Efeu - Die Kulturrundschau

Alles vibriert, zittert, dehnt und verzerrt sich

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07.04.2016. In der Berliner Zeitung erklärt Marius von Mayenburg, worauf es bei einer Shakespeare-Übersetzung ankommt. Die FR nimmt traurig Abschied von  Tilman Rammstedts im Netz fertig geschriebenen Fortsetzungsroman "Morgen Mehr". Die Filmkritiker feiern den ewigen Caligaristen des Kinos, Guy Maddin. Der NZZ flimmern die Augen vor der Op-Art im Louisiana Museum. Die FAZ hört traumhaften Bach in Tongyeong. In der Welt erklärt Leon Krier, warum Albert Speer in der Nachkriegszeit der bessere Architekt war.

Kunst


Edwin Mieczkowski, Monobloc No. 1, 1966. Louisiana Museum of Modern Art

Op-Art funktioniert immer noch ganz wunderbar, lernt Hans Michael Herzog, der für die NZZ eine große Ausstellung im Louisiana Museum bei Kopenhagen besucht hat: "Manche Werke sind maschinell gesteuert, andere wiederum erfordern unsere Bewegung im Raum, um überhaupt in all ihren Wirkungen wahrgenommen zu werden. Materialien wie Plexiglas, transparente oder spiegelnde Folien und dünne Aluminiumplättchen tun das Ihre dazu, unsere Verunsicherung zu stärken. Lämpchen flackern auf und rufen komplexe Licht- und Schattenspiele hervor, deren Faszination wir uns nicht entziehen können. Alles vibriert, zittert, dehnt und verzerrt sich beständig, ist in permanenter Bewegung - letztlich auch eine gelungene Metapher unseres Daseins."

In einer "vorzüglich bestückten Ausstellung" der Staatsgalerie Stuttgart kann man derzeit Giorgio de Chirico als Vorreiter des Surrealismus entdecken, schreibt Gottfried Knapp in der SZ: In seinen Arbeiten im Jahr 1916 habe der Künstler "die geheimnisvollen Antinomien, die ihm bei der traumlogischen Kombination heterogener Gegenstände gelangen, dadurch gesteigert, dass er makellos korrekt in sich abgeschlossene Elemente in chaotische Konstruktionen verkeilte." Doch am beeindruckendsten seien seine " Dekonstruktionen der menschlichen Figur ... Bei dem hoch in den Himmel ragenden 'Großen Metaphysiker', einem teilweise löchrigen Holzgestell, das mit diesem Namen fast als Selbstporträt gedeutet werden kann, ist der Körper in technisch absurde, aber klar strukturierte Details aufgesplittert."

Besprochen werden Henning Albrechts Biografie über den Künstler Horst Janssen (Freitag), die Lee-Miller-Ausstellung im Gropiusbau in Berlin (Freitag) und die Pipilotti Rist gewidmete Schau des Kunsthauses Zürich (FAZ).
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Film


Guy Maddins
"Forbidden Room" ist ein wilder, ekstatischer Rausch von einem Film, der sich ohne ersichtlich durchgehaltene Haltung einmal quer durch die ersten Jahrzehnte der Filmgeschichte pflügt und dabei viele Farbexperimente vornimmt. Soviel wenigstens lässt sich den Filmkritiken entnehmen. Der Regisseur "ist so etwas wie der ewige Caligarist des Kinos", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. Und auch wenn Maddin mittlerweile digital zu Werke geht, ist das Resultat nicht ohne Reiz: "Aus der chemischen Ära des Kinos leitet Maddin ein ganzes Weltmodell ab, das im Grunde darauf beruht, dass Licht sich in eine Materialgrundlage einbrennt. Was sich da mikroskopisch alles ereignet, das wendet er wieder nach außen, überträgt es ins Große und auf die Welt, die im Innersten von Druckverhältnissen zusammengehalten wird, die sich entladen müssen. Dann kommt es zu tektonischen Flatulenzen, und es rumort aus Vulkanen."

In der taz kann Ekkehard Knörer dem nur beipflichten: "Gerade weil Maddin und Johnson das Digitale mit Enthusiasmus ergreifen und vor allem eher ausstellen als verbergen, reißt es hin. In künstlichen data­mo­shing­artigen Rechnereffekten bauen sie die Anfälligkeit des Analogen für den Zerfall nach. Es handelt sich aber keineswegs um historische Rekon­struk­tion, jene hanebüchene Haltung, mit der man heutzutage Stadtschlösser wiederaufbaut. ... Die Aneignung ist so zart wie brutal. Sie rettet, indem sie erfindet. Und so, nur so ist es gut."

Nikolaus Perneczky vom Perlentaucher beschlich bei der Zweitsichtung unterdessen Katerstimmung: "Was beim ersten Mal überrascht und überrumpelt, offenbart beim Wiedersehen seine nur begrenzt interessanten Bauregeln und eher müden allegorischen Ambitionen." In der FR bespricht Daniel Kothenschulte den Film. Für Cinema-Scope hatte sich Mark Peranson mit Guy Maddin und seinem Co-Regisseur Evan Johnson unterhalten.



