Efeu - Die Kulturrundschau

Wie Wasserballett mit Jelinek

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22.09.2016. In Lens Culture erklärt der Fotograf Vladimir Vyatkin, warum die Kunst zu lügen wesentliche Voraussetzung für einen Fotografen ist. Das Art Magazin lernt in Mannheim, dass der Barock kein Dekadenzphänomen war. Sorry, aber Laura Poitras konnte es besser, meinen die Filmkritiker über Oliver Stones "Snowden"-Film. Die FAZ begutachtet in Zürich thermalen Widerstand mit Unwellness und Unheilfasten. Die taz nimmt einen Schluck zu viel aus Elgars Überklangfülle.

Kunst


Junge russische Soldaten kommen im Kriegsgebiet von Tschetschenien an. Oktober 1999. Tschetschenische Republik, Russland. Foto © Vladimir Vyatkin

Der Fotograf Vladimir Vyatkin stellt im Interview mit Lens Culture sein Projekt "Soldiers on Duty" vor und spricht über das Verhältnis von Kunst und Objektivität: "Any art is the art of deception. Take literature - the word is the most significant tool we have in the art of deception. But right after that, I put the photograph. If you do not know how to cheat, you will have nothing to do in photography. While the idea of 'documentary' is a backbone, every photographer is subjective in his or her assessment of the surrounding moment. The only objectivity, I think, is a small child with an amateur camera. A child doesn't not know to lie yet - their naive worldview is the most objective display of life that exists."

Markus Clauer besucht für das Art Magazin die große Barock-Ausstellung im Zeughaus der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen und lernt, dass diese Epoche mehr war als "nur ein schöner Schein": "Statt als Dekadenzphänomen wird die Epoche so als widersprüchliches Zeitalter des Aufbruchs vorgeführt. Der bis ins Fiktive ausstrahlenden Entdeckerlust. Und  auch des florierenden Sklavenhandels und der fundamentalistisch religiösen Konflikte. Außerdem als Beginn der Umweltzerstörung, Weltausbeutung und genauso als Konsolidierungsphase neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Erfindungen wurden damals gemacht, während man sich andernorts in Prachtentfaltung erschöpfte, vom Buchdruck über innovative Zeitmessinstrumente. Allerdings zeittypisch immer im Abgleich mit dem vorherrschenden Weltbild."

Nach dem Putschversuch in der Türkei war bereits die Kunstbiennale von Sinope am Schwarzen Meer abgesagt worden. Jetzt wurde auch die 5. Kunstbiennale in Çanakkale abgesagt, berichtet Gaby Fierz in der NZZ. Vorausgegangen war dem eine "Hetzkampagne" gegen die Leiterin der Biennale, die 74-jährige Beral Madra. Losgetreten hatte sie der Filmemacher Kutluğ Ataman, der Madra vorwarf, den Putsch unterstützt zu haben: "Diskreditiert wurde Beral Madra auch vom lokalen AKP-Abgeordneten Bülent Turan. Er warf ihr vor, die pro-kurdische Partei HDP zu unterstützen. Auch habe sie Vertreter der sozialliberalen kemalistischen CHP kritisiert, die den von der Regierung organisierten Aufmarsch der Putschgegner vom 7. August in Istanbul mitgetragen haben. Sie sei somit eine Putschbefürworterin. Parallel dazu startete die von der AKP kontrollierte Presse eine Schlammschlacht."

Weiteres: Maria Becker besucht für die NZZ in Winterthur die neue Präsentation der Sammlung des Museums Oskar Reinhart. Besprochen wird die Ausstellung "Ernst Ludwig Kirchner - Hieroglyphen" im Hamburger Bahnhof in Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Claus-Jürgen Göpfert berichtet in der FR von den Vorbereitungen der Frankfurter Buchmesse für die Buchmesse in Istanbul, wo Deutschland in diesem Jahr Gastland ist. Absagen will man trotz der heiklen Situation dort nicht, erklärt Göpfert Katja Böhne, die Sprecherin der Frankfurter Buchmesse: "Das hat zunächst schnöde wirtschaftliche Gründe. Im Interesse der deutschen Buchbranche versuchen der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Buchmesse, 'weltweit das Netzwerk von publishing professionals auszuweiten', wie Böhne sagt. Die Messe organisiert Ausstellungen, Kolloquien, Diskussionsforen weltweit. Sie hilft dabei, in den Verlagsbranchen vor Ort professionelle Strukturen aufzubauen. 'Wir sind auch jetzt in der Volksrepublik China, in Saudiarabien und Weißrussland präsent', so Böhne - also in Ländern, in denen es um die Menschenrechte schlecht bestellt ist."

