Efeu - Die Kulturrundschau

Liebe? Nada.

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.02.2016. In der Welt spricht Laura Poitras über ihre Ausstellung "Astro Noise" und warnt vor dem freien Campieren im Jemen. Vor der morgen beginnenden Berlinale erinnert Critic.de an die Frivolität des deutschen Kinos in den Sechzigern. Dominik Graf geißelt in der FAS Bürokratismus und Kleingeistigkeit in der Filmproduktion von heute. Irritiert bemerkt die FAZ beim Stuttgarter Eclat-Festival zur Neuen Musik einen Drang zu Aussagen. Und der Guardian bricht eine Lanze für die Anmaßung.

Film

Morgen beginnt in Berlin die Berlinale. Die Retrospektive fokussiert sich auf das deutsche Kinojahr 1966 als Umbruchsjahr. Auch wegen ihrer kanonisierenden Funktion sind die Retrospektiven Stoff für hitzige Debatten. Critic.de wird die Retrospektive daher mit einem Komplementärprogramm von Kritiken zu Filmen begleiten, die nicht in das Raster des Kuratoriums passten. Rainer Knepperges hat dazu den Auftakttext verfasst: "Noch 2012 war 1962 als Datum des Aufbruchs festlich in Fels gehauen worden. Der Glaube an die unbedingte Gültigkeit des Oberhausener Manifests verbietet es, die Frivolität und den Internationalismus des kommerziellen deutschen Kinos der 60er mit offenen Augen zu würdigen. Eines hielt ich im Vorfeld allerdings für unmöglich: dass 'Mädchen Mädchen' von Roger Fritz nicht im Programm sein würde. Das Sensationelle dieses Films hat Sano Cestnik einmal schön festgehalten in der Beobachtung, 'dass bei Fritz fast alle Figuren bei ihren Auftritten gleich wichtig erscheinen. Und alle strahlen sie Erotik aus.'"

Außerdem dokumentiert die FAS jetzt auch online, wie Dominik Graf dem überbordenden Bürokratismus der hiesigen Fernseh- und Filmproduktion die Leviten liest. Er beschreibt eine Struktur, deren Elemente geradezu darauf ausgelegt zu sein scheinen, einander gegenseitig zu lähmen, um die Produktion von Mittelmaß zu begünstigen, und fordert daher den Zusammenhalt zwischen Autoren und Regisseuren zum Schutz brillanter Ideen: "Heute kann sich ein deutscher Produzent, der eine rasante Szene liest, nicht mehr wirklich darüber freuen. Sein erster Impuls ist nicht: Großartig! Sondern: Was wird der/die RedakteurIn sagen? ... Keiner liest also mehr wirklich das, was er zu lesen kriegt in den Drehbüchern - er liest durch die Zeilen hindurch auf die Machbarkeit und die Beschränkungen hin. Darüber hinaus: 'Autoren-Brillanz nervt' (Originalzitat). Liebe? Nada."





Kota Ezawa, LYAM, 2008, Still aus seiner Videoanimation zu 'Letztes Jahr in Marienbad'.

Emphatisch bespricht Hanns-Georg Rodek eine Ausstellung in der Kunsthalle Bremen, die Alain Resnais' Film "Letztes Jahr in Marienbad" als ein Schlüsselwerk der Moderne rekonstruiert: "Wenn heutzutage schon nichts mehr zu enden scheint, weder die Krisen noch die Kriege noch die Krimiserien, dann ist es tröstlich zu wissen, wann die Malaise unserer chaotisierten Welt begann. Das lässt sich exakt bestimmen: am 25. Juni 1961. An diesem Sonntag feierte der Film 'Letztes Jahr in Marienbad' Premiere, über den der Regisseur Jacques Rivette gesagt hat: 'Die Welt ist zerbrochen, sie ist in eine Reihe von winzigen Teilen zersplittert, und es geht darum, das Puzzle wieder zusammenzusetzen."

Weiteres: Sehr angetan ist Tagesspiegel-Filmkritiker Jan Schulz-Ojala vom neuen dffb-Leiter Ben Gibson, der am 15. Februar sein neues Amt antreten wird.