Tief beeindruckt ist in der Welt Tilman Krause von einem Film des jungen dänischen Regisseurs Martin Zandvliet über die Zwangsverpflichtung deutscher Kriegsgefangener, mit bloßen Händen jene 45.000 Minen zu entschärfen, die die Deutschen selbst in der Nordsee gelegt hatten: "Begleitend zur Produktion von 'Unter dem Sand' hat Zandvliet gesagt: 'Ich habe mich immer gefragt, warum jede Nation und insbesondere Dänemark, wo ich lebe, immer Filme darüber macht, wie gut wir doch im Zweiten Weltkrieg alle waren. Wie sehr wir den Juden geholfen haben, nach Schweden zu fliehen, wie wir den Alliierten geholfen haben.' Er hingegen wolle einmal zeigen, wie die Menschlichkeit in jener grauenhaften Zeit überall und also auch in seinem eigenen Land auf der Strecke blieb. Das ist mutig und verdienstvoll. Noch mehr gereicht es dem Film allerdings zur Ehre, dass er nicht nur die destruktive Seite dieses Nachkriegs zeigt." Weitere Besprechung in taz und Tagesspiegel.

Besprochen werden außerdem Wilson Yips Hongkong-Actionfilm "Ip Man 3" (Perlentaucher), Rokhsareh Ghaem Maghamis Filmporträt der afghanischen Rapperin Sonita Alizadeh (NZZ), Alexander Sokurows "Francofonia" (NZZ), John Hillcoats Thriller "Triple 9" (NZZ), Lisei Caspers' Flüchtlings-Dokumentarfilm "Gestrandet" (SZ, Tagesspiegel), Fred Grivois' auf DVD veröffentlichter "French Hitmen" (taz), Christian Ditters "How to Be Single" (Freitag), Ramin Bahranis "99 Homes" (online nachgereicht von der FAZ) und Ilya Naishullers POV-Thriller "Hardcore" (SZ),

Da hat man lange was davon: Das Filter bringt den ersten Trailer zu Anders Webergs Experimentalfilm "Ambiancé", der nach Fertigstellung im Jahr 2020 720 Stunden lang sein wird. Der Trailer belässt es bis dahin bei moderaten 7 Stunden und 20 Minuten.

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Literatur

Cornelia Geißler von der FR packt die Wehmut: Am 08. April kommt per WhatsApp die letzte Lieferung von Tilman Rammstedts seit Januar mit täglichen Abgaben ans Abo-Publikum geschriebenem Fortsetzungsroman "Morgen Mehr", der in einem Monat auch als Buch ausgeliefert wird. Insbesondere die sich um das literarische Experiment tummelnde Leser-Community wird ihr fehlen: Diese war "völlig hassfrei. Auf Morgen-mehr.de begegnet einem eine freundliche, interessierte, abenteuerlustige, musikliebende Community. Mehr als 3000 Kommentare sind dort versammelt, oft voller Bewunderung für den Autor, mit Anregungen an ihn versehen und zahllosen Spotify-Links zu Songs, die zu den Kapiteln passen sollten. Diese Gruppe muss sich nun trennen. Eine Person schrieb gerade, sie merke, 'wie lieb ich ihn hab, den ängstlichen, tapferen Jungen…'."

Außerdem: Letztes Jahr hatte der amerikanische Pen Club Ärger, weil er Charlie Hebdo mit einem Preis auszeichnete, diesmal gibt es empörte Reaktionen, wel das Festival des Clubs eine Veranstaltung von der israelischen Regierung sponsorn lässt (was bei anderen Regierungen, die Reisekosten übernahmen, nie zu Problemen führte), berichtet Sian Cain im Guardian. Der empörte offene Brief wird unter anderem von Alice Walker, Richard Ford und Junot Díaz unterstützt.

Besprochen werden George Steiners Gesprächsbuch "Ein langer Samstag" (SZ) und Helge Timmerbergs Memoiren "Die rote Olivetti" (Freitag, der daraus auch eine Leseprobe bringt).
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Bühne

In der Berliner Zeitung erklärt Marius von Mayenburg, warum er auch heute noch Shakespeare-Übersetzungen anfertigt: Die klassischen Übersetzungen hätten Shakespeare in die hiesige Nationaldichtung eingemeindet, darüber sei die im Original angelegte Verständlichkeit jedoch abhanden gekommen: Ihm gehe es "um das Wiederbeleben einer Theatererfahrung, die ein Zuschauer um 1600 im Globe-Theatre in London beim Sehen eines Shakespeare-Stückes hatte: Das unmittelbare Begreifen der manchmal komplizierten Gedanken der Figuren und die daraus resultierende Nähe zu ihnen. Für sein Publikum war Shakespeare ein zeitgenössischer Autor, diese banale Einsicht vergisst man allzu leicht."