Weiteres: Die NZZ gibt die Shortlist für den Schweizer Buchpreis bekannt. Autor Sasha Batthyany, der neben Christian Kracht, Charles Lewinsky, Michelle Steinbeck und Christoph Höhtker auf der Shortlist steht, spricht für die SZ mit T.C. Boyle über die politische und gesellschaftliche Lage in den USA. Raul Schrott erzählt seiner Tochter in der chilenischen Atacama-Wüste (abgedruckt in der NZZ), wie die Welt entstanden ist. Die FAZ hat Jörg Altweggs Überblick über die literarische Herbstsaison in Frankreich online nachgereicht. In der Zeit versucht Navid Kermani Iris Radisch zu erklären, warum sein neuer Roman "Sozusagen Paris" nicht - wie sie findet - uninteressant oder mittelmäßig ist: "Die großen Figuren, die Sie vor Augen haben, die dann die ganz klugen Dinge sagen über die Liebe und das Leben, das sind Figuren, wie man sie sich als kleines Mädchen wünscht." Zum Tod von Klaus Harpprecht schreiben Hermann Rudolph (Tagesspiegel), Thomas Ribi (NZZ), Heribert Prantl (SZ) und Michael Naumann (FAZ).

Besprochen werden Philipp Winklers für den Buchpreis nominiertes Debüt "Hool" (Tagesspiegel), Elena Ferrantes "Meine geniale Freundin" (Freitag), Gisela von Wysockis "Wiesengrund" (Tagesspiegel) und César Airas Essayband "Duchamp in Mexiko" (NZZ).
Archiv: Literatur

Bühne


Szene aus "Der thermale Widerstand". Foto: © Raphael Hadad

Mit "Der thermale Widerstand", in der Regie von Barbara Falter in der Kammer des Schauspielhauses Zürich uraufgeführt, spießt Ferdinand Schmalz die Sauna- und Wellnesskultur gehörig auf, schreibt Martin Halter in der FAZ: Mit seiner Lust am sinnlichen Sprachwitz leiste dieses Stück "hinhaltenden Widerstand gegen sterile Saunaparadiese, Lomi-Lomi-Aufgüsse und die kalten Abstraktionen des zeitgenössischen Theaters", erfahren wir. Zwar plantsche der Autor "in den seichten Gewässern einer Wellness-Satire, aber er kann das Tempo auch verschärfen und die Sprachschraube anziehen, und dann klingt es nicht mehr wie Loriots Herren in der Badewanne, sondern wie Wasserballett mit Jelinek, Achternbusch und Werner Schwab. Hexameter mit so schönen Begriffen wie Unwellness und Unheilfasten, Stutenmilchthalasso und Holunderrolfing machen die Runde, im Untergrund schwimmen kritische Brocken mit, Andeutungen über Flüchtlingsfluten, Erderwärmung und die Schweiz als hermetisch abgedichtete 'Hölle der Bequemlichkeit'." In der nachtkritik will Elske Brault von so viel Unernst nichts wissen: "Die Übertragung in die stets gut geheizte, geschützte Wellnesswelt bewirkt keine satirische Überhöhung, sondern eine lächerliche Verniedlichung der doch in Wahrheit drängenden Probleme."

In Berlin erlebte nachkritikerin Simone Kaempf mit "Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter" einen "der großartigsten Marthaler-Abende seit langem". Und als Seitenhieb auf die neue Intendanz kann er auch verstanden werden: "Der Titel verweist auf Botho Strauß, zielt jedoch auf das zwölfköpfige Schauspieler-Ensemble: lauter bekannte Gesichter, Sophie Rois, Olivia Grigolli, Ueli Jäggi oder Jürg Kienberger, die Marthaler zusammengetrommelt hat. An diesem Ort wohl zum letzten Mal. Etwas vom melancholischen Abschiedsstück steckt in diesem Abend. Und fast so etwas wie eine Handlung strukturiert sich in den Mini-Szenen: die Geschichte eines Hausmeisters, der Kunstwerke in den Fundus ein- und wieder auszuräumen hat."

Weiteres: Die Nachtkritik veröffentlicht ihre Theatercharts. Die Zeit hat heute ein 5-seitiges Bühnenspecial: Im Aufmacher spricht Riccardo Muti im Interview über Orchester, Komponisten und die Kunst, eine Oper vorzubereiten.

Besprochen wird die von Zara Antonyan inszenierte Uraufführung von Anna Davtyans "Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink" am Theater Krefeld (FAZ).
 
Außerdem jetzt online bei Arte: Die gestern von Eleonore Büning empfohlene Aufzeichnung von Peter Steins Mailänder "Zauberflöte".
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Archiv: Bühne

Musik

Das Musikfest Berlin ist zuende gegangen, die Feuilletons ziehen Bilanz. In der taz blickt Katharina Granzin auf einige beeindruckende Konzerte zurück - auch wenn es ihr beim Elgar-Konzert von Daniel Barenboims Staatskapelle fast zu viel wurde: "Am Ende des Abends kann man sich bei aller musikalischen Schönheit etwas erschlagen fühlen von der Überklangfülle der vorletzten Jahrhundertwende. Man fragt sich, ob man als Mensch des 21. Jahrhunderts diese Musik eigentlich auf eine auch nur annähernd ähnliche Weise wahrnimmt wie die damaligen Zeitgenossen?"