Besprochen werden der Berlinale-Eröffnungsfilm "Hail Caesar" der Coen-Brüder (Berliner Zeitung), Jason Moores Komödie "Sisters" mit Amy Poehler und Tina Fey (ZeitOnline), ein Band mit Filmkritiken von Brigitte Desalm (SZ) und der Superheldenfilm "Deadpool" (FAZ).
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Literatur

Der Merkur hatte im Grünen Salon der Volksbühne zum Gesprächsabend über kleine und große Formen in der Gegenwartsliteratur geladen. Marc Reichwein befindet in der Welt, dass zumindest in der Performance das Kurzform-Team aus Kathrin Passig und Holger Schulze das Langform-Duo Kathrin Röggla und Ulrich Peltzer ausstach: "Die Slideshow Passig/Schulze schlug die schwadronierende Debattierwerkstatt Röggla/Peltzer nach Punkten und Thesen. Übrigens genau 60 an der Zahl. So viele Slides hatten Passig/Schulze parat, darunter Aphorismen wie 'Die kleine Form ist optimistisch. Aus ihr kann noch was werden.'"

In der taz resümiert Dirk Knipphals den Abend, den er "interessant unbefriedigend" fand: "Denn er hat gezeigt, dass die Voraussetzungen für so ein Gespräch über neue und alte Literaturformen auf Augenhöhe noch gar nicht recht gegeben sind. Selbst wenn sich alle Beteiligten bemühen, wenig aggressiv aufzutreten, ist vielleicht die Vorstellung, dass es hier um hegemoniale Auseinandersetzungen innerhalb der Kultur geht, sehr stark in den Hinterköpfen." In seinem Blog dokumentiert der Merkur einen Kommentar von Eva Geulen zur Diskussion zwischen Holger Schulze und Kathrin Passig (hier die Slides dazu).

Besprochen werden Efrat Gal-Eds Biografie über den Dichter Itzik Manger (Tagesspiegel), William Boyds "Die Fotografin" (Tagesspiegel), Ta-Nehisi Coates' "Zwischen mir und der Welt" (Spex, mehr), Abbas Khiders "Ohrfeige" (SZ, mehr) und Andrei Mihailescus Debüt "Guter Mann im Mittelfeld" (FAZ). Außerdem nun online: Der aktuelle Leichenberg mit Krimibesprechungen von Thomas Wörtche.

Mehr über Literatur im Netz in unserem Metablog Lit21.
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Kunst

Laura Poitras: Anarchist. Israelische Drohnen-Feed, abgefangen am 24 Februar 2009.

Im Interview mit Lukas Hermsmeier in der Welt spricht die Filmemacherin Laura Poitras über die Snowden-Archive, Überwachung und ihre Ausstellung "Astro Noise" im New Yorker Whitney Museum, darunter die Installation, die den Nachthimmel über dem Jemen zeigt: "Der Name der Installation heißt 'Bed own Location', ein militärischer Begriff, der den Schlafort von Menschen beschreibt, die Ziele sind. Was die Kuration angeht: Man hat stets diesen sensiblen Balanceakt zwischen notwendiger Exposition, damit man die Kunst wertschätzen kann, und zu viel Erklärung, wodurch die Kunst vielleicht weniger wachrüttelnd wirkt. Ein schmaler Grat. In gewisser Weise wollen wir die Leute auch desorientieren. Hätte ich nur ein paar Fakten auflisten wollen, hätte ich das schließlich ganz einfach im Internet machen können."

Im Guardian verteidigt Frieze-Chefredakteur Dan Fox das Prätentiöse gegen das allgemein hochgeschätzte Authentische: Wie soll man sonst über sich hinauswachsen? "Klasse, Lebensstil und die Ablehnung der Anmaßung sind eng verbunden mit Fragen des Geschmacks. Wenn also für die einen etwas prätentiös ist, für die anderen aber fesselnd und innovativ, heißt das nicht, dass jede Debatte über Prätention nur ein Streit über Geschmacksfragen ist. Mit dem Attribut 'prätentiös' wird eine Person beschrieben, die sich jenseits der legitimen Grenzen ihrer Klasse oder Qualifikation bewegt, es geht also darum, Geschmack sozial zu konditionieren."

