Efeu - Die Kulturrundschau

Stellvertreter für unüberbrückbare Differenzen

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28.11.2016. Die NZZ betrachtet Urgründe des Wachstums in den Zeichnungen Peter Wechslers. Im Interview mit Fandor erklärt der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky wie man als Außenseiter Filme dreht. Die Presse sah am Burgtheater mit Ayad Akhtars "Geächtet" die beste Zimmerschlacht seit Edward Albee. Der Tagesspiegel berichtet von der mühsamen Zwangsfusion des SWR-Symphonieorchester.

Kunst


Peter Wechsler, Noten. 2013. Grafische Sammlung Kunsthaus Zürich

Zeit braucht man für diese Ausstellung, meint Maria Becker, vor den Zeichnungen Peter Wechslers im Kunsthaus Zürich stehend, bevor man in diesem Gewirr aus Strichen etwas erkennt: "Mit Blick auf das reifere Werk mag der Künstler die surreale Bildwelt der frühen Jahre für sich abgelegt haben. Er systematisiert in der Folge sein Zeichnen und abstrahiert die Linien zu höchster Verdichtung. Das Netz wird zum Kondensat der den Strich kontrollierenden Hand. Mit farbigen Grundierungen schafft Wechsler Stimmungen in seine strenge formale Regie. Auf dem Boden von Violett, Grün oder Grau vibrieren die Linien wie Urgründe des Wachstums. Allein durch die vielfachen Kreuzungen entsteht eine eigentümlich höckerige Räumlichkeit, die an lebende oder gebaute Strukturen erinnert: Häute, Wüstenboden, Mauerwerk."

Weiteres: In der FR schreibt Daniel Kothenschulte den Nachruf auf den Fotografen David Hamilton.

Besprochen werden die große, von Museen in Berlin, Dresden und München bestückte Ausstellung "Renaissance und Reformation" im LACMA in Los Angeles (Tagesspiegel), die Robert-Rauschenberg-Ausstellung in der Tate Modern (Guardian), die Julius-Koller-Retrospektive im Wiener Mumok (art) und die Ausstellung "Artige Kunst" im Museum Unter Tage in Bochum ("Hier die Guten, dort die Bösen, diesem binären Schema folgt die Ausstellung, und leider vergibt sie so die Gelegenheit, endlich einmal die Halbschatten und Unschärfen der NS-Kunstpolitik zu beleuchten", beklagt Hanno Rauterberg in der Zeit).
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Film

Für Fandor hat sich Artur Zaborski mit dem chilenischen Kult-Auteur Alejandro Jodorowsky unterhalten, der in den 70ern das Mitternachtskino erfand, dann aber in der Versenkung verschwand. Per Crowdfunding hat er nun "Endless Poetry" fertiggestellt, den zweiten Teil eines Zyklus' autobiografischer Filme. In dem Gespräch geht es auch darum, wie man als Außenseiter Filme dreht: "Die einzige Möglichkeit, innerhalb der Industrie ambitionierte Filme zu schaffen, besteht darin, Filme über soziale Missstände zu drehen. Die sind von der Industrie akzeptiert ... Sie sind günstig in der Herstellung, weil man keine Kostüme braucht und sie aufs Leid konzentriert sind. Diese Art von Kino interessiert mich nicht. Auch politisches Kino nicht. Ich möchte poetische Filme drehen." Was sich der Filmemacher darunter vorstellt, vermittelt dieser Trailer zum Film recht gut:



Weitere Artikel: Im Filmblog Hard Sensations führt Gregor Torinus durch das Kino des Roland Klick. Das Blog Duoscop trägt Hintergründe und Wissenswertes zum Hollywood-Weihnachtsklassiker "Weiße Weihnachten" mit Bing Crosby zusammen. Daraus eine Nummer:



Besprochen werden Khavns "Alipato - The Very Brief Life of an Ember" (Hard Sensations, unsere Kritik hier), Rúnar Rúnarssons Coming-of-Age-Drama "Sparrows" (Tagesspiegel) und der neue "Polizeiruf 110"-Fernsehkrimi aus der von-Meuffels-Reihe, diesmal in der Regie von Hermine Huntgeburth (Berliner Zeitung, FAZ, NZZ, hier in der Mediathek).
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Architektur