In der FAZ zeigt sich Christopher Warmuth nach dem Fest glänzend aufgelegt: "Trotz der [György Ligeti und Rued Langgaard gewidmeten] Schwerpunkte tritt dieses Festival erstaunlich leicht auf, mit wenig Beiwerk, ohne die üblichen Musikvermittlungsprojekte. Hier setzt sich Qualität durch. Ganz unaufgeregt."

Besprochen werden Le Butcherettes' "A Raw Youth" (taz) und die Ausstellung über die Popjahre 1966 bis 1970 im Victoria & Albert Museum in London (Tagesspiegel).
Archiv: Musik

Film



Das passt zusammen wie weniges: Mit "Snowden" hat Oliver Stone die Lebensgeschichte des berühmtesten Whistleblowers der Gegenwart verfilmt und seinem zentralen Werkstrang mit Filmen über einschneidende Episoden der jüngeren US-Geschichte und deren Protagonisten einen weiteren hinzugefügt. Der Film ist im wesentlichen ein geradliniges Biopic geworden, lautet der allgemeine Tenor der Filmkritiker.

Sicher, der Film läuft unter "klassischem Filmhandwerk", räumt Daniel Kothenschulte in der FR ein, doch sein Staunen über Joseph Gordon-Levitts Anverwandlung Snowdens und seine Nostalgie darüber, dass Stone auf seine alten Tage nochmal ein heißes Eisen anfasst, stimmen Kothenschulte versöhnlich: "Snowden" ist "eine durchaus mitreißende, sachlich stimmige Nacherzählung der Geschichte."

Pech für Stone, dass Laura Poitras, im Film gespielt von Melissa Leo, mit ihrem Dokumentarfilm "Citizenfour" (hier unsere Kritik) bereits vor zwei Jahren den gültigen Film zum NSA-Skandal und dessen Vorgeschichte vorgelegt hat, meint Andreas Busche in der taz: "In jüngster Zeit häufen sich Hinweise (...), dass starbesetzte Re-Enactments von Dokumentarfilmen nur wenig künstlerischen Mehrwert bieten - von einem höheren Erkenntniswert ganz zu schweigen". Für ihn kann Stone mit diesem "hochgradig irritierenden Film" nicht an alte Zeiten anknüpfen.

Zu einem ganz ähnlichen Schluss kommt Lukas Foerster im Perlentaucher: Stone markiere in "Snowden" vor allem die Gewissheit der Überlegenheit der eigenen moralischen Position. Der Film habe "einen unansehnlichen Hang zur larmoyanten, gelegentlich in Michael-Moore-artige Polemik abtriftende Archivmaterial-Montagesequenz. In diesen Passagen zeigt sich besonders deutlich, dass das eigentliche Problem von 'Snowden' nicht eines der politischen Inkonsequenz ist (die war auch schon in Stones früheren, deutlich interessanteren Zeitgeschichtsfilmen unübersehbar); sondern eines der Form. ... 'Snowden' sieht über weite Strecken nach dem aus, was der Film ökonomisch betrachtet auch ist: behäbiges europäisches Förderkino."

Weitere Artikel: Im Cargo-Blog bringt Bert Rebhandl Notizen zu seinen 26 beim Filmfestival in Toronto gesehenen Filmen. Für den Freitag resümiert Ekkehard Knörer das Filmfestival in Venedig. Christoph Draxtra rettet unterdessen im Freitag die Ehre des BRD-Schlagerkinos: "Anthropologische Abgründe werden dort weniger von der Erzählung aufgerissen als vielmehr von deren Umsetzung, sprich: vom Kleingedruckten zwischen den Liedzeilen und den inszenatorischen Einfällen. Fabian Tietke empfiehlt in der taz das Filmerbe-Festival "ReStored" in Berlin. Auch in Italien leidet die Kritik am landeseigenen Kino, dessen Autorenfilmer an der Kasse kaum ziehen, während klischeehafte Komödien alle Rekorde brechen, berichtet Julia Dettke auf ZeitOnline. SZler David Steinitz hat viel Freude an den drei deutschen mit einem Studenten-Oscar ausgezeichneten Filmen, von denem ihm besonders Alex Schaads Kurzfilm "Invention of Trust" gefallen hat: "eine fiese kleine Netzsatire." Nachrufe auf den Hollywoodregisseur Curtis Hanson ("LA Confidential") finden sich in Variety und im Tagesspiegel.

Besprochen werden Ulrich Seidls in Österreich anlaufender Dokumentarfilm "Safari" (Perlentaucher), Anne Zohra Berracheds "24 Wochen" (Tagesspiegel, FAZ, unsere Kritik hier), Antoine Fuquas Remake der "glorreichen Sieben" (Tagesspiegel, Welt, SZ), Lucie Borleteaus "Alice und das Meer" (Tagesspiegel), Mohamed Ben Attias Film "Hedi" (NZZ), der während der Berlinale auch im Perlentaucher gut besprochen wurde, und Kiyoshi Kurosawas auf DVD veröffentlichter Film "Journey to the Shore" (taz).
Archiv: Film