Beck ist der "moderne Meister unter Deutschlands Cartoonisten", meint Andreas Platthaus in der FAZ nach dem Besuch einer Ausstellung im Caricatura-Museum in Frankfurt. Schätzenswert findet er vor allem dessen "Wortwitz. Was Beck mit der Sprache anstellt, hat in Deutschland nicht seinesgleichen, und dabei wählt er als Mittel nicht einmal vorrangig Wortspielerei, sondern vor allem eine Visualisierung von Begriffen und Redensarten in Bildern, die Sprache wörtlich nehmen, sie umkehren, korrigieren, verwandeln."

Besprochen werden Julian Rosefeldts im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehende Installation "Manifesto" mit Cate Blanchett (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Artist and Empire" in der Tate Britain (FAZ).
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Musik

Anlässlich neuer Alben von Beyoncé, Rihanna und Kanye West wirft tazler Christian Werthschulte einen genaueren Blick auf die Internetstrategien der Künstler. Nur Beyoncé trägt demnach mit ihrem Superbowl-Auftritt im Fernsehen ganz dick in den alten Medien auf. Dass Rihanna für ihr sehr heterogenes Album keinen Produzenten an mehr als einen Song ließ, deutet Werthschulte schon als Versuch, "ein Album für das Spotify-Zeitalter" vorzulegen, das darauf angelegt ist, "auf so vielen unterschiedlichen Playlists wie möglich abgespielt zu werden." Und während Rihanna mit ihren 33 Millionen Instagram-Followern "Marketing mit niedrigen Fixkosten" betreibt, bei dem "ein Smartphone mit Twitter-App in den Händen eines ­narzisstischen Rapstars eine ganze Promokampagne ersetzen kann", gibt sich Kanye West einen werbewirksamen Twitter-Beef mit Kollegen.

Für die FAZ hat Max Nyffeller das Stuttgarter Neue-Musik-Festival Eclat besucht, bei dem sich "der Drang zu Aussagen" Bahn brach, wie er feststellt: "Die Sehnsucht nach einer neuen Radikalität, die das Eclat-Programm wie ein heimliches Motto durchzieht, ist in der heutigen Musikszene überall spürbar, sie bleibt aber merkwürdig diffus. In der Postmoderne sind die Ziele des Protests so zahlreich wie die musikalischen Stile."

Besprochen wird das neue Album von Get Well Soon (taz).
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Bühne


Cate Blanchett als Richard II in Benedict Andrews "Rosenkrieg"-Inszenierung in Sydney 2009. Foto: Tania Kelley/Sydney Theatre Company.

Dass die neue Direktorin des Londoner Globe Theatre, Emma Rice, Shakespeare wieder populärer machen will, sieht Marion Löhndorf in der NZZ mit Skepsis, aber auf die Frauenquote ist sie gespannt: "Seit langem schon haben sich auch Schauspielerinnen von Asta Nielsen bis Fiona Shaw und Cate Blanchett Shakespeares große Männerpartien zu eigen gemacht, und Phyllida Lloyd führte bei durchweg weiblich besetzten Shakespeare-Dramen in London Regie. Doch Emma Rice will aus der Ausnahme die Regel machen."

Weiteres: In der Berliner Zeitung spricht Lena Schneider mit dem französischen Regisseur Jean Bellorini, der am Berliner Ensemble Nikolai Erdmans "Selbstmörder" inszeniert.
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Architektur


Wabenhaus in Erewan. Bild: Philipp Meuser aus dem Band "Die Ästhetik der Platte".

Mit großem Interesse liest Andrea Gnam in der NZZ Philipp Meusers Studie über den sowjetischen Plattenbau, der vor allem dank einer Lizenz für das französische Plattenbausystem "Camus" starten konnte: "Den ästhetischen Paradigmenwechsel im sowjetischen Bauen, das zunächst mit der Typenprojektierung einzelner Bauteile wie Fenster und Türen begann, mit der man vor allem Zeit und Kosten sparen wollte, leitete Chruschtschow 1955 mit der vehement durchgesetzten Vorgabe ein, jede 'Unmäßigkeit' im Bauen in Form von Fassadengestaltung oder hochwertigen Baumaterialien zu unterlassen und so kostengünstig und zügig Wohnraum für alle zu schaffen."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Philipp Meuser, Plattenbau