin sich viele Auftritte tatsächlich auch schon erschöpfen. Die politische Komponente, die dieser "radikale Pionier einer Ästhetik des schwulen Begehrens" verdient hätte, gehe unterdessen gehe völlig unter. Verdient hätte der Film auch eine Form, "die für die ästhetischen Strategien eines Künstlers eine überzeugende visuelle Übersetzung findet und nicht nur ein schnell geschnittenes Potpourri an 'Material' und sprechenden Köpfen zu bieten hat. Wenn ein Film automatisch dadurch wichtig wird, weil er eine Person porträtiert, die einen wichtigen Beitrag zur Zeitgeschichte geliefert hat, stimmt etwas nicht im Kino."


Jackson Pollock: "The Water Bull", 1946 (Collection Stedelijk Museum Amsterdam)

Die Ausstellung mit frühen figurativen Werken des späteren Action-Painters Jackson Pollock im Kunstmuseum Basel ist "eigentlich eine Sensation", staunt Maria Becker in der NZZ: "In der geballten Melange aus indianischen und mexikanischen Motiven, in der eigenmächtigen Adaption der alten Meister und der Moderne Europas und nicht zuletzt in der Verwurzelung im amerikanischen Regionalismus ist schon all das zu finden, was Pollock auszeichnet: primitive Kraft und verblüffende Virtuosität, hohes ästhetisches Gespür und finstere Ahnung. Die Figuration ist nicht nur Ausgang, sondern Basis von Pollocks Kunst."

Im Gespräch mit Susanne Mayer von der Zeit erklärt Marina Abramovic, wie sie sich für ihre Kunst fit hält: "Ich trinke nicht. Champagner lässt mich drei Tage lang aufstoßen. Ich esse Gemüse, Gemüse, Gemüse."

Besprochen wird die Ausstellung "Extreme! Kultur und Natur am Humboldtstrom" in der Humboldt-Box in Berlin (SZ).
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Design



Im Freitag freut sich Hannes Klug darüber, dass das Museum für Angewandte Kunst in Köln den Gestalter Willy Fleckhaus - verantwortlich unter anderem für den typischen Suhrkamp-Look, die legendäre Zeitschrift Twen und das Logo von "Ein Herz für Kinder" - mit einer Ausstellung würdigt: "Man könne nicht Brecht, Adorno oder Benjamin, die den Geist jener Zeit ausdrückten, in Büchern publizieren, deren Umschläge diesem Geist nicht entsprächen", fasst Klug Fleckhaus' Auffassung zusammen. "Vernünftiger müssten die Bücher aussehen, moderner eben. Es war die inhaltliche Argumentation, die Unseld überzeugte: Die Oberfläche, so verführerisch Fleckhaus sie gestaltete, war nur ein Vehikel, um Inhalte zu transportieren. Gehalt und Gestaltung flossen stimmig ineinander. Unseld attestierte Fleckhaus, dass er es auf geradezu magische Art hinbekam, den komplexen Inhalt der Bücher zu transportieren."
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Literatur

Besprochen werden Colm Tóibíns "Nora Webster" (FR), Christa Winsloes "Auto-Biographie und andere Feuilletons" (SZ), Iwan Bunins Erzählband "Frühling" (FAZ) und diverse britische Romanadaptionen von Shakespeare-Stücken (SZ)..
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Stichwörter: Colm Toibin

Musik

Heute spielt Wadada Leo Smith mit seinem Great Lakes Quartet beim Jazzfest in Berlin, wofür Gregor Dotzauer eine wärmste Empfehlung ausspricht: Smiths "Reich hat viele Eingänge, doch keine Grenzen", schwärmt er im Tagesspiegel. "Gleich von welcher Seite aus man es betritt, öffnen sich Landschaften von verschwenderischer Weite. Im Schroffen wie im Ätherischen atmen sie Raum nach oben und nach unten, Raum nach allen Seiten, Raum, der sich ausmessen lässt in extremen Intervallentfernungen, in kaleidoskopisch changierenden Formgebilden und einer Stille, die auch um die dichtesten Klangereignisse liegt."