Weiteres: Im SZ-Porträt stellt Mounia Meiborg den aus Syrien stammenden Autor Anis Hamdoun vor, dessen Stück "The Trip" an der Berliner Schaubühne gezeigt wird. Besprochen werden Barrie Koskys Züricher "Macbeth" (Tagesspiegel, mehr im gestrigen Efeu) und ein Auftritt der "Dancing Grandmothers" aus Korea beim Tanzfestival Steps in Lyon (NZZ). Hier eine Kostprobe:


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Musik

In höchsten Tönen schwärmt FAZlerin Eleonore Büning von ihrem Besuch im jungen Konzertsaal der südkoreanischen Stadt Tongyeong, wo sich ihr ein hervorragendes Programm bot: "Das Orchester, gesegnet mit satten Hörnern, musiziert koreanisch: legatobewusst, belkantisch, klangschön, mit weich gerundeten Bögen und in aggressionsfrei mäßigen Tempi. ... Die Passionsfeier mit dem japanischen Bach-Guru Suzuki war nur eines von vielen seltsamen Traumerlebnissen in Tongyeong, für die allein sich die weite Reise lohnte. Gewiss spielt man Bach in diesen Tagen überall auf der Welt. Aber so intensiv, in diesen Stunden, nur hier, an diesem besonderen Ort."

Im Freitag schlachtet Klaus Walter den heute verliehenen Echo mit wunderbar ansteckender schlechter Laune: "Die deutsche Unterhaltungsindustrie ehrt die deutsche Unterhaltungsindustrie. Echo ist der passende Name für diesen Exzess des Tautologischen, moderiert von der einzigen TV-Frau, die es auch als Illustrierte zu kaufen gibt. ... Gäbe es den Echo nicht, man müsste ihn erfinden. Nur Tatort, Bild und Bundesliga liefern so zuverlässig Informationen zur Lage der Nation."

Ebenfalls im Freitag verteidigt Timon Karl Kaleyta die derzeit durch die Decke gehende Band AnnenMayKantereit vor ihren Kritikern: Hier hört man eben den "Zauber der Bedeutungslosigkeit, die Banalität des Schönen, wie es sie nur in der unbedingt schützenswerten Zeit der Jugend gibt." Und mangels Bezüge auf die digitale Lebenskultur könne man in den Texten noch auf "echte Menschen" stoßen.

Weitere Artikel: Im ZeitOnline-Interview mit Max Tholl singt Indie-Klassik-Musiker Nils Frahm ein Loblied auf die Stille und den Minimalismus. Für die Spex war Thomas Vorreyer bei den Dreharbeiten zum neuen Video von Drangsal. Für die Zeit spricht Christoph Dallach mit der Sitarspielerin Anoushka Shankar.

Besprochen werden das neue Album von Moderat ("Pop für Menschen, die längst nicht mehr feiern gehen, aber darüber ein bisschen traurig sind", diagnostiziert Jan Kedves in der SZ), ein Konzert von Television (taz, Tagesspiegel), eine konzertante, von Simon Rattle dirigierte Aufführung von "Tristan und Isolde" (Tagesspiegel) und die Rolling-Stones-Schau in der Saatchi Gallery in London (FAZ).
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Architektur


Das Port House in Antwerpen: Neubau von Zaha Hadid

In einem ausführlichen Artikel lobt Paul Andreas in der NZZ den Umbau des alten Hafenviertels von Antwerpen, der "mit auffallender planerischer Behutsamkeit [geschieht] und einer Architekturkultur, die tendenziell eher dem Alltäglichen als dem Spektakulären den Vorzug gibt". Einzige Ausnahme: die Türme von Diener & Diener, David Chipperfield und Zaha Hadid. Letzteren findet er spektakulär gelungen: "Die vor wenigen Tagen verstorbene Londoner Architektin lässt aus dem massigen Bestand des ehemaligen Neorenaissance-Feuerwehrhauses von 1926 eine von außen wie ein exzentrischer Stiletto anmutende und für ihr Schaffen eher untypische Betonstützen-Konstruktion herauswachsen, die einen schlanken viergeschossigen Stahlaufbau trägt. Die kristalline Glashaut des parametrisch verformten Körpers wird derzeit aus kleinteiligen Dreiecken zusammengesetzt, die in unterschiedlichen Transparenzgraden und Verspiegelungen ausgebildet sind - so dass die diagonalen Fassadenlinien zur modellierten topografischen Struktur werden."

Der Luxemburger Architekt Leon Krier hat als einer der ersten vehement die Nachkriegsarchitektur kritisiert. Die Bauten Albert Speers gefielen ihm besser, erzählt der heute Siebzigjährige im Interview mit der Welt: "Ein ganz sympathischer Mann. Unvorstellbar, dass der würdige Herr einer der brutalsten Massenmörder der Geschichte war. Er sprach mit einem stark regionalen Akzent. Wir haben uns acht Stunden unterhalten, er distanzierte sich von seinen Bauten, die seien pompös gewesen, Unterdrückungsarchitektur. Und ich sagte: 'Sie haben unrecht, Sie sind ein großer Architekt. Und Sie wissen das auch.' Die Unterdrückung war politisch, aber nimmt man die Unterdrückung weg, sind das fantastische Touristenattraktionen, Weltwunder. Speer hatte architektonisches und städtebauliches Genie."

Besprochen wird eine Ausstellung von Möbeln Richard Neutras im Architekturforum Zürich (NZZ).
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