Efeu - Die Kulturrundschau

Äußerliche Reize

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24.03.2016. Quo vadis, Superheldenspektakel, fragen sich die Filmkritiker in Zack Snyders "Batman v Superman". Und warum darf Superwoman nicht richtig mitspielen? Die SZ denkt über Architektur als natürlichen Verbündeten des Terrors nach. In der NZZ wartet Dario Fo auf eine Überraschung. Der Freitag ermisst mit dem Komponisten Henryk Górecki den Katastrophenhorizont des 20. Jahrhunderts. Die Zeit lässt sich von Georges de la Tour betrügen.

Film



Endlich wieder Superhelden: An Zack Snyders Strampelhosen-Oper "Batman v Superman: Dawn of Justice" führt in dieser Woche kein Weg vorbei. Ist auch kein schlechter Film, findet Dietmar Dath in der FAZ (obwohl der bemerkenswert eindeutige Kritikerspiegel von Rottentomatoes einen anderen Schluss nahe legt), krumm nimmt er allerdings, dass er die bereits im Titel ausgesparte Heldin Wonder Woman blöde verfeuert, "obwohl ihr Schwert, trunken vom Blut des Bösen, seine Arbeit tut und sogar ihr leuchtendes Lasso vorkommt". Für SZ-Kritiker Fritz Göttler fiel der Film ohnehin schon nach den ersten Minuten "von erschreckender Schönheit" spürbar ab: Zu sehen ist da der kontroverse Showdown des vorangegangenen Films "Man of Steel", dies allerdings aus der zivilen Ameisenperspektive, erklärt er und bedauert es sehr, dass es dann doch wieder alles sehr "heldenzentriert" wird: "Ein Superheldenfilm ganz aus der Kollateralperspektive, was für ein unvorstellbar aufregendes Stück Kino wäre das."

Weitere Superheldenfilme von Zac Snyder stehen schon an, erzählt Lukas Foerster im Perlentaucher. Dabei dient "Batman v Superman" lediglich als "Scharnierfilm, ein Bindeglied, das dabei helfen soll, zwei im Kino bislang isolierte Heldenerzählungen in ein lukrativeres cinematic universe nach Marvel'schem Vorbild zu überführen. In einem solchen cinematic universe werden Figuren und Handlungsstränge nicht mehr als verfügbares Spielmaterial, sondern als geldwerte Anlagen betrachtet, die nicht in einem einzelnen Film verpulvert werden dürfen." In der NZZ erwartet sich Tim Slagman davon nicht allzu viel: "Bitternis und Verwüstung allerdings scheinen mittlerweile an ihre erzählerischen Grenzen gestoßen zu sein. Im Showdown von 'Batman v Superman' wird die Vernichtung zum beinahe abstrakten Akt, zu einem riesigen Energiefeld, einem effektgeladenen Lichtnetz rund um den Bösewicht, das nichts mehr zu zerstören hat, weil alles schon in Trümmern liegt." Weitere Besprechungen in der taz, im Tagesspiegel und in der Berliner Zeitung. Für die SZ hat Patrick Heidmann das Press Junket mit dem Regisseur besucht.
 
Besprochen werden Maïwenns "Mein Ein, mein Alles" (Freitag, Tagesspiegel), Laurie Andersons "Heart of a Dog" (Tagesspiegel), Leyla Bouzids Filmdebüt über Tunesiens Jugend am Vorabend der Revolte "A peine j'ouvre les yeux" (NZZ), Doris Dörries "Grüße aus Fukushima" (NZZ) und Bill Murrays neue Komödie "Rock the Kasbah" (Tagesspiegel).
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Architektur

Angesichts des Bombenterrors von Brüssel sollte man auch im Hnblick auf Terrorgefahren genauer auf architektonische Eigenheiten achten, rät Gerhard Matzig in der SZ: Die Architektur "wäre im Kampf gegen den Terror behilflich, denn paradoxerweise ist sie zugleich eine natürliche Verbündete des Terrors. Bomben werden erst dann richtig gefährlich, wenn sie in einer definierten Räumlichkeit detonieren, die dem Sprengstoff als verstärkend wirkender Resonanzraum dient."