FAZler Jan Brachmann berichtet von den Kasseler Musiktagen, die in diesem Jahr barocker geworden sind. Für ihn ein "Fest der Lebensfreude und der kosmischen Ordnung" und als solches wohl auch "als Reaktion auf die Überpolitisierung des Kunstbetriebs" zu deuten: "Was soll all dieses Problemewälzen, was sollen all diese Appelle und Anklagen, wenn uns darüber Lebensfreude und Lebenssinn abhandenkommen oder wir die Befriedigung dieser legitimen Bedürfnisse einer aggressiven Verblödungsindustrie überlassen?"

Im Blog 10 nach 8 auf ZeitOnline denkt Stefanie Lohaus über die aktuelle Verklammerung von Pop, Kapitalismus und demonstrativen Aktivismus nach. Dass Aktivismus als PR-Spektakel einigermaßen enthöhlt wird, wie einige kritische Stimmen zuletzt anmerkten, nimmt sie gelassen hin: "Etwas wird sich verändern."

Besprochen werden Konzerte von Saul Williams (taz, FAZ), Matana Roberts (Berliner Zeitung), Amanda Palmer (taz) und Kate Tempest (FR), sowie neue Alben von Inna Modja (Zeit), Anderson Paak (NZZ), und Markus Popp (Freitag).
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Architektur

Nun hat sie 750 statt 77 Millionen Euro gekostet, und alles ist gut. Hanno Rauterberg von der Zeit stimmt ein in den Jubelgesang auf die endlich fertiggestellte Elbphilharmonie. In jeder Hinsicht erstaunlich sei dieses auf einen Hafenspeicher aufgesetzte Gebäude: "Damit der Wind nicht allzusehr pfeift, haben die Architekten an beiden Seiten einen Vorhang aufgespannt, gläsern und gewellt, ein herrlicher Manierismus. Rund um die Plaza jedoch öffnet sich das Panorama ungeschützt, und Hamburg ist eingeladen, sich selbst in den Blick zu nehmen. Ein seltener Moment der Erhabenheit."

Beachtlich findet es Gottfried Knapp in der SZ, dass der Ruf des einstigen Sorgenkinds Hamburgs an der grotesk verzögerten und verteuerten Fertigstellung keinen Schaden genommen hat - im Gegenteil, die Bürger umarmen das Gebäude mit sichtlichem Stolz. Zurecht, so Knapp: Die "stadträumliche Präsenz" dieses architektonischen "Filetstücks" könne sich mit der Oper in Sydney messen. "Schon wenn man auf dem Kaiserkai frontal auf die Ostwand der Elbphilharmonie zuschreitet, ist man überwältigt von der Ungeheuerlichkeit dieses querliegenden Massivs, dieses nahezu fensterlosen sichtversperrenden Backsteinriegels und des darüber bis in 80 Meter Höhe hinaufstoßenden, den Himmel widerspiegelnden Glaskörpers." Und von dieser Grandezza, meint der SZler traurig, könne sich München mit seinen eher kümmerlichen Orchesterhausplänen noch etwas abschneiden.

Auch Niklas Maak von der FAZ staunt Bauklötze: Das hier sei "einer der schönsten, ungewöhnlichsten Konzertsäle der Welt geworden." Dies liegt vor allem an den umsichtig gestalteten Facetten: "Der Saal hat etwas von einer gigantischen Grotte, er ist gleichzeitig intim und riesenhaft, an der Decke schwebt ein über Kopf hängender funkelnder Akustikpilz, die beeindruckende Orgel löst sich als Säulenwand in der Architektur auf. Die Wände selbst sind mit hochverdichteten Gipsfaserplatten bekleidet, die ein eigens entwickeltes Computerprogramm in immer neue Elemente unterschiedlicher Tiefe fräste. In Barockkirchen sorgten die vielen Ornamente für eine feine Streuung des Schalls - hier ist das Ornament abstrahiert als vielfach gefaltete Akustik-Landschaft."