Bevor in Berlin Schinkels Bauakademie als nostalgische "Mottenkiste" wiederaufgebaut wird, sollte an selber Stelle erst einmal bis auf weiteres lieber eine gepflegte Grünfläche bestehen bleiben, schreiben der Kunsthistoriker Bénédicte Savoy und der Architekturhistoriker Dieter Nägelke in der FAZ. Am liebsten wäre Ihnen allerdings ein Gebäude, das sich in der inhaltlichen Konzeption voll und ganz der Zukunft widmet - die Funktion eines Architekturmuseums könne ohnehin besser die Technische Universität übernehmen. "Schinkel war sich des geschichtlichen Bruchs bewusst, den Industrie 1.0 für sein Zeitalter bedeutete. So erhielt die Bauakademie ihr Gesicht: 'Historisch handeln ist das, welches das Neue herbeiführt und wodurch die Geschichte fortgesetzt wird.' ... Sieht die neue Bauakademie aus wie 1836? Trägt sie diesen Namen? Nein, das muss sie nicht. Doch ja: Sie darf. Kubatur und Geschossfolge sind passgenau. Im Innern modern und in ihrer Bestimmung zukünftig, wäre sie souverän genug, mit dieser Referenz umzugehen." Über die Details der Bauakademie-Debatte, die seit der Freigabe von 62 Millionen für das Projekt ziemlich hochgeschossen ist, schreibt schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel.

Im Standard schreibt Maik Novotny zum Tod des Architekten Gerhard Garstenauer.
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Literatur

Im Freitext-Blog backt Tilmann Rammstedt (mit dem sich der Bayerische Rundfunk am Wochenende ausführlich unterhalten hat) Kekse. Die Zeit reicht online das Gespräch von Max Annas und Christian von Ditfurth über politische Kriminalliteratur nach. Im Interview mit dem TagesAnzeiger plaudert Thrillerautor Robert Harris über den Vatikan und Donald Trump und seinen neuen Roman. Im Freitag stellt Alf Mayer das nordenglische Städtchen Kingston upon Hall als Krimischauplatz vor. In der FR schreibt Christian Thomas zum 50. Todestag des Feuilletonisten und Filmkritikers Siegfried Kracauer.

Besprochen werden  Fil Tägerts neuer Roman, "Mitarbeiter des Monats" (taz), Quentin Mourons Roman "Notre-Dame-de-la-Merci" (NZZ), Juri Andruchowytschs Städte-Lexikon (NZZ), Edmund de Waals "Die Weiße Straße" (NZZ), Christoph Ransmayrs Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit" (Zeit), Timothy Garton Ashs "Redefreiheit" (TagesAnzeiger), Silke Scheuermanns Roman "Wovon wir lebten" (Tagesspiegel) und Christian Reders Band "Deformierte Bürgerlichkeit" (Standard).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Werner von Koppenfels über Francisco de Quevedos "Er lehrt, wie alle Dinge auf den Tod verweisen":

"Ich maß die Mauern meiner Vaterstadt:
die Kraft von einst, ermattet und gewichen,
..."
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Bühne


Szene aus "Geächtet" am Burgtheater. Foto: © Georg Soulek

Die "beste Zimmerschlacht seit Edward Albee" sah Presse-Kritikerin Barbara Petsch am Burgtheater in Tina Lanik Inszenierung von Ayad Akhtars "Geächtet". Zwei Ehepaare (afroamerikanisch, jüdisch, muslimisch, weiß) bekämpfen sich bei einem Abendessen gnadenlos - "vor allem im heiklen Bereich, Sex und persönlichen Vorlieben. Einfach gesagt: Sie machen einander ständig herunter, am liebsten vor Zeugen. In diesem Hickhack steckt mehr als Rechthaberei. Aus Rezas 'Gott des Gemetzels' wird ein 'Gemetzel um Gott' als Stellvertreter für unüberbrückbare Differenzen."

"Man kann von einer kleinen postmodernen Ringparabel sprechen", meint Ronald Pohl im Standard, der sich gewünscht hätte, Tina Lanik hätte etwas freier inszeniert. "Alle bleiben ihr Leben lang, was sie im ethnisch-kulturellen Schmelztiegel der USA zu verkochen wünschten, um es auf bekömmliche Weise zum Verschwinden zu bringen: Jude, Muslim, WASP, Liberaler. Das Stück gipfelt in rohester Gewalt (Amids gegen Emily). Der US-Pakistani verliert alles, zuvorderst aber seine Selbstachtung. Der 'pursuit of happiness' basiert auf der rücksichtslosen Ausbeutung des gefährdeten Selbst." (Dazu gibt es ein Interview mit Akhtar im Standard und eine weitere Besprechung in der nachtkritik.)

Weitere Artikel: Im Interview mit dem Standard spricht Marina Abramovic über ihre Autobiografie "Durch Mauern gehen" und die "Instrumente der Abramovic-Methode". Im TagesAnzeiger berichtet Alexandra Kedves von der Eröffnung des Zürcher Secondo-Festivals mit dem "umwerfenden Doppelabend 'Fuck You, Eu.Ro.Pa! / Fuck You, Moldova'" mit zwei Performerinnen aus Chisinau. Im Interview mit der FAZ spricht Martin Kušej, der gerade am Burgtheater Arthur Millers "Hexenjagd" inszeniert, über politisches Theater, Matthias Lilienthal und die Rechtspopulisten.

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Thomas Köcks "Kudlich. Eine anachronistische Puppenschlacht" am Schauspielhaus Wien (Standard), die Ausstellung über die 1942 im Gulag gestorbene Schauspielerin Carola Neher in Berlin (Welt), Nelisiwe Xabas "Fremde Tänze" beim Afropean-Festival im Frankfurter Mousonturm (FR), die Choreografie "Vive l'Armée!" des Performancekollektivs Su peramas im Tanzquartier Wien (Standard) und das Stück "Pfusch", mit dem sich Herbert Fritsch von der Volksbühne verabschiedet (Welt, mehr dazu hier).
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Musik

Von den Mühen des Zusammenwachsens nach der Zwangsfusion der beiden SWR-Orchester zum großen SWR-Symphonieorchesters berichtet Georg Rudiger im Tagesspiegel. Ein Problem ist personelle Überhang, der ein Rotationssystem zwingend macht. "Auch unterschiedliche Traditionen erschweren das Zusammenwachsen. Das Freiburger Orchester spielte meist präzise auf den Schlag, das Stuttgarter entwickelt den Ton im Vergleich dazu eher später und weicher im Klang. Bei den Bläsern liegen die Schwierigkeiten woanders. Durch die vielen längeren Spielpausen fehlt die notwendige Auftrittsroutine. ... Wie aber soll ein Orchester schnell einen gemeinsamen Klang finden, wenn die Mitglieder nur selten in derselben Besetzung spielen? Und das ohne Chefdirigent?"

Besser geht es da der Tschechischen Philharmonie, die sich in den vergangenen Jahren enorm gemausert hat, wie Wolfgang Sandner in der FAZ zum Kölner Tourbeginn des Orchesters berichtet. Was auch damit zu tun hat, dass die Musiker des Orchesters in Tschechien zwar am besten verdienen, die Gehälter aber dennoch kein internationales Niveau erreichen. So gelingt es ihnen, "einen typischen Klang zu bewahren. Das konnte man jüngst wieder bei Konzerten im Rudolfinum mit Werken von Bohuslav Martinů und Antonín Dvořák erleben: einen dunklen, satten Streicherklang, kombiniert mit eher unverstellt direkten Holzbläsern, herausgehobenen, leicht vibrierenden Hörnern und selbstbewusst volltönenden Blechbläsern."

Besprochen werden eine monumentale Box mit weitgehend unveröffentlichten Aufnahmen von Rio Reiser (Jungle World),  das Live-Album "Before the Dawn" von Kate Bush (Pitchfork), das neue Metallica-Album (NZZ), Konzerte beim "unerhört"-Festival (NZZ), der Tourauftakt der Pet Shop Boys ("Eine perfekte Nostalgiemaschine", jubelt Juliane Liebert in der SZ), Jay Daniels "Broken Knowz" (Spex), Ice Cubes "Death Certificate" von 1991 (Pitchfork), ein Rachmaninow-Konzert der Pianistin Anna Vinnitskaya beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Tagesspiegel), ein Konzert des DSO mit dem Pianisten Jean-Yves Thibaudet (Tagesspiegel), ein Konzert von Xavier Naidoo (FR) und ein Konzert von Patricia Kopatchinskaja in Wien, bei dem "selbst Publikumssegmente jenseits des Pensionsantrittsalters, denen man spontan ein Faible für Bausparverträge und/oder Dinkelgebäck zugeschrieben hätte, wie beim Rodeo [johlten]", wie Stefan Ender im Standard bezeugt.

Außerdem kürt Pitchfork die 25 besten Musikvideos des Jahres. Auf der Spitzenposition: Der Ausschnitt "Sorry" aus Beyoncès Videoalbum "Lemonade":


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