Weiteres: Oliver G. Hamm begeistert sich in der NZZ für den von Gerkan, Marg und Partnern renovierten Kulturpalast in Dresden. In der FAZ bespricht Michael Mönninger Christine Beeses Buch "Marcello Piacentini - Moderner Städtebau in Italien".
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Literatur

Henning Klüver besucht für die NZZ den italienischen Autor und Nobelpreisträger Dario Fo, der heute 90 Jahre alt wird: "Die Idee eines ewigen Lebens nach dem Tod ist ihm fremd: 'Wir werden zu Staub, sagt mir der Verstand.' Aber 'die Phantasie, die Grille, die Torheit' lassen andere Visionen aufkommen. Welche? 'Ich hoffe, ich werde überrascht.'"

Außerdem: In der NZZ berichtet Marc Zitzmann von der Begegnung zwischen dem Schriftsteller Edouard Louis und einem jungen Berber, die in einer Vergewaltigung, Raub, einem Prozess und einem Roman endete. Umberto Eco hat per Testament verfügt, das auf zehn Jahre keine Konferenzen über sein Werk veranstaltet werden dürfen, meldet Regina Kerner in der FR.

Besprochen werden Juan Marsés "Gute Nachrichten auf Papierfliegern" (SZ), Tom Coopers Debüt "Das zerstörte Leben des Wes Trench" (ZeitOnline), Rasha Abbas' "Die Erfindung der deutschen Grammatik" (Freitag) und Françoise Girouds "Ich bin eine freie Frau" (Freitag).
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Musik

Vom Freitag online nachgereicht wurde Michael Jägers Besprechung einer sieben CDs umfassenden Werkschau des Komponisten Henryk Górecki. Dessen dritte Sinfonie zählt zu den populärsten Kompositionen jüngerer klassischer Musik. Darin ist "der ganze Katastrophenhorizont des 20. Jahrhunderts präsent. Am Anfang meint man, einer Umwandlung der Rheinmusik, mit der Richard Wagners Ring des Nibelungen beginnt, ins Depressive beizuwohnen: Hier wie da ein Vorspiel der Streicher, das sich zum Crescendo steigert, nur dass Górecki in e-Moll komponiert und seinen traurigen Gipfel aus diatonischen Schritten statt aus Akkordzerlegungen erbaut. Die Dritte trauert aber nicht nur, sondern tröstet auch, das Orchester stützt den Gesang der Gestapo-Gefangenen mit Oktaven." Hier eine Aufnahme:



Weiteres: Ganz Kuba ist in heller Aufregung, berichtet Knut Henkel in der taz: Am Karfreitag werden die Rolling Stones erstmals in Havanna auftreten - ein signifikantes Ereignis "für die Älteren, die sich noch gut daran erinnern können, wie sie Songs von den Beatles, Led Zeppelin, den Eagels oder eben den Stones heimlich gehört und mitgesummt haben." Jürg Zbinden gratuliert in der NZZ dem Schweizer Unterhaltungsmusiker Pepe Lienhard zum Siebzigsten. In der Welt schreibt Felix Zwinzscher den Nachruf auf den Rapper Phife Dawg, in der taz schreibt Julian Weber. Hans-Christian Rössler berichtet in der FAZ vom Auftakt des Festivals "Bach in Israel" in Jerusalem.