Besprochen wird die Retrospektive Peter Cook im Museum für Architekturzeichnung in Berlin (Tagesspiegel).
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Bühne

Sehr pikiert und mit dem geballten Instrumentarium der kulturphilosophischen Ästhetik reagiert der Philosoph Christoph Menke in der FAZ auf Hannah Lühmanns gestern in der Welt veröffentlichten Willkommensgruß in Sachen Volksbühne an die Adresse Chris Dercons: Die Autorin nehme Castorf in ihrem "konsumistischen" Überschwang ja wohl nur übel, dass er "Intendant der Volksbühne wurde, als sie gerade fünf Jahre alt war." Außer Frage steht für Menke, dass es in der Causa Volksbühne um triftige Grundsätzlichkeiten und soziokulturelle Substanz geht: Denn "im Theater, das die Volksbühne praktiziert, greift das ästhetische Experiment auf das Leben aus: Es verändert das Leben, es macht es zu einem Effekt des ästhetischen Experiments mit der Form. Im Theater der Volksbühne wird das ästhetische Experiment mit der Form daher zu einem Experiment mit einem anderen Leben. ...  Darum geht es in dem Streit um die Fortexistenz der Volksbühne: ob die Frage nach der Möglichkeit ästhetischer Weltveränderung weiterhin gestellt werden soll."

Besprochen werden Peter Michalziks "Spiel ohne Grenzen" in Mannheim (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Film



Nicht im Kino, sondern weltweit synchron auf Netflix startet der neue Dokumentarfilm von Werner Herzog: Und "In den Tiefen des Infernos" ist eine intensive Reise zu den Vulkanen auf aller Welt geworden, berichtet Thomas Groh im Perlentaucher. Doch "auf der Suche nach der ekstatischen Wahrheit interessiert Herzog nicht bloß der bombastische Bildeindruck. ... Es [geht] ihm und seinem Kollaborateur, dem Vulkanologen Clive Oppenheimer, den Herzog bei den Dreharbeiten zu seinem Antarktis-Film 'Encounters at the End of the World' kennengelernt hat und der sich im Vorspann einen gleichberechtigten Credit mit dem Filmemacher teilt, um die kulturstiftende Funktion von Vulkanen." Gespräche mit dem FIlmemacher führten Vogue und No Film School. Mit Oppenheimer sprach Times Higher Education.

Weiteres: Dennis Vetter hat sich für die taz beim Tokyo International Film Festival japanische Indie-Filme angesehen. In der taz empfiehlt Fabian Tietke eine Ritwik Ghatak gewidmete Reihe im Berliner Kino Arsenal. Für die SZ unterhält sich Tobias Kniebe mit Natalie Portman über deren Regiedebüt, ihre (im Tagesspiegel und der Welt Tagesspiegel besprochene) Verfilmung von Amos Oz' Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis". Für die FAS hatte sich Mariam Schaghaghi mit der Regisseurin unterhalten. Ebenfalls jetzt online bei der FAS ist Schaghaghis Gespräch mit Paolo Sorrentino über dessen Serie "The Young Pope".

Besprochen werden Joachim Lafosses Ehetrennungsdrama "Die Ökonomie der Liebe" (taz), Chad Hartigans "Morris aus Amerika" (Perlentaucher), Robert Aldrichs auf DVD veröffentichter Klassiker "Das Ultimatum" von 1977 (taz), David Mackenzies Neo-Western "Hell or High Water" (NZZ), Yann Arthus-Bertrands Dokumentarfilm "Human" (Freitag), Jan Krügers "Die Geschwister" (NZZ, Tagesspiegel), Mikhaël Hers' "Dieses Sommergefühl" (SZ) und Emir Baigazins "The Wounded Angel" (FAZ).
Archiv: Film