Besprochen werden ein neues Buch über das Berliner Club-Urgestein SO36 (taz), ein Dokumentarfilm über die spirituellen Ansichten des Reggaemusikers Lee Scratch Perry (taz), René Jacobs' Einspielung der Johannes-Passion (Welt) und ein Konzert von Låpsley (Tagesspiegel).
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Bühne

In der Berliner Zeitung wirft Doris Meierhenrich einen Blick ins Feiertags-Premierenprogramm der Berliner Volksbühne: "Zu selten geben diese Chaosspiele indes Raum für eigene Gedanken - lieber herrscht Theaterterror." Tazler Uwe Mattheiss gratuliert Lotte Tobisch-­Labotýn zum 90. Geburtstag. In der SZ gratuliert Till Briegleb, in der FAZ Andreas Rossmann dem Dramatiker Dario Fo zum 90. Geburtstag. Besprochen wird "Jesus Christ Superstar" in Frankfurt (FR).

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Stichwörter: Dario Fo

Kunst


Georges de La Tour, Die Wahrsagerin. Ca. 1630. The Metropolitan Museum of Art, Rogers Fund

Schein, Sein, Betrug, Komplizenschaft - alles drin in den Bildern von Georges de la Tour, dem der Prado in Madrid gerade eine große Ausstellung gewidmet hat. Lange steht Hanno Rauterberg (Zeit) vor de la Tours Wahrsagerin (Bild): "Der junge Mann misstraut der Wahrsagerin, man sieht es überdeutlich. Ihre Hässlichkeit stößt ihn ab, sie ist es, die seinen Argwohn begründet. Hingegen scheint ihm die Schönheit der drei Komplizinnen gänzlich unverdächtig, ihr makelloses Aussehen gilt ihm offenbar als Ausweis der Integrität. Sich von äußerlichen Reizen nicht täuschen zu lassen wäre also die eine Lehre des Bildes. Was aber bedeutet das für die Kunst, die ja nichts anderes bietet als ebensolche Reize? Der Maler spielt den vorgespielten Liebreiz vor. Er betrügt uns mit ihrer trügerischen Schönheit. Und in dieser Art doppelter Negation gewinnt der Betrug wieder einen Wert, und der übersteigt alle vordergründige Kritik am bloß Scheinhaften auf spielerische Weise."

Dora Garcia, The Mnemosyne Revolution, 2016Dora Garcia, The Mnemosyne Revolution, 2016
Das MMK in Frankfurt wagt mit seiner Ausstellung eines "imaginären Museums" ein interessantes Experiment: Nach deren Ende wird sie für ein Wochenende nochmals zugänglich gemacht - doch werden die Exponate dann durch Menschen ersetzt sein, die sich, inspiriert von Ray Bradburys "Fahrenheit 451", an die Kunstwerke erinnern werden. "Sind es die Werke selbst oder ist es ihr Kontext, die fiktive Vernichtung, die der gesamten Ausstellung eine düstere Anmutung verleiht und beim Betrachter ein Gefühl leichter Beklemmung auslöst", fragt sich Sandra Danicke in der FR. "Und obwohl längst nicht alle Werke die gleiche magische Ausstrahlung haben, verlässt man die Schau nachdenklich und verändert. Allein schon, weil man nur selten so intensiv darüber nachdenkt, was genau Kunst eigentlich ist, welche Werke es sind, die bei uns einen bleibenden Eindruck hinterlassen und warum?"

Weitere Artikel: Heidi Speckers in der Berlinischen Galerie ausgestellte Porträtfotografien regen Maik Schlüter in der taz zu Exkursen in den Bereich von Foto- und Medientheorie an: "Die Fotografie ist keine Sprache, die überall gleich verstanden wird. Wie jede Sprache hat sie eine bestimmte Grammatik und Zeichenhaftigkeit." In der FR stellt Martin Gehlen junge Künstler aus Saudi-Arabien vor.

Elodie Pong - Paradise Paradoxe, Videostill 03, 2016Elodie Pong - Paradise Paradoxe, Videostill 03, 2016
Besprochen werden Elodie Pongs Konzeptkunst-Ausstellung "Paradise Paradoxe" im Zürcher Helmhaus (NZZ), eine neue Biografie über Hildebrand Gurlitt (taz) und die Christoffer Willem Eckersberg gewidmete Ausstellung in Hamburg sowie eine Ausstellung von Exponaten der Sammlung Christoph Müller in